Irma Stern

von Anja Weinberger

Eine Künstlerin im Spannungsfeld zwischen Afrika und Europa

Irma Stern wurde 1894 in Südafrika, im Ort Schweizer-Reneke, als Tochter deutsch-jüdischer Auswanderer geboren. Mit harter Farmarbeit hatte sich die Familie emporgearbeitet, musste jedoch während des 2. Burenkrieges nach Kapstadt fliehen und 1901 schließlich nach Deutschland zurückkehren. Hin und her ging es in den folgenden Jahren zwischen diesen beiden Wohnsitzen, und Irma fühlte sich ständig entwurzelt.

Während dieser Jahre besuchte das junge Mädchen in Berlin ab 1912 die ›Reimann’sche Kunstschule‹ und ab 1913 die Sächsische Kunstakademie in Weimar. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges wechselte sie wieder zurück nach Berlin in die ›Studien-Ateliers für Malerei und Plastik‹. 1917 legte Irma dem 13 Jahre älteren, schon sehr erfolgreichen ›Brücke‹-Künstler[1] Max Pechstein ihre Mappe vor, und der war begeistert. Gemeinsam wurden beide Mitglieder der ›Novembergruppe‹[2], an deren Ausstellungen sie sich daraufhin beteiligten. Pechstein war es auch, der ihr zu ihrer ersten Einzelausstellung 1919 in der Galerie Gurlitt[3] in Berlin verhalf. Irma mochte das Großstadtleben, aber ihr fehlte die ›Landschaft‹[4].

Und so kehrte sie 1920, in Deutschland inzwischen sehr erfolgreich, nach Afrika zurück, auf jenen Kontinent, den sie einige Jahre nicht mehr betreten hatte. 26 Jahre war sie nun alt und musste zunächst eine neuerliche Anpassung an äußere Umstände vollbringen. Ihr Berliner Leben war ›modern‹ und ungezwungen gewesen, sie konnte dort als Frau selbstbestimmt leben und arbeiten. Zurück im Afrika der eher verstaubten Hierarchien der weißen Oberschicht war es für sie anfangs recht schwierig, sich wieder auf das zu besinnen, was sie eigentlich machen wollte und was ihr wichtig war.

Und es war auch durchaus nicht so, dass sie mit offenen Armen empfangen wurde. Die Kapstädter ›Ashbeys Gallery‹ lud zwar 1922 zu einer Ausstellung ihrer Werke unter dem Titel »An Exhibition of Modern Art by Irma Stern«, aber die Resonanz darauf war vermutlich am treffendsten mit ›zweischneidig‹ zu bezeichnen. Die Bilderschau war zwar sehr gut besucht, jedoch kam ein Großteil der Besucher, um sich anzusehen, was da von der Kritik so äußerst unterschiedlich dargestellt wurde. Manche Kritiker waren begeistert von der expressiven Farbigkeit, andere hatten nur Spott übrig für die in ihren Augen unansehnlichen, neuen Gemäldestrukturen. Die moderne Kunst hatte es wie immer nicht leicht.

Und etwas anderes kam dazu: Irma Stern malte nämlich hauptsächlich die Menschen, unter denen sie lebte. Zwar waren das in Deutschland größtenteils Weiße, aber in Afrika neben den eingewanderten Europäern ihrer eigenen Familie hauptsächlich eingeborene Afrikanerinnen und Afrikaner.

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1926 heiratete Irma den deutschen Germanistik-Professor Johannes Prinz und zog mit ihm in das Haus in Kapstadt, in dem sie bis zu ihrem Lebensende wohnen sollte und das heute das Irma-Stern-Museum[5] beherbergt. In der vom renommierten Kunstkritiker Max Osborn herausgegebenen Reihe Junge Kunst[6] erschien 1927 ein Band über ihre Malerei mit 32 Schwarz-weiß-Tafeln. Ebenso waren Auszüge aus Irmas Tagebuch und eine Einführung des Herausgebers in dem Band abgedruckt. In diesen Zeilen wird erstmalig über Irmas ungewöhnliche Stellung innerhalb der Kunstwelt resümiert. Osborn verweist darauf, dass die Künstlerin in ihrer Heimat Südafrika künstlerisch anders agiere als viele ihrer europäischen Kollegen während und nach ihren Reisen, die ja hauptsächlich dem Fernweh und der Sehnsucht nach Exotik[7] geschuldet waren.

 

Und er hatte recht. Irma malte respektvolle Porträts der Indigenen, keine Bilder, die ethnologisch interessante Modelle oder schmückende Beigaben der weißen Herrschaft zeigten. Sie wollte Afrika abbilden, wie sie es sah. Um diese Motive zu finden, unternahm die Künstlerin schon ab dem Jahre 1922 viele Reisen, während derer sie ihr Tagebuch sowie ihren Skizzenblock füllte. Im Laufe der Jahre veränderte sich ihr Blick: Malte sie anfangs noch indigene Südafrikanerinnen in der sie umgebenden, etwas zu verklärt schönen Landschaft, so konzentrierte sie sich einige Jahre später mit einer völlig veränderten Farbpalette auf das afrikanische Großstadtleben mit seiner Vielfalt in allen Bereichen des menschlichen Lebens.

1931 verbrachte Irma schließlich mehrere Monate auf Madeira, der Insel, die sich auf ihren früheren häufigen Reisen zwischen Europa und Afrika als Zwischenstopp angeboten hatte und deren sonnengetränkte Natur sie sehr mochte. Eine Auszeit war nötig, um über einen Ausweg aus ihrer problematischen Ehe nachzudenken. Ihre seelischen Qualen lassen die Farben und Formen härter werden, sie beschäftigt sich besonders mit dem Licht und der Landschaft, erlebt eine Zeit größter Produktivität. Einige ihrer intensivsten Werke entstehen in diesen Wochen. Nach der Rückkehr aus Madeira trennt Irma sich von ihrem Ehemann.

Die Künstlerin Irma Stern hat ihre ›doppelte Identität‹ als Deutsche in Südafrika und als Südafrikanerin in Europa durchaus auch für sich genutzt: So zeigte sie in ihren europäischen Ausstellungen hauptsächlich afrikanische Motive und erwarb dadurch ihren besonderen Ruf; umgekehrt stellte sie sich in Afrika als in Europa sozialisierte und geprägte Künstlerin dar und konnte sich so auch dort eine Sonderstellung erobern.

Viermal stellte Irma Stern in den 50er-Jahren auf der Biennale in Venedig für Südafrika aus. 1966 wurde eine große Retrospektive in London geplant, deren Eröffnung sie leider nicht mehr erlebte.

 

Irma Sterns Werke wurden nach ihrem Tod am 23. August 1966 zum nationalen Erbe Südafrikas erklärt. Ihr Gemälde Arab in Black fand vor wenigen Jahren für 930.000 Euro einen neuen Besitzer – ursprünglich hatte die Künstlerin es verkauft, um die Finanzierung von Nelson Mandelas Verteidigung zu unterstützen.

 

(Dieser Text stammt aus Anja Weinbergers Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik, das 2023 beim Leiermann erschienen ist.)

Fußnoten

[1] Die Künstlergruppe ›Brücke‹ bestand von 1905 bis 1913.

[2] Nur sehr wenige Frauen waren unter den über 120 Mitgliedern, darunter Hannah Höch, Emy Roeder und Xenia Boguslawskaja.

[3] Die Galerie Gurlitt wurde 1880 gegründet und bestand in Berlin bis 1943. Die Urenkelgeneration war Mittelpunkt des Schwabinger Kunstfundes im Jahre 2012.

[4] Das war ein häufiges Gesprächsthema zwischen ihr und Max Pechstein, denn auch er war auf der Suche nach ›idealen‹ Landstrichen. 1913 war er auf dieser Suche gar bis in die Südsee gereist.

[5] Zu sehen sind in diesem Museum wichtige Gemälde Irma Steins, aber auch afrikanische und europäische Kunst aus ihrer äußerst umfangreichen Sammlung.

[6] Pechstein, Modersohn-Becker, Rousseau, van Gogh, Chagall, Feininger, Matisse, Klee, Roeder und Picasso waren einige der anderen, denen auch ein Band der damals sehr beliebten Reihe gewidmet war.

[7] Z. B. Gauguin, Macke, Klee, Slevogt und andere der vielen, damals fernreisenden Maler.

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