Jaques Ibert und die Folgen

von Anja Weinberger

Jaques Ibert gehört, obwohl er so viel Schönes geschaffen hat, zu den großen Unbekannten in der Musikgeschichte. Wie schade!

Im so vielgestaltigen Werk Iberts, den man zu den wichtigsten, wenngleich folgenlosesten Vertretern der Zwischenkriegszeit rechnen muss, vereinigen sich einige der besten französischen Tugenden: gelegentlich aufblitzender, diskreter Humor, Formgefühl in kleinformatiger Klavier- und Kammermusik und Sinn für ausgewogene Proportionen in ausladenden symphonischen Sätzen.“ Soweit der Musikwissenschaftler Jens Rosteck, seines Zeichens Spezialist für jüngere französische Musik – und Literaturgeschichte.

Und weiter: „Schon in den 1920er Jahren hatte Ibert der nationalen Avantgarde überwiegend ferngestanden und sich mit neoimpressionistischen Orchesterwerken und Kantaten profiliert; und obgleich Wesenszüge wie Eklektizismus, Heterogenität, Neoklassizismus seinerzeit en vogue waren, zählte er … nie zu den Bilderstürmern der années folles … . Die bildhaft-pittoresken … Kompositionstitel legen überdies den Schluss nahe, daß ihm an anarchistischen, quasi-dadaistischen Verlautbarungen und der partiellen Auflösung von Sinnzusammenhängen … so gut wie nichts gelegen war.

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Das könnte Folgendes bedeuten: Jaques Ibert, der in dieser pulsierenden Zeit des Umbruches und Neuanfangs lebte und komponierte, hatte nicht genug Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen könnte. Vielleicht  war er ein „Langweiler“ oder ein „Ewig-Gestriger“?

Oder: Jaques Ibert, der Sohn aus gutem Hause, der eine zweite Karriere machte, und nacheinander mehrere hochrangige Staatsämter im Kulturbereich bekleidete, konnte nicht genug Energie und Zeit in die Musik stecken, um an dieser Suche nach der Neuen Musik teilzunehmen. Möglicherweise zog er die Sicherheit des Staatsamtes vor und war dementsprechend ein „Bequemer“ oder gar  „Konservativer“?

 

Diese Gedankengänge geistern so herum in der Musiker- und Musikhörerwelt, unterstützt natürlich durch die Tatsache, dass man wenig kennt von Jaques Ibert und auch wenig über ihn weiß. Ein klassischer Teufelskreis.

Hier ein weiterer, neuer Vorschlag von mir: Jaques Ibert, der überzeugte Verfechter einer diatonischen Musik, hatte kaum Interesse am Rampenlicht. Er verstand sich als Komponist im klassisch-humanistischen Kontext des 19. Jahrhunderts. Er wollte Musik auch als Unterhaltung verstanden wissen, nicht nur als intellektuelle Beschäftigung. Er versuchte einerseits an Offenbach und Chabrier anzuknüpfen und überzeugt andererseits durch rhythmisch-koloristische Balance, durch Esprit und Eleganz.

Außerdem trug er kaum etwas bei zur Klavier-solo-Literatur, einem Genre, das naturgemäß besonders weit verbreitet ist und damit dann auch schnell zu einem gewissen Bekanntheitsgrad verhelfen kann.

 

Hier wieder Jens Rosteck:“ Mit Ausnahme des großformatigen geistlichen Oratoriums und der Symphonie im Sinne absoluter Musik hat Ibert wichtige Beiträge zu nahezu jedem Genre beigesteuert. Sein Interesse am Klavierlied und am Klaviersolowerk erlosch jedoch relativ früh, um sich in Richtung Kammermusik, Solokonzert, Rundfunk- und Filmmusik sowie choréodrame zu verlagern. Iberts deutliche, langjährige Auseinandersetzung mit großen, historischen Fresken (z. B.  Golgotha, 1935) und anspruchsvollen, humanistischen Fragestellungen (Ballade de la geôle de Reading [1921] oder das von den Kriegserschütterungen durchdrungene, tiefgründige Streichquartett [1937–1942]) hinderte ihn keineswegs an einer ausgiebigen Beschäftigung mit ironischen, burlesken Sujets (z.B. Angélique, 1926). Er besaß einen ausgeprägten Sinn für Publikumswirkung, ein Gespür für Zeitströmungen … und setzte in einer Reihe von divertimentohaften Schöpfungen ein melodiebetontes, virtuos-brillantes Idiom gezielt ein, was ihm gelegentlich den Vorwurf eines zwar eminent souverän gehandhabten, aber auch vordergründigen Hedonismus eintrug.“

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Vielleicht sammeln wir einfach ein paar Informationen.

 

Jaques Ibert wurde 1890 in Paris geboren. Schon vierjährig erhielt er Instrumentalunterricht. Im verwandtschaftlichen Umkreise begegnete er Monet, Toulouse-Lautrec u.a. Künstlern. Eine Ausbildung zum Kaufmann wurde seitens der Eltern gewünscht, jedoch nur äußerst halbherzig betrieben. Schließlich trat er ins Conservatoire de Paris ein und fand sofort Aufnahme in Kurse für besonders begabte Studenten. Dort traf er auf Milhaud und Honegger, mit denen er ein Leben lang arbeiten und freundschaftlich verbunden bleiben wird.

Der 1. Weltkrieg bremste dann jäh jegliche künstlerische Betätigung.

Nach Kriegsende konnte er im ersten Anlauf den Prix de Rome gewinnen und zog sogleich mit seiner Ehefrau, der Bildhauerin Rosette Veber, in die Villa Medici. Von hier aus erweiterte er seinen Horizont gehörig durch ausgedehnte Reisen nach Sizilien, Spanien und sogar Tunesien. Im Gegensatz zu den meisten seiner Prix-de-Rome-Kollegen nützte er die verlangten Pflichtstücke, um einige seiner populärsten Werke zu komponieren.

Zurück in Paris, entstanden Hauptwerke, wie die Buffo-Oper Le Roi d’Yvetot, das Divertissement für Kammerorchester  und das Don-Quichotte-Ballett Le Chevalier errant. Ibert lehrte außerdem an der École universelle und erstellte dafür eine zweibändige Abhandlung zu Instrumentation und Orchestration. Seine Musikkritiken wurden viel beachtet. Und neu kam nun auch das Genre Filmmusik hinzu. In diesem Zusammenhang entstanden die Chansons de Don Quichotte für Gustav Wilhelm Pabsts Don Quichotte. Dieser Film wurde,  auch dank der unvergleichlichen Interpretation der Titelrolle des Ritters von der traurigen Gestalt durch Fëdor Ivanovič Šaljapin ein Welterfolg. Auch machte sich Ibert voller Enthusiasmus für das ebenfalls neue Medium Funk stark.

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Hier noch einmal Jens Rosteck: „Das Geburtsjahr 1890 prädestinierte Ibert für eine Mitgliedschaft in der von Cocteau lancierten Groupe des Six, doch sein langer Militärdienst sowie der ergiebige Romaufenthalt zu Karrierebeginn verhinderten das naheliegende Zusammenspiel mit im Grunde wesensverwandten Kollegen und Weggefährten. Symptomatisch für dieses Phänomen des ›erfolgreichen Außenseiters‹ ist der Zusammenfall der ersten öffentlichen Aufführung von Iberts Rompreiskantate Le Poète et la fée – am 16. Jan. 1920 im Conservatoire – mit dem Erscheinungsdatum des folgenreichen Artikels im Periodikum Comœdia, in dem H. Collet die Geburtsstunde der Six ausrief. Daß Ibert an fast allen späteren Kollektivwerken der Six und verwandten Nachfolgegruppierungen bis in die 1940er Jahre hinein mitwirkte … änderte an einer ›verpassten‹ historischen Gelegenheit nichts mehr.“

Vermutlich war es Ibert ganz Recht, diese „einmalige“ Chance verpasst zu haben, war er doch recht offensichtlich ein unabhängiger Geist. Selbst sagte er über sich „Ich tue gerne das, was die anderen nicht tun“.

Ab 1937 begann dann seine bemerkenswerte Verwaltungskarriere. Gleich zu Beginn ernannte man ihn zum Direktor der Académie de France mit Sitz in der Villa Medici in Rom. Zum ersten Mal wurde ein Nicht-Mitglied berufen, zum ersten Mal ein Komponist, und noch dazu ein ziemlich junger. Doch nun zeigte das Ehepaar Ibert, was in ihm steckte. Durch ein enormes Reise- und Veranstaltungspensum mit äußerst günstigen Auswirkungen auf die Wahrnehmung französischer Kunst im Ausland überzeugten sie schnell alle Kritiker.

Bald jedoch dräute am Horizont der 2. Weltkrieg und Iberts Musik wurde vom Vichy-Regime mit dem Prädikat unerwünscht versehen. Er verlor alle Ämtern und ging ins Exil.

Nach der Befreiung Frankreichs im Jahre 1944 rief ihn Charles de Gaulle persönlich nach Paris zurück. Daraufhin konnte Ibert seine administrativen Bestrebungen mit leitenden Funktionen an den Pariser Opernhäusern und französischen Rundfunkanstalten krönen.

Eine Vielzahl an Werken sollte in den kommenden Jahren noch entstehen und Reisen bis nach Amerika standen auf dem Plan. Er arbeitete mit Serge Lifar zusammen, genauso wie mit Orson Wells und Gene Kelly.

Sein vermutlich erfolgreichstes Werk Angélique erlebte in Buenos Aires unter seiner eigenen Leitung die 1000. Aufführung.

Am 5. Februar 1962 starb Jaques Ibert an den Folgen einer Grippe. Er war einer der bekanntesten französischen Komponisten seiner Zeit. Die Diskrepanz zwischen seiner äußerst diskreten, aber charismatischen Persönlichkeit und seiner ständigen Präsenz im französischen Kulturleben bleibt ohne Gleichen.

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Für uns Flötisten hat Ibert neben anderer Kammermusik das Wunderwerk des Flötenkonzertes von 1932/33 geschaffen. Der Widmungsträger Marcel Moyse hat es unter Philippe Gauberts Dirigat im Februar 1934 uraufgeführt.

Obwohl sich Ibert nicht zur Avantgarde zählte, stellt das Werk ungewohnte Anforderungen an Solist und Orchester. Sowohl Anklänge an Renaissancemusik, als auch Jazziges ist zu bemerken. Rhythmus und Harmonik geraten aus den Fugen, Iberts Fantasie stellt die Welt auf den Kopf. Trotzdem erinnert das ganze Werk an eine („barocke“) Suite mit  Allemande – Sarabande – Gigue.

Der 1. Satz scheint ein virtuoser Tanz zu sein und ähnelt in der Form trotz aller moderner Eskapaden einem Ritornell. Der wunderschöne, ruhige, ja beseelte 2. Satz lässt den Flötisten alle Farben der Klangpalette ausloten. Und der 3. Satz fordert dann wieder Tänzerisches, sowie eine äußerst brilliante Technik. Wohl auch deshalb wurde dieser Satz sogleich Pflichtstück beim alljährlichen Concours des Pariser Conservatoire.

Eine persönliche Bemerkung am Schluss: Mir gefällt besonders Jaques Iberts kurzes Pièce für Flöte allein. Es ist 1935 entstanden, sozusagen noch im Soge von Debussys Syrinx.  Auch hier ist die Anlehnung ans Bukolische und Pastorale ganz deutlich und der Komponist spielt gekonnt mit der „typisch französischen“ Expressivität.

Wunderbar!

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Literaturliste

Adorjan, Andras (Hrsg.) u.a.: Lexikon der Flöte, Laaber 2009

Rosteck, Jens, Art. Ibert, Jacques (François Antoine Marie), WERKE in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2003, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/374945

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