Joachim Murat – der Löwe der Kavallerie

 

von Thomas Stiegler

Joachim Murat – der Löwe der Kavallerie

 

von Thomas Stiegler

Glanz und Bühne

Manche Gestalten der Geschichte leben weniger in ihren Ämtern fort als in dem Bild, das sie von sich selbst entwarfen. Joachim Murat gehört zu diesen Figuren. Man sieht ihn förmlich vor sich: die funkelnden Goldstickereien seiner Uniform, die schillernden Federbüsche, die glänzenden Stiefel. Für Murat war der Krieg keine nüchterne Angelegenheit der Strategie – er betrat das Schlachtfeld wie eine Bühne.

Geboren 1767 als Sohn eines Gastwirts im südfranzösischen Cahors, begann er seinen Weg bescheiden. Doch die Revolution öffnete Türen, die für Männer seines Standes zuvor verschlossen waren. Murat erwies sich als kühner Reiter, dessen Mut und Leidenschaft bald die Aufmerksamkeit eines jungen Generals weckten: Napoleon Bonaparte.

An der Seite Napoleons

Von diesem Augenblick an war Murats Schicksal untrennbar mit dem des Korsen verbunden. Er heiratete Napoleons Schwester Caroline und stieg zum engsten Kreis des Imperators auf. Auf den Schlachtfeldern Europas wurde er zu einer Legende.

Als Kavallerieführer galt er als unvergleichlich. Immer wieder riss er seine Reiter mit in waghalsige Attacken, die ganze Schlachten entschieden. Man nannte ihn den »Löwen der Kavallerie«. Bei Austerlitz (1805) durchbrach seine Kavallerie die feindlichen Linien und trug entscheidend zum Sieg bei. Zwei Jahre später, bei Eylau (1807), rettete ein gewaltiger Angriff seiner Reiter Napoleon selbst vor der Niederlage. Schon zuvor, 1798 in Ägypten, hatte er bei der Schlacht bei den Pyramiden mit einem legendären Angriff Geschichte geschrieben.

Auch in den folgenden Jahren blieb er einer der spektakulärsten Befehlshaber des Kaiserreichs. Im Spanienfeldzug zeichnete er sich ebenso durch Draufgängertum aus wie 1812 beim Vorstoß nach Russland. Sein Mut war unbestritten, doch sein Hang zur Theatralik ließ manche Zeitgenossen zweifeln, ob er immer die Übersicht behielt. Napoleon selbst schätzte ihn als Waffe, zweifelte jedoch an seiner Festigkeit und Nüchternheit.

König von Neapel

1808 erhob Napoleon ihn zum König von Neapel. Murat nahm die Krone mit Stolz an und versuchte, sein Reich zwischen Loyalität zu Frankreich und eigenem Ehrgeiz zu führen. Als Herrscher zeigte er überraschend politische Ambitionen: Er bemühte sich um Reformen, förderte Verwaltung und Justiz und suchte, sein Reich moderner zu gestalten. Er schaffte den Feudalismus ab und führte den Code Napoléon ein.

Doch die politische Bühne war härter als das Schlachtfeld. Als das napoleonische Reich zu zerfallen begann, schwankte auch Murat. Mal hielt er zu Napoleon, mal suchte er den Ausgleich mit dessen Gegnern. Diese Unbeständigkeit kostete ihn Vertrauen – bei Frankreich ebenso wie bei den Verbündeten.

Dabei war er längst auch zu einer Figur des Glanzes und der Eitelkeit geworden. »Der schönste Soldat Europas«, wie ihn Zeitgenossen nannten, ruinierte die Staatsfinanzen mit seinen legendären Uniformen, die oft mehr kosteten als mancher Fürst für ein ganzes Heer ausgab. Ein Mann von Taktik und Augenmaß im Gefecht, dessen Kavallerie-Angriffe als unwiderstehlich galten, weil er den perfekten Moment für den Angriff erspürte – doch ohne die strategische Beständigkeit, die einem Herrscher Halt verleiht.

Tragisches Ende

1813 kämpfte Murat in der Völkerschlacht bei Leipzig – einem Wendepunkt der napoleonischen Kriege. Seine Reiterei stürzte sich erneut in verzweifelte Angriffe gegen die vereinten Heere Europas, doch der Untergang des Kaiserreichs ließ sich nicht mehr aufhalten. Zurück in Neapel, suchte Murat den Ausgleich mit den Siegern und bot Österreichern und Briten ein Bündnis an. Doch sein Zickzackkurs machte ihn unberechenbar.

1815, während des »Hundert-Tage-Feldzuges« Napoleons, hoffte Murat, seine Herrschaft durch ein Bündnis mit dem zurückgekehrten Kaiser wiederherzustellen. Doch als Napoleon bei Waterloo scheiterte, war auch sein Schicksal besiegelt. Österreichische und britische Truppen intervenierten in Süditalien, das Volk blieb ungerührt.

Murat versuchte in Kalabrien einen letzten Aufstand, doch er fand keine Anhänger. Gefasst, vor ein Standgericht gestellt, wurde er zum Tod verurteilt.

Am 13. Oktober 1815 trat er vor das Erschießungskommando. Selbst in dieser Stunde blieb er seiner Inszenierung treu. Stolz und farbenprächtig erschien er vor den Soldaten, die ihn richten sollten. Seine letzten Worte sind überliefert: »Soldaten, zielt auf die Brust, schont mein Gesicht.«

Zwischen Ruhm und Eitelkeit

Heute bleibt Murat in Erinnerung als eine Figur, die zwischen Theater und Geschichte schwebt. Ein glänzender Held, ein Mann voller Mut, aber auch voller Eitelkeit. Er prägte die Schlachten Europas und die politische Bühne Italiens, doch er scheiterte an seiner Unbeständigkeit und seinem Hang zur Selbstdarstellung.

Vielleicht zeigt sein Leben, wie schmal die Grenze zwischen Ruhm und Tragödie ist – und wie sehr die Geschichte manchmal Bühne und Schauspiel zugleich sein kann.