Johann Pachelbel und seine Zeit in Erfurt

von Christian Bürger

Eine bedeutende Rolle in der Erfurter Musikgeschichte nimmt neben den Mitgliedern der Familie Bach ein Mann ein, der gewöhnlich eher als »waschechter Nürnberger« bekannt ist. Der Name dieses Barockorganisten und Komponisten ist Johann Pachelbel. Außer den Menschen, die Barockmusik mögen ist der Name des Franken wahrscheinlich nur wenigen bekannt, umso mehr aber wohl dessen bekanntestes Werk, der Kanon und Gigue in D-Dur, der sich nicht zuletzt als Hochzeitsmusik großer Beliebtheit erfreut.

Neben seiner Wirkungszeit in Wien, Stuttgart und Nürnberg verbrachte er viele Jahre seines Lebens in Thüringen, namentlich in Eisenach, Gotha und besonders in Erfurt. Dieser Beitrag möchte ein besonderes Schlaglicht auf Pachelbels Zeit in Erfurt und Thüringen werfen und dabei andeuten, welche Rolle Pachelbels Kunst für die Stadt einnahm, wie sein Verhältnis zur Bach-Familie war und welch reiches musikalisches Leben sich im 17. und 18. Jahrhundert im Thüringer Kulturraum entfaltete.

Kindheit und Ausbildung

Johann Pachelbel wird am 1. September 1653 in Nürnberg getauft. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, den Sitten der Zeit entsprechend wird er jedoch innerhalb weniger Tage zuvor, vielleicht sogar am selben Tag geboren worden sein. Sein Vater war Flaschner und stammte aus Wunsiedel.

Die Familie scheint Pachelbels Talent früh erkannt und bereitwillig gefördert zu haben. In Nürnberg besuchte Pachelbel die Lateinschule und erhielt zudem eine musikalische Grundausbildung. 1668 ging Pachelbel zur weiteren Ausbildung zunächst an die Universität nach Altdorf, wo er sich seinen Lebensunterhalt erstmals als Organist verdiente. Sein Einkommen reichte jedoch nicht aus, was ihn zwang, sein Studium zu unterbrechen. Die nächste Station seiner Ausbildung war Regensburg, wo er sein Studium mithilfe eines Stipendiums fortsetzen konnte und zudem Orgelunterricht bei Kaspar Prentz erhielt.

Erste Anstellung in Wien

1674 wurde der fränkische Protestant Hilfsorganist am katholischen Stephansdom in Wien, wo er Johann Kaspar Kerll zur Hand ging und bei ihm seine musikalischen Fähigkeiten weiter vervollkommnete. Wahrscheinlich komponierte er während seiner Wiener Zeit unter Kerlls Einfluss eine Reihe von Magnificat-Fugen.

Der Franke kommt nach Thüringen

Seine erste Thüringer Stelle trat Pachelbel am 04. Mai 1677 als Hoforganist in Eisenach an. Hier hatte er die ersten Berührungspunkte mit der Familie Bach. Stadtorganist war in dieser Zeit Johann Christoph Bach (1642-1703) und dessen Vetter, der in Erfurt geborene Johann Ambrosius Bach (1645-1695) wirkte als Hausmann und Stadtpfeifer. Johann Ambrosius ist auch Vater des 1685 in Eisenach geborenen Johann Sebastian Bach (1685-1750). Die Musiker lernten einander in dieser Zeit kennen und schätzen. Unter Pachelbels Einfluss entstanden wahrscheinlich auch Johann Christoph Bachs »Vierundvierzig Choräle zum Präambulieren«. Pachelbel verband mit beiden Bachs eine lebenslange Freundschaft, was auch die Patenschaft für Johann Sebastian Bachs ältere Schwester Johanna Juditha, geboren 1680, belegt. Warum Pachelbel Eisenach jedoch bereits nach einem Jahr wieder verließ bleibt unklar. Neben den beschränkten Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten in Eisenach machten ihm lockende Aussichten in Erfurt den Weggang wahrscheinlich leicht. Vorstellbar ist, dass der Wechsel nach Erfurt maßgeblich durch Vermittlung der Bach-Familie zustande kam. Ambrosius Bach stammte aus Erfurt und so liegt es nahe, dass er den Freund an die Familienmitglieder und die Predigergemeinde empfahl.

Predigerorganist in Erfurt

Am 19. Juni 1678 wurde Pachelbel zum Organist der Erfurter Predigerkirche bestallt. Diese war seit der Reformationszeit lutherische Hauptpfarr- und Ratskirche der Stadt Erfurt. Zuvor war sie Klosterkirche des Dominikanerkonvents, dass seit 1229 in Erfurt ansässig gewesen war und mit der Reformation aufgehoben wurde. Das Kircheninnere ist heute wieder durchgängig von der mittelalterlichen Architektur geprägt. Die spätgotische Hallenkirche mit 15 Jochen ohne Querschiff erweckt durch ihre Länge von 76 Metern, die 30 markanten Säulen und die hohen Fenster den Eindruck von besonderer Größe und Tiefe. Chorschranke und Lettner aus dem Spätmittelalter sind noch heute erhalten und trennen nach altkirchlichem Verständnis den Bereich der einfachen Gemeinde von dem ehemaligen Chorbereich, in dem die Dominikanermönche ihren Platz im Chorgestühl vor dem Hochaltar hatten. Zu Pachelbels Zeit war der mittelalterliche Raumeindruck jedoch nur noch bedingt nachvollziehbar, da im 16. Jahrhundert durch den Einbau von hölzernen Emporen auf dem Lettner und in den Seitenschiffen zusätzlicher Platz für mehr Gläubige geschaffen wurde. Erst im 19. Jahrhundert wurden diese wieder entfernt. Besonderer Blickfang im Kircheninneren war damals wie heute der barocke Prospekt der Compenius Orgel – der Arbeitsplatz von Johann Pachelbel.

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Der Organist der Predigerkirche nahm eine führende Rolle unter den Erfurter Musikern ein und empfing in der Predigergemeinde das zweithöchste Gehalt nach dem Hauptpfarrer der Kirche. Dies waren 50 Gulden, ab 1684 dann 60 Gulden zuzüglich Naturalien, Aufwandsentschädigung für die Orgelwartung und Mietzuschuss. Hochzeiten und Sondergottesdienste wurden extra bezahlt. Zum Vergleich: der Kantor und der Küster bekamen jeweils nur 44 Gulden pro Jahr.

Auch in Erfurt hatte Bach Kontakt und freundschaftliche Beziehungen zu Mitgliedern der Musikerfamilie Bach, insbesondere mit den Söhnen von Johann Bach, welcher von 1636-1673 ein Amtsvorgänger Pachelbels als Predigerorganist war. Das waren Christian Bach d. Ä. (Direktor der Ratsmusik von 1667-1682) und Johann Aegidius Bach, Organist an St. Michael und ab 1682 Nachfolger seines Bruders als Leiter der Ratsmusik. Überhaupt war Erfurt der Zentralort der weit verzweigten Musikerfamilie Bach, die über 250 Jahre, sieben Generationen lang in Erfurt als Stadtmusiker, Organisten, Kantoren usw. wirkten.  Pachelbel zog zunächst auch in eine Wohnung in einem der »Bachhäuser« auf dem Junkersand, was mit Sicherheit auch durch seine Verbindungen zu den Eisenacher Bachs und die freundschaftlichen Verbindungen erst möglich wurde.

Durch seine  Zeit in Regensburg und Wien hatte Pachelbel keine Berührungsängste mit Katholik*innen, was in der bikonfessionellen Stadt Erfurt, die zwar mehrheitlich evangelisch war aber einen katholischen Landesherrn hatte, von Vorteil war. Dennoch war Pachelbel überzeugter Protestant und lehnte es ab zusätzlichen Orgeldienst in einer der katholischen Kirchen der Stadt zu versehen.

Bereits im ersten Erfurter Amtsjahr erhielt er Gelegenheit sich als Komponist zu beweisen. Im Dezember 1678 war der Erfurter Landesherr, der Mainzer Kurfürst und Erzbischof Damian Hartard von der Leyen verstorben und das Mainzische Domkapitel wählte Karl Heinrich von Metternich-Winneburg zum Nachfolger. Dieser kam nicht persönlich nach Erfurt um die Huldigung entgegen zu nehmen, sondern sandte zwei Mitglieder des Domkapitels und beauftragte ferner den Staathalter Anselm Franz von Ingelheim mit der Entgegennahme. Der Akt wurde aufgrund der Winterkälte in der großen Ratsstube abgehalten zu dem auch die Komposition Pachelbels erklang. Ein zeitgenössischer Stich zeigt den Huldigungsakt am 30. Januar 1679 auf dem auch Pachelbel als Dirigent der Aufführung angedeutet wird. Die »Unterthänigste Gemüts-Eröffnung«, ein feierliches Werk mit Pauken und Trompeten, ist das erste Werk Pachelbels, von dem das genaue Entstehungsdatum überliefert ist. Mit dieser Komposition hatte sich Pachelbel in Erfurt etabliert.

Neben seinen üblichen Amtspflichten hatte Pachelbel jährlich nach dem Gottesdienst am Johannistag ein Orgelkonzert zu geben. Dieses sogenannte Probespiel sollte eine halbe Stunde dauern und der Gemeinde sowie den Kirchenvorstehern eine Einschätzung seiner Kunstfertigkeit möglich machen. In Zusammenhang mit seiner Amtsausübung darf davon ausgegangen werden, dass zahlreiche Orgelwerke aus der Erfurter Zeit stammen. Welche konkret ist im Detail kaum zu ermitteln.

Das Pachelbel Erfurt nicht nur als Zwischenstation ansah zeigt sich auch daran, dass er nunmehr eine Familie gründen und sesshaft werden wollte. Am 25. Oktober 1681 heiratete er in der Predigerkriche Barbara Gabler, Tochter des Erfurter Ratsmeisters und Stadtmajors Joachim Gabler. Ob diese Ehe jedoch nicht aus zwingenden Gründen geschlossen wurde lässt die Tatsache mutmaßen, dass den Eheleuten bereits im April 1682 ein Sohn geboren wurde, der am 26. April auf den Namen Johann Georg getauft wurde. Barbara Gabler muss also bereits schwanger gewesen sein, als Pachelbel sie im Oktober 1680 heiratete. Ein Skandal in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit, zumal Pachelbels Erfurter Anstellungsvertrag ihn eigentlich zu einem moralisch-vorbildhaften Lebenswandel verpflichtete. Quellen über eine mögliche Verfolgung der Sache sind jedoch nicht überkommen und die Eheschließung legalisierte die Angelegenheit ohnehin. In jedem Falle wird durch diesen Sachverhalt der Beweis erbracht, dass diese Beziehung aus Zuneigung und nicht aus wirtschaftlichen oder dergleichen Gründen zu Stande kam. Pachelbels erste Ehe sollte jedoch nicht von langer Dauer sein.

Die große Pest

Seit 1681 wurde Europa wiederholt von einer großen Pestepedemie heimgesucht. Im Juli 1682 erreichte sie Erfurt. In den Jahren 1682 und 1683 erlebte Erfurt die verheerendste Pestzeit seiner Geschichte bei der fast die Hälfte ihrer Einwohner:innen, nämlich 10.377 Menschen, den Tod fanden. An manchen Tagen starben bis zu 200 Menschen, in der Stadt herrschte Panik, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Allein in der Predigergemeinde starben in dieser Zeit Dreiviertel der Gemeindemitglieder. Auch Pachelbels Frau und sein Sohn starben im Oktober 1683. Sie zählten damit zu den letzten Opfern der Seuche, denn im November 1683 ebbte das Infektionsgeschehen in Erfurt wieder ab. Das Pachelbel von diesem Verlust schwer getroffen wurde zeigt sich in seinen »Musicalischen Sterbens-Gedancken«, die als Reaktion auf den Verlust entstanden sein könnten. In der Musik können Zuhörende die Trauer des nunmehr wieder alleinstehenden gerade dreißigjährigen Witwers nachempfinden.

Neben seiner Frau und seinem Sohn kamen auch Bekannte und Freunde durch die Pest ums Leben, wie beispielsweise Ratsmusikdirektor Christian Bach d. Ä.

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Zweite Ehe und musikalisches Ansehen

Von der Witwe Christian Bachs d. Ä. erwarb Pachelbel 1684 das Haus »Zur silbernen Tasche«, was zeigt, dass Pachelbel von seinem Erfurter Gehalt zu dieser Zeit recht gut leben konnte. Das Pachelbel nie das Erfurter Bürgerrecht erwarb liegt daran, dass das gesamte Personal der Kirchen und die Geistlichkeit vom Erwerb des Bürgerrechts und den dazugehörigen Rechten, Pflichten und Kosten befreit waren.

Am 24. August 1684 heiratete Pachelbel erneut, diesmal Juditha Dommer, die Tochter eines Erfurter Kupferschmieds. Zwei Jahre nach der Eheschließung wurde dem Paar ein Sohn geboren, der am 29.08.1686 in der Predigerkirche auf den Namen Wilhelm Hieronymus getauft wurde. Am 29.10.1688 kam Tochter Amalia zur Welt. Die Ehe scheint glücklich gewesen zu sein und aus ihr gingen insgesamt sieben Kinder hervor.

Pachelbel hatte sich als Musiker und Komponist einen Ruf erworben, der über Erfurt hinausreichte. An der Ausbreitung dieses Rufes werden auch seine Verbindung zur Bach-Familie und deren Netzwerke einen Anteil gehabt haben.

Zeitgemäß unterrichtete Pachelbel nebenamtlich zahlreiche Schüler, von denen der 1671 geborene älteste Bruder Johann Sebastian Bachs, Johann Christoph Bach (Unterricht bei Pachelbel von 1686-1689) wahrscheinlich der Bedeutendste ist. Insofern bedeutend, als das er das musikalische Können, dass er bei Pachelbel erlernt hatte, später an seinen Bruder Johann Sebastian weitergab, nachdem er nach dem Tod der Eltern zu ihm nach Ohrdruf kam. Johann Sebastian Bach kann somit als indirekter oder mittelbarer Schüler Pachelbels bezeichnet werden. Dass Bach Pachelbels Werke kannte und sich in jungen Jahren auch an diesen orientierte zeigen die Osterkantaten mit dem Titel »Christ lag in Todesbanden« der beiden Komponisten. Das Frühwerk Bachs orientiert sich in Struktur und Abfolge eng an dem gleichnamigen Werk Pachelbels und weist bemerkenswerte Parallelen auf.

Wechsel nach Stuttgart

Das Jahr 1690 brachte für Pachelbel eine berufliche Neuorientierung. Ob er sich aktiv bewarb oder einem verlockenden Ruf folgte wissen wir nicht. Der Abschiedsbrief den er in Erfurt erhielt bringt zum Ausdruck, dass man Pachelbel ungern gehen ließ, seiner beruflichen Weiterentwicklung aber nicht entgegenstehen wollte. Auch nach seinem Weggang aus Erfurt blieb er, nach Siegfried Orth, weiterhin Eigentümer seines 1684 erworbenen Hauses am Junkersand bevor er es erst 1698 wieder veräußerte.

Die sich an seine Erfurter Zeit anschließende Anstellung als Hoforganist der pietistisch geprägten Herzogin Magdalena Sybilla in Stuttgart war allerdings nur von kurzer Dauer. Der Süden Deutschlands wurde damals durch die kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem französischen Heer in Mitleidenschaft gezogen, sodass Pachelbel auf diesem Posten kein dauerhaftes Verweilen möglich war. Möglicherweise bereute er den Wechsel an den herzoglichen Hof, der ihn aus dem relativ sicheren Erfurt in das vom Krieg bedrohte Stuttgart geführt hatte. Bereits 1692 beantragte er seine Entlassung und ging zurück nach Thüringen, diesmal nach Gotha.

Rückkehr nach Thüringen – Stadtorganist in Gotha

Seinen neuen Dienst in Gotha, der Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg, trat Pachelbel am 8. November 1692 an. Aus dieser Zeit stammt die Überlieferung eines gemeinsamen Musizierens mit dem in Eisenach lebenden Johann Ambrosius Bach und Stadtpfeifer Hoffmann aus Suhl. Ob auch der 1685 geborene Johann Sebastian den im benachbarten Gotha wirkenden Pachelbel in dieser Zeit kennen gelernt hat ist nicht gesichert, aber dennoch nicht ausgeschlossen. In jedem Falle pflegte Johann Pachelbel seine Kontakte zur Familie der »Bache« auch jetzt weiter. 1693 prüfte er auf Bitten seines ehemaligen Schülers Johann Christoph Bach die Orgel in dessen neuer Wirkungsstätte Ordruf, wobei er erhebliche Mängel an dem Instrument feststellte.

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Aber auch Pachelbels Zeit in Gotha blieb eine Etappe. Dass sein Ruf weit über die engen Grenzen der Thüringer Kleinstaatenwelt hinausreichte zeigt allein die Tatsache, dass er in seinen Gothaer Jahren das Angebot erhält als Organist in Oxford tätig zu werden. Dieses Angebot lehnt Pachelbel jedoch ab, was nahelegt, dass er seine künstlerischen Ambitionen nicht bedingungslos über die Interessen seiner Familie stellte, für die eine Übersiedlung nach England wahrscheinlich große Umstände mit sich gebracht hätte. 1695 bot sich dem Stadtorganisten Pachelbel eine Perspektive, die ihn zum Weggang aus Gotha bewegte.

In seiner Heimatstadt Nürnberg war sein früherer Lehrer Georg Kaspar Wecker verstorben und die Stadt Nürnberg berief ihn daraufhin zu dessen Nachfolger als Organist der St. Sebalds-Kirche. Dass ihm dieses Angebot nicht nur in musikalischer sondern auch materieller Hinsicht lukrativ erschien legt die Formulierung seines Gothaer Abschiedsgesuchs nahe, in welchem er auch die Möglichkeiten für die Ausbildung seiner Kinder sowie seine finanzielle Besserstellung in der fränkischen Reichsstadt hinweist. Pachelbels Ersuchen wurde stattgegeben und nun verließ er seine Wahlheimat Thüringen, in der er insgesamt 16 Lebens- und Berufsjahre zugebracht hatte für immer.

Organist in Nürnberg

Pachelbel fand in seiner Heimatstadt nicht nur gute wirtschaftliche und soziale Perspektiven vor sondern konnte sich auch der Achtung seiner Arbeit sicher sein, zumal er bereits einen exzellenten Ruf genoss. Der Hauptpfarrer der Sebaldskirche widmete dem Organisten sogar den Druck einer »Orgelpredigt«. 1699 erschienen sein »Hexachordum Apollinis«, 1704: das »Tabulator Buch Geistlicher Gesänge etc. « im Druck.

Pachelbel starb am 3. März 1706 in seiner Geburtsstadt im Alter von gerade einmal 52 Jahren. Der Tod soll eingetreten sein, während er noch den Sterbechoral »O Jesu Christ, meins Lebens Licht« gesungen haben soll. Er wurde in einem Familiengrab auf dem Nürnberger St. Rochus Friedhof beigesetzt, dass noch heute erhalten ist.

Was von Pachelbels Werken im Laufe der Jahrhunderte verloren ging, bzw. was und wie viel er wirklich komponiert hat lässt sich kaum bestimmen, da in der damaligen Zeit aufgrund der hohen Kosten und des wirtschaftlichen Risikos nur wenige Kompositionen in Druck erschienen und die Werke somit zumeist nur handschriftlich und in kleiner Zahl überliefert wurden.

Pachelbels Kinder

Der älteste Sohn, der 1686 in Erfurt geborene Wilhelm Hieronymus soll der musikalisch begabteste Nachkomme Johann Pachelbels gewesen sein. Dieser habe, wie Orth schreibt, als Kind mit dem in der Nachbarschafft wohnenden, 1684 geborenen Johann Gottfried Walther gespielt, der später ebenfalls ein bedeutender Organist werden sollte. Johann Gottfried Walther (1684-1748) war ebenfalls mit der Bachfamilie verwandt und Johann Sebastian Bachs Vetter. Mit Sicherheit erhielt Wilhelm Hieronymus Musikunterricht von seinem Vater. Bereits als 14-Jähriger erhielt er vom Nürnberger Rat ein Honorar von 14 Gulden für geleistete Orgeldienste. In Pachelbels Todesjahr 1706 wird Wilhelm Hieronymus Organist an St. Jakobi in Nürnberg, 1725 übernimmt er den einstigen Dienstposten seines verstorbenen Vaters an der Nürnberger Sebaldskirche. Auch er hat komponiert, allerdings sind heute nur noch wenige seiner Kompositionen bekannt bzw. erhalten.

Auf dem Gebiet der bildenden Kunst hat sich Pachelbels 1688 ebenfalls in Erfurt geborene Tochter Amalia einen gewissen Ruf erworben. Sie war von frühester Jugend an sehr begabt; malte, nähte, stickte und zeichnete. Das Berliner Kupferstichkabinett und das Schloss Nymphenburg in München besitzen heute noch Werke von ihrer Hand. Sie heiratete 1715 einen Notar und verstarb bereits 1723 in Nürnberg.

Ein weiterer Sohn Pachelbels, Johann Michael (1692-1755), lebte als Orgel- und Instrumentenbauer in Nürnberg. Der 1690 geborene Carl Theodorus Pachelbel kann als der »amerikanische Pachelbel« bezeichnet werden. Vermutlich erhielt er die musikalische Ausbildung ebenfalls von seinem Vater. 1730 wanderte er in die britischen Kolonien in Nordamerika aus, wo er zunächst in Boston lebte. 1733 wurde er Organist an der Trinity Church in Newport (Rhode Island). 1736 folgten sein Umzug nach Charleston (South Carolina) und 1737 seine Eheschließung. Aus der Verbindung ging ein Sohn namens Charles hervor. Für die Jahre 1736 und 1737 sind zahlreiche Konzerte von ihm in Charleston und New York belegt, unter anderem im Haus des wohlhabenden Weinhändlers Robert Todd. Ein Jahr vor seinem Tod versuchte er 1749 noch die Gründung einer Gesangsschule zu initiieren. Er verstarb am 15. September 1750.

Pachelbel und Thüringen – Eine Bilanz

Johann Pachelbels Bedeutung wird heute besonders in seiner Rolle für die Musiktradition des ausgehenden 17. Jahrhunderts, seiner Mittlerposition zwischen dem süddeutschen und norddeutschen Orgelstil und seiner Wegbereiterfunktion für das Werk Johann Sebastian Bachs gesehen. Pachelbels Amtszeit als Predigerorganist in Erfurt ist in etwa gleich lang wie seine Amtszeit als Sebalds-Organist in Nürnberg. Damit hat Pachelbel eines seiner längsten Dienstverhältnisse in Erfurt gehabt. Er schloss hier zwei Ehen, gründete eine Familie, erwarb sich musikalisches Ansehen und bildete die nächste Musikergeneration aus.

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Das gerade in Erfurt Pachelbels Zeit heute eher schwach wahrgenommen wird, wie auch die Bedeutung der Familie Bach, welche diese einst für die frühneuzeitliche Erfurter Musikkultur eingenommen hat ist eine Herausforderung für die Zukunft. Zwar erinnern Tafeln an die Bachs und Pachelbel, aber ein spezielles Museum oder eine Gedenkstätte gibt es nicht. Das Pachelbel und Bachs Vorfahren außerhalb interessierter Kreise eher im Schatten stehen liegt sicher auch an Johann Sebastian Bach selbst. Er ist heute der alles überragende Komponist des Barock, was umso paradoxer ist, wenn man bedenkt, dass eher zu Lebzeiten sprichwörtlich eher in der zweiten Reihe stand.

Von 32 Berufsjahren verbrachte Pachelbel elf in Nürnberg, zwei in Stuttgart und drei in Wien. 13 Berufsjahre verbrachte er in Thüringen; elf in Erfurt, drei in Gotha und eines in Eisenach. Thüringen ist daher mehr als nur eine Zwischenstation in Pachelbels Biografie, sondern ein Hauptwirkungsgebiet. Für Thüringen und besonders für Erfurt ergeben sich in der Erinnerung an Johann Pachelbel und der weiteren Erforschung seines Lebens und Wirkens große Chancen, die keinesfalls in Konkurrenz zur Bachforschung stehen, sondern diese sinnvoll und facettenreich ergänzen können.

Unabhängig davon lohnt es sich generell die Meister:innen »vor Bach« näher kennen zu lernen. Ob Buxtehude, Schütz, Scheidt, Schein, Praetorius, Bruhns, Erlebach, die älteren Mitglieder der Familie Bach, Pachelbel oder viele andere – sie alle bieten großartige Musikerlebnisse, wenn man sich auf sie einlässt und sie im Kontext ihrer Entstehungszeit versteht. Viele Werke sind in den letzten Jahrzehnten nicht nur wissenschaftlich erschlossen worden; sie sind auch mittlerweile in exzellenten Aufnahmen in historischer Aufführungspraxis erhältlich. Auch Streamingdienste haben mittlerweile viele solcher Aufnahmen im Angebot. Zudem lädt das Musikland Thüringen ein, die vielfältige musikalische Tradition der zahlreichen barocken Höfe, der weit verzweigten Musikerfamilie Bach und die in vielen Kirchen des Landes greifbare barocke Orgeltradition direkt kennen zu lernen.

Verwendete Literatur

Literatur

Bauer, Martin: Bürgerbuch der Stadt Erfurt 1670-1760. Berlin 2002 (=Schriftenreihe der Stiftung Stoye, Bd. 37).

Brück, Helga: Die „Bache“. Zur Geschichte der Erfurter Stadtmusikanten. In: Rat der Stadt Erfurt (Hg.): Aus der Vergangenheit der Stadt Erfurt, Neue Folge. 4 (1988), S. 32-43.

Orth, Siegfried: Johann Pachelbel – sein Leben und Wirken in Erfurt. In: Aus der Vergangenheit der Stadt Erfurt Reihe II. 2.4 (1957), S. 101-121.

Onlinequellen

Bach-Wohnhäuser am Junkersand Erfurt (Online unter: https://www.bach-thueringen.de/resources?otg-node-id=910322602048-aggj, letzter Abruf: 03.11.2021).

Johann Pachelbel. Organist und Komponist. In: Neu beginnen. Sechs evangelische Persönlichkeiten aus Bayern. Ein Beitrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zur Weltausstellung Reformation 2017 in Wittenberg. (Online unter: http://wittenberg.luther2017-bayern.de/pachelbel/, letzter Abruf: 03.11.2021).

St. Rochus Friedhof Nürnberg. (Online unter: http://www.st-johannisfriedhof-nuernberg.de/st-rochusfriedhof_prominente.html, letzter Abruf: 03.11.2021).

Hier können Sie den Beitrag inklusive Fußnoten gratis downloaden: Johann Pachelbel und seine Zeit in Erfurt (inkl. Fußnoten)

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