Das „Musikalische Opfer“

von Anja Weinberger

Johann Sebastian Bach ist – so meine ich – beinahe jedem ein Begriff. Deshalb beschränke ich mich hier an dieser Stelle auch nur auf wenige Fakten. Hingegen ist man vermutlich Musiker oder zumindest ein besonders interessierter Konzertgänger, wenn man auch mit dem Begriff „Musikalisches Opfer“ etwas anfangen kann. Das wird sich aber nun in Kürze geändert haben.

Johann Sebastian Bach wurde am 21.3.1685 in Eisenach geboren. Ich schreibe das deshalb so genau, weil er quasi nur um Haaresbreite ein astronomischer Widder geworden ist. Ein Tag früher auf der Welt – Fische.

Ist das wichtig?

Naja, ein Widder gilt als ausdauernd, belastbar und durchsetzungsstark, scharfsinnig, visionär, selbstbewusst,  impulsiv, ungeduldig, rücksichtslos und willensstark.

Fische gelten eher als feinfühlig und verträumt, intuitiv, aber entscheidungsschwach, phantasievoll, geheimnisvoll, sensibel, beeinflussbar, medial und charmant.

 

Ich finde, man kann sich kaum eine unterschiedlichere Personenbeschreibung vorstellen. Und auch wenn man nicht wirklich an Sternzeichen und ihre Bedeutung glaubt, wird man feststellen, dass Bach dem Klischée „Widder“ bedingungslos entsprach.

Wie gesagt wurde er in Eisenach geboren. Schon 1695 zieht er nach Ohrdruf, beide Elternteile waren verstorben und er lebt nun beim älteren Bruder. Johann Sebastian erlernt das Klavierspiel und geht zur Schule. 1700 finden wir ihn dann in Lüneburg, wo er im Auswahlchor der Michaelis-Schulkantorei singt.

1702 erhält Bach seine erste Anstellung in Weimar – wir wissen leider nicht genau, als was. Sehr kurz darauf wird er Organist in Arnstadt, die ersten größeren Kompositionen entstehen.

Johann Sebastian Bach Haus in Eisenach, ©hecke06

Er nimmt einige Wochen frei und reist nach Lübeck, um dort Buxtehude zu hören. Nach seiner Rückkehr wird er ob der Urlaubsüberschreitung gerügt und auch, weil die Gemeinde in Arnstadt die erstaunlich ungewöhnlichen Klänge des jungen Organisten Bach nicht zu schätzen wusste. Daraufhin nimmt dieser die gerade frei gewordene Organistenstelle in Mühlhausen/Thüringen an. Vermutlich sechs seiner Kantaten entstehen dort. 1708 entscheidet er sich dazu, ein Angebot aus Weimar anzunehmen, wo er erstmals länger bleiben wird. Er verdient recht gut und  verfügt bereits über ein großes  Renommée als Orgelspieler und Komponist.

Seine erste Frau stirbt und er verheiratet sich erneut. Die Familie wächst – Carl Philipp Emanuel kommt 1714 zur Welt. Dieser Knabe wird in unserer Geschichte später noch wichtig sein.

Das Amt des Hofkapellmeisters in Köthen reizte Bach sehr, leider war eine einvernehmliche Trennung in Weimar nicht möglich, so dass er hier unter Arrest gesetzt wurde. 1717 dann doch in Köthen angekommen, wird sein Œvre weltlicher. Es entstehen viele Konzerte und Suiten.

Schließlich übernimmt Bach 1723 mit knapp 38 Jahren die Thomaskantorenstelle in Leipzig, dort lebt er ab jetzt mit seiner großen Familie. Die Kinder werden erwachsen und dementsprechend geht Carl Philipp bald zum Studium nach Leipzig. Eigentlich sollte es Jura sein, aber die Musik ließ auch ihn nicht los.

Und – lange Rede, kurzer Sinn – Carl Philipp wird nach einigen Jahren der Wanderschaft Kammercembalist bei Friedrich II., also bei dem späteren Friedrich dem Großen, in Berlin.

Dort erhält er im Mai 1747 Besuch vom Vater Johann Sebastian und Friedrich – selbst ein eloquenter Musiker – schlägt einen kleinen Improvisationswettstreit vor, wie er damals durchaus üblich war. Eines der vom König vorgeschlagenen Themen erschien Bach senior besonders interessant und er versprach, dieses Thema nicht improvisatorisch, sondern vollkommen, also schriftlich und in Ruhe, auszuarbeiten.

Schon im September ging das fertige Musicalische Opfer von Leipzig nach Potsdam ab. Es war ein wohlproportioniertes, geniales Großbauwerk , bestehend aus zwei Fugen, zehn Kanons und einer Triosonate über das königliche Thema. Für das höfische Konzert gedacht war freilich nur die einzigartige Triosonate. Der Rest  –  verblüffende, magische, unglaubliche Musiktheorie in Noten.

In den vier Sätzen der Triosonata hat der alte Bach in raffinierter Weise dem Geschmack des Königs gehuldigt. Die empfindsam gestaltete Klangkombination aus Flöte, Violine und Cello schmeichelt den Ohren und beschreitet durchaus moderne Pfade.

Im ersten Satz hört man über einem gleichmäßigen Bass, hinter dessen Tönen sich das königliche Thema verbirgt,  einen ruhigen  Dialog zwischen Flöte und Violine. Friedrichs Vorliebe für Verzierungen hat Bach  dabei geschickt einbezogen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der zweite Satz ist eine monumentale Ausarbeitung des königlichen Themas im dreifachen Kontrapunkt. Ein schnelles Fugenthema wird von der Violine vorgestellt, von der Flöte aufgegriffen und mit einem Kontrapunkt verbunden, dann mit dem königlichen Thema im Cello kombiniert. Später erscheint dieses im königlichen Instrument (Friedrich war ja Flötist), der Flöte. Ich gehe davon aus, dass der König durchaus beeindruckt war und auch einige Übestunden investieren musste.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Für den dritten Satz hat die exaltierte, manirierte Melodik der Berliner Hofkomponisten dieser Zeit Pate gestanden. Die viele Seufzer und Schweller wirken beinahe übertrieben. Allerdings bietet der schöne Satz die dringend benötigte Ruhe vor dem Sturm.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Denn der  letzte Satz fordert alles von Spielern und Hörern. In Form einer Gigue verbindet er das königliche Thema mit enormer Virtuosität und langen Bögen. Ein wahrlich königliches Werk über ein königliches Thema – eben das Musikalische Opfer.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Verwendete Literatur:

Böhmer, Dr. Karl: Kammermusikführer online
Adorjan, Andras (Hrsg.) u.a.: Lexikon der Flöte, Laaber 2009
Mai, Klaus – Rüdiger: Die Bachs, Berlin 2013
Blume, Friedrich (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart, Berlin 2004

Wollen Sie immer über die neuesten Aktivitäten informiert werden?

Alle Artikel zur Geschichte der Flöte

Die Geschichte Österreichs

Die Leiermann Buchreihe