Josefa Lang

 

 

 

 

von Anja Weinberger

Das Kunstlied als Halt im Leben

Josefa Lang wurde 1815 in München geboren. Ihre Eltern, die Kammersängerin Regina Hitzelberger und der Violinist des Münchener Hoforchesters Theobald Lang, bemerkten bald, dass ihr zweitgeborenes Töchterchen musikalisch den Weg eines Wunderkindes einschlug. Auf dem Schoß der Mutter erkundete die Kleine begeistert die Klaviertastatur und konnte schon dreijährig »rein und tactfest[1]« kleine Stücke vortragen. Sie komponierte, machte bald enorme Fortschritte im Klavierspiel und gab sehr früh selbst ihr Wissen weiter, indem sie Klavier unterrichtete. Leider sollte das bald auch bitter nötig sein, denn nach dem Tod der Mutter im Jahr 1827 musste die zwölfjährige Josefa zum Familienunterhalt beitragen. Ein ruhender Pol in ihrem Leben war das Haus ihres Patenonkels Joseph Stieler, seines Zeichens Münchner Hofmaler. Dort begegnete sie dem durchreisenden Felix Mendelssohn Bartholdy, der ihre Lieder sehr mochte und ihr, der nur wenige Jahre Jüngeren, einige Stunden Unterricht gab in Kontrapunkt und Generalbass.

Denn Josefa hatte unterdessen begonnen zu komponieren – nicht mehr im Stile eines kleinen Kindes, sondern längst mit dem Anspruch der Professionalität. Kunstlieder, das war ihre Passion. Schon 1831 erschien eine erste Sammlung von acht Liedern nach Texten von Schiller, Goethe, Körner, Hölty und – man glaubt es kaum – Ludwig I., König von Bayern. Gewidmet hat sie diese übrigens Prinzessin Maria Anna Leopoldine von Bayern. Die 1830er-Jahre waren eine überaus produktive Phase in Josefas Leben. Sieben weitere Liedersammlungen entstanden während dieser Zeit und einige ihrer Werke wurden sogar in der Neuen Zeitschrift für Musik besprochen.

1839 verstarb der Vater, und kurz darauf erkrankte Josefa selbst schwer[2]. Bei einer Kur in Wildbad Kreuth versuchte sie, ihre Gesundheit wieder herzustellen, und dort lernte sie den Tübinger Rechtswissenschaftler und Dichterjuristen[3] Christian Reinhold Köstlin kennen. Die beiden verliebten sich und heirateten 1842. Eine glückliche Ehe folgte, wenn man nur die Beziehung der beiden Ehepartner zueinander betrachtet. Leider jedoch gestalteten sich die sonstigen Bedingungen weniger günstig.

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In den folgenden Jahren veröffentlichte Josefa, unterdessen zur Hofkapellsängerin ernannt, nur einige neue Lieder, denn die Familie Lang-Köstlin wuchs. Sechs Kinder kamen zur Welt, von denen zwei große Sorgen bereiteten. Und dann erkrankte Josefas geliebter Ehemann, war gar gezwungen, seine Professur an der Universität Tübingen aufzugeben. Er starb nach 14 Jahren Ehe und hinterließ seine Ehefrau mit sechs noch unmündigen Kindern. Durch Christian Köstlins lange Krankheit war die finanzielle Lage mehr als besorgniserregend. Josefa bestritt den Lebensunterhalt ihrer großen Familie hauptsächlich durch Gesangsunterricht und versuchte, dieses schmale Gehalt durch neuerliche Veröffentlichungen aufzubessern. Hilfreich zur Seite sprangen ihr Freunde aus früheren Jahren, Clara Schumann und Ferdinand Hiller. Drei der Kinder starben in den Jahren bis 1880 und wieder konnte die Musik ihr ein letztes bisschen Lebenswillen geben. Sie selbst sagte häufig, dass ihre Lieder ihr Tagebuch seien[4] und dass das Komponieren an ihr therapeutische Dienste vollbracht habe[5].

Aber bald schon geht es einfach nicht mehr. 1880 stirbt Josefa Lang an einem Herzinfarkt, lieber würde man vielleicht sagen an gebrochenem Herzen.

Erfreut hätte sie vermutlich der Erfolg ihrer Enkeltochter Therese Köstlin[6], die bei Josefas Tod drei Jahre alt war und zu einer bekannten schwäbischen Lyrikerin und Liedtexterin heranwuchs.

 

(Dieser Text stammt aus dem Buch „Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik„, das beim Leiermann erschienen ist.)

Fußnoten

 

[1] Ferdinand Hiller: Aus dem Tonleben unserer Zeit, Leipzig 1868, S.118f

[2] Schon in der Kindheit war ihre Gesundheit immer wieder Grund der Sorge für die Eltern.

[3] Ein Dichter mit juristischer Ausbildung. Dieser Begriff wurde vom Rechtshistoriker Eugen Wohlhaupter geprägt. Weitere Dichterjuristen sind Goethe, Kafka, Heine.

[4] Sharon Krebs. „My Songs are My Diary“: An Investigation of Biographical Content in the Köstlin Settings of Josephine Lang. Magisterarbeit. University of Victoria, 2001.

[5] »Die göttliche Musik war allein im Stande, mich über das Schwerste was mich treffen konnte – hinüber zu tragen, und [sie] allein ist es, die mich im Drange so vielfacher Sorge u. Arbeit noch aufrecht erhält, und mir wie ein schützender Engel zur Seite steht – wo das harte Leben an Abgründe führt!« (Josephine Lang an Ferdinand Hiller, Tübingen, 22. Oktober 1859, Historisches Archiv der Stadt Köln).

[6] 1877-1964, einziges Kind von Heinrich Adolf Köstlin und Sofie Gerok.

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