William Turner

 

von Georg Rode

William Turner (1775–1851), Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway, 1844, National Gallery, London; CC0 – Link: zur Lizenz

Joseph Mallord William Turner war ein englischer Maler, der der Romantik zugeordnet wird. Zugleich war er aber auch ein Neuerer auf mehreren Gebieten. Er malte seine Objekte, wie sie sind und wie er sie sah. Das „Sehen mit dem Pinsel“ ist ein natürlicher Prozess der künstlerischen Entwicklung. Das obige Bild ist ein deutliches Beispiel. Es gibt Geschwindigkeit, wir alle wissen das, sie ist real. Aber ihre Darstellung in einem unbeweglichen Bild ist schwierig. Turner gelingt es. Er malt hier, was ist, was aber kein sichtbares Objekt ist. Er sieht etwas, was andere nur wissen und schafft eine perfekte Wiedergabe des Sachverhaltes.

William Turner, The Fighting Temeraire, 1838, National Gallery, London; CC0 – Link: zur Lizenz

Eines seiner bekanntesten Bilder trägt den übersetzten Titel „Das Kriegsschiff Temeraire, wird zu seinem letzten Ankerplatz geschleppt um abgewrackt zu werden“ Die National Gallery beschränkt ihn auf „The Fighting Temeraire“, 1838. Das Schiff war ein ehemaliger Liniendampfer, der bei der Schlacht bei Trafalgar einen entscheidenden Beitrag zum englischen Sieg gegen Napoleon beigetragen hatte. Obwohl Turner das Schiff nicht mit der Würde eines Kapitänsschiffes, einer stolzen Takelage und von der Seite, abgebildet hat, hat er ihm doch die Masten und die Takelage im Bild zurückgegeben, die in Wirklichkeit bereits demontiert worden sind. Das Schwarz des Schiffes hat er durch ein leichtes Weiß ersetzt. Obwohl er auf diese Weise dem Schiff eine letzte Ehrung erweist, die vom britischen Publikum auch so verstanden und anerkannt wurde, läutet er doch gleichzeitig den Aufbruch in eine moderne Welt ein. Das Kriegsschiff wird von einem modernen Radschlepper in seinen letzten Hafen gezogen. Die Rauchfahne signalisiert Wind und eine Bewegung nach vorne, auf den Betrachter zu, was neben der Metaphorik des Nach-Vorne-Blickens auch zu einer gewissen Eindringlichkeit der Schilderung führt. Auf der rechten Seite schimmern Gebäude einer Stadt, das Land mir seinen Bewohnern, das die Unendlichkeit des Meeres begrenzt. Als überdeutliches Symbol vollzieht sich alles unter dem Licht der untergehenden Abendsonne. Wir sehen hier zugleich eine (romantische) Hinwendung zur Vergangenheit, verbunden mit der Realität der modernen Welt. Und schließlich ist alles in einer Szenerie dargestellt, die den französischen Impressionismus vorausnimmt.

William Turner, Peace – Burial at Sea, Exhibited 1842 (© Tate: Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856. Foto © Tate, London 2018); CC-BY-NC-ND 3.0 Unported; Link: zur Lizenz

Ein weiteres bekanntes Werk zeigt die Seebestattung seines Freundes, dem Maler David Wilkie, ein schwarzes Schiff vor dem schemenhaft hellen Felsen von Gibraltar. Ein zweiter Titel lautet „Frieden“. Das nach Feuer aussehende Licht stammt von Fackeln, die die Szene unheimlich beleuchten. Auch hier haben wir wieder Rauch, diesmal schwarz, der nach links zieht und einen hellen Lichtfleck auf der rechten Seite grob und schnell hingeworfen, vermutlich wieder mit Mörtel und Maurerkelle, wie bei dem Railway-Bild, bisweilen auch mit den bloßen Händen. Turner brachte oft nur halbfertige Bilder in die Ausstellungen, um sich am letzten Tag vor Eröffnung der Ausstellung, mit rücksichtlosem Ehrgeiz, wenn er die Arbeiten seiner Kollegen sah, deutlich von ihnen abheben zu können – erfolgreich übrigens. Ich sehe darin den Mond, im Kontrast mit der heraufziehenden Dunkelheit der Nacht. Die Konturen verwischen, ein Horizont ist nicht erkennbar. Auch hier arbeitet Turner fast ausschließlich mit der Gestaltung des Lichts. Der zweite Titel „Frieden“ weist laut Tate darauf hin, dass das Bild einem abstrakten Prozess folgt, und weniger dem konkreten Ereignis. Es beschreibt einen Inhalt, der über das Sichtbare hinausgeht.

Einen sehr großen Themenkomplex stellen die Bilder dar, die das Meer zum Gegenstand haben. Neben den beiden eben gezeigten Bildern, bei denen es den Hintergrund für das Geschehen abgab, ist es oft selbst Thema des Bildes. Es gibt einen Bericht darüber, dass sich Turner bei Sturm an den Mast eines Schiffes binden ließ, um alles genau beobachten zu können, was er hinterher auf die Leinwand bringen wollte. Auch wenn diese Geschichte wahrscheinlich erfunden ist, zeigt sie doch den Charakter des Malers, der bis zum Äußersten geht, um die flüchtige, gesehene Realität dauerhaft einzufangen. Ein Realismus, der die Realität des Sehens zum Inhalt hat und so auch hier dem Impressionismus vorgreift.

 

Joseph Mallord William Turner, Snow Storm: Steam-Boat off a Harbour’s Mouth, Exhibited 1842 (© Tate: Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856, Photo ©Tate, 2019; CC-BY-NC-ND 3.0 Unported; Link: zur Lizenz

Eine Wohnung am Hafen ermöglichte ihm zeitweise einen Blick auf die See in jedem beliebigen Zustand. Hierdurch kam es dann auch zu dem Bild mit dem Schneesturm am Hafen. Bemerkenswert finde ich das flirrende helle Licht im rechten Zentrum über dem Boot mit einer kreisförmigen Umrandung von Wasser, Wind und Wolken. Ich zeige hier noch ein frühes Bild, damit man die Entwicklung, die Turner durchlaufen hat, nachvollziehen kann.

William Turner, Fishermen at Sea, 1796, Tate Gallery, London  ©Tate, 2019; CC-BY-NC-ND 3.0 Unported; Link: zur Lizenz

Auch bei seinen späten, mystisch und religiös angehauchten Bildern, findet sich die Form eines geschlossenen Kreises häufig. „Die Sonne ist Gott“ soll der Maler auf dem Sterbebett gesagt haben.

Licht und Farbe Englisch: Light and Colour (Goethe’s Theory) – the Morning after the Deluge – Moses Writing the Book of Genesis Licht und Farbe: Der Morgen nach der Sintflut: Moses schreibt das Buch der Genesis, 1843, National Gallery, Tate Gallery, London  ©Tate, 2019; CC-BY-NC-ND 3.0 Unported; Link: zur Lizenz

Turner beschränkte sich nicht auf Seebilder, sondern bezog auch Städte und Landschaften in seine Themen ein. Oft nebelhaft verschwimmend mit zurückhaltender Farbgebung, aber dann doch fast immer mit Wasser. Wenn es allerdings dramatische Farbspiele gab, wie bei dem Brand des Parlamentsgebäudes, nimmt er sich ihrer in seinem ihm eigenen Temperament an.

William Turner, William Turner, Der Brand des Parlamentsgebäudes vom 16. Oktober 1834, 1834/35, Cleveland Museum of Art, Cleveland, Ohio; CC0 1.0; Link: zur Lizenz

„In Turners zu seinen Lebzeiten kritisch beäugtem Spätwerk führt die Konzentration auf die Atmosphäre seiner Bilder zur gänzlichen Auflösung der Formen. «Die Bilder machen es Kunsthistorikern mitunter schwer zu beschreiben, was da genau zu sehen ist»“, sagt die Kuratorin der Münsteraner Ausstellung von 2019/2020, Judith Claus (in der Zeit vom 5. November 2019). Seine Zeitgenossen sahen die Arbeiten kritisch, sie vermissten klare Konturen zur Identifizierung des Dargestellten. Gerade das aber machte Turner zum Wegbereiter der Moderne. Er kehrt der originalgetreuen Abbildung vollständig den Rücken und zeigte seinen Blick auf eine sich ständig verändernde Natur bei den verschiedensten Wetterverhältnissen und Zeiten.

William Turner, Sunrise with Sea Monsters, 1845, Tate Gallery, London, unvollendet, National Gallery, Tate Gallery, London  ©Tate, 2019; CC-BY-NC-ND 3.0 Unported; Link: zur Lizenz

Verwendete Literatur und Bildrechte

Auf Wunsch versenden wir den Gesamttext samt Fußnoten per Mail an interessierte LeserInnen.

 

 

Bildrecht Hintergrund Überschrift:

Vincent van Gogh, The Potato Peeler (reverse: Self-Portrait with a Straw Hat), Accession Number: 67.187.70b, © The Metropolitan Museum of Arts 

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