»Kärnten is lei ans«

 

von Meike Dahlström

»Kärnten is lei ans« –

eine kleine Einführung in die Geschichte des südlichsten Landes Österreichs

»Kärnten is lei ans« sagt man in der fröhlichen Kärntner Mundart, was soviel bedeutet wie: »Kärnten ist einmalig auf der Welt«.

Die Kärntner sind stolz auf ihre Heimat. Grund genug dazu haben sie allemal: Ganz im Süden Österreichs gelegen, sind Landschaft und Lage einzigartig. Gewaltige Berge, sanfte Täler, klare Gebirgsseen und das alles mit ein bisschen Glück bei schönem Wetter – der Einfluss Italiens macht sich nicht nur in Lebensart und Baustil bemerkbar, sondern auch an der warmen Luft, die ab und an aus dem Süden gen Kärnten strömt und für mediterranes Wetter sorgt. Zurecht ist Kärnten heute nach Tirol und Salzburg das wichtigste Tourismusziel Österreichs. Doch nicht nur die Landschaft, auch die Leute können glänzen. Bekannte Kärntner Literaten sind etwa Robert Musil, Ingeborg Bachmann und Peter Handke, auch wenn man deren Herkunft zunächst vielleicht gar nicht einzuordnen wusste. Ebenso zählt Heinrich Harrer zu der Riege berühmter Kärntner Autoren: Viele werden ihn vor allem aus der Hollywood-Verfilmung seiner Biografie »Sieben Jahre in Tibet« kennen, in der Brad Pitt die Rolle Harrers übernimmt.

Das österreichische Land, bis 1918 Herzogtum in der westlichen Reichshälfte Österreich-Ungarns, ist bis Mitte des 19. Jahrhunderts agrarisch geprägt. Die meisten Haushalte betreiben zumindest nebenher Landwirtschaft mit dem Ziel der Selbstversorgung; weite Ackerflächen bestimmten das Bild. Erst ab circa 1860 wird der Tourismus zur Haupteinnahmequelle des Landes. Haben sich zuvor weder die Kärntner selbst noch die Urlauber um die Schönheit der Landschaft gekümmert, sorgt vor allem die Erschließung Kärntens durch Eisenbahntrassen für wachsende Touristenströme. Zunächst sind es vor allem die Wiener, die seit 1863 mit der Südbahn in die Kärntner Hauptstadt Klagenfurt und bereits im Jahr darauf sogar bis Villach reisen. Für heutige Verhältnisse unglaubliche elf Stunden dauert die Reise von Wien zum Wörthersee, dem beliebtesten Reise- und Ausflugsziel Kärntens. Zum Vergleich: Die Bahnfahrt heute dauert 4 Stunden und 14 Minuten (wenn alles gut läuft). Die Pörtschacher Halbinsel, bis dahin als profanes Ackerland genutzt, wird zum Touristenmagneten. Diese und viele weitere Informationen zu Kärntens Tourismusgeschichte finden sich in dem von Martin Marktl liebevoll gestalteten Lesebuch zur Geschichte des Landes.

Der Erste Weltkrieg bereitet dem touristischen Aufschwung Kärntens ein jähes Ende. Aufgrund der Lebensmittelknappheit nach dem Krieg verhängt die Landesregierung ein Fremdenverkehrsverbot. Zwar wird diese Einschränkung kurze Zeit später wieder aufgehoben und der Tourismus so gut es geht gefördert: Eigens für die Touristen werden Lebensmittel aus dem Ausland importiert. Doch mit Ende des Krieges ist die wirtschaftliche Lage prekär, die Infrastruktur zerstört, Elektrizität wird aus benachbarten Bundesländern eingeführt. Kärnten tritt dem neuen Staat Deutschösterreich bei, muss allerdings gemäß dem Friedensvertrag von Saint Germain erhebliche Gebietsverluste hinnehmen: Es büßt acht Prozent seines Territoriums und sechs Prozent der Bevölkerung ein. Daneben beansprucht das Königreich Jugoslawien Gebiete im Südosten Kärntens und dringt mit bewaffneten Truppen in Kärnten ein. Die provisorische Kärntner Landesregierung beschließt den Widerstand und reagiert mit dem Kärntner Abwehrkampf, euphemistisch auch »Freiheitskampf« genannt.

Postkarte »Zur Erinnerung an die Freiheitskämpfe Kärntens« aus dem Jahr 1919, © Meike Dahlström

Bei der Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 geben über 59 Prozent ihre Stimme für den Verbleib der betreffenden Gebiete bei Österreich. Die Kämpfe werden eingestellt; der größte Teil Kärntens bleibt bei Österreich: Kärnten ist mit den im Vertrag von Saint Germain festgelegten Grenzen ein Land der Republik. In seinem Buch Kärnten verstehen. Geheimnisse, Besonderheiten, Anekdoten bringt es Alexander Sattmann auf den Punkt:

»Die errungene Landeseinheit wird zum wichtigsten identitätsstiftenden Ereignis einer Zeit der Orientierungslosigkeit und wirtschaftlichen Krise. Die grauenvollen Erinnerungen an die Jahre des Ersten Weltkrieges verblassen angesichts der Neuschöpfung des Heimatlandes: Kärnten hatte einen neuen Mythos, eine neue Geburtsstunde.«

Postkarte aus dem Jahr 1920, © Meike Dahlström

Der grandiose Wirtschaftsaufschwung, dem die Goldenen Zwanziger Jahre ihren Namen verdanken, wirkt sich auch auf Kärntens Fremdenverkehr aus: Es beginnt ein erneuter touristischer Boom, der sich ein Jahrzehnt lang fortsetzt und dem Land mehr Gäste als je zuvor beschert. Wirtschaftskrise und 1.000-Mark-Sperre beenden den Touristentraum. Ein Schlag für die Kärntner, deren Einkommen mittlerweile zum Großteil von zahlungskräftigen deutschen Touristen stammt, die ihrerseits damit leben müssen, von den spöttelnden Österreichern auch gerne abwertend als »Piefkes« bezeichnet zu werden. Urlauber müssen nun bei Grenzübertritt von Deutschland nach Österreich eine Gebühr in Höhe von 1.000 Mark entrichten – umgerechnet entspricht das einer heutigen Kaufkraft von ungefähr 4.300 Euro. Diese drastische Wirtschaftssanktion der deutschen Reichsregierung soll die österreichische Wirtschaft schwächen und den Sturz des diktatorisch regierenden Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß initiieren. Die Sperre wird zwar 1936 wieder aufgehoben, aber auch der »Anschluss« an das Deutsche Reich 1938 bringt nicht die erhofften Besucherströme. Mit Beginn der 30er Jahre können die Nationalsozialisten vor allem bei Gemeinderatswahlen Stimmengewinne für sich verzeichnen. Neben einer zunehmenden politischen Radikalisierung trägt auch die Weltwirtschaftskrise wesentlich zu diesen Protestwahlen bei.

Urlaubsland Kärnten: Pörtschach am Wörthersee in den 1920er Jahren, © Meike Dahlström

1942 wird Kärnten zum Kriegsschauplatz: Slowenische Partisanentrupps wehren sich gegen die propagierte »ethnische Säuberung« Südkärntens, im Zuge derer slowenischstämmige Familien systematisch ausgewiesen und in Konzentrations- und Arbeitslager gebracht werden. Die Befehlshaber scheint es wenig zu stören, dass die Väter und Söhne dieser Familien indessen als Soldaten für das Großdeutsche Reich kämpfen. Ab 1943 wird auch Kärnten Ziel der alliierten Bombardierung. Nur die Wiener Neustadt muss ein noch höheres Maß an Zerstörung als Villach verkraften, aber auch Klagenfurt trägt großen Schaden davon: 60 Prozent der Wohnungen sind beschädigt oder zerstört. Am 8. Mai 1945 erreichen die Briten kurz vor den jugoslawischen Truppen Klagenfurt – und werden prompt von der Kärntner Tatkraft überrascht: In weiser Voraussicht haben sich bereits am 5. Mai Vertreter der demokratischen Parteien getroffen, um eine provisorische Landesregierung zu konstituieren und die Demokratie wiederherzustellen. Eine Gedenktafel am Landhaus Klagenfurt, bis heute Sitz des Kärntner Landtags, erinnert an diese Episode: 

In diesem Hause / haben am 7. Mai / 1945 Kärntner / Patrioten aus / eigener Kraft / die Demokratie / im Lande wieder / hergestellt. 

Postkarte mit dem Landhaus Klagenfurt im Hintergrund, © Meike Dahlström

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Impressionen aus einem Ordensleben im frühen 20. Jahrhundert: Dieses Buch folgt Schwester Cuthberta (1884-1946) aus ihrer Kärntner Heimat über den Eintritt in den Schweizer Orden der Schwestern vom Heiligen Kreuz bis an ihr Lebensende in einem Konvent im englischen Woking. Anhand überlieferter Briefe und Fotografien zeichnet Meike Dahlström den Lebensweg ihrer Urgroßtante nach, einer selbstbestimmten Frau im Dienste der Kirche – durch vier Jahrzehnte voller historischer und politischer Turbulenzen. Viel Freude beim Eintauchen in vergangene Zeiten!

Verwendete Literatur

Martin Marktl: Zeitreise Kärnten. Ein Lesebuch zur Geschichte des Landes (Styra Regional 2016).

Alexander Sattmann: Kärnten verstehen. Geheimnisse, Besonderheiten, Anekdoten (Leykam 2009).

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