Kaiser Maximilian I. und die Reichsstadt Augsburg

 

von Christian Schaller

Im Jahr 2019 jährte sich zum 500. Mal der Tod des habsburgischen Kaisers Maximilians I., einer der schillerndsten Herrscherfiguren Europas. Am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance gab er dem Heiligen Römischen Reich entscheidende politische und kulturelle Impulse, die den Verlauf der kommenden Jahrhunderte maßgeblich mitprägen sollten.

Seine Feldzüge und ehrgeizigen Projekte verschlangen Unsummen. Nur wenige Geldgeber waren bereit oder überhaupt fähig, Kredite in diesen unermesslichen Maßstäben zu vergeben. Allen voran ist hierbei die Reichsstadt Augsburg zu nennen, um 1500 die heimliche ökonomische Hauptstadt des Reiches. Zahlreiche Handelshäuser mit europaweiten Kontakten bescherten der Stadt am Lech damals einen sagenhaften Reichtum. Es entstand eine enge Verbindung zwischen dem ehrgeizigen Kaiser und der prosperierenden Handelsmetropole.

Die Jahrhunderte des Mittelalters waren durch und durch wechselvoll. Sie brachten Augsburg Krieg und Leid, aber auch wirtschaftliches Wachstum und politische Emanzipation. Die antike Provinzhauptstadt und frühmittelalterliche Bischofsstadt erwuchs zu einer autonomen, wohlhabenden Reichsstadt.

Könige und Kaiser besuchten die blühende Siedlung am Lech oft und gewährten ihr immer mehr Privilegien. Zahlreiche Kirchen und Klöster wurden gegründet, die bis heute das Stadtbild prägen. Bis ins 13. und frühe 14. Jahrhundert bildete sich auch die Gestalt der Stadt heraus, die sie für Jahrhunderte prägen sollte. Die Obere und Untere Stadt sowie das Lechviertel und die Jakobervorstadt wurden von einer Stadtmauer umgeben, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgetragen werden sollte. Sie legte sich schützend, aber auch hemmend um die Viertel, erst durch die Niederlegung konnte Augsburg in alle Himmelsrichtungen wachsen. Die Mauer wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit umsichtig instandgehalten und war schon bald ein repräsentatives Symbol für die Macht und Wehrhaftigkeit.

Kaiser Maximilian 1519, von Albrecht Dürer, ©Morphart

Als Reichsstadt und zentraler Ort der Königs- und Kaiserherrschaft war Augsburg auch immer auf die Gunst der herrschenden Dynastien angewiesen. Nach den Ottonen folgten im Laufe der Jahrhunderte mehrere große Häuser auf den Thron nach – die Salier, Supplinburger, Staufer, Welfen, Luxemburger und nicht zuletzt die Habsburger. Als Albrecht II. im Jahr 1438 römisch-deutscher König wurde, sollte die Königswürde bis zum Untergang des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation im Jahr 1806, mit nur wenigen Jahren Unterbrechung, bei den Habsburgern verbleiben.

Vor allem der König und Kaiser Maximilian I. aus dem Geschlecht der Habsburger sollte am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance das Reich und vor allem auch Augsburg ganz maßgeblich prägen. Als Maximilian geboren wurde, regierte zwar sein Vater als Kaiser Friedrich III., doch die kleinen, habsburgischen Kernlande waren auf drei Herrscher verteilt. Als Maximilian starb, gehörten dem Haus Habsburg das vereinigte Österreich, Burgund, weite Teile des Balkans sowie Spanien mit seinen Eroberungen in Südamerika. Wenig später folgten Böhmen und Ungarn. Grund dafür war die geschickte Heiratspolitik der Habsburger. Die Hochzeit Maximilians mit Maria von Burgund sicherte ihm ein legendär reiches Herzogtum, das in der damaligen Zeit als kulturelles Zentrum Europas galt.  Maximilian war ein unglaublich ehrgeiziger Herrscher, der die Künste, die Musik und den Buchdruck förderte und dessen Kriege und Reformversuche Unsummen verschlangen. Er litt unter ständigem Geldmangel und sollte nach seinem Tod enorme Schulden hinterlassen. Augsburg war Maximilians wichtigster Kreditgeber. Wie die meisten gekrönten Häupter dieser Zeit musste er sich Darlehen durch Versprechen sichern. So gewährte er den Bürgern der Reichsstadt Privilegien, Titel, Bergbaubeteiligungen und Ländereien, um seinen extravaganten Lebensstil und seine zahlreichen Kriege bezahlen zu können.

Kentotaph des Kaisers Maximilian I., Hofkirche Innsbruck, ©jqnoc

Die Abhängigkeit zwischen Reichsstädten wie Augsburg, Regensburg oder Nürnberg und ihrem Schutzherren, dem Kaiser, war wechselseitig. Maximilian musste die Privilegien und Freiheiten bestätigen und mehren, während seine Einkünfte vom guten Willen der Reichsstände abhingen. Augsburg kam den Verpflichtungen gegenüber ihrem Lehensherren aber auch je nach politischer Lage nach: Waffen und Truppen wurden nur finanziert, wenn die Kämpfe der Reichsstadt und ihren Handelspartnern nicht schadeten.

Doch der Kaiser kam nicht nur wegen des Geldes nach Augsburg. Ganz offensichtlich hatte es ihm die Stadt angetan – immerhin war sie um 1500 einer der luxuriösesten Hotspots der europäischen Kultur, Wissenschaft und Politik. Insgesamt verbrachte er über zweieinhalb Jahre seines Lebens in Augsburg. Die Stadt am Lech war bekannt für ihre Fest- und Turnierkultur. Die Maskeraden und Belustigungen wurden immer ausgefallener und prächtiger, was Maximilian bei seinen zahlreichen Besuchen in der Stadt sehr zusagte. Zahlreiche Habsburger nahmen an diesen Feierlichkeiten teil. Die Chroniken berichten, dass Maximilians Sohn Philipp beim Sonnwendfeuer im Fronhof beim Augsburger Dom tanzte und seine zweite Frau Maria Bianca nahm an Prozessionen teil.

Die Mitglieder der berühmten kaiserliche Hofkapelle ließen sich sogar größtenteils in Augsburg nieder. Auch Maximilian selbst war ganz offiziell ein „Bürger zu Augsburg“, da ihm Gärten und Gebäude innerhalb der Stadtmauern gehörten. Eines dieser Wohnhäuser lag etwa auf dem Gebiet des heutigen Stadttheaters, direkt an der ehemaligen westlichen Stadtmauer von Augsburg. Von dort konnte der Kaiser schnellstmöglich die Stadt verlassen, um einem weiteren seiner Hobbys nachzugehen: der Jagd. Die Stadttore wurden in dieser Zeit noch bei Beginn der Dämmerung abgesperrt, während der Kaiser gerne erst nach Mitternacht zurückritt. Dies ärgerte ihn so sehr, dass er den Rat der Stadt unter Druck setzte, ihm ein Nachttor zu errichten, idealerweise direkt bei seinem Gutshaus. Im Jahr 1514 war das neue Tor, der sogenannte Alte Einlass, vollendet. Doch hinter diesem bereits irreführenden Begriff verbarg sich letzten Endes nicht nur eine schnöde Tür für den Kaiser, sondern eine raffinierte technische Konstruktion, die europaweit Bewunderung auslöste. Zahlreiche Reisende berichteten im 16. und 17. Jahrhundert begeistert von dem Wunderwerk.

Wächter konnten die Maschinerie von Hebeln ungesehen in Bewegung setzen, sodass die Torflügel sich automatisch und wie von Geisterhand öffneten. Der nächtliche Besucher musste erst den Stadtgraben über einen hölzernen Steg überqueren, bevor er in den Vorhof einer Zugbrücke kam. Das Gatter in das Hauptgebäude öffnete sich erst durch die unsichtbaren Hebel, betätigt von den Wächtern. Der Besucher wurde durch drei enge Gänge geschleust. In den beiden letzten Räumen befand sich eine Galerie, von der aus die zwei Wächter und Reisende miteinander sprechen konnten. Ein Behälter wurde herabgelassen, um Passiergeld und -papiere hineinzulegen. Bereits ab 1514 ist auch ein Schwur für die Torhüter dokumentiert. Er legte den Wegzoll fest, den die beiden Ratsdiener einzuholen hatten. Zudem hatten die Wächter darauf zu achten, dass die Besucher einen Fürsprecher in der Stadt hatten und nichts Übles im Schilde führten.

Kaiser Maximilian, Statue in Augsburg, ©ChristianSchaller

Der Alte Einlass wurde 1867 abgerissen. Heute erinnert nur noch der Straßenname an die berühmte Konstruktion. Es kann als ein Symbol für die Übergangszeit gelten, in der Kaiser Maximilian, der sogenannte „letzte Ritter“, regierte. In Augsburg und Europa hielt langsam die Epoche der Renaissance Einzug. Es war das Zeitalter der Entdeckungen, der Reformation und Glaubensspaltung. Die mittelalterlichen Mauern mussten die Reichsstadt Augsburg noch immer schützen, aber es fand sich in dieser neuen Ära bereits Geld und Muße, ein geradezu luxuriöses technisches Wunderwerk in sie einzubauen. Zur gleichen Zeit wurden die Kunstformen der Antike wiederbelebt, die Ideen des Humanismus oder auch des Frühkapitalismus hielten ihren Einzug in die Länder nördlich der Alpen und die allgemeine Lebenslust stieg an, wie nicht zuletzt die prächtigen Augsburger Feste bezeugen. Die Zeiten änderten sich, das Mittelalter war vorüber und die Frühe Neuzeit begann.

Verwendete Literatur
  • Böhm, Christoph: Die Reichsstadt Augsburg und Kaiser Maximilian I.. Untersuchungen zum Beziehungsgeflecht zwischen Reichsstadt und Herrscher an der Wende zur Neuzeit (= Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 36). Sigmaringen 1998.
  • Gottlieb, Gunther u.a. (Hg.): Geschichte der Stadt Augsburg. Von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart 1984.
  • Hauptmann, Christoph: Modell des Alten Einlasses – das Nachttor für Maximilian I. von 1514. In: Lange-Krach, Heidrun (Hg.): Maximilian I., 1459-1519. Kaiser. Ritter. Bürger zu Augsburg. Regensburg 2019, S. 282-283.
  • Lange-Krach, Heidrun (Hg.): Maximilian I., 1459-1519. Kaiser. Ritter. Bürger zu Augsburg. Regensburg 2019.
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