Kaiserin

Maria Anna

von Julia Meister

Kaiserin Maria Anna von Sardinien-Piemont: Die sanfte Stütze an des Kaisers Seite

Maria Anna von Sardinien-Piemont musste 27 Jahre werden, ehe sie im Jahre 1831 ein Mann zur Frau nahm. Ein für den Heiratsmarkt hochbetagtes Alter, galt man doch im 19. Jahrhundert – in Adelskreisen, wohlgemerkt –  oft schon mit Anfang 20 als alte Jungfer, die sich lieber schon einmal einen Platz in einem Kloster ihrer Wahl suchen sollte (und diese waren heiß begehrt!), um ihrem restlichen irdischen Dasein eine Richtung zu geben und ein Dach über dem Kopf zu haben. Sonst drohte die lebenslange Abhängigkeit vom eigenen Vater oder Bruder, die natürlich nicht unbedingt anzustreben war.

Jener Mann, den Maria Anna – zunächst per procurationem, d.h. per Stellvertreter, und später noch einmal persönlich – heiratete, war niemand Geringeres als der zukünftige österreichische Kaiser. Nun könnte man denken, dass das doch ein guter Fang sei. Ein Kaiser war wohlhabend, hatte Manieren, Macht… doch das wahre Leben schreibt oft interessantere Geschichten, abseits von den hier aufgeführten Klischees. Ob für Maria Anna mit dieser Hochzeit ein Traum wahr wurde, auf dessen Erfüllung die Endzwanzigerin gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte?

Das Bild des Märchenkaisers wandelt sich rasch, wenn der Name des Gemahls erklingt: Ferdinand I. Ferdinand der Gütige, oder besser: Gütinand der Fertige? Der Sohn von Kaiser Franz II./I.  und dessen zweiter Ehefrau, Maria Theresia von Neapel-Sizilien, litt an Epilepsie und hatte einen, im Gegensatz zum Körper, überproportionalen Kopf. Eine Schönheit war er nicht; wie sehr ihn seine Leiden in seinem politischen Wirken beeinflussten, ist umstritten. Friedrich Weissensteiner konstatiert, Ferdinand sei „zu irgendwelchen Einblicken in die Gesellschafts- und Sozialstruktur der [in seiner Funktion als Kaiser] bereisten Länder […] nicht fähig [gewesen], auch kaum zu selbstständigem Urteil“. Martin Mutschlechner betont die sich vermutlich negativ auf die Entwicklung des Kranken, jedoch mangels besseren medizinischen Wissens der Zeit erfolgte übermäßige Schonung des jungen Ferdinands, der mit neun Jahren nicht einmal ein Glas Wasser einschenken, geschweige denn eine Tür öffnen konnte.

Unknown, Kaiser Ferdinand I., around 1830–1840, Sammlung Wien Museum, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/en/object/374722/)

Festzuhalten ist jedoch, dass er eben auch fünf Fremdsprachen beherrschte, Neuerungen in der Technik und den Naturwissenschaften aufmerksam verfolgte, und in seiner Regierungszeit die Wiener Akademie der Wissenschaften gegründet sowie die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn eröffnet wurde. Maria Anna würde in dieser Ehe zwar etliche Krankheitsschübe Ferdinands miterleben – und sich nicht selten aufopferungsvoll um ihren Gatten kümmern, soweit sie konnte! –, dafür aber einen treuen, mitunter humorvollen und durchaus auf bestimmten Gebieten gebildeten Ehemann an ihrer Seite wissen. Dass seine Stimmung schnell ins Jähzornige kippen konnte und die russische Zarin ihn als „kleine[ ], häßliche[ ], vermuckerte[ ] Gestalt“ beschrieb – nun, damit würde sie zu leben lernen müssen.

Die Tochter König Viktor Emanuels I. und Maria Theresias von Österreich-Modena d‘Este erblickte gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester am 19.09.1803 in Rom das Licht der Welt. Die Mutter der beiden galt als Schönheit, der Vater hatte sein Königreich Piemont-Sardinien gerade dank eines gewissen Napoleons verloren. Der ins Exil verbannte König und seine Familie zogen sich nacheinander nach Gaeta, Neapel und ins sardinische Cagliari zurück, bis sie im Mai 1814 nach Turin zurückkehrten. Die kleine Maria Anna verlebte ihre frühen Jahre als Emigrationskind, wie Friedrich Weissensteiner betont.

Zeit ihres Lebens blieb Maria Anna in ihrem innersten Wesen Italienerin: So kommunizierte sie während der 50 Jahre, die sie in Österreich verbrachte, mit ihrem Gatten verbal sowie schriftlich nur in italienischer, höchstens noch französischer Sprache. Daran änderte auch der Deutschunterricht nichts, den sie pflichtbewusst absolvierte. War es Eigensinn, vielleicht gar übertriebener Stolz auf ihre italienische Herkunft? Immerhin blieb sie, umringt von italienischen Ratgebern, gemäß ihres introvertierten Charakters gern im kleinsten Kreise und von der Außenwelt abgeschottet. Trotzdem erfreute sich Maria Anna, die sich, wie ihr Gatte, „für Musik, Botanik und bildende Kunst“ interessierte, in den Habsburger Landen größter Beliebtheit.

Maria Anna und Ferdinand teilten übrigens, wie dies damals in Habsburger-Ehen nicht selten vorkam, dieselbe Großmutter: Die unnachahmliche Maria Theresia! Ebenso wie Ferdinand war Maria Anna, aufgrund der stetigen vorhergehenden verwandtschaftlichen Ehen, keine besondere Schönheit – jedoch diesbezüglich, mit ihrem ovalen, von einem melancholisch-verträumten Blick geprägten Gesicht und dem feingliedrigen Körper, ihrem Ehemann mit Sicherheit überlegen.

Was das Paar selbst übereinander dachte, bleibt im Verborgenen. Da man damals stets davon auszugehen hatte, dass Briefe auch von Dritten gelesen wurden, war der Ausdruck der eigenen Meinung nur eingeschränkt möglich. Die Mutter Franz Josephs, Erzherzogin Sophie, lobte zumindest Maria Anna für ihr ergebenes, gleichmütiges Wesen, das es ihr ermöglichte, sich in eine, wie sie es formulierte, derart trostlose Existenz zu fügen. Ferdinand würde, so Sophie weiter, niemals von seinem Gattenrecht Gebrauch machen, wenn man ihn nicht darauf hinweisen würde. Ob die Ehe überhaupt vollzogen wurde, bleibt, aufgrund der Diskretion diesbezüglicher Quellen, offen. Da Kinder ausblieben, „erließ Ferdinand [im Jahre 1839 vorsorglich] ein Familienstatut, um spätere Thronfolgestreitigkeiten zu verhindern“.

Leopold Bucher (Artist), Trauung von Kronprinz Ferdinand und Anna Maria Carolina in der Kammerkapelle der Hofburg, 1831, Sammlung Wien Museum, CC BY 3.0 AT, Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum (https://sammlung.wienmuseum.at/en/object/43936/), Bildrand wurde zugeschnitten;

Die Schwester Sophies, Kaiserin Karoline Auguste, ihres Zeichens vierte und letzte Ehefrau Franz II./I., beschrieb Maria Anna als die beste Wahl für ihren Ziehsohn Ferdinand, dessen zweite, hochgeschätzte Stiefmutter sie war. Erzherzog Johann jedoch sah die Beziehung der beiden als nicht ganz so rosig an und formulierte, Maria Anna wandele in einem Irrgarten von Skrupeln. Äußerst kryptisch deutet dies vielleicht auf die vielen Krankheiten der Kaiserin hin, unter denen sie litt und die, so Friedrich Weissensteiner, vermutlich psychosomatisch bedingt waren: So war sie des Öfteren bettlägerig, erkrankte u.a. an den Masern, hatte Magenprobleme, nervöse Verstimmungen, und begab sich aus diesem Grunde gern zur Kurzwecken ins heimatliche Italien.

Das eher beschauliche, zurückgezogene Leben, das Maria Anna so schätzte, erfuhr durch den Tod ihres Schwiegervaters und die Thronbesteigung ihres Mannes eine nicht von der Hand zu weisende Beschleunigung: So kam es 1835 im tschechischen Teplice zu einem Treffen mit Zar Nikolaus I. und dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., bei dem, wie Kammervorsteher Ségur-Cabanac es schildert, die Kaiserin ihre Repräsentationspflichten in außerordentlich würdevoller, höflicher und zugewandter Manier übernahm. Insbesondere ihre Art zu tanzen zeuge, so Ségur-Cabanac weiter, von unnachahmlicher Grazie und Anmut. Als nächste große, die Pracht der Habsburger zur Schau stellende Veranstaltung folgte die Krönung zur böhmischen Königin im September 1836, die Maria Anna durch die ihr zugesprochenen einwandfreien Manieren sowie ihr charmantes Wesen nach außen hin perfekt absolvierte. Ob die eher scheue Kaiserin-Königin dies innerlich genauso empfand, sei dahingestellt. Auch als sie ihren Ehemann im Jahr 1838 zu dessen Krönung zum König von Lombardo-Venetien begleitete, durchlief sie das Zeremoniell fehlerlos. Mit Sicherheit war sie in diesen Situationen für Ferdinand eine große Stütze, die er zu schätzen und nicht mehr missen wollte. Maria Anna tat das, was man damals von einer Kaiserin – neben dem Gebären möglichst vieler Thronfolger – erwartete: Sie spendete großzügig an katholische Kirchen sowie Orden und unterstützte unter anderem das Kinderspital Ludwig Wilhelm Mauthners.

Politisch weitgehend ein unbeschriebenes Blatt, sollte sich dies im als Revolutionsjahr bekannten 1848 ändern. Schon in den März-Unruhen des Jahres versuchte Maria Anna, ihren Gatten von der Notwendigkeit einer Abdankung zu überzeugen, wobei man Ferdinands Neffen, Franz Joseph, als Nachfolger designiert hatte – Ferdinand lehnte dies zu diesem Zeitpunkt noch vehement ab. Im Mai desselben Jahres flüchtete der Hof dann nach Innsbruck, und wieder war es die starke Frau an des Kaisers Seite, die lenkend eingriff: Als der Kaiser den eigentlichen Zweck des als Spazierfahrt betitelten Ausflugs begriff, war es Maria Anna, die ihm schlussendlich die Notwendigkeit der Flucht erklärte und so die Weiterfahrt ab Sieghartskirchen sicherte.

Als man, nach knapp zweimonatigem Wien-Aufenthalt, den tschechischen Erzbischofssitz Olmütz aufsuchte und sich dort Protektion vor den Revolutionären erhoffte, kristallisierte sich immer mehr die Nachfolge des Neffen Ferdinands als einzig mögliche Auflösung der Unruhen heraus. Friedrich Weissensteiner sieht Maria Annas Einfluss auf Ferdinand in dieser Krise als maßgeblich an; als seine Ehefrau kannte sie ihn schließlich am besten und wusste, wie sie ihn von diesem schwerwiegenden Schritt überzeugen konnte. Dies war nicht leicht, hatte doch Ferdinands Vater, Kaiser Franz II./I., seinem Sohn stets dogmatisch dessen Sendungsbewusstsein eingebläut. Nicht zuletzt setzten Maria Anna, so schlussfolgert Weissensteiner weiter, die von ihr abverlangten kaiserlichen Aufgaben in dieser Zeit so zu, dass sie diese große Bürde abzugeben bereit war.

Am 2. Dezember 1848 war es schließlich soweit: Kaiser Ferdinand dankte zugunsten Franz Josephs ab – dessen Vater, Franz Karl, der in der Thronfolge zwischen den beiden stand, hatte nach langem Hin und Her auf seine Thronansprüche verzichtet – und segnete den Neffen. Maria Anna schien sichtlich erleichtert, denn sie küsste und umarmte den ihr zugetanen Neffen herzlich, was so gar nicht der Contenance des 19. Jahrhunderts zu entsprechen schien.

Bald darauf verschwand das ehemalige Herrscherpaar mit dem Zug Richtung Böhmen: Trotzdem Ferdinand zunächst in Innsbruck Residenz nehmen wollte, richteten sich die beiden im Prager Hradschin, der alten Königsburg, häuslich ein. Schließlich hatten sie in Böhmen nicht abgedankt, und die tschechische Bevölkerung schätzte ihren König und ihre Königin nach wie vor sehr! Die geerbten tschechischen Güter – die Herrschaft Zákupy (Reichstadt), die ehemals dem Sohn Napoleons gehörte, sowie das Schloss Ploskovice – wurden dabei entweder ertragreich genutzt oder, im Falle des letztgenannten, als Residenz für die Sommer- und Frühherbstmonate verwendet.

In Prag lebten Maria Anna und Ferdinand abseits vom höfischen Trubel, den sie aus Wien gewohnt waren. Zwar gab es auch hier 65 Bedienstete, doch von der kaiserlichen Größe der Hofburg war man weit entfernt. Maria Anna genoss dies in vollen Zügen und schwärmte Erzherzogin Sophie von der seligen Ruhe, die ihr tägliches Leben umgab, in ihren Briefen vor.

Heinrich (Wilhelm) Schlesinger (lithographer), Johann Höfelich (Printer), Anton Berka (publisher), „MARIA ANNA CAROLINA, Kaiserin von Oesterreich, Königin von Ungarn und Böhmen etc. etc. etc.“, around 1850, Sammlung Wien Museum, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/en/object/383804/)

Trotzdem tat es ihr mitunter mehr als gut, ihre Rolle als pflegende Ehefrau ab und an zu verlassen und sich abermals zu Kurzwecken in Richtung Italien zu verabschieden. Im Örtchen Stra, östlich von Padua gelegen, weilte Maria Anna durchaus luxuriös in der mit dem Oberen Belvedere vergleichbaren Villa Pisano – gesponsert von Kaiser Franz Joseph. Spaziergänge in der Umgebung, ebenso wie die von ihr favorisierten Salzbäder, belebten Körper und Geist. Ein wenig Extravaganz ließ sie sich dabei nicht nehmen: Da Stra nicht von Wasser umgeben ist, lieferte man das benötigte Salzwasser aus dem venezianischen Lido. In Stra wurde Maria Anna übrigens von Erzherzog Maximilian Ferdinand, dem späteren unglücklichen Kaiser von Mexiko, und dessen Frau Charlotte besucht – man verstand sich bestens, und Maria Anna war voll des Lobes für das junge Paar.

Das mittlerweile beliebte Reiseziel Abbazia (Opatija) im heutigen Kroatien war damals noch weniger bekannt, wurde aber, durch Maria Annas häufige Aufenthalte, zu einer beliebten touristischen Destination.

Als Maria Anna am 4. Mai 1884 um 14.10 Uhr auf der Prager Burg verstarb, hatte sie ihren Gatten um 9 Jahre überlebt und selbst das für damalige Zeiten stolze Alter von 80 Jahren erreicht. Während Ferdinand mit 82 Jahren an Entkräftung und Altersschwäche starb, war es im Falle seiner Gemahlin laut Totenprotokoll wohl eine Lungenentzündung, von der sie sich nicht mehr erholte. Maria Anna hatte die letzten einsamen Jahre im Kreise von aus ihrem Heimatland Italien stammenden geistlichen Beratern zugebracht; auf der Tagesordnung standen vorwiegend religiöse Übungen. Ab und an empfing sie Besucher aus ihrem engsten Verwandtenkreis. Nicht verwunderlich ist dann auch, dass ihr Testament aus dem Jahre 1874 religiöse Einrichtungen wie auch Verwandte mit großzügigen Legaten versah. Noch im Tod zeigte sie sich gegenüber ihrem Gemahl Ferdinand dankbar und entschuldigt sich für eventuelle Unannehmlichkeiten ihrerseits. Eine Apologie, die, aus der Feder der Maria Anna kommend, geradezu zum Schmunzeln einlädt, wenn man an die ihrem Gatten unermüdlich zur Seite stehende und ihn leise stützende ehemalige Kaiserin von Österreich und Königin von Böhmen denkt.

Literaturliste

Auf Wunsch versenden wir den Gesamttext samt Fußnoten per Mail an interessierte LeserInnen.

Gruber, Stephan: „Der regierungsunfähige Kaiser: Ferdinand I.“ In: Die Welt der Habsburger. Online: https://www.habsburger.net/de/kapitel/der-regierungsunfaehige-kaiser-ferdinand-i [04.12.2020].

„Kaiserin Maria Anna von Sardinien-Piemont.“ In: Die Kapuzinergruft. Online: https://kapuzinergruft.com/kaiserin-maria-anna-von-sardinien-piemont [21.12.2020].

Dr. Mikoletzky, Lorenz: „Ferdinand I.“ In: Die Habsburger. Hrsg. v. Brigitte Hamann. München 1988, S. 121-124.

Dr. Mikoletzky, Lorenz: „Karoline Auguste (Charlotta Augusta).“ In: Hamann 1988, S. 231.

Dr. Mikoletzky, Lorenz: „Maria Anna.“ In: Hamann 1988, S. 302-303.

Dr. Mikoletzky, Lorenz: „Maria Theresia, Kaiserin, zweite Gemahlin von Kaiser [ ] Franz II. (I.).“ In: Hamann 1988, S. 344-345.

Dr. Mikoletzky, Lorenz: „Maria Theresia, Königin von Sardinien-Piemont […].“ In: Hamann 1988, S. 345-346.

Mutschlechner, Martin: „Ferdinand: Ein „Betriebsunfall“ im Hause Habsburg.“ In: Die Welt der Habsburger. Online: https://www.habsburger.net/de/kapitel/ferdinand-ein-betriebsunfall-im-hause-habsburg [04.12.2020].

Weissensteiner, Friedrich: Die österreichischen Kaiserinnen. 1804-1918. 4. Auflage. München 2007.

 

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