Klingsors letzter Sommer

Für alte Leute ist es schön, vor dem warmen Ofen zu sitzen und zu träumen. Man streckt seine müden Glieder, die Gedanken beginnen zu wandern und man fühlt sich wieder jung und stark. Man denkt an früher, an all die Dinge, die vergangen sind, und fast vergisst man den Schmerz, dass sie bald, zusammen mit uns, verloren gehen.

Wenn es draußen kalt ist, wenn der eisige Wind an den Läden rüttelt und es stürmt und schneit, dann schweifen meine Gedanken unweigerlich ab und ich träume wieder vom Sommer.

Ich denke an den letzten Sommer, der erst vor ein paar Wochen zu Ende ging (Ist früher die Zeit auch so schnell verflogen? Wohin enteilt bloß die Zeit, wenn wir nicht hinsehen?).

Ich denke an all die Sommer, die vergangen sind. Schöne, kaum erinnerte und solche, die ich lieber vergessen würde. Und immer wieder kehren meine Gedanken zurück an einen Sommer, an diesen einen Sommer, der scheinbar einzigen Zeit, die heute noch zu zählen scheint.

Für mich wird es immer der Sommer Klingsors bleiben, ein Sommer voller Glimmer und Magie, ein Sommer im Schatten dieses Zauberers zwar, doch eine Zeit, also ich noch zu seinen Freunden zählte und mich selbst auf einer Morgenlandfahrt befand.

Wie jung ich damals doch war. Und wie wenig Besitz mein Leben beschwerte. Eine Gitarre, einige Kisten mit Büchern und ein altes Auto, um in die Berge zu gelangen.

Ansonsten war da nichts. Nur diese Hitze in mir und ein wilder Hunger auf all das, was man Leben nennt.

In jenen Tagen war die Welt noch in Ordnung. Ich war jung, voller Hoffnung, voll von Plänen und Träumen, und ich lebte tausend Leben an einem Tag.

Und das erste Mal in meinem Leben (und, wenn ich ehrlich bin, das einzige Mal) war ich wirklich frei.

Und genau in diesem Sommer fiel mir ein schmaler Band von Hermann Hesse in die Hände. Eine kurze Erzählung nur, die mir aber mehr vom Leben zeigte, als alle meine Lehrer und Erzieher bis zu diesem Tag.

Ich habe die Worte des alten Klingsor aufgesogen und ihn zu lieben gelernt. Ich ließ mich berauschen von der Schönheit dieses Buches, von den heißen Nächten, die er beschrieb, und dem Wahnsinn seines Verfalls.

Mehr dazu gibt es in meinem Buch „Literaturgeschichten“.

Ein Buch, das einen alternativen Weg zur Literatur aufzeigt, einen Weg der direkten Berührung durch Texte und der sehr persönlichen Reaktion darauf.

Ein Buch voll mit Geschichten, die sie forttragen werden in eine andere Welt, die sie berühren werden, zum Nachdenken bringen, ihnen ein Leben abseits des Gewöhnlichen zeigen und dadurch ihr Leben bereichern.

In meiner Ausgabe finden sich noch ein paar Notizen aus jener Zeit:

Nimm ein oder zwei Flaschen Wein, steck ein paar Zigaretten zu Dir und fahr hinaus an einen ruhigen Ort. Ein Berg, ein Hügel, ein kleiner Flecken Erde, auf jeden Fall eine Stelle, an dem Du in der Sonne liegen kannst, ohne dass Dich jemand stört.

Versuch, die Stille zu genießen, die Hitze auf Deiner Haut und das Flimmern der Luft über heißen Steinen. Horch auf das Summen der Fliegen, das Rauschen des Windes, riech den Staub, das trockene Gras und die leblose Natur.

Und dann, wenn Du merkst, dass Du der Welt, wenigstens für einen Augenblick, abhanden gekommen bist, dann nimm einen Schluck Wein und öffne Deine Augen für Klingsors Welt.

Das war die einzig wahre Art, sich diesem Buch zu nähern. Verborgen vor den Menschen und der Welt, einsam, nackt und ungesehen.

Sich verlierend in einer Erzählung, die so intensiv war, so voller Leben und Wahrheit, dass es beim Lesen in den Augen brannte.

Auf dem Umschlagsblatt befinden sich noch ein paar Worte. Ein paar Worte zu Klingsor, natürlich, aber mehr noch zu dem Menschen, der ich damals war:

Klingsor!

Klingsor, der Zauberer, der Verführer, der Freund Li Tai Pos, der Trinker, Maler, Dichter, der Suchende, der ein Leben führt, wie ein an allen Seiten brennendes Buch.

Klingsor, der malt, weint, durch die Welt läuft und spricht. Malt, träumt, sich das Herz aus dem Leibe reißt und dabei lacht. Die Frauen liebt, die Welt betrachtet, alles, alles zu sehen sucht, um es, mit letzter Kraft, auf die Leinwand zu bannen.

Und dabei brennt.

Und brennt.

Und brennt.

Bis er erlischt.

Zitate aus: Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer, Suhrkamp Taschenbuch 1985, Herausgeber: Volker Michels

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