Ludwig Ganghofer

 

von Stefan Havlik

Bayern als Gegenwelt – zum 100. Todestag Ludwig Ganghofers

Juli 1920: Ludwig Thoma, der bayerische Schriftsteller, in den Wirren nach dem Ende des ersten Weltkriegs selbst zum politischen Irrläufer geworden, längst publizistisch geifernd gegen die Republik, hält auf dem Friedhof in Rottach-Egern die Grabrede auf seinen plötzlich verstorbenen Freund, Ludwig Ganghofer. Das Grab gleich daneben sichert sich Thoma und nur ein Jahr später wird er tatsächlich dort bestattet.

Hohe Berge, dunkle Wälder: Die Vorstellungswelt des Ludwig Ganghofer ist seit Beginn seines literarischen Schaffens 1880 ein Gegenentwurf zum Deutschland der Industrialisierung und des Städtischen. Wie eine Eingebung hatte es ihn, den in der Literaturgeschichte Promovierten, bei einem Theaterbesuch in Berlin erreicht: „Das kann ich auch“, dachte der Förstersohn aus dem Allgäu angesichts der bayerisch-bäuerlichen Handlung auf der Bühne – und begann zu schreiben. Sein erstes Bühnenstück wurde im Gärtnerplatztheater in Bayerns Hauptstadt neunzehnmal gegeben, ein Vielfaches öfter in Berlin. Das „Wie“ seines literarischen Handwerks, nun war es ihm als Weg gegeben.

Ganghofer schreibt und schreibt. Bis zu vierzig Millionen Leser erreicht er mit seinen Romanen – die zwar von manchem zeitgenössischen Literaten spöttisch belächelt werden, aber offensichtlich die Sehnsucht vieler Menschen zum Buch werden lassen. Der unübersichtlichen, hektischen, fordernden Welt der Moderne setzt er entgegen, was so ganz anders ist: Das Leben im bayerischen Voralpenland, in den hohen Bergen, auf den Almen und Jagdhütten. Es bleibt stets die Welt der Fürsten, der Vermögenden, derer also, die sich „eine Jagd“ leisten können, mit Personal und geradezu luxuriösen Wohnsitzen. Die Sennerinnen und Jagdgehilfen, sie sind mal Objekt amouröser Begierden, mal Konkurrenten um manche Schönheit, aber sie bleiben Nebenrollen – der Leser darf den Mythos Bayern, mit „Kini“-Seligkeit und Lederhose, stets aus dem Blick derer erleben, die sich um ihren Lebensunterhalt nicht sorgen und dafür nicht mühevoll arbeiten müssen.

Das gefällt in Berlin – und das gefällt auch seiner Majestät, dem Kaiser: Ausgerechnet Preußens König kürt Ganghofer zu seinem Lieblingsschriftsteller, mehrmals begegnen sie sich. Wilhelm II. soll noch einen entscheidenden Einfluss auf Ganghofers letzte Lebensjahre haben.

Der unermüdliche Fleiß des Schriftstellers – „ohne Fleiss kein Preis“ lässt er in die Türen seines Schreibtisches schnitzen – legt die Grundlage für ein beträchtliches Vermögen. In Leutasch – unweit von Mittenwald – übernimmt der Jagdbegeisterte eines der größten Reviere Tirols. Kurz zuvor war er aus Wien zurückgekehrt, wo seine Werke ihm die Berufung zum Dramaturgen am Ringstraßen-Theater ermöglichten, wo er nicht zuletzt Johann Strauß, den Walzerkönig, traf: Der widmete, angetan vom oberbayerischen Erfolgsautor, der als Person selbst ganz und gar wie aus der von ihm geschaffenen Welt zwischen Gebirgsbach und Alpengipfel erschienen wirkte, Ganghofer gar eine Schnellpolka (op. 436), basierend auf dem Gedicht „Auf zum Tanze“. Die Legende lebte.

In Leutasch wird nun Hof gehalten: Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauß, Rainer Maria Rilke – sie erfreuen sich der Gastfreundschaft im stolzen Anwesen, mit Bergblick und Tennisplatz. Ganghofer mag in seinen Inszenierungen Parallelen zum Märchenkönig Ludwig II. zeigen, die abgeschiedene, menschenferne Einsamkeit des Monarchen sucht er nie. Das Gemälde „Schweigen im Walde“ inspiriert indes zu einem seiner größten Erfolge: Ursprünglich Ikone, wird die Gottesmutter Maria, auf einem Einhorn durch den Wald reitend, immer wieder von Malern dargestellt, für Ganghofer wird daraus die begehrenswerte Lolo; der Vermögende erreicht im Roman das Herz der jungen Frau und beide können sich ins Hochgebirge retten, um dem Waldbrand – vom bösen Widersacher gelegt – zu entkommen. Der Reiche, der Fürst, der Erfolgsmensch aus der Stadt, er findet in Ganghofers Alpenwelt stets die Erfüllung seiner Sehnsüchte und aus der mitgebrachten Melancholie wird Herzensglück mit einer jungen Dame, die es zu verteidigen gelingt, wenn auch dramatisch; das ist und bleibt Ganghofers Erfolgsrezept, das wollen die Menschen zwischen Rhein und Spree lesen, immer und immer wieder.

Am 1. August 1914 überrascht ihn der Kriegsausbruch. In der Konsequenz seines (Selbst-)Bildes vom starken, tapferen Mann meldet er sich unmittelbar zu den Waffen. Einen 59jährigen lehnt die Armee ab; nun ist es seine Verbindung zum Kaiser selbst, die ihn als Kriegsberichterstatter an West- und Ostfront ziehen lässt. Dabei erweist sich, dass er von Mythos und Romantik selbst in der Brutalität des ersten modernen Krieges der Geschichte nicht lassen will: Als im Westen ein französisches Lazarett eingenommen wird, schreibt er von den Vielen, denen – von Artillerieangriffen zerfetzt – Arme und Beine fehlten – Mitleid für die Franzosen, so Ganghofer, empfand er nicht. An der Ostfront wird er selbst Opfer eines Granatenangriffs, nur eine mehrstündige Operation kann sein Augenlicht retten. Das Schreien der Schwerverletzten ist ihm dann eine Art Gottesdienst, das Läuten ferner Kirchenglocken scheint ihm wie eine Komposition zum Schmerzensgebrüll der Leidenden. Durchhalten, weiter durchhalten, müssten die Soldaten, zum Sieg gebe es keine Alternative, da ist er sich mit seinem Freund Ludwig Thoma einig.

Anders als Thoma verzichtet Ganghofer allerdings in Zeiten des Bürgerkriegs nach der Abdankung des Kaisers auf öffentliche Äußerungen zur politischen Lage. Die letzten Monate seines Lebens verbringt er am Tegernsee, seine Tochter findet ihn am 24. Juli 1920 tot in dem Haus, von dem aus See und Berge wiederum nahe waren.

Mit seinem Tod endet Ganghofers Wirkung noch lange nicht: Nachdem bereits zu seinen Lebzeiten zehn Stummfilme nach seinen Vorlagen produziert wurden, ist es Peter Ostermayr, dessen Filmkonzern 1919 am Münchner Geiselgasteig zu produzieren begann , der, mit Geschäftssinn ausgestattet, die Familie ermuntert, aus den Romanen des Schriftstellers Leinwandstreifen werden zu lassen: Und so wird die Welt der bayerischen Alpen Stoff zahlreicher Filme. Wiederum trifft es das Interesse des Publikums: In der jungen Republik, in wirtschaftlichen Nöten wollen die Menschen die Geschichten der Jäger, Fürsten und Sennerinnen, der Berggipfel und Almen, sehen. Nachdem drittes Reich und zweiter Weltkrieg auch Bayern zerstört hatten, leben Ganghofers Geschichten sogar noch einmal auf: Die Heimatfilme der 50er Jahre lassen die Menschen, bereits Jahrzehnte nach Ganghofers Tod, Nazi-Herrschaft und erneute Niederlage vergessen.

„Wald und freie Bergluft haben mich zur Furchtlosigkeit erzogen, zu gläubiger Lebensfreude, zu dankbarem Staunen vor aller Schönheit…“ formuliert Ganghofer einmal. Der Mythos Bayern, die Gegenwelt zu Verstädterung, urbaner Schnelllebigkeit und Entfernung von dem, was Ganghofer als Natur begriff, er lebt bis heute und erfasst die Sehnsucht derer, die noch gerne im 19. Jahrhundert weiterleben würden: Als Jäger und Sennerin, auf Almwiese und im Gebirg´.

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