Maria-Theresia-Kaffee
Maria Theresia war eine der prägendsten Gestalten der europäischen Geschichte. Obwohl sie selbst nie Kaiserin war und nur ihr Ehemann diesen Titel trug, lebt sie im Gedächtnis vieler Österreicher als die »mütterliche Kaiserin« weiter, was unter anderem der von ihr veranlassten Einführung der allgemeinen Schulpflicht zu verdanken ist. Aber sie erwarb sich auch nachhaltigen Ruhm durch viele weitere Erneuerungen, etwa durch eine kluge Verfassungsreform oder ihre Unterstützung der Wirtschaft, die großen Teilen der Bevölkerung zugutekamen.
Ein weiterer Name, den sie sich redlich verdient hatte, war die Bezeichnung »Schwiegermutter Europas«. Denn durch ihre geschickte Heiratspolitik baute sie für die Monarchie wichtige Verbindungen zu anderen europäischen Herrscherhäusern auf, so zum Herzogtum Parma oder zu den Königreichen Neapel und Frankreich. Dabei war die Verbindung ihrer Tochter Marie-Antoinette mit dem französischen Dauphin Ludwig XVI. sicher die folgenreichste von allen, setzte sie doch einen Schlusspunkt unter die jahrhundertealte »Erbfeindschaft« zwischen dem französischen Reich und dem Reich der Habsburger.
Wie bei allen großen Persönlichkeiten ranken sich auch um ihr Leben zahlreiche Geschichten und Anekdoten. Am bekanntesten ist sicher der Auftritt des kleinen Mozarts am Hof in Wien: »Wolferl ist der Kaiserin auf den Schoß gesprungen, hat sie um den Hals bekommen und rechtschaffen abgeküsst. Kurz, wir waren von drei Uhr bis sechs Uhr bei ihr gewesen […]«, berichtete Leopold Mozart in einem Brief an seine Freunde in Salzburg Auch ihr unkompliziertes Wesen und ihre Freimütigkeit sind uns Österreichern im Gedächtnis geblieben und entsprangen ihrem Gefühl, zu natürlich zu sein, um sich in das enge Korsett des Hofes zu zwängen. Bezeichnend dafür ist etwa, wie sie 1768 im Nachthemd durch die Gänge der Hofburg direkt in eine Vorstellung des Burgtheaters stürmte, sich über das Geländer beugte und ins Parkett hinabrief: »Der Poldl hat an Buam kriagt und grad zu Bindband auf mein Hochzeitstag – is der galant!«1 Wobei »Poldl« ihr Spitzname für den späteren Kaiser Leopold II. war.
Als typische Österreicherin liebte sie auch, gut zu essen und zu trinken, weshalb sie in späteren Jahren (besonders nach dem Tod ihres geliebten Gemahls) zur Korpulenz neigte. Damit wollte sie sich jedoch nicht abfinden, und so befahl sie ihrem Leibarzt Gerard van Swieten, dass er etwas dagegen tun sollte – ohne sich dann jedoch an seine Empfehlungen zu halten: »Auf ihren Leibarzt hielt Maria Theresia zwar große Stücke, seine Ratschläge befolgte sie aber nicht immer. Sie war eine Freundin reichlicher […] Mahlzeiten und nahm ihre Speisen sehr hastig zu sich. Van Swietens Warnungen, wie gesundheitsschädlich diese Art des Essens sei, wurden nicht beachtet. Bis es dem Medikus bei einer festlichen Tafel zu bunt wurde. Er ließ von einem Lakaien einen Kübel bringen, warf von allen Speisen eine Portion hinein, goß Bier, Wein, Likör und Kaffee darüber und präsentierte das wenig appetitliche Gemisch der genüßlich tafelnden Kaiserin: ›So sieht es jetzt dann im Magen Eurer Majestät aus – gesegnete Mahlzeit!‹«2 Ob es etwas genützt hat? Vielleicht für kurze Zeit, aber Gemälde aus ihren späteren Jahren erzählen eine andere Geschichte.
Aber abgesehen davon war sie mehr als bereit, sich auf ihre Berater zu verlassen und sich an deren Ratschläge zu halten. So wurde etwa der Stundenplan, den Graf Tarouca für die junge Herrscherin aufgestellt hatte, auch in späteren Jahren genau eingehalten: Er erlaubte der Herrscherin »nach dem Aufstehen eine Stunde für Gebet, Kaffee und Morgenmesse, dann eine halbe Stunde für die Morgentoilette.« Wichtig war, dass pünktlich das Mittagessen gereicht wurde. »Nach dem Essen«, für das eine Stunde veranschlagt war, »sollte sie bis halb drei Zeit haben für eine zweite Tasse heißen Kaffee und etwas Ruhe in ihrem Schlafzimmer.«3 Mich persönlich freut es, dass hier explizit eine zweite Tasse Kaffee erwähnt wird und, wie es sich für eine echte Wienerin gehört, dafür auch genügend Zeit eingeplant war.
Etwas, das mir auch den Menschen hinter der Figur der Kaiserin näherbrachte und sie mir sympathisch macht, habe ich bei meinen Recherchen gefunden. Im Wiener Staatsarchiv befindet sich ein Bericht des Hofkriegsrats an Maria Theresia vom 22. Februar 1771, den die Kaiserin während einer Kaffeepause gelesen haben dürfte, denn auf dem Papier finden sich ein unschöner Kaffeefleck und eine eigenhändig geschriebene Entschuldigung: »Schäme mich das ein Kanne caffé darüber geworffen«4. Doch glaube ich persönlich nicht, dass sie sich wirklich dafür geschämt hat. Vielmehr dürfte dahinter der Wunsch gestanden sein, dass nicht einer ihrer Diener dafür geradestehen musste. Welch schöner Zug dieser großen Frau!
Natürlich haben wir Österreicher auch dieser Herrscherin einen Kaffee gewidmet, der ganz im Sinne ihrer Lebenskraft und Lebendigkeit etwas üppiger als andere Rezepte in diesem Buch ausfällt:
Für die Zubereitung nimmt man einen doppelten Espresso und mischt ihn mit etwas warmer Milch und Rohrzucker. Dann füllt man etwa 20 ml Orangenlikör in ein Stielglas und gießt mit dem Espresso auf. Anschließend gibt man noch eine große Haube aus Schlagobers darauf und garniert das Ganze nach Belieben mit Schokoladesplittern (am besten Orange-Zartbitter).
Fertig ist der Maria-Theresia-Kaffee!
Fußnoten
1 Herm, Gerhard: Glanz und Niedergang des Hauses Habsburg. Berlin 1993.
2 Bankl, Hans: Die kranken Habsburger. München 2001.
3 Stollber-Rilinger, Barbara: Maria Theresia: Die Kaiserin ihrer Zeit. München 2018.
4 Aus einem Beitrag des Österreichischen Staatsarchivs auf Twitter: » Eine Nicht-Restaurierung als Gewinn: Maria Theresia verschüttete 1771 über eine Akte des Hofkriegsrates eine Kanne Kaffee.«
