Mechtilde Lichnowsky

von Sylvia Zeller

»Ausserdem kann sie schreiben. Und denken. Und sehen. Kurz: keine Frau.«

Kurt Tucholsky über das Erstlingswerk von Mechtilde Lichnowsky, der nun endlich eine Werkausgabe gewidmet wurde, versehen mit einem Essay von Eva Menasse

In diesem Sommer habe ich eine Schriftstellerin wiederentdeckt und tauche tief hinein in ihre Welt. Denn der Zsolnay Verlag in Wien hat dankenswerterweise vor wenigen Monaten eine wunderschöne, vierbändige Werkausgabe herausgebracht und versammelt darin einige der wichtigsten Stücke von Mechtilde Lichnowsky, deren Bücher zuletzt kaum mehr greifbar waren, allenfalls noch antiquarisch.

Die Autorin: hochbegabt, hochgebildet, kosmopolitisch, eine große, elegante Stilistin und heitere Satirikerin, geistreich und bodenständig zugleich, und doch auch wieder zu Unrecht vergessen, wie so viele schreibende Frauen, verblasst hinter manch einem »großen« Dichter, mit dem sie befreundet war und den sie finanziell unterstützen durfte,  z.B. Rainer Maria Rilke und Johannes R. Becher.

Habe ich nicht ein Buch von ihr im Fundus? Natürlich, An der Leine! Nur, wo mag es sein? Obwohl wir laufend Bücher ausmustern, eine nicht enden wollende Geschichte, stehen meine noch immer kunterbunt, ungeordnet, zwei- und dreireihig hintereinander, durcheinander… weggegeben habe ich Madame bestimmt nicht, aber das schmale Bändchen zu finden, erscheint mir als ein Ding der Unmöglichkeit, und das Suchen von Büchern macht mich, gelinde gesagt, nervös. Was nützt mir eigentlich diese ganze Bibliothek, wenn ich im Fall des Falles nur am Suchen bin? Glücklicherweise habe ich einen Finder an meiner Seite, und dieser kommt keine fünf Minuten nach meinem Verzweiflungsschrei triumphierend mit dem Büchlein um die Ecke, das er offenbar mit schlafwandlerischer Sicherheit aus dem Chaos gefischt hat. Ihm sei Lob, Preis und Dank!

Mechtilde Fürstin Lichnowsky, Spezialaufnahme 1912; Public Domain, Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mechtilde_F%C3%BCrstin_Lichnowsky,_Spezialaufnahme_1912.jpg

Ich tauche also ein in die Hundegeschichten der Erzählerin, die adeliger Herkunft war, genauer gesagt eine Urenkelin der Kaiserin Maria Theresia und 1879 geboren wurde als Mechtilde Christiane Marie Gräfin von und zu Arco-Zinneberg auf Schloẞ Schönburg in Niederbayern.

An der Leine ist 1930 erschienen, die Erstausgabe ziert, kongenial, eine Dackel-Zeichnung der wundervollen Renée Sintenis. Das Buch kreist um Dieses und Jenes, um Alltägliches und Hochphilosophisches, um Sprache und Mitmenschen, zuallererst jedoch eben um das Verhältnis von Mensch und Hund, Hund und Mensch, und selbstredend um ihren Dachshund Lurch, der außer auf diesen Namen noch auf 22 weitere hört (die sorgfältig am Ende des Bändchens aufgeführt werden) – jedenfalls meistens. Ob dabei der Dackel oder das Frauchen den Ton angibt oder wer überhaupt hier an welcher Leine spazieren geführt wird, bleibt letztlich ungeklärt.


Fürstin Mechtilde Lichnowsky mit ihren Kindern bei einem Gartenfest, 1913, Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F%C3%BCrstin_Mechtilde_Lichnowsky_mit_ihren_Kindern_bei_einem_Gartenfest,_1913.jpg

Das autobiographische Bändchen bietet eine ganz entzückende, kurzweilige Lektüre. Es findet sich etwa eine lebhafte Reflexion über die eminent wichtige Frage, auf welche Weise jemand sein Frühstücksei zum Zwecke des Verzehrs öffnet – aus den sich daran anknüpfenden Fragen entwickelt M.L. ihre höchst eigenen philosophischen Überlegungen. Sprachlust und Sprachkritik prägen ihr Schreiben und ihre Ablehnung des Nationalsozialismus hat sie später mit dem Buch Worte über Wörter als Widerstand gegen eine barbarische Sprache formuliert, die sich bis zur Unkenntlichkeit vom Sprechenden gelöst hat.

Von Mechtilde Lichnowsky zu lernen, heißt vor allem, zu lernen, wie umfassende Bildung produktiv gelebt werden kann, ja, sogar kreativer Treibstoff wird für eine fröhliche und zugleich tiefsinnige Lebenskunst, der man sich beim Lesen gar nicht entziehen kann und auch nicht entziehen mag. Mit dem Geist einer Colette oder einer Victoria Sackville-West möchte sie ein Rezensent auf eine Stufe stellen; mich erinnern ihre autobiographischen Kleinode à la  An der Leine eher an die Werke der britisch-deutschen, ähnlich weltläufigen Schriftstellerin Elizabeth von Arnim, vor allem in der Erzählhaltung, die sich aus feinem Witz, Heiterkeit und Ironie zu gleichen Teilen speist. Eine Souveränität, die gleichermaßen stark und fragil erscheint,  als subtiler Ausdruck einer bunten und reichen Innenwelt.

Zweifelsohne ist Lichnowsky bereits als junge Frau auch von der englischen Kultur und Geistesgeschichte geprägt worden, war sie doch 1912-1914 in London, wo sich ihr erster Mann, Karl Max Fürst Lichnowsky,  als Botschafter Deutschlands in London vergeblich bemühte, den Ersten Weltkrieg zu verhindern – ein berühmt gewordenes Telegramm gibt uns Zeugnis davon und drückt die Bitte des Absenders aus, dem deutschen Volk »einen Kampf zu ersparen, bei dem es nichts zu gewinnen und alles zu verlieren hat.« Überflüssig zu erwähnen, dass er sich damit alles andere als beliebt gemacht hat.

Später, während der NS-Zeit weigerte sich Mechthilde Lichnowsky, der Reichsschrifttumskammer beizutreten und verzichtete ab 1936 vorerst auf neue Publikationen, nachdem ihr Verleger S.Fischer enteignet worden war. Nachdem ihr 1939 bei einem Besuch in Deutschland als nunmehr englische Staatsbürgerin -sie hatte ihre Jugendliebe, den britischen Major Ralph Harding Peto, zufällig  wiedergetroffen und dann 1937 geheiratet- die Ausreise verwehrt wurde, schrieb sie das bereits erwähnte stilkritische Werk Worte über Wörter und eine weitere Abrechnung mit dem NS-Staat, Gespräche in Sybaris; beide Bücher erschienen aus naheliegendem Grund erst nach dem Krieg. Mechtilde Lichnowsky lebte von 1946 bis zu ihrem Lebensende dann wieder in London, wo sie 1958 verstarb.

Mechtilde Lichnowsky mit ihren Kindern, 1912; Public Domain, Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mechtilde_Lichnowsky_mit_ihren_Kindern,_1912.jpg

Doch zurück zur Entstehungszeit von An der Leine. Nach dem Ersten Weltkrieg lebt die Familie Lichnowsky abwechselnd in München, Berlin und Tschechien und ihre Wohnsitze waren stets auch Treffpunkte für Künstler und Intelligenz. Die erzählte Zeit des Buches datiert von Mai 1926 bis Oktober 1929. Die Liebe der Autorin zu Tieren, der so gar nichts Kitschiges anhaftet, zieht sich durch die Seiten und die verschiedenen Aufenthaltsorte. Zunächst das böhmische Karlsbad, wo sie sich offenbar zu Kurzwecken aufhält. Dann London, verbunden mit einer großartigen Liebeserklärung an die britische Metropole und ihre Menschen, deren Einstellung ihr »bei weitem die symathischste ist.« Schließlich  Wien, Südfrankreich, zwischendurch immer wieder Berliner Tiergartenviertel – stets  sind Lurch und die Geschichten von früheren Hunden und anderen, ihr nahestehenden Tieren, mit im Gepäck.

1928 stirbt ihr Mann, auch dieses Ereignis findet Erwähnung im Buch, und verbindet sich mit dem roten Faden der philosophischen Fragen, die die Autorin beschäftigten, insbesondere Reflexionen und eine kritische Auseinandersetzung zu den Themen »Eifersucht« und »Die kleine Frau«, zwei Konzepten bzw. Lebensformen, denen sie wohlbegründete Absagen erteilt. Nein, eine kleine Frau war die Autorin mit ihren 1,71 m bestimmt nicht, und die sogenannte Eifersucht war ihr wohl einfach zu blöd.

Bisher war Mechtilde Lichnowsky vor allem durch ihre Lebensfreundschaft zu Karl Kraus bekannt und den Briefwechsel mit ihm, doch es wird endlich Zeit, diese besondere Schriftstellerin, die übrigens auch musikalisch und zeichnerisch begabt war, zu entdecken, zu lesen und dabei tief einzutauchen in die Welt dieser witzigen, geistreichen und humorvollen Autorin.

Und ich brauche dringend mehr Ordnung im Bücherregal mitsamt einem schönen Platz für die Werkausgabe der »verehrten Fürstin« (Karl Kraus).

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