Eine trauernde Mutter
von Anja Weinberger
(Dieser Text stammt aus dem Buch Kalendergeschichten, erschienen 2023 im Leiermann-Verlag. Es ist die Kulturgeschichte zum 6. August.)
Am 6. August 1499 starb in Rom der französische Geistliche und Botschafter Jean Bilhères de Lagraulas und wurde in Santa Petronilla unter einem eigens für ihn erstellten Grabmal beerdigt. In seinem erfüllten Leben war er zunächst Abt der berühmten Abtei Saint Denis in Paris, Botschafter erst in Spanien, dann in Deutschland und wurde schließlich in Rom unter Papst Alexander VI. zum Kardinal ernannt. Ihm wurde die Titelkirche Santa Sabina zugewiesen, die auch schon damals für das außergewöhnlich schöne Holzportal bekannt war, auf dessen äußerer Seite man die allererste Darstellung eines Gekreuzigten aus den Jahren um 430 bestaunen kann.
Und nun beginnt unsere Geschichte. Denn Jean Bilhères de Lagraulas beauftragte den jungen Michelangelo Buonarroti mit der Herstellung seines Grabmonuments. Im Fall des Falles sollte dieses dann in der Kirche Santa Petronilla aufgestellt werden, die sich an der südlichen Außenseite von Alt-Sankt-Peter in Rom befand.
Michelangelo war bereits 1496 auf Einladung Kardinals Raffaele Riario in Rom angekommen und stand mit damals 22 Jahren gerade am Anfang seiner großen Karriere. 1497 begann er mit ersten Skizzen zum Grabmal und im Frühjahr des folgenden Jahres wählte er im Steinbruch von Carrarra einen passenden Marmorblock aus. Der junge Bildhauer überwachte mit Argusaugen den Transport des riesigen Steinklotzes und begann zeitnah mit der Arbeit am neuen Kunstwerk, das dann auch genau zur richtigen Zeit fertig wurde, um das Grab des Kardinals zu schmücken.
Entstanden war die weltberühmte Pietà, das Abbild der trauernden Maria, den eben vom Kreuz abgenommenen Sohn auf dem Schoß haltend.
Nur wenige Jahre später, 1503, wurde mit dem kostenintensiven, monumentalen Neubau des Petersdomes begonnen. Dafür wurde Alt-Sankt-Peter von der Westseite aus abgetragen, auch Santa Petronilla fiel dem Bauwahn des Papstes Julius II. zum Opfer. So zog die Pietà zum ersten Mal um, ein bisschen weiter nach Osten in der alten Kirche, bis sie schließlich 1749, nach einigen weiteren Ortswechseln, ihren jetzigen Standort einnehmen konnte, gleich am Eingang des Petersdomes auf der rechten Seite.
Michelangelos Darstellung der trauernden Mutter ist die einzige seiner Statuen, die er signierte. Auf dem schmalen Band, das über dem Gewand Mariens verläuft, können wir sinngemäß lesen: Michelangelo Buonarotti aus Florenz hat dies angefertigt. Spätere Kunstwerke hat der Künstler nicht mehr signiert; er war so berühmt, dass das nicht nötig war.
Kurz nach der Fertigstellung seiner Pietà verließ Michelangelo Rom und kehrte in seine Heimatstadt Florenz zurück. Einige Jahre später wird er wieder nach Rom gerufen, und auch diesmal geht es um ein Grabmonument. Papst Julius II. selbst möchte den großen Michelangelo engagieren. Aber das ist eine andere Geschichte …