Muckefuck
Mucke-fuck
von Thomas Stiegler
Bis vor gar nicht so langer Zeit war Kaffee noch ein Luxusgut, das nur an besonderen Festtagen auf den Tisch kam.
Den Rest des Jahres trank man Wasser, dünnes Bier oder auch warme Milch, und wenn es einmal ein Kaffee sein sollte, dann musste man sich mit einem sogenannten »Muckefuck« begnügen, der vielen noch unter der Bezeichnung »Blümchenkaffee« bekannt sein dürfte – wobei das, wie wir noch sehen werden, ganz und gar nicht dasselbe ist. Wenn man sich allerdings auf die Suche macht, um herauszufinden, was ein wirklicher Muckefuck ist und woher diese Bezeichnung stammt, dann stößt man bald auf eine Mauer aus Unwissen und Halbwahrheiten und muss sich erst durch einen wahren Berg an Quellenmaterial graben, um eine halbwegs vernünftige Antwort zu erhalten. Aber ich glaube, ich habe schließlich doch ein paar interessante Dinge erfahren, und daher erzähle ich jetzt ein wenig darüber, was es mit diesem »Kaffee« auf sich hat.
Das Wort »Muckefuck« wird meist als Überbegriff für einen Ersatzkaffee gebraucht, der nicht aus Kaffeebohnen, sondern aus anderen Lebensmitteln gewonnen wird. Vor 100 Jahren wurde dafür meist Gerste verwendet, wobei die Gerstenkörner in einer Pfanne geröstet und, sobald sie völlig trocken waren, fein gemahlen wurden. Anschließend wurde das Ganze in Wasser gekocht, eine Zeit lang stehen gelassen und schließlich abgeseiht. Von diesem schwachen Gebräu stammt übrigens auch die Bezeichnung »Blümchenkaffee«, denn ohne Milch war dieser sogenannte ›Kaffee‹ so dünn, dass man die Blümchen am Boden der Tasse sehen konnte.
Aber Gerste war natürlich nicht das einzige Lebensmittel, das man verwenden konnte. Während des Zweiten Weltkriegs etwa war man gezwungen, den Ersatzkaffee aus allem Möglichem herzustellen, von Löwenzahn Dattelkernen, Eicheln oder Spargel bis hin zu Maiskörnern, Kartoffeln und den verschiedensten Getreidesorten. Aus all dem konnte ein Ersatz- bzw. Blümchenkaffee hergestellt werden – aber trotz allem war das noch lange kein Muckefuck! Denn als Muckefuck wird allein der Kaffee aus der Zichorienwurzel bezeichnet, und nur dieser wird als vollwertiger Kaffeeersatz anerkannt. Wieso das so ist, lässt sich leicht erklären: Durch seine bittere Note erinnert der Geschmack entfernt an den eines echten Kaffees und zugleich wird ihm eine (wenn auch sehr leichte) aufputschende Wirkung nachgesagt.
Dass man überhaupt auf die Idee kam, eine Spezialität wie den Kaffee zu ersetzen oder mit billigeren Zutaten zu strecken, ist leicht nachvollziehbar, denn, wie schon erwähnt, war Kaffee über Jahrhunderte hinweg ein Luxusgut, das sich nur wenige Menschen regelmäßig leisten konnten, und so griff man auf alle möglichen Alternativen zurück. Die Ersten, die darin einen Vorteil für ihr Geschäft erkannten, waren übrigens holländische Händler, die anscheinend schon sehr früh damit begannen, ihren Kaffee mit den verschiedensten Ersatzstoffen zu mischen, um ihn so nach Belieben etwas billiger oder teurer anbieten zu können. Kommen wir aber zurück zu der Frage, wie der Muckefuck, beziehungsweise der Zichorienkaffee, entstanden ist. Und dazu gibt es eine schöne Geschichte:
Ende des 17. Jahrhunderts[1] widerrief der französische König Ludwig XIV. das Edikt von Nantes, was hunderttausende Hugenotten[2] zu einer Flucht aus Frankreich veranlasste. Ziel waren meist ihre Glaubensbrüder in den Niederlanden oder in der Schweiz, aber viele von ihnen kamen auch nach Preußen. Dort ging Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg sogar so weit, dass er das Edikt von Potsdam erließ, was den Hugenotten nicht nur einen sicheren Ort, sondern auch großzügige Privilegien wie etwa die Befreiung von Steuern und Zöllen zusicherte. So flüchteten im Laufe weniger Jahre immer mehr Hugenotten in sein Land und stellten um 1700 bereits ein Fünftel der Berliner Bevölkerung. Dabei waren die Ankömmlinge meist hochwillkommen, da sie wichtige Fertigkeiten im Handwerk, Gewerbe und auch in einfachen Berufen mitbrachten. Einige von ihnen, die als Gärtner beschäftigt waren, sollen den Berlinern angeblich auch beigebracht haben, wie man die Wurzeln der Zichorie röstet, mahlt und aufgießt, um dem dünnen Bohnenkaffee, der hier serviert wurde, wenigstens etwas Farbe zu verleihen. Dieses Getränk aber hieß bei den Franzosen »mocca faux« (falscher Mokka), was die Berliner Schnauze bald zu »Muckefuck« verballhornte. Diese Geschichte ist allerdings viel zu schön, um wahr zu sein, denn den Ausdruck »mocca faux« findet man im Französischen nicht (sogar die Schreibweise scheint falsch zu sein, denn der französische Mokka schreibt sich »moka« und nicht »mocca«), und so müssen wir hier von einer romantisch verbrämten Erzählung ausgehen.
Hilfreicher bei der Suche nach den Wurzeln des Wortes ist da schon der Duden, dem zufolge das Wort aus dem Rheinland stammt und die umgangssprachliche Bezeichnung für einen dünnen Kaffee ist. Hergeleitet wird es übrigens aus den rheinischen Wörtern »Mucken« für den braunen Holzmulm[3] und »fuck« für faul, weswegen sich hier anscheinend die Bezeichnung »fauliger Holzmulm« als wenig schmeichelhafte Bezeichnung für einen fade schmeckenden Ersatzkaffee einbürgerte.
Bis der Muckefuck allerdings auch in den Stuben der gutbürgerlichen Gesellschaft heimisch wurde, sollten noch fast hundert Jahre vergehen. Ausschlaggebend dafür war Friedrich II., der – notorisch unter Geldmangel leidend und immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen – mit einer drastischen Erhöhung der Kaffeesteuer die Berliner quasi dazu zwang, sich nach einer günstigeren Alternative zu ihrem geliebten Kaffee umzusehen. Und diese verfielen dabei zunehmend auf den Geschmack des Muckefucks.
Das sollte findigen Geschäftsleuten nicht verborgen bleiben, und so suchten um 1770 der Major Christian von Heine und der Wirt Christian Gottlieb Förster um eine Konzession für den Betrieb einer Zichorien-Fabrik in Berlin an, was von Friedrich und seinen Beratern nach Kräften unterstützt wurde. Denn im Gegensatz zum Bohnenkaffee, bei dem die Holländer den Großteil des Gewinns einstrichen, flossen beim sogenannten »Preußenkaffee« alle Steuern direkt in die eigene Staatskasse. So kam es, dass es in Preußen bereits um 1797 neunzehn Fabriken für diesen Kaffeeersatz gab und Braunschweig zu einem Zentrum der Zichorienkaffee-Produktion avancierte. Auch in Frankreich sollte dieser Ersatzkaffee, der dort übrigens »Café du Continent« hieß, noch äußerst beliebt werden, vor allem, als in Folge der Napoleonischen Kontinentalsperre zwischen 1806 und 1812 kein echter Bohnenkaffee mehr ins Land gelangen konnte.
In den nächsten 200 Jahren sollten übrigens noch viele verschiedene Ersatzkaffees auf den Markt kommen, so etwa der geröstete Feigenkaffee, der »Gesundheits-Kaffee« des Köthener Wunderheilers Arthur Lutze oder auch »Linde’s Kaffee-Ersatz-Mischung«, bis durch den wirtschaftlichen Aufschwung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Kaffee für alle erschwinglich wurde und wir mittlerweile wohl fast vergessen haben, was ein Muckefuck und ein Blümchenkaffee eigentlich sind.
Übrigens hat der Blümchenkaffee auch eine lange Geschichte in der Gesundheitsfürsorge. Denn lange Zeit galt Kaffee als »Teufelsgebräu« und daher als ungesund, wohingegen man dem Ersatzkaffee zahlreiche gute Eigenschaften zuschrieb wie etwa, nervenstärkend zu wirken. So wurden schließlich immer neue Pflanzen zu sogenannten »Damen- oder Gesundheitskaffees« verarbeitet (etwa Eicheln, Kakaoschalen, Lupinen, Klebkraut oder Vogelbeeren) und versucht, die Menschen von dieser Alternative zum Bohnenkaffee zu überzeugen. Als es aber trotz aller Mühen nicht gelang, der Bevölkerung den Kaffeekonsum aus Gesundheitsgründen zu verleiden, wechselte man kurzerhand das Spielfeld und wollte den Ersatzkaffee wenigstens dazu verwenden, die einfachen Menschen vom Alkoholtrinken abzuhalten. Man gründete sogenannte »Volkskaffeehallen« und glaubte damit, eine gesunde Alternative zu Gasthäusern und Biergärten zu bieten. Da dort jedoch kein echter Kaffee, sondern nur »Ersatz« ausgeschenkt wurde, hoffte man vergeblich – die »Branntweinseuche« grassierte ungehindert weiter.
Die Ironie der ganzen Geschichte ist, dass der verteufelte Alkohol schließlich nicht vom Ersatzkaffee zurückgedrängt wurde, sondern vom »echten« Kaffee. Denn eine der Eigenschaften von Koffein ist, dass es die Stimmung hebt, ohne dabei betrunken zu machen. Somit konnte der Kaffee als echte Alternative zum Alkohol dienen. Wir sehen – ein wichtiger sozialer Fortschritt, der auf jeden Fall früher eingetreten wäre, hätte man den unteren Schichten statt Ermahnungen und Muckefuck lieber eine Tasse echten Bohnenkaffees serviert!


