Pan

 

von Georg Rode

Es war eine unerwartete Begegnung für mich, eine Offenbarung, noch relativ früh in meinem Leben mit der Kunst, beim Schlendern durch die Neue Pinakothek in München.

Es geht um ein Werk des Schweizers Arnold Böcklin, der, wie viele andere, in Italien Lebens- und Arbeitsbedingungen vorfand, die er denen im Norden vorzog. Man nannte diese Gruppe Deutschrömer Sie suchten parallel zu den französischen Impressionisten, aber ohne deren Gruppendynamik und mit vergleichbar mäßigem Erfolg nach neuen Wegen in der Kunst. Immerhin wurde Böcklin von einigen Surrealisten später als Vorläufer angesehen.

Eine Figur befindet sich im Zentrum des Bildes. Sie sitzt im Schilf, wächst scheinbar aus der Landschaft heraus wie ihre Personifizierung. Sie stellt den Hirtengott Pan dar, der mit Hörnern, Ziegenfüßen und Bart auf die Welt kam. Wir sehen hier ein Wesen aus einer anderen Welt, gemalt mit den Kontrasten von Lichtflecken im Schatten, die, wie bei Liebermann, die feuchte Kühle des Schattens unter den von der Sonne beschienen Bäumen spürbar werden lassen. Hier eben Schilf. Eine bildgewordene Vision, die aus der Landschaft in der Mittagshitze entstanden sein kann. Mit ein paar Fröschen als Publikum findet auch eine ironische Distanzierung aus der Neuzeit einen Ausdruck.

Arnold Böcklin, Pan im Schilf, 1858, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek, München, URL: https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/8eGVjNgGWQ , ©CC BY-SA 4.0

Pan, der ewige Lüstling, verfolgte eine Nymphe, die im letzten Moment in Schilfrohr verwandelt wurde, so erzählt es Ovid. Und der enttäuschte Liebhaber wird ein Beispiel für Freuds Theorie der Sublimierung, für die Umwandlung sexueller Energie in gesellschaftlich anerkannte Kultur oder auch gesellschaftlich weniger anerkannte Kunst. Er fügt die Schilfrohre zusammen zu einem Instrument, der nach ihm benannten Panflöte und musiziert. Antike, Neuzeit, Impressionismus, Psychoanalyse, eine Explosion an Bedeutungen und Verweisen, gemalt mit der ruhigen Sicherheit einer Kunstfertigkeit, die sich gerade auf schattigem Waldboden entspannt.

Arnold Böcklin, Pan im Schilf, 1857, Kunstmuseum Winterthur, Schweiz. Stiftung Oskar Reinhart © SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

Es existiert eine ältere Fassung des Bildthemas, bei der die Figur kleiner und farblich stärker angeglichen ist. Beim zweiten Bild ist der Pan deutlicher hervorgehoben, aber zugleich auch stärker mit der Vegetation verwachsen. Die zweite Hand hält nun ebenfalls die Flöte, womit die Konzentration auf das Spiel betont wird. Nach der Enttäuschung scheint Pan nun seinen Frieden in der Musik zu finden.

Auf dem früheren Bild hatte er den linken Arm noch aufgestützt, das Flötenspiel wirkt dadurch beiläufiger. Der Arm und die beiden sichtbaren, auseinandergestellten Beine haben auf mich die Wirkung einer selbstbewussten Lässigkeit. Die Trauer, die man in im zweiten Bild zu verspüren scheint, fehlt hier.

Zwei Fassungen gibt es auch bei einem weiteren Motiv des Pan. Auch hier werden die Figuren in der zweiten Bearbeitung größer, der Pan verliert aber durch die Angleichung an den Hintergrund an Eindeutigkeit. Er erscheint stärker als eine Vision, die sich auch hier als Erklärungshintergrund anbietet. Der Eindruck, dass die Figuren in den beiden späteren Bildern wie aus der Umgebung herausgewachsen dargestellt werden, ist also angestrebt.

Pan erschreckt einen Hirten, 1858, Kunstmuseum Basel, Sammlung Online,
http://sammlungonline.kunstmuseumbasel.ch/eMuseumPlus?id=69111.01.2021 ©
gemeinfrei


Der Eindruck konzentriert sich hier eher auf das dramatische Geschehen, der Hirte stürzt direkt auf den Betrachter zu, der Kontrast der Ziegen zum Hintergrund ist größer.

Die Idee einer Vision in der Mittagshitze liegt näher, gegenüber der deutlichen Akzentuierung des Pan in der ersten Fassung. Man sieht deutlich, dass es Böcklin bei der jeweiligen Wiederaufnahme der Themen um eine intensivere Wirkung ging. Der Kritiker Meier-Graefe konstatiert nicht wohlwollend, sondern kritisch, dass „das einzige ihm unbestritten dienende Argument lautet: er wirkt“, im Sinne von: er hat eine auf das Zielpublikum ausgerichtete, aber oberflächliche Wirkung. Aus heutiger Sicht finde ich, dass sich die Kunst dieser Zeit an allen Orten veränderte, man denke nur an den französischen Impressionismus.

Arnold Böcklin; Pan erschreckt einen Hirten, ca. 1860. Sammlung Schack, Bayrische Staatsgemäldesammlungen, München, ©CC BY-SA 4.0


Eine Wirkung anstreben heißt für mich aktiver auf den Betrachter zuzugehen. Dies auf die beiden anderen Pan-Bilder übertragen erklärt die veränderte Komposition des späteren Bildes mit Flöte. Die Vorgeschichte, die zu der Szene geführt hat, verliert an Bedeutung zugunsten des Ergebnisses. Die Versunkenheit in das Spiel entsteht als Wirkung, gemeinsam mit Konzentration und eventuell etwas Trauer.

Pan ist auch bei dem zweiten Thema wieder der Ursprung für einen Begriff, der Panik, die er bei dem Hirten auslöst. Der Gott, der den Hirten eigentlich Schutz bietet, wird der Sage nach ungehalten, wenn man seine Mittagsruhe stört. Er ist Pate für ein Phänomen, das Menschen kennen und das später als Panikattacke für die Betroffenen therapierbar wird. Ich sehe allerdings in Böcklins Darstellungen der antiken Figur die Ernsthaftigkeit, zumindest in Visionen dem Menschen vor Augen zu halten, dass er ein mit der Natur verbundenes Wesen ist, dessen dunkle Seiten, Angst, Schrecken und raue Wollust, aber auch genießerische Sinnlichkeit und künstlerisches Spiel ein Teil von ihm sind und vielleicht gar nicht einmal immer so furchteinflößend, wie es die mythische Figur nahelegt.

Verwendete Literatur

Auf Wunsch versenden wir den Gesamttext samt Fußnoten per Mail an interessierte LeserInnen.

 

Julius Meier-Graefe, Der Fall Böcklin und die Lehre von den Einheiten, Stuttgart 1905., Zitat S. 106

 

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