Paul Hindemith und die Sonate für Flöte und Klavier von 1936

von Anja Weinberger

Hindemith wurde 1895 in Hanau geboren. Das sagt schon viel aus über die Rahmenbedingungen seines Lebens.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges war er 19 Jahre, zu Beginn des 2. Weltkrieges 44 Jahre alt. Er lebte in einer Zeit der Unsicherheit.

Der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches, die Inflation, später der Nationalsozialismus, der Börsenkrach in New York und die Komplexität der Nachkriegssituation schufen ein äußerst fragiles Umfeld, das natürlich von der ganzen Generation zu bewältigen war.

 

Auch die familiäre Struktur war ungewöhnlich und vermutlich sogar einzigartig. Denn Hindemiths Vater stammte aus einer Familie von Kaufleuten und Handwerkern, die dem jugendlichen Rudolf Hindemith verboten, sich beruflich der Musik zuzuwenden. Im Umkehrschluss bestimmte dieser dann bereits sehr früh, als er selbst eine Familie gründete, für die drei überlebenden Kinder Paul, Antonie und Rudolf jun. den Musikerberuf. Die musikalische Erziehung wurde mit unnachgiebigem Drill konsequent durchgesetzt.

Gleichzeitig konnte der Vater Rudolf Hindemith seiner Familie nie eine sorgenfreie Existenz sichern, manche Jahre lebte man gar in bitterer Armut.

Obwohl in den vorherigen Generationen nirgends eine künstlerisch-musikalische Begabung zu bemerken war, entwickelten sich alle drei Kinder außergewöhnlich, v.a. der jüngste Sohn Rudolf scheint ein Wunderkind gewesen zu sein. Er machte in der Folge sehr früh Karriere als Cellist, später wurde er Dirigent und Komponist. Seine Musik steht dem Jazz nahe, ist eher freitonal und wenig konstruiert.

 

Die drei Geschwister wurden als Frankfurter Kindertrio vom Vater durch die Lande geschickt und aus dieser Zeit stammen auch erste Kompositionen des jungen Paul. Um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, spielte er bald im Frankfurter Orchester des Neuen Theaters Violine. Und ab 1912 nahm er Kompositionsunterricht am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt, wo sein Talent sehr schnell erkannt wurde.

 

Der Vater Rudolf fiel als 45jähriger an der Front des 1. Weltkrieges. Paul selbst wurde 1917 eingezogen und war als Trommler der Regimentsmusik in Flandern und dem Elsass stationiert.

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Seinem Tagebuch ist zu entnehmen, dass er während der ganzen Kriegszeit versuchte, sich von den grauenvollen Eindrücken möglichst nicht überwältigen zu lassen. Er erschuf sich mit Komposition und Musizieren eine Gegenwelt. Viele Werke entstanden.

 

Nach Ende des Krieges wechselte Hindemith von der Geige zur Bratsche und begann endlich, seinem Talent als Komponist zu trauen, ja sich auch als solcher wahrzunehmen.

Mit einigen erfolgreichen Uraufführungen, u.a. beim 1. Donaueschinger Musikfestival 1921, erzielte er einen spektakulären Durchbruch. Eine dieser Uraufführungen war das Streichquartett Nr.3 op.16, wofür das Amar-Quartett gegründet wurde, in dem Paul und Rudolf Hindemith gemeinsam mit Licco Amar und Walter Caspar musizierten. Eine Legende war geboren.

Ab 1923 stand er schließlich beim Verlag SCHOTT in Mainz unter Generalvertrag.

 

1924 heiratete Paul die Schauspielerin und Sängerin Gertrud Rottenberger. Das Ehepaar lebte sehr harmonisch zusammen, Gertud erledigte einen Großteil der Korrespondenz, begleitete ihren Ehemann auf vielen Reisen und nahm an seinem Schaffen regen Anteil. Ihrem eigenen Beruf ging sie kaum noch nach, denn sie litt unter großem Lampenfieber.

 

1927 übernahm Hindemith eine Kompositionsklasse an der Berliner Musikhochschule. Er war der ideale Lehrer und begann aus Mangel an gutem Unterrichtsmaterial selbst musiktheoretisch zu arbeiten.

 

Nun galt er also als führender deutscher Komponist seiner Generation und war auch als Solobratscher äußerst erfolgreich.

 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten  wurden jedoch viele seiner Werke als kulturbolschewistisch verboten.

 

Im Sommer 1933 begann er mit der Arbeit an Mathis der Maler. Die Oper über den Maler Mathias Grünewald zeigt die Verstrickungen eines Künstlers in Politik und Gesellschaft. Beinahe wie erwartet verhinderte die nationalsozialistische Regierung die Uraufführung. Jedoch stellte Hindemith Teile der Musik zur Symphonie Mathis der Maler zusammen, deren Uraufführung am 12.3.1934 durch Furtwängler und die Berliner Philharmoniker zu einem beispiellosen Erfolg wurde.

 

1937 wurde ein Aufführungsverbot all seiner Werke erlassen, woraufhin Hindemith der Hochschule kündigte.

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In diesem Jahr brach er zur ersten Reise in die Vereinigten Staaten auf, um als Dirigent und Bratschist die Möglichkeiten einer Emigration zu erkunden. Die ersten Eindrücke waren wohl nicht überzeugend.

1938 fand dann in Zürich die Uraufführung seines Ballettes Nobilissima Visione statt, die er selbst dirigierte. Gemeinsam mit dem Tänzer und Choreographen Leonide Massine hatte Hindemith dieses Werk, inspiriert durch die florentinischen Giotto-Fresken über Franz von Assisis, erarbeitet.

 

Im September entschieden Hindemiths sich für ein Leben in der Schweiz. Der Komponist verstärkte seine musiktheoretische Arbeit und daraus resultierte 1935 Unterweisung im Tonsatz, die SCHOTT veröffentlichte.

 

Erst nach eindringlichen Aufforderungen von Freunden übersiedelte er  1940 in die USA.

 

Gertrud musste aus finanziellen Gründen vorerst zurück bleiben, was für beide sehr belastend war. Paul stürzte sich in Vorlesungen u.a. an der Yale University of Music, denen er ein Collegium Musicum angliederte. Damit führte er Musik vom Gregorianischen Choral bis zum Spätbarock so stilgetreu wie möglich auf, um den Studenten eine annähernde Klangvorstellung zu verschaffen.

 

Mehr und mehr fühlte er sich akzeptiert in der Neuen Welt und 1945 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

 

Nach Kriegsende kehrte Hindemith mit gemischten Gefühlen zu Besuchen nach Europa zurück.

 

Er musste bestürzt feststellen, dass nur wenige der entgegengebrachten Freundlichkeiten ihm als Mensch galten, sondern die meisten ihm als berühmten Künstler. Erst 1951 konnte er sich dazu durchringen, in Zürich einen Lehrauftrag für Musikwissenschaft anzunehmen. 1953 übersiedelte er dann doch wieder völlig in die Schweiz.

Ab nun bereiste er als Gastdirigent ganz Europa, auch Südamerika und Japan. In den 60er Jahren dirigierte er auch wieder in den USA, nach einiger Zeit der eher unterkühlten gegenseitigen Wahrnehmung.

 

1963 starb Paul Hindemith relativ überraschend in Frankfurt an einer Reihe von Schlaganfällen. Sein Bruder Rudolf überlebte ihn um 11 Jahre.

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1936, also in Berlin, komponierte Hindemith die Sonate für Flöte und Klavier. Sie war Teil einer Reihe von Sonaten für alle Orchesterinstrumente.

An seinen Verleger schrieb er: „Du wirst Dich wundern, dass ich das ganze Blaszeug besonate. Ich hatte schon immer vor, eine ganze Serie dieser Stücke zu machen. Erstens gibt es ja nichts Vernünftiges für diese Instrumente, die paar klassischen Sachen ausgenommen, es ist also zwar nicht vom augenblicklichen Geschäftsstandpunkt, jedoch auf weitere Sicht verdienstlich, diese Literatur zu bereichern. Und zweitens habe ich, nachdem ich mich nun schon mal so ausgiebig für die Bläserei interessiere, große Lust an diesen Stücken“

 

Damit hatte Hindemith natürlich einen wunden Punkt in der Flötistenseele berührt. Tatsächlich ist das Repertoire ab der früheren Klassik durchaus überschaubar und gerade erst begann, v.a. in Frankreich, eine neue Phase der Flötenmusik.

 

Gustav Scheck und Walter Gieseking sollten die Sonate hier in Deutschland uraufführen, jedoch fiel dieses Ereignis dem herrschenden Regime zum Opfer. Die Uraufführung erfolgte dann bei Hindemiths erster Amerikareise im April 1937 durch George Barrère (Flöte) und Jesús Maria Sanromá (Klavier).

 

Die dreisätzige Sonate mit dem Marsch am Ende, der beinahe wie ein vierter Satz erscheint, wurde sofort Teil des Standardrepertoires der Flötisten, wie auch alle anderen Sonaten Hindemiths für andere Instrumente. V.a. der Bratschenliteratur hat Hindemith in großer Zahl Hochkarätiges beigefügt.

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Paul Hindemith musizierte zu Hause sehr gerne mit seiner Ehefrau und mit Freunden. Er beherrschte außer der Harfe alle Instrumente. In den 30er Jahren, als kaum Konzerte möglich waren, war das seine Form des Überlebens.

Literaturliste

Adorjan, Andras (Hrsg.) u.a.: Lexikon der Flöte, Laaber 2009
Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Kassel 2003
Schubert, Giselher:  Paul Hindemith in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1981

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