Paula Modersohn-Becker

 

von Anja Weinberger

Paula Modersohn-Becker

 

von Anja Weinberger

Seit vielen Jahren schon fasziniert mich die Malerei Paula Modersohn-Beckers. Die anrührenden Figuren, die erdigen Farben, der direkte Blick, der einen aus vielen Bildern heraus fixiert und die beinahe überall anzutreffende Verbindung zur Natur.

Wie das so oft der Fall ist, waren mir einige Schlagworte zu ihrem Leben und ihrer Kunst bekannt. Jedoch musste sich erst ein Besuch in Bremen ergeben, um tiefer in das Schicksal dieser Künstlerin einzutauchen

Paula wird am 8. Februar 1876 in Dresden geboren. Das Ehepaar Becker hatte schon zwei Kinder und es werden noch vier folgen, von denen der Bruder Hans zweijährig verstirbt.

Paulas Eltern stammten aus wohlhabenden Familien, die in der heutigen Ukraine und in Sachsen ansässig waren. Das Ehepaar Becker lebte mit den sechs Kindern hingegen in bescheideneren, jedoch bürgerlich-liberalen und weltoffenen Verhältnissen. Bei der Erziehung der Kinderschar spielte Kunst, Musik und Literatur eine wichtige Rolle.

Nachdem Paula ihre ersten 12 Lebensjahre in Dresden verbracht hatte, zog die Familie 1888 nach Bremen, wo der Vater Carl Woldemar Becker in die Position eines städtischen Baurates eintrat. Man bewohnte eine Dienstwohnung in einer großen Villa, die einen schönen Garten zu bieten hatte. Paulas Mutter Mathilde war eine vielseitig interessierte und äußerst kommunikative Frau, die schnell den Kontakt zum gesellschaftlichen Leben der Hansestadt herstellte.

Die Jahre vergingen und bald schon wurden aufregende Reisepläne für das junge Mädchen geschmiedet. Denen folgend, setzte sie im Frühsommer 1892 nach Grossbrittanien über, wo Tante und Onkel das Landgut »Castle Malwood«, aber auch eine Wohnung in London besaßen. Paula sollte Haushaltsführung erlernen und sich mit der englischen Sprache auseinandersetzen. Der aufmerksame Onkel Charles John Hill bemerkte ihre Lust am Zeichnen und ermöglichte Unterricht an der St John’s Wood Art School.

Aber selbst diese interessanten Stunden konnten Paula nicht über das bohrende Heimweh hinwegtrösten, das an ihr nagte. Den Englandaufenthalt brach sie deshalb nach der Hälfte des ursprünglich geplanten Jahres ab.

Alte Frau und trauerndes Mädchen bei einem Brunnen, Paula Modersohn-Becker, 1886 – 1907; CC0 Rijksmuseum Amsterdam

Von 1893 bis 1895 besucht Paula auf Drängen ihrer Eltern schließlich das Lehrerinnenseminar, wie es zuvor auch schon die ältere Schwester Milly getan hatte. Gleichzeitig durfte sie Zeichenunterricht beim Bremer Künstler Bernhardt Wiegant nehmen, was sie wesentlich mehr interessierte. Aus diesen Jahren stammen viele Porträts ihrer Geschwister und auch das allererste Selbstportrait (1893), dem im Laufe der Zeit noch viele folgen werden. Die junge Malerin durfte sich im elterlichen Haus sogar ein kleines Atelier einrichten. In diesem Jahre 1893 sah Paula in der Bremer Kunsthalle zum ersten Mal Bilder des Worpsweder Künstlerkreises, denn Fritz Mackensen, Fritz Overbeck, Otto Modersohn, Hans am Ende und Heinrich Vogeler stellten hier ihre Gemälde aus.

Sehr zur Freude ihrer Familie bestand Paula das Lehrerinnenexamen 1895 mit guten Noten. Denn vor allem der Vater sah die künstlerischen Ambitionen der Tochter mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Unbedingt wollte er ihr eine Ausbildung mit auf den Weg geben, die sie einmal ernähren könnte.

In Paulas Tagebuchaufzeichnungen dieser Jahre entdeckt man jedoch recht früh ihren unbedingten Wunsch, ein Leben als Künstlerin zu führen. Schon jetzt zeigte sich ein erstes Aufflackern dieser alles überstrahlenden Hingabe an das große Ziel.

Das folgende Jahr 1896 war vermutlich wesentlich mehr nach Paulas Geschmack, denn zunächst konnte sie im Frühjahr einige Wochen in Berlin verbringen, um dort an einem Zeichen – und Malkurs teilzunehmen. Und noch besser: Im Herbst begann sie ebenfalls in Berlin eine Ausbildung zur Portrait-, Landschafts- und Aktmalerin in der sehr angesehenen »Damenakademie«. [1] Dort lernte sie Jeanna Bauck (1840–1926) kennen, die damals schon eine arrivierte Lehrerin und Malerin war – eine Seltenheit in der männerdominierten Kunstwelt. Diese, selbst weitgereist, weckte in Paula wohl erstmals den Wunsch, die Pariser Kunstwelt und das dortige Leben kennenzulernen.

Während ihrer Berliner Zeit besuchte Paula häufig Museen. Sie sah Werke von Monet, Rodin und Sisley, die ihr die zeitgenössischen Strömungen vor Augen führten. Aber auch den Malern der Renaissance [2] brachte sie großes Interesse entgegen und studierte deren Werke gründlich.

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Im nächsten Jahr, 1897, unternahm die Familie Becker einen Ausflug in das nicht weit nördlich von Bremen gelegene Dorf Worpswede. Die dort schon einige Zeit ansässige Künstlerkolonie und die ursprüngliche Landschaft hinterließen einen nachhaltigen Eindruck bei der jungen Frau. Und schon 1898 entschied sich Paula zum Umzug dorthin. Bei Fritz Mackensen konnte sie Unterricht nehmen, welcher jedoch schon nach kurzer Zeit von beiderseitiger Unzufriedenheit überschattet wurde. Mackensen war vermutlich kein begabter Lehrer und sah nur, was seine junge Schülerin nicht von ihm annahm und was sie anders machte, als von ihm vorgeschlagen.

Zum Jahreswechsel 1899/1900 war es endlich so weit. Paula brach zum ersten Male nach Paris auf. Dort wollte sie ihre Freundin Clara Westhoff treffen, die sie erst kurz zuvor in Worpswede kennen gelernt hatte. Paula studierte nun endlich an der Académie Colarossi am Montparnasse und besuchte Ausstellungen und Galerien. Sie sah Werke des damals noch unbekannten Paul Cezanne und war fasziniert von der Kraft seiner Malerei. Außerdem begann im Frühjahr die Weltausstellung 1900, die großen Einfluss auf viele Bereiche des damaligen Lebens hatte. Die Welt war zu Besuch in Paris und Paula Becker gefiel es sehr, dabei sein zu können.

Nach einem halben Jahr waren ihre finanziellen Mittel aufgebraucht und sie kehrte gemeinsam mit Clara zurück nach Worpswede. Dort traf sie auf Otto Modersohn, der gerade seine junge Frau Helene verloren hatte und nun mit dem kaum zweijährigen Töchterchen Elsbeth versuchte, das Leben zu meistern. Auch Rainer Maria Rilke und Heinrich Vogeler gehörten ab da zu ihrem größer werdenden Freundeskreis.

Otto Modersohn erkannte schnell die ungewöhnliche Begabung der jungen Malerin Paula Becker. Er schätzte ihr gegenseitiges künstlerisches Interesse sehr und versuchte sie nach Kräften zu unterstützen. Durch die Heirat mit ihm, dem 11 Jahre Älteren, wurde Paula unabhängig von elterlichem Druck, erkaufte sich diese Unabhängigkeit allerdings mit einer Anzahl neuer Verpflichtungen. Sie war nun Ehefrau, Stiefmutter und Hausfrau. Und es verwundert kaum, dass sie das Eheleben weit weniger glücklich wahrnahm als ihr Mann Otto. Abgesehen davon liebte Otto Modersohn die Abgeschiedenheit in Worpswede, Paula hingegen sehnte sich zurück nach dem anregenden Leben in Paris.

1903 erst konnte sie für zwei Monate dorthin zurückkehren; auch ihre Freundin Clara war da, die unterdessen Clara Rilke hieß. Paula verbrachte viel Zeit im Louvre, lernte Auguste Rodin kennen, vielleicht auch Paul Gaugin und intensivierte ihr Wissen über japanische Holzschnitte. In manchen ihrer Bilder, wie zum Beispiel dem besonders bekannten »Kind auf rotgewürfeltem Kissen«, meinen Kunsthistoriker zu erkennen, wie Paula die Anregungen umsetzt, die sie durch verschiedene zeitgenössische Künstler erhielt.

Die Schlachte (die historische Uferpromenade an der Weser) in der Bremer Altstadt; © keialein

Nach ihrer Rückkehr ins norddeutsche Worpswede fällt auf, dass nun überdurchschnittlich viele Kinderportraits entstehen. Paula sehnte sich nach einem eigenen Baby und verbrachte viel Zeit damit, Mütter mit ihren Kindern zu studieren und zu malen. Der weibliche Körper interessierte sie, seine Möglichkeit zur schweren Arbeit, zur mütterlichen Zuwendung und zur Freude, zur Last und Gefahr des Gebärens. Ihre Kinder- und Frauenbilder sind nie idealistisch oder romantisch verklärt, schon gar nicht stellen sie Objekte der Begierde dar oder Familienidyllen.

Paulas Blick geht tiefer, ist eindringlich und neugierig. Die Abgebildeten strahlen große Würde aus und werden in ihrer Lebenswirklichkeit ernstgenommen.

Zwei Jahre später reist sie wieder in die französische Metropole. Obwohl Otto seine Frau nur ungern ziehen ließ, unterstützte er ihren Aufenthalt finanziell, ja Paula konnte ihn, den zufriedenen Dorfbewohner, sogar zu einem kurzen Besuch in der quirligen Stadt überreden.

Dieser dritte Frankreichbesuch hat einige neue Ideen in Paulas Kopf reifen lassen. Nach ihrer Rückkehr aus Paris wand sie sich immer mehr dem Stillleben zu und ihre Farbgebung änderte sich.

Otto Modersohn verfolgt die künstlerische Entwicklung seiner Ehefrau interessiert und hält viele seiner Gedanken in einem Tagebuch fest. Er lobt Farbe und Form und ahnt durchaus, dass seiner Ehefrau ein Leben im dörflichen Worpswede auf Dauer nicht möglich sein wird.

Und so muss er hinnehmen, dass Paula ihn im Februar 1906 verlässt. Erneut fährt sie nach Paris, nimmt diesmal an Anatomiekursen der École des Beaux-Arts teil und besucht wiederum zahlreiche Ausstellungen, u.a. auch den Salon des Indépendants. Durch Zufall lernt sie den Bildhauer Bernhard Hoetger kennen, der von ihren Bildern begeistert ist. Viele Begegnungen dieser Art hatte Paula noch nicht in ihrem Leben, denn meist wurde ihre Kunst eher abgelehnt oder gar als naiv abgewertet.

Dieses also ungewöhnliche und unerwartete Lob ließ in Paula erstaunliche Kräfte reifen; sie wird in den folgenden Monaten über 90 Bilder malen, darunter viele Aktbilder, auch das bekannte »Selbstbildnis zum 6. Hochzeitstag«.

Ihre zwischenmenschlichen Entscheidungen dieser Monate sind wankelmütig oder bestenfalls unentschlossen zu nennen. Zunächst bittet sie Otto um die Scheidung, um ihn kurz darauf zu einem Besuch nach Paris einzuladen.

Schließlich verbringt das Ehepaar Modersohn den Winter 1906/1907 gemeinsam in der französischen Hauptstadt. Auch zu zweit besucht man Museen, Kunsthandlungen und Ausstellungen und kehrt dann im März, ebenfalls gemeinsam, zurück nach Worpswede.

Paula erwartet endlich ein Kind, arbeitet natürlich weiter und ist gegen Ende der Schwangerschaft recht ungehalten darüber, dass der dicke Bauch sie an der Staffelei behindert.

Bildnis einer Bäuerin, 1898/99, Paula Modersohn-Becker; CC0 Art Institute Chicago

Nun beginnt der letzte, kurze Teil ihres Lebens. Am 2. November bringt sie die so lange ersehnte Tochter Mathilde zur Welt; die Geburt war schwer und Ärzte verordneten ihr die rückblickend tödliche Bettruhe. Am 20. November 1907 darf sich Paula endlich wieder auf eigene Beine stellen und eine Embolie beendet abrupt das 31-jährige Künstlerinnenleben.

 

Nach ihrem frühen Tod wurden Paulas Werke in mehreren Ausstellungen gezeigt. Hatte die Künstlerin während ihres Lebens nur fünf Bilder verkauft, so wurden jetzt Sammler in aller Welt auf ihr Werk aufmerksam. Einer von ihnen war Ludwig Gerhard Wilhelm Roselius, seines Zeichens  Kaffehändler und Gründer der Bremer Firma Kaffee Hag. Er beauftragte den schon oben kennengelernten Bernhard Hoetger mit dem Entwurf eines Museumsgebäudes, das in der im expressionistischen Stil sanierten Böttcherstraße in Bremen Platz finden sollte.

20 Jahre nach Paulas Tod konnte das Paula-Modersohn-Becker-Museum eröffnet werden und war das erste Museum weltweit, welches sich dem Werk einer einzelnen Künstlerin widmet. In den Bremer Wallanlagen steht der Abguss einer Büste, die Clara Rilke-Westhoff von ihrer malenden Freundin geschaffen hat – das Original kann man einige Schritte weiter in der Bremer Kunsthalle betrachten, wo natürlich auch Gemälde Paulas ausgestellt sind. So ist also eine Reise nach Bremen immer auch eine Reise in Paulas Welt.

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