Pieter Bruegel der Ältere

von Johanna Fischer-Wellenborn  

Pieter Bruegel der Ältere – Eine kurze Führung durch die Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien

Pieter Bruegel der Ältere: (geb. 1525/1530 vermutlich in Breda, Niederlande – gest. 1569 in Brüssel) war ein Maler der Niederländischen Renaissance und ist vor allem für seine Darstellungen des bäuerlichen Lebens bekannt, weshalb er auch „Bauernbruegel“ genannt wird. Es existieren unterschiedliche Schreibweisen seines Namens, was unter anderem daran liegt, dass er seine Werke zunächst mit „Brueghel“, später aber mit „Bruegel“ signierte. Über Pieter Bruegels Leben wissen wir nur wenig. Er war vermutlich Schüler von Pieter Coeck van Aelst in Antwerpen und arbeitete dort später in der bedeutenden Kupferwerkstatt von Hieronymus Cock. Ab 1552 verbrachte er drei Jahre in Italien, bevor er wieder nach Antwerpen zurückkehrte, wo er in Cocks Werkstatt weiterarbeitete.

1563 heiratete er die Tochter seines ehemaligen Lehrers, Maria Coecke van Aelst in Brüssel. Mit ihr hatte zwei Söhne: Pieter der Jüngere wurde 1564 geboren, Jan 1568; mit ihnen begründete er später die Künstler-Dynastie Brueghel. Pieter (auch „Höllenbrueghel“ genannt) orientierte sich stark am Stil seines Vaters und stellte viele Kopien von dessen Werken her. Jan (später „Jan Brueghel der Ältere“, auch „Blumenbrueghel“ genannt) entwickelte schon früh einen persönlichen, miniaturhaften Stil. Im frühen 17. Jahrhundert war er zum bedeutendsten Kabinettbildmaler Antwerpens avanciert. Jans Sohn und fünf von dessen sieben Söhnen arbeiteten ebenfalls als Maler, jedoch erlangte keiner der Nachkommen einen solchen Ruhm wie Pieter Bruegel der Ältere.

Der charakteristische Stil Pieter Bruegels d. Älteren lässt sich schwer mit einem einzigen Stilbegriff wie etwa Manierismus definieren. Als Vorbild diente ihm sicherlich  Hieronymus Bosch, ein Maler der Spätgotik bzw. der Frührenaissance, der für seine fantastische Malerei und gleichzeitigen Realismus bekannt ist. Vor allem in Bruegels Frühwerken, aber auch in den späteren „satanisch“ inspirierten Arbeiten (wie in Die Dulle Griet oder im Engelssturz) ist dessen Einfluss deutlich zu erkennen. Neben bäuerlichen Sujets bearbeite Pieter Bruegel d. Ältere zahlreiche religiöse Themen und schuf eine Vielzahl von allegorischen Werken, in denen er Sprichwörter (z. B. Die niederländischen Sprichwörter), Volksbräuche oder humanistische Werte darstellte. Die meisten Bilder sind überaus figurenreich und zeichnen sich durch die Schilderung zahlreicher kleinster Details aus. Scheinbar banale Ereignisse und Szenen werden dabei zum Hauptthema gemacht. Berühmt sind auch Bruegels Landschaftsmalereien, bei denen die Darstellung der Natur im Vordergrund steht.

Im Wiener Kunsthistorischen Museum befindet sich die weltweit bedeutendste Sammlung von Brueghel – Werken. Sie war Bestandteil der Privatsammlung Kaiser Rudolfs II., der einen Großteil der Gemälde von seinem Bruder Ernst, einst Statthalter in den Niederlanden, übernommen hatte. Einige der berühmtesten Gemälde Bruegels d. Ä. wie den Winter, die Bauernhochzeit oder den Kampf zwischen Fasching und Fasten, sowie den Turmbau zu Babel können wir hier tagtäglich im Original bestaunen.

Bruegels Landschaftsmalerei: Die Monatsbilder

Bruegel gilt als einer der Hauptvertreter der Landschaftsmalerei des 16. Jahrhunderts. Sogenannte „Monatsbilder“, die üblicherweise die für den jeweiligen Monat typischen bäuerlichen Arbeiten darstellen, gibt es seit dem Mittelalter. Dieses Genre hat Bruegel aufgegriffen, allerdings malte er statt zwölf nur sechs Monatsbilder und fasste jeweils zwei Monate in einem Bild zusammen. Dies entsprach den sechs Jahreszeiten, die man zu jener Zeit in den Niederlanden unterschied. Die großformatigen Gemälde waren ursprünglich für den Landsitz „t’goed ter Beke“ des Geschäftsmanns und Sammlers Nicolaes Jonghelinck in der „Marggravelei“ nahe Antwerpen gedacht. Man nimmt an, dass sie dort Teil der Speisesaal-Dekoration waren. Als Geschenk kamen sie später an Erzherzog Ernst bei dessen Ankunft in Antwerpen.

Von diesen sechs Monatsbildern befinden sich drei im Kunsthistorischen Museum in Wien: Der Vorfrühling (bzw. Der düstere Tag), der Herbst (bzw. Heimkehr der Herde) und der Winter (bzw. Jäger im Schnee). Der Frühling gilt als verschollen, der Sommer (bzw. Heuernte) befindet sich im im Palais Lobkowitz in Prag, der Hochsommer oder Frühherbst (bzw. Kornernte) im Metropolitan Museum of Arts in New York. Es sind jeweils Fantasielandschaften dargestellt und in jedem Monatspaar herrschen verschiedenen Farben vor: Im Vorfrühling dunkelbraun und gelb, im Herbst gelb, ocker und braun und im Winter weiß, schwarz und blau.

Pieter Bruegel d. Ä., Vorfrühling bzw. Der düstere Tag, 1565, © KHM-Museumsverband; Link zum Bild

In Bruegels Spätwinter bzw. Vorfrühling sind für diese Jahreszeit typische Tätigkeiten wie Holzsammeln oder Weidenrutenschneiden dargestellt. Im rechten Vordergrund erinnern einige Details wie die Papierkrone des Kindes, die Waffeln, die Laterne, die Verkleidung der Männer mit über den Kopf gestülptem Kessel sowie der mit Kerzen besteckte Besen – dieses Motiv kommt auch in Brueghels Kampf zwischen Fasching und Fasten vor – noch an den Karneval. Die recht düstere Darstellung der kahlen Natur, die noch vor dem Aufblühen steht – in den Niederlanden begann das Neue Jahr damals mit dem 1. März – ist als Beginn des Bilderzyklus zu verstehen.

Pieter Bruegel d. Ä., Herbst bzw. Heimkehr der Herde, 1565, © KHM-Museumsverband; Link zum Bild

 

Im Herbst wird der Almabtrieb thematisiert, ein wichtiges Ereignis im bäuerlichen Leben, das für die Niederlande eigentlich untypisch ist. Vielleicht stellt Brueghel hier Eindrücke dar, die er auf seiner Reise durch die Schweiz gewonnen hat, als er von seinem Italienaufenthalt nach Antwerpen zurückkehrte. Auch in den beiden anderen Gemälden Vorfrühling und Winter ist im Hintergrund alpines Gebirge zu sehen.

Pieter Bruegel d. Ä., Winter bzw. Jäger im Schnee , 1565, © KHM-Museumsverband; Link zum Bild

 

Das bekannteste der Monatsbilder ist der Winter. Im Vordergrund ist eine Gruppe von Jägern mit ihren erschöpften Hunden zu sehen, die in ihr Dorf zurückkehren, das im Tal darunter liegt. Der einzige Fuchs, den sie erlegt haben, hängt an ihrem Spieß. Links dahinter wird vor einem Wirtshaus Feuer für das Sengen eines Schweines entfacht. Das Wirtshausschild trägt die Aufschrift „Dit is inden Hert“ („Zum Hirschen“) und zeigt den Heiligen Eustachius, den Schutzpatron der Jäger. Dass es schief hängt, könnte man als Anspielung auf die wenig erfolgreiche Jagd deuten. Winzig klein ist nahe der Mitte eine Vogelfalle dargestellt. Bauern war damals nur die Jagd auf Füchse, Hasen und Vögel erlaubt. In der rechten unteren Ecke ist das Rad einer Wassermühle in dickem Eis eingefroren, daneben überquert eine Reisig-Sammlerin eine Brücke. Heitere Details wie die winzigen Schlittschuhläufer im Hintergrund haben zur Popularität des Bildes beigetragen. Bei genauerem Hinsehen kann man die Menschen auch Einhockey spielen und Eisstock schießen sehen. (Colt wurde das Spiel genannt, bei dem es darum ging, einen Ball mittels eines hölzernen Schlägers möglichst weit oder möglichst nahe an ein Ziel zu schießen. Man könnte es als Vorläufer des Eishockeys oder – nachdem es auch auf dem Rasen gespielt wurde – des Golfs sehen. Beim Klootschieten sollte eine Holzscheibe möglichst nahe an ein Ziel befördert werden, ein Spiel, das uns heute im Prinzip als Eisstockschießen bekannt ist.) Im Bild dominieren Schwarz und Weiß, ferner Blau- und Grautöne, die den Eindruck winterlicher Kälte und Entbehrung evozieren. Das Gemälde stellt vermutlich Dezember und Jänner dar und schließt somit die Reihe der Monatsbilder ab. Es wird oft im Zusammenhang mit der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ in Mitteleuropa angeführt, wobei speziell der Winter 1564/1565 besonders kalt gewesen sein soll.

Bei Bruegels Die Jäger im Schnee handelt es sich um das erste und bedeutendste Winterbild der europäischen Malerei. Durch die Filme Melancholia von Lars von Trier, Solaris von Andrei Tarkowski sowie der Heimkehr der Jäger von Michael Kreihsl wurde das Gemälde auch dem Kinopublikum bekannt gemacht.

Darstellungen bäuerlicher Volksbräuche: Die Bauernhochzeit und Der Kampf zwischen Fasching und Fasten

Pieter Brueghel d. Ä., Bauernhochzeit, 1568, © KHM-Museumsverband; Link zum Bild

 

In Brueghels Bauernhochzeit ist das einfache, bäuerliche Leben das zentrale Thema. Dargestellt ist die Hochzeitstafel einer flämische Bauernhochzeit, bei der der Bräutigam traditionell nicht anwesend sein durfte bzw. jedenfalls nicht am selben Tisch saß. (Die Brautleute wurden erst am Abend der Hochzeit zusammengeführt). Die Gäste sitzen auf einfachen Holzbänken und Hockern an der weiß gedeckten Tafel in einer großen Scheune. Die Braut ist vor einem grünen Wandbehang, an dem eine Papierkrone befestigt ist, zu erkennen. Im Haar trägt sie einen Hochzeitskranz. Ihre  Augen sind geschlossen, die Hände zusammengefaltet, was sie teilnahmslos wirken lässt. Dem Brauch zufolge sollte sie vor einem Leben voller Arbeit zumindest am Tag ihrer Hochzeit sprichwörtlich „keinen Finger rühren“, auch weder essen noch sprechen, sondern sich ausruhen. Deshalb sagt das alte flämische Sprichwort „Er ist mit der Braut gekommen“ und meint jemanden, der sich vor der Arbeit drücken will. Ein letztes Mal darf die Braut ihr langes, offenes Haar in der Öffentlichkeit zeigen, bevor es „unter die Haube“ kommt. Einzig der Notar sitzt mit pelzverbrämter Jacke und  Barett in einem bequemen Lehnstuhl. Daneben sind ein Franziskanermönch und ein spanisch gekleideter Gutsherr mit seinem Hund (ganz rechts) erkennbar. Zwei Sackpfeifer sorgen für Musik, wobei der eine sehnsüchtig auf die Speisen stiert, die auf einer ausgehängten Tür hereingetragen werden. Im Hut des  vorderen Speisenträgers ist ein Löffel befestigt, was ihn als Wanderarbeiter kennzeichnet. (Löffel waren damals noch rund, ovale Formen wurden erst später eingeführt, als sich die Ansicht durchsetzte, dass es vornehmer sei, beim Essen den Mund nicht zu weit aufzureißen. Gabeln waren im 16. Jahrhundert noch nicht üblich, man benutze den Löffel, die Hände oder das eigene Messer.) Die Breispeisen sind sehr bescheiden, die eher plumpe Haltung der Träger erwecken den Eindruck, dass hier sehr einfache bis ärmliche Verhältnisse geschildert werden. Das Kind im Vordergrund hat seine Schüssel schon leer gegessen.

Es sind Darstellungen wie diese, durch die Pieter Bruegel d. Ä. auch als „Bauernbruegel“ bekannt wurde.

Pieter Bruegel d. Ä., Kampf zwischen Karneval und Fasten, © KHM-Museumsverband; Link zum Bild

 

Im Kampf zwischen Karneval und Fasten zeigt Bruegel niederländisches Brauchtum, das im 15. und 16. Jh. während der Karnevals- und Fastenzeit tatsächlich   dokumentiert ist. Dass hier die zwei aufeinander folgenden Zeiten nebeneinander dargestellt sind, ist jedoch unüblich und Brueghels Erfindung.

Auf einem dicht bevölkerten Platz wird ein turnierartiges Lanzenstechen zwischen der Faschings- und der Fastenzeit gezeigt. Links reitet der Karneval mit einem Bratspieß als Waffe in der Hand, wohlgenährt und fröhlich auf einem Fass. Rechts zielt die hagere, abgemagerte Gestalt der Fastenzeit mit einer Bäckerschaufel und zwei Heringen auf ihren Gegner. Sie trägt ein Büßergewand und einen Bienenkorb als Kopfbedeckung und sitzt auf einem Kirchenstuhl, der von einem Mönch und einer Magd auf einem Prozessionswägelchen gezogen wird. Hinter ihr treten Gläubige aus einer Kirche. Auf der linken, dem Karneval zugeteilten Bildseite, vergnügen sich Menschen vor zwei Wirtshäusern mit Faschingsbräuchen. Einige Figuren durchbrechen die Grenzen und mischen sich ins Getümmel wie etwa die hinfälligen Bettler neben dem Wirtshaus oder die spielenden Kinder neben der Kirche. Einzelne Details wie etwa der kleine, mit einem Karnevalskostüm bekleidete Mann in der Bildmitte, der am hellen Tag eine brennende Fackel trägt, machen das Bild besonders amüsant. In der Literatur wird die Figur oft als Anspielung auf die „verkehrte Welt“, in der sich Protestanten und Katholiken bekriegen, gedeutet, so wie es Bruegel zu seiner Zeit in den Niederlanden erlebt hat. Da für die Protestanten allein der Glaube zählte und die Menschen sich nicht erst durch Buße, Enthaltsamkeit und gute Werke vor Gott beweisen mussten, schafften sie die Fastenzeit ab, was die Katholiken für unmoralisch und sittlich verkommen hielten. Es könnte auch sein, dass Bruegel sich auf das Zweistaatenmodell des Augustinus bezieht, nach der es in der Welt einen Gottesstaat (civitas dei) und einen Teufelsstaat (civitas diaboli) gibt und der Karneval somit für die sündhaften Vergnügungen und die Fastenzeit für Reue, Buße und Frömmigkeit steht.

Religöse Werke: Der Turmbau zu Babel

Pieter Bruegel d. Ä., Turmbau zu Babel, 1563, © KHM-Museumsverband; Link zum Bild

 

Beim Turmbau zu Babel handelt es sich um einen Text aus dem Ersten Buch Moses aus dem Alten Testament (Gen. 11, 1 – 9). Geschildert wird das Unternehmen der Menschen, einen riesigen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel zu bauen, weshalb sie von Gott für ihren Hochmut mit Sprachverwirrung gestraft werden. Durch die unüberwindbaren Verständigungsschwierigkeiten werden die Bauenden zur Aufgabe des Vorhabens gezwungen und zerstreuen sich in Folge auf der ganzen Erde. Das Wort „Babel“ klingst ähnlich wie das hebräische Wort „balal“, das „verwirren“ bedeutet. Das Thema scheint Bruegel sehr interessiert zu haben, von den Bildern, die er dazu schuf, sind zwei erhalten, wobei der sogenannte „Große Turmbau“, der sich im Kunsthistorischen Museum Wien befindet, das bekanntere der beiden ist. (Der sogenannte „Kleine Turmbau“ ist im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam zu sehen.) Ein drittes, kleines Werk, das auf Elfenbein gemalt war, ist verloren.

Im Großen Turmbau versetzt Bruegel die biblische Szene in seine Zeit und Heimat. Antwerpen war im 16. Jahrhundert eine der am schnellsten wachsenden Städte und führende Handelsstadt in Westeuropa. Es gab einen großen Zustrom an Menschen und einen enormen Bauboom. Der Nord-Süd-Verkehr und der Handel nach Übersee spielten eine wichtige Rolle. Verkauft und verschifft wurden Stoffe, es wurde mit Gewürzen aus dem Orient, aber auch mit Holz und Getreide gehandelt und es tummelten sich hier viele Fremde, die eine für die Niederländer unbekannte Sprache sprachen und durch ihre fremdartige Kleidung auffielen. Dazu kam die sich anbahnende Zersplitterung der Christenheit durch die Folgen der Reformation. Die Antwerpener fühlten sich möglicherweise an den babylonischen Turmbau erinnert und dieser ist wohl auch als Sinnbild für die Ängste im schnellen Aufschwung zu verstehen. Nie ist das Thema so häufig dargestellt worden wie in der Zeit Bruegels und den folgenden Jahrzehnten.

Im „Großen Turmbau“ ist die Stadt hinter dem Bauwerk – wie Antwerpen – von Mauern umgeben und liegt an einem Hafen, wo reger Schiffsverkehr herrscht. Die flache Landschaft im Hintergrund erinnert an die Ebenen Flanderns. Die winzigen Häuser unterstreichen die mächtigen Dimensionen des Turms. Sieben der insgesamt acht Stockwerke sind bereits fertig gestellt und wirken auf den ersten Anblick sehr solide. Als Vorbild für den Bau dürfte das Kolosseum in Rom gedient haben, wo Bruegel während seines Italienaufenthalts tatsächlich gewesen ist. Betrachtet man den Turm allerdings genauer, wird klar, dass diese Architektur statisch grobe Mängel aufweist. Es gibt einige Konstruktionsfehler, die Stockwerke stützen sich nur scheinbar gegenseitig, sie ziehen sich vielmehr wie ein Schneckenhaus in die Höhe, sodass der Turm vermutlich früher oder später einstürzen muss – das Unternehmen ist also von Anfang an zum Scheitern verurteilt! Wie auch in seinen anderen Werken schildert Bruegel hier mit viel Liebe zum Detail winzige Einzelheiten und überliefert uns somit wertvolle Informationen über die damaligen Lebensbedingungen und Arbeitsweisen. Auf der Rampe des Turms ist beispielsweise ein mächtiger Kran zu sehen; drei Männer treten in der vorderen, drei andere – für den Betrachter nicht sichtbar – in der hinteren Trommel, um einen zurecht geschlagenen Stein hochzuziehen. Ein Arbeiter im Erker darunter versucht mit einem Seil zu verhindern, dass der Stein gegen die Mauer schlägt. Ein Kran dieser Art soll in Antwerpen auf dem Markt gestanden haben. In einem unteren Stockwerk ist ein weiterer, kleinerer Tretkran zu sehen. An manchen Stellen des unfertigen Turms sieht man Hütten aufgestellt. Auch dies entspricht der damaligen Realität. Auf einer Großbaustelle besaß jede Zunft eine eigene Bauhütte, wo Mahlzeiten eingenommen und Werkzeuge verstaut wurden. Daneben sind Leitern, Gerüste und winzige Menschen, die verschiedenste Arbeiten ausführen, sehr realitätsnah dargestellt. Links im Vordergrund sieht man den Steinmetz, der vor dem König kniet, ein Zeremoniell, das in Westeuropa unüblich war und wohl auf den orientalischen Ursprung der Geschichte verweist. In Babel war es König Nimrod, ein Urenkel Noahs und der erste große Herrscher in der wieder beginnenden Menschheitsgeschichte, der den Turmbau befahl.

Der in der Bibel genannte Turm zu Babel dürfte tatsächlich existiert haben. 1913 fand Robert Koldewey das Fundament eines Turms in Babylon im heutigen Irak und es existieren noch etwa weitere 155 zum Bau gehörende Steine, die in verschiedenen Museen auf der ganzen Welt verstreut sind. Demnach hatte der Turm einen Grundriss eines Quadrats von 91 x 91 Metern und war – wie aus alten Schriften hervorgeht – wohl sieben Stockwerke und somit etwa 90 Meter hoch. Ein Nachfolger des griechischen Schriftstellers Herodot hat den Turm 458 v. Chr. noch gesehen. Als Alexander der Große rund 130  Jahre später in Babylon einzog, war er bereits Ruine. Vor einigen Jahren konnte ein Lehmziegel mit einer Inschrift, die auf die Zugehörigkeit zum Turm von Babylon verweist, mittels Computertomografen analysiert und ins sechste Jahrhundert v. Chr. datiert werden.

Der Turmbau zu Babel ist als Sinnbild für den Hochmut der Menschheit zu verstehen. Dieses Thema kommt in Bruegels Grafiken kaum vor, wohl aber in seinen Gemälden. Da Zeichnungen preiswert, Ölgemälde hingegen teuer waren, ist anzunehmen, dass er seine Hybris-Warnung in erster Linie an die Oberschicht richtete. Dass Hochmut unumgänglich zum Fall führt, hat Bruegel in seinem Werk mit der unheilvollen Architektur eindrucksvoll in die Bildsprache umgesetzt. Nicht zuletzt hat wohl die Komplexität des Themas samt seiner Moral, die traumhaft fantastische Architektur sowie die akribische, detailgetreue Wiedergabe zeitgenössischer Gepflogenheiten das Bild weltberühmt gemacht. Wie in allen Gemälden Bruegels lassen sich bei genauer Betrachtung unzählige faszinierende Geschichten ablesen…

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