Prelude Nr. 1   H. Villa-Lobos

von Thomas Stiegler

»Ich betrachte meine Werke als Briefe, die ich der Nachwelt geschrieben habe, ohne eine Antwort zu erwarten.«    (H. Villa-Lobos) 1

Rio de Janeiro, der »Fluss des Januars«, am Ende des 19. Jahrhunderts. Zu jener Zeit war die Stadt noch weit davon entfernt, die wuchernde Metropole zu sein, die wir heute kennen. Denn noch bis in die 1890er Jahren hinein hatte sie eine Bevölkerung, die nie die Grenze einer halben Million überschritt, was relativ wenig ist, wenn man sie mit den mehr als dreizehn Millionen Menschen vergleicht, die heute innerhalb ihres Stadtgebietes leben. Hätten wir die Möglichkeit, in eine Zeitmaschine zu steigen und in diese Welt eintauchen, dann wären wir überrascht, wie europäisch diese Stadt damals war und wie sehr sie einer anderen Stadt glich, die tausende Meilen entfernt mitten im Herzen Europas lag: der Habsburgermetropole und heutigen Hauptstadt Österreichs – dem vielbesungenen Wien. Denn hier wie dort tönte es an allen Ecken, allerorts wurde zum Tanz aufgespielt oder einfach zur Arbeit gesungen und die Liebe zur Musik ging gleichmäßig durch alle Teile der Bevölkerung.

Rio de Janeiro, ©Heibe

In diesen Zusammenhang sollte man auch die Aufzeichnungen von Orlando Fraga lesen, denn sie geben uns ein ziemlich realistisches Bild vom Lebensgefühl dieser Zeit: »Ganze Gruppen von jungen Männern bildeten Instrumentalbands, spielten auf Partys, Bällen, Hochzeiten, dem Karneval und allen Arten von Feiern. Sie zogen die ganze Nacht durch die Straßen, von einer Bar zur nächsten, und spielten bei jeder für ein paar Getränke. Die verschiedenen Gruppen trafen sich in den verwinkelten Straßen und forderten einander zum musikalischen Wettbewerb heraus. So konnte es sein, dass die Musiker jede Nacht kilometerweit liefen und nur zu ihrem Vergnügen sangen und spielten.« 1

In diese Welt hinein nun wurde am 5. März 1887 ein Knabe geboren, der unter dem Namen Heitor Villa-Lobos zu einem der bekanntesten Komponisten Südamerikas heranwachsen sollte. Schon früh begeisterte ihn sein Vater (der selbst ein versierter Hobbymusiker und manischer Büchernarr war) für die Welt der europäischen Kunst und Kultur – ein Erbe, das später prägend für den jungen Mann sein sollte. Er war es auch, der ihm das Cellospiel beibrachte und dieses Instrument sollte Villa-Lobos sein Leben lang begleiten und tiefe Spuren in seinem Werk hinterlassen. Doch vorerst beschritt der junge Musiker andere Wege und er begann sich zunehmend mit der Gitarre zu beschäftigen. Er tat dies vor allem (wie von Orlando Fraga beschrieben) um mit anderen Musikern durch die Straßen zu ziehen und gemeinsam Choros und andere brasilianische Musik zu spielen. Lange Zeit schien ihm diese Art des Musikmachens zu genügen, doch dann schlug das Erbe seines Vaters durch und er entschloss sich, dass er, wenn er sein Leben schon der Musik widmen sollte, das nur auf Grundlage einer konservativen Musikausbildung tun wollte. Doch die ersten Schritte in diese Richtung schlugen fehl – Villa-Lobos, gewöhnt an ein freies Leben und Musizieren, fand es außerordentlich schwer, sich einem strengen Regelwerk zu unterwerfen und so begann er ein zielloses Wandern, das ihn im Laufe der nächsten Jahre durch ganz Brasilien führen sollte. In diesen Jahren lernte er auch die Welt der brasilianischen Ureinwohner kennen und lieben und sein späteres Schaffen zeugt von seiner Beschäftigung mit ihnen und ihrer Musik.

Auch in seinem bekanntesten Werk für Gitarre, den »Five Préludes«, spürt man diesen Einfluss. Das erste Prelude aus dieser Sammlung ist übrigens auch eines jener Stücke, das selbst Menschen bekannt ist, die sich sonst nicht mit der Gitarre beschäftigen. Es trägt den Titel: »Homenagem ao sertãnejo brasileiro«, also »Hommage an den brasilianischen Sertãnejo«, was schon die ganze Richtung dieses Werkes vorgibt.

Sol Sertao Brasilien, ©DavisonSoares

Denn die Bevölkerung der Sertão weist starke Unterschiede zum Rest Brasiliens auf – es scheint hier ein Schmelztiegel aus indigenen, portugiesischen, holländischen, maurischen und afrikanischen Kulturen entstanden zu sein, die in diesem abgeschlossenen Teil des Landes eine ganz eigene Mischung an Traditionen und Bräuchen entwickelt haben und natürlich spiegelt sich das auch in eigenen musikalischen Formen wieder.

Villa-Lobos gelingt es nun, eine gelungene Synthese aus dieser Welt und seiner Beschäftigung mit der europäischen Kunstmusik zu ziehen. Denn die ungewöhnliche Verwendung der Begleit-Akkorde scheint aus der Musik dieses Landstriches zu stammen, während die Cello-ähnliche Kantilene an so manches Stück der klassischen Musik erinnert (nicht zu Unrecht trägt das Werk auch den Untertitel »Melodia lírica«, also »lyrische Melodie«).

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Aber sehen wir uns das Stück etwas genauer an: Wie schon gesagt ist das Hauptmerkmal dieses Werkes eine weit schwingende Melodie im Bass, die an den Gesang eines Cellos erinnert und die sich in mehreren Anläufen aufschwingt. Einmal, zweimal, dreimal steigt die Kantilene, immer höher und höher, bis sie endlich am Scheitelpunkt bricht und nach einer kurzen Überleitung (hier flackert kurz ein neues Motiv auf) in den Mittelteil des Werkes führt. Jetzt funkelt es im fröhlichsten Dur. Villa-Lobos schreibt eine einfache Akkordzerlegung und ganz im Gegensatz zum ersten Teil erklingt die Melodie nun in der Oberstimme. Zwei Mal führt sie uns zum Höhepunkt e´´, das erste Mal in reinstem Dur, das zweite Mal trübt sie sich ein und erklingt in Moll. Der dritte Abschnitt des Werkes ist die wörtliche Wiederholung des ersten Teiles, wobei uns Villa-Lobos diesmal ohne Überleitung direkt zum Schluss dieses wunderbaren Werkes führt, das mit traurig tiefen Akkordwiederholungen gleich Glockenschlägen ausklingt.

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