Prelude Nr. 1   H. Villa-Lobos

von Thomas Stiegler

„Ich betrachte meine Werke als Briefe, die ich der Nachwelt geschrieben habe, ohne eine Antwort zu erwarten.“ (H. Villa-Lobos) 1

 

Rio de Janeiro zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Die Stadt war noch weit entfernt von der wuchernden Metropole, die wir heute kennen. Noch in den 1890er Jahren hatte sie lediglich eine Bevölkerung von einer halben Million, im Gegensatz zu den mehr als sechs Millionen Menschen, die heute innerhalb ihrer Grenzen leben.

Bedingt durch ihre Geschichte war sie zu dieser Zeit stark europäisch geprägt. Auffallend war, ähnlich wie in Wien zur Jahrhundertwende, die Liebe zur Musik, die durch alle Teile der Bevölkerungsgruppen ging.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, die Aufzeichnungen von Orlando Fraga zu lesen. Natürlich ist das Ganze etwas romantisiert und zugespitzt formuliert, aber es dürfte trotzdem ein relativ realistisches Bild dieser Zeit geben.

 

„Ganze Gruppen von jungen Männern bildeten Instrumentalbands, spielten auf Partys, Bällen, Hochzeiten, dem Karneval und allen Arten von Feiern. Sie zogen die ganze Nacht durch die Straßen, von einer Bar zur nächsten, und spielten bei jeder für ein paar Getränke.

Die verschiedenen Gruppen trafen sich in den verwinkelten Straßen und forderten einander zum musikalischen Wettbewerb heraus. So konnte es sein, dass die Musiker jede Nacht kilometerweit liefen und nur zu ihrem Vergnügen sangen und spielten.“ 1

 

In diese Welt wurde 1887 H. Villa-Lobos geboren. Schon früh führte ihn sein Vater, ein gebildeter Bibliothekar und versierter Hobbymusiker, an die Musik heran und unterrichtete ihn im Cellospiel.

Das Cello blieb für den Rest seines Lebens sein Hauptinstrument, doch in seiner Jugend begann er, sich autodidaktisch der Gitarre zu widmen. Er tat brauchte sie vor allem, um mit anderen Musikern durch die Straßen zu ziehen und gemeinsam Choros und andere brasilianische Musik zu improvisieren.

 

Erst im Alter von 20 Jahren wollte er seine musikalischen Studien auf ein solides Fundament stellen und immatrikulierte am Instituto Nacional de Música in Rio de Janeiro.

Da er aber bereits seit seiner Kindheit komponiert hatte, fand er es schwer sich einem Regelwerk zu unterwerfen, verließ die Ausbildungsstätte und reiste jahrelang durch Brasilien.

Villa-Lobos war von der Welt der brasilianischen Ureinwohner fasziniert und seine Kompositionen zeugen von seiner Beschäftigung mit ihnen und ihrer Musik.

Auch in seinem bekanntesten Werk für Gitarre, den fünf Präludien, merkt man diesen Einfluss. Das erste aus der Sammlung ist zugleich eines jener Stücke, das auch Menschen kennen, die sich sonst nicht mit der Gitarre beschäftigen.

Das Prelude Nr. 1 trägt den Titel: „Homenagem ao sertãnejo brasileiro“, „Hommage an den brasilianischen Sertãnejo“, also einen Bewohner des Sertão.

Die Sertão ist eine große halbtrockene Wüste im Nordosten Brasiliens mit einer Bevölkerung, die sich sehr stark vom Rest Brasiliens unterscheidet. Es ist ein Schmelztiegel aus indigenen, portugiesischen, holländischen, maurischen und afrikanischen Kulturen mit einer eigenen Musiktradition.

 

Im Untertitel trägt das Stück die Bezeichnung „Melodia lírica“, „lyrische Melodie“, ein Titel, der sich beim ersten Anhören selbst erklärt. Denn der Hauptteil des Werkes besteht aus einer typisch brasilianisch klingenden Melodie, die von einfachen Akkorden umspielt wird.

Die Idee dafür dürfte H. Villa-Lobos aus der reichen Musiktradition der Bewohner dieses Landstriches gewonnen haben, aber er bereicherte sie durch sein Wissen über die europäische Kunstmusik.

Vor allem dürfte er sich von seinem geliebten Cello inspiriert gefühlt haben, denn er legt die Melodie, anders als in der traditionellen Musik, in den Bass und die Begleitung in die Oberstimme.

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Sehen wir uns das Stück einmal genauer an.

Das Prelude besteht aus drei Teilen, wobei der dritte die fast wortwörtliche Wiederholung des ersten ist. (A B A´)

Der A-Teil beginnt mit einer getragenen Melodie in Moll. Breit und schwer kommt sie daher, in drei Anläufen schwingt sie sich immer höher auf, bis sie endlich bricht und in den B-Teil überleitet.

Man hört bei 0:12 – 0:38 den ersten Aufschwung, dann von 0:39 – 1:05 greift das Thema weiter aus und führt beim dritten Mal zu seinem Höhepunkt.

Für Villa-Lobos typisch ist die immer wieder vorkommende Art der Begleitung, bei der er bestimmte Griffmuster auf der Gitarre einfach verschiebt. Man kann das gut bei 0:54 – 1:02 und bei 1:13 – 1:20 sehen und hören.

Ab 1:21 führt eine Überleitung mit einer eigenen Melodie zum B-Teil, der bei 1:42 beginnt.

Jetzt funkelt es im fröhlichen Dur. Villa-Lobos schreibt eine einfache Akkordzerlegung und, im Gegensatz zu vorher, eine simple Melodie in der Oberstimme. Zwei Mal führt sie zum Höhepunkt e´´, das erste Mal in Dur, das zweite Mal trübt sie sich ein und erklingt in Moll.

 

Der gesamte Teil wird wiederholt und bei 2:54 beginnt wieder die bekannte Melodie des Anfangs. Der dritte Teil verzichtet auf die Überleitung und führt uns direkt zum Schluss dieses wunderbaren Werkes.

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