Radetzkymarsch

Würde man fragen, welches Thema mich am meisten beschäftigt, dann wäre die Antwort: die Sprachlosigkeit. Oder, besser ausgedrückt, die scheinbare Unfähigkeit des modernen Menschen, anderen durch Sprache nahe zu kommen und mit Worten wirklich Kontakt herzustellen.

Es greift mir jedes Mal ans Herz, wenn ich sehe, wie Menschen aneinander vorbeireden, wie sie sich nicht verstehen wollen oder können, und ich möchte am liebsten aufspringen und sie aneinanderstoßen, damit sie, wie es so schön heißt, in feurigen Zungen zueinander sprechen.

Das ist einer der Gründe, wieso ich unsere Literatur so liebe. Wir haben im Lauf der Jahrhunderte eine solch reichhaltige Sprache erschaffen, einen solch differenzierten Sprachgebrauch entwickelt, dass wir in der Lage sind, fast alles in Worte zu fassen. Auch das scheinbar Unsagbare.

Dadurch sind wir nicht gezwungen, uns in einfache Mythen oder Märchen zu verlieren oder ins Nebulöse zu verfallen, sondern können die Sprache so verwenden, dass jeder, der sich ihr mit Hingabe und Leidenschaft nähert, fähig ist, beinah alles in ihr auszudrücken und zu verstehen.

 

Wenn ich durch die Straßen laufe, wenn ich an Bahnsteigen stehe oder im Kaffeehaus sitze, dann lausche ich seit jeher den Stimmen der Menschen. Ich versuche, den Sinn ihrer Worte zu erfassen und zu erahnen, was sie sagen wollen.

Aber heute werde ich zunehmend ratlos. Nicht, weil mir die Themen fremd sind, sondern weil ihnen buchstäblich die Worte fehlen. Ich bin entsetzt über die Verarmung ihrer Sprache, den Verlust an Farben, an Zwischentönen, an all dem, was eine Sprache lebendig macht und was über das Unsagbare hinausweist.

 

Diese Verwahrlosung, diese Sprachlosigkeit, scheint heute überall zu herrschen, nicht nur auf den Straßen. Mir scheint, als hätte sie sich zum bestimmenden Moment unserer Zeit aufgeschwungen, das sich in unsere Herzen frisst.

Oder, wie Allen Ginsberg es einmal nannte: „Moloch der früh in meine Seele eindrang! Moloch dessen Herz ein kannibalischer Dynamo ist!“

 

Aber kommen wir zurück zu den Büchern. Denn vielleicht stimmt das alles gar nicht. Vielleicht sind das nur düstere Gedanken eines alten Lesers, der sich eine ideale Welt erträumt und was wir heute sehen, sind die normalen Veränderungen, denen die Sprache nun mal unterworfen ist.

Denn Sprachlosigkeit gab es auch früher schon. Joseph Roth etwa hat sie in seinem Roman „Radetzkymarsch“ so wunderbar beschrieben.

 

Es ist dies eine Erzählung über drei Generationen an Männern, die von ihren eigenen Lebensgeschichten abgeschnitten sind und deshalb sprachlos durch ihr Leben laufen. Unfähig, miteinander zu kommunizieren, unfähig, einen Weg zueinander zu finden, stehen sie alleine in ihrer Welt und sterben alle drei einen einsamen Tod, als trauriges Ende eines gleichermaßen sinnentleerten wie sprachlosen Lebens.

 

Schon der Großvater Trotta wurde durch Zufall aus seiner geordneten Welt gerissen.

Als Lebensretter des Kaisers geadelt und zum Leutnant befördert, findet er keinen Weg zurück zu seinen Kameraden und verliert sowohl die Verbindung zu seiner neuen Heimat als auch an die Lebenswelt seiner Väter.

 

Sein Sohn lebt an der Seite dieses zutiefst verbitterten Menschen. Schwer gezeichnet und seelisch verkrüppelt gelingt es auch ihm nicht, eine Beziehung zu seinem eigenen Kinde aufzubauen. Was ihn durch das Leben trägt, ist allein das Gerüst seiner Stellung und ein letzter Teil der ererbten Kraft.

Erst im Alter gelingt es ihm, wenigstens für Augenblicke, diesen Panzer zu durchbrechen und zaghaft die Hand nach seinem Kinde auszustrecken.

 

Aber es ist zu spät.

Denn sein Sohn ist gänzlich verloren in seiner eigenen Sprachlosigkeit. Dem letzten Spross der Trottas geht alles ab, was ein erfülltes Leben überhaupt noch möglich machen würde. Er hat keine Wurzeln mehr, wie ein gefallenes Blatt treibt er sinnlos durch sein Leben und kann keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen herstellen.

Und bleibt so sein Leben lang einsam und allein.

 

Das Buch zeigt eindringlich, wie sehr die Sprachlosigkeit die Menschen trennt. Wie sehr sie sie hindert, Kontakt aufzubauen, erwachsen zu werden und im wahrsten Sinne des Wortes zu überleben.

Und damit zeigt es auch, wie wichtig eine ausdifferenzierte Sprache für uns Menschen ist.

 

Vor allem aber zeigt es die wahre Einsamkeit der Sprachlosen, ihre Sehnsucht, ihre Entfremdung und ihren Schmerz.

Und die Unmöglichkeit, all dem zu entkommen.

die kursiv gesetzten Zeilen stammen aus: Allen Ginsberg, Gedichte, Rowohlt Taschenbuch 2004, Übersetzung: Heiner Bastian / Michael Kellner / Bernd Samland / Jürgen Schmidt / Peter Waterhouse / Carl Weissner

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