Robert Musil

 

von Stefan Havlik

Literat unruhiger Zeiten – zum 140. Geburtstag Robert Musils

Wien, März 1937: Eine „ebenso schamverletzende wie gewaltige Herrschaft der Dummheit“ wird konstatiert, „namentlich ein gewisser unterer Mittelstand des Geistes und der Seele“ sei „dem Überhebungsbedürfnis gegenüber völlig schamlos, sobald er im Schutz der Partei, Nation, Sekte oder Kunstrichtung“ auftrete: Es ist Robert Musils letzter öffentlicher Auftritt in Österreich – ein Land, territorial zusammengeschrumpft nach dem ersten Weltkrieg, den italienischen Faschismus einerseits und den deutschen Nationalsozialismus andererseits als Nachbarstaaten, selbst unter der Regierung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, der sich als erster „Führer und Feldherr“ titulieren lässt. Als Vortragender hatte Robert Musil auf Einladung des Österreichischen Werkbunds noch einmal die Stimme erhoben: „Über die Dummheit“ nannte er seinen Vortrag, hineingerufen in ein angsterfülltes Land, in ein Europa am Rande des Abgrunds.

In ein Land von gänzlich anderem Charakter wird Musil 1880 hineingeboren. Die Doppelmonarchie von Österreich und Ungarn, Klagenfurt in Kärnten, Bahnhofstraße 50: Am 6. November 1880 wird dem Ingenieur Alfred Musil und seiner Frau Hermine Sohn Robert geboren. Nur noch kurze Zeit wird die Familie dort sein, Vater Alfred entscheidet sich bald für eine Beamtenlaufbahn. Die europäische Mittelmacht Österreich-Ungarn wird in entscheidender Weise von ihrem Beamtentum getragen und geprägt, Hofrats- und Adelstitel ehren des Vaters treues Dienen schließlich, dessen Brüder sind als Generalstabsoffizier, Buchhalter und Bahningenieur ebenso auf beruflichen Laufbahnen unterwegs, die Ansehen versprechen.

„Manchmal ist mir, als wäre alles schon in der Kindheit beschlossen gewesen“ lässt Musil später eine Hauptfigur in seinem Stück „Die Schwärmer“ sagen. Typisch für diese Zeit wächst Musil hinein in eine Familie und Gesellschaft, die einerseits große Schamhaftigkeit kennt, für die aber andererseits alles davon Abweichende große Faszination ausübt.

Als 1906 mit „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ Musils erster Roman in Wien erscheint, ist es offensichtlich auch seine eigene Pubertät, die er zur Grundlage des Buches macht: Vier Schüler eines österreichischen Provinzinternats, agierend in und gleichzeitig ausgeliefert einem System der Disziplin und Gewalt, der Abhängigkeiten und Macht. Mit 11 Jahren wird Robert Musil Zögling in der Militär-Unterrealschule in Eisenstadt; während seine Mutter dem verklärten Bild des stolzen Soldaten anhängt (dem Sohn schreibt sie, er möge „brav und solid sein“ und „dem Institut und dem Rock des Kaisers Ehre machen“), erlebt Musil dort ein „Räderwerk aus Demütigung und Drill, Überwachung und Strafe“, das ihn noch Jahrzehnte später ratlos sein lässt: „Warum haben meine Eltern nicht protestiert?“.

Robert Musil, zur Verfügung gestellt vom Robert Musil Literatur Museum Klagenfurt

Brünn, 1898: Entschlossen, nicht die Offizierslaufbahn einzuschlagen, beginnt Robert Musil ein Ingenieurstudium an der technischen Hochschule. Äußerlich betrachtet eine Berufsentscheidung nach dem Weg des Vaters, innerlich war der Student aber nicht von familiärer Tradition, sondern ganz vom Geist der Zeit ergriffen: Der Fortschritt auf nahezu allen Ebenen der Technik und Wissenschaft, das Gefühl, die Menschheit sei in der Lage, in immer rascherer Geschwindigkeit auf allen Bahnen, Ebenen und Gleisen ihr Können und Wissen weiter auszubauen –  vom „Prothesengott“ schreibt Siegmund Freud. „Wozu braucht man noch den Apollon von Belvedere, wenn man die neuen Formen eines Turbodynamo oder das Gliederspiel einer Dampfmaschinensteuerung vor Augen hat“ formuliert Musil später in seinem berühmtesten Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Seine Begeisterung für Literatur lässt ihn jedoch auch von einem beruflichen Tun als Ingenieur abweichen, 1903 beginnt er in Berlin ein Studium der Philosophie und Psychologie. In Person der bayerischen Pianistin Valerie Hilpert und der Verkäuferin Herma Dietz waren ihm zwei Frauen begegnet, die ihn auf ihre je eigene Weise lieben ließen. Zuvor hatte er sein körperliches Begehren mit zahlreichen Prostituierten ausgelebt – mit tragischen Folgen: Eine Syphilis-Infektion ließ nicht nur ihn schwer erkranken, 1906 erleidet Herma Dietz eine syphilitische Fehlgeburt und stirbt selbst ein Jahr später.

Der Promotion 1908 folgt die endgültige Entscheidung, Schriftsteller sein wollen, wiewohl Robert Musil „dieser Mann“ ist, der „die längste Zeit seines Lebens keine Stellung und kein festes Einkommen besitzt und nicht die geringste Aussicht hat, das eine oder andere zu erlangen“, wie Biograph Wilfried Berghahn ihn beschreibt. Immer wieder sind dem Bewunderer von Nietzsche und Rilke lange Zeiten der literarischen Fruchtlosigkeit auferlegt: „Seit einem Jahre habe ich garnichts mehr ausgearbeitet.“ Nach zahlreichen Absagen von Verlagen ist es der bekannte Literaturkritiker Alfred Kerr, der sich Musils erstem Roman vom Zögling Törleß annimmt und ihm damit zum Erfolg verhilft. Das Buch, so Kerr, werde „auf den Index ornatloser Pfaffen gesetzt“, wenn „ein halbes Dutzend Menschen es erst gelesen“ habe. Das lesende Bürgertum in deutschsprachigen Großstädten ist durch solche Worte fasziniert und nimmt den jungen Autor Musil erstmals wahr.

 

„Noch ist es aber still und wir sitzen wie in einem Glaskäfig und traun uns keinen Schlag zu tun, weil dabei gleich das Ganze zersplittern könnte“ schreibt Musil in „Politisches Bekenntnis eines jungen Mannes“ im Jahr 1913 – geradezu prophetisch für die Situation Österreichs, ja des ganzen europäischen Kontinents wirken diese Worte, ein Jahr vor dem Beginn des Weltkrieges. Wie so viele Künstler seiner Zeit lehnt er den Krieg aber nicht vehement ab, sondern verbindet damit auch die Hoffnung auf die Chance eines gänzlichen Neuanfangs durch das Wegbrechen althergebrachter, lähmender Strukturen. Musils Beitrag in der Zeitschrift „Die neue Rundschau“ formuliert unter dem Titel „Europäertum, Krieg, Deutschtum“ neben einer Rechtfertigung eines neuen Wir-Gefühls, dass die Dichtung „im Innersten der Kampf um eine höhere menschliche Artung“ sei. Auch Musil wird Teil des Kampfes in Europa, wenn auch sein soldatischer Weg zunächst zur Grenzsicherung nach Tirol führt, wo es bis zum Kriegseintritt Italiens 1915 keine Schlachten gab. Nach der Teilnahme an der vierten Isonzo-Schlacht und mehreren Erkrankungen wird auf des Literaten außersoldatische Fähigkeiten zurückgegriffen und er agiert als Redakteur mehrerer Soldatenzeitungen, zunächst in Bozen, schließlich in Wien.

Café Griensteidl, berühmtes Künstlerlokal des späten 19. Jahrhunderts

Noch bis Dezember 1918 geht er täglich in Uniform ins Kriegsministerium – vom Schriftstellerkollegen Karl Otten darauf angesprochen, was er nach dem Ende der Monarchie und der Auflösung des Staates dort noch mache, antwortete Musil „Ich löse auf“. Bis zum Kriegsende war Musil von einem Fortbestehen des von ihm im „Mann ohne Eigenschaften“ als „Kakanien“ (als Anspielung auf die K.-u.-K.-Doppelmonarchie) bezeichneten Vielvölkerreiches ausgegangen.

Mit dem „Bauchladen des Dichters“ (Musil zu Otten im Januar 1919) war der Schriftsteller von nun an im Wien der Nachkriegszeit unterwegs, stets auf der Suche danach, für die Veröffentlichung seiner Werke Geld zu bekommen. Wie für viele Intellektuelle war auch für Musil die Zeit wirtschaftlicher Not, aber auch innerer Neuorientierung angebrochen, „seit ich zum Leben erwacht bin, denke ich mir die Sache anders“ schreibt er 1921. Seinem Bühnenstück „Die Schwärmer“, das nach langer Schaffenszeit und Kriegsunterbrechung endlich veröffentlicht wird, will er „das Maximum geistlichen Lebens“ mitgeben – und beschreibt darin das Beziehungsgeflecht von vier Menschen, für die das Weltgeschehen augenscheinlich keine Rolle zu spielen scheint.

 

Die 20er Jahre bedeuten für Musil eine Zeit großer Unruhe, womit er der politischen Situation Deutschlands und Österreichs entspricht: Immer wieder am Rande des Bankrotts, immer wieder unter langen Phasen der Schreibblockaden und der Erkrankungen leidend, gelingt ihm erst 1930 die Vollendung des ersten Teils seines Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“. Sein erhoffter Neubeginn 1931 durch den Umzug nach Berlin erweist sich bald als Sackgasse: Eilig muss er 1933 das Deutsche Reich wieder verlassen, nicht nur seiner bei Nationalsozialisten wie Kommunisten verhassten Werke, sondern auch seiner jüdischen Ehefrau Martha wegen.

Doch auch Österreich ist längst kein sicherer Hafen mehr, sondern selbst tiefer Zerrissenheit ausgesetzt. So sehr er auch den Nationalsozialismus ablehnte, trat Musil doch 1936 der „Vaterländischen Front“ des Ständestaates, des Austro-Faschismus bei, wohl in der Hoffnung, auf diese Weise in seiner Heimat Verankerung und dabei auch gesellschaftliche Akzeptanz zu finden, die ihn weiter als Schriftsteller tätig sein lassen würde.  Wenige Monate, bevor Musil seine Heimat aufgrund des „Anschlusses“ an das Deutsche Reich verlassen muss, formuliert er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, „dass in der Welt besonders ein Hang ist, dass sich die Menschen, wo sie in großer Zahl auftreten, alles gestatten, was ihnen einzeln verboten ist“ – drastische, treffende, prophetische Worte auf einem Kontinent, der gerade den schlimmsten Menschheitsverbrechen, fanatisiert durch Ideologien der Masse, entgegen ging.

„Nihilisten und Aktivisten waren sie, Ulrich und Agathe, und bald das eine bald das andere, je nachdem wie es kam“ lautet der letzte Satz des schließlich unvollendet gebliebenen Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ – nachdem er ihn in seinem Schweizer Exil aufgeschrieben hatte, erhob sich Robert Musil am 15. April 1942 und ging in den Garten. Eine Stunde später hörte sein Herz auf zu schlagen. Ein Leben zwischen Verzweiflung und Liebe, mitten im sich dramatisch verändernden Europa, war plötzlich zu Ende gegangen.

Die Zitate stammen aus folgenden Büchern:

Herbert Kraft: „Musil“ (Zsolnay-Verlag)
Oliver Pfohlmann: „Robert Musil“ (Rowohlt)

 

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