Schnee von Gestern

 

von Georg Rode

Ballade der Frauen von einst

Sagt mir, in welchem Land
ist Flora, die schöne Römerin,
Alkibiades und Thaïs,
seine Kusine,
Echo, die spricht, wenn man Lärm macht
auf dem Fluss oder dem Teich,
und die von übermenschlicher Schönheit war?
Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

Wo ist die äußerst weise Heloïse,
für die entmannt und später Mönch ward
Petrus Abaelardus in Saint Denis?
Für seine Liebe litt er solche Pein.
Wo ist gleichermaßen die Königin,
die befahl, dass Buridan
in einem Sack in die Seine geworfen wurde?
Und wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

Die Königin Lilienweiß,
die mit Sirenenstimme sang,
Bertha vom großen Fuß, Béatrix, Aélis,
Eremberg, die das Maine besaß,
und Jeanne, die gute Lothringerin,
die die Engländer in Rouen verbrannten,
wo sind sie, wo, hehre Jungfrau?
Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

Prinz, frage nicht in einer Woche,
wo sie sind, nicht dieses Jahr!
Uns bleibt nur dieser eine Reim:
Wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

Quelle und französischer Text: Wikipedia

Francois Villon, ©Morphart

Der „Schnee vom vergangenen Jahr“ (les neiges d’antan) ist ein Ausdruck, der auf François Villon mit seiner Ballade des dames du temps jadiszurückgeht. Villon war ein Kleinkrimineller aus dem 15 Jahrhundert, oftmals verurteilt und einmal nur knapp der Todesstrafe entgangen. Aber er war auch Dichter meist spöttischer, zumindest aber kritischer Balladen in oft sehr derber Ausdrucksweise, der posthum zu Ruhm und Anerkennung gelangt ist. Hier beklagt er in chronologischer Abfolge das Verschwinden wertvoller Persönlichkeiten und Zeiten. Dies geschieht anhand dieser Personen, deren weiteres Wirken vermisst wird. Dabei lag dem Filou Villon die Damenwelt offensichtlich besonders am Herzen.

Diese Ballade ist von dem Chansonnier Georges Brassens 1953 vertont worden und gehört seitdem zum festen Inventar der französischen Kultur.

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Der Text zum Mitlesen

Dictes moy où, n’en quel pays,                                Sagt mir, in welchem Land
Est Flora, la belle Romaine ;                                    ist Flora, die schöne Römerin,
Archipiada, ne Thaïs,                                                 Alkibiades und Thaïs,
Qui fut sa cousine germaine ;                                   seine Kusine,
Echo, parlant quand bruyt on maine                      Echo, die spricht, wenn man Lärm macht
Dessus rivière ou sus estan,                                      auf dem Fluss oder dem Teich,
Qui beaulté ot trop plus qu’humaine ?                   und die von übermenschlicher Schönheit war?
Mais où sont les neiges d’antan ?                            Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

 

Où est la très sage Helloïs,                                        Wo ist die äußerst weise Heloïse,
Pour qui fut chastré et puis moyne                         für die entmannt und später Mönch ward
Pierre Esbaillart à Saint-Denis ?                             Petrus Abaelardus in Saint Denis?
Pour son amour ot cest essoyne.                             Für seine Liebe litt er solche Pein.
Semblablement, où est la royne                              Wo ist gleichermaßen die Königin,
Qui commanda que Buridan                                    die befahl, dass Buridan
Fust gecté en ung sac en Saine ?                              in einem Sack in die Seine geworfen wurde?
Mais où sont les neiges d’antan ?                            Und wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

 

La royne Blanche comme lis,                                   Die Königin Lilienweiß,
Qui chantoit à voix de seraine ;                               die mit Sirenenstimme sang,
Berte au grant pié, Bietris, Allis ;                            Bertha vom großen Fuß, Béatrix, Aélis,
Haremburgis qui tint le Maine,                               Eremberg, die das Maine besaß,
Et Jehanne, la bonne Lorraine,                               und Jeanne, die gute Lothringerin,
Qu’Englois brulerent à Rouan ;                               die die Engländer in Rouen verbrannten,
Où sont elles, Vierge souvraine ?                            wo sind sie, wo, hehre Jungfrau?
Mais où sont les neiges d’antan ?                            Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

 

Prince, n’enquerez de sepmaine                             Prinz, frage nicht in einer Woche,
Où elles sont, ne de cest an,                                     wo sie sind, nicht dieses Jahr!
Qu’à ce reffrain ne vous remaine :                          Uns bleibt nur dieser eine Reim:
Mais où sont les neiges d’antan ?                            Wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

 

Quelle: Wikipedia

Ihr Einfluss reichte auch bis nach Deutschland, wo das Chanson von Ulrich Roski für Joana mit neuem Inhalt adaptiert wurde (1972) und später auch von ihm selber veröffentlicht (1975).

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Was soll das jetzt hier? Ich denke den Schnee vom vergangenen Jahr haben vermutlich recht viele dahin schmelzen sehen. Und am Beispiel von Brassens kann man wieder einmal erkennen, dass die musikalische Tradition in Frankreich ungebrochen über mehrere Generationen weitergeführt wird. Da wird auch schon mal ein bretonisches Volkslied von Manau gerappt (1998) oder ein Schlaflied von Mc Solar adaptiert (2007), beide mit Veränderungen der Texte. Und Brassens wird wacker auf Jahrmärkten und Volksfesten ganz im Stile Villons vorgetragen, jetzt mit Verstärker – und auch mitgesungen. Da scheint das Schmelzwasser des Schnees von gestern neuen Pflanzen zum Gedeihen verholfen zu haben. Eine Tradition die in Deutschland durch die Vereinnahmung der Volksmusik nicht zustande kam.

Die Redewendung findet sich übrigens öfter auch in deutschen Werken, von Hugo von Hofmannsthal (Der Rosenkavalier) über Brecht (Nannas Lied) bis hin zu Rammstein (Sehnsucht, 1996)

Die Tradition, hatte im Großen bei uns nicht Bestand, kann aber im Kleinen doch umgesetzt werden. Dem alten Schnee ein bisschen nachtrauern, gut, meistens reicht ein bisschen nicht, aber dann die Kraft für einen neuen Anfang wiederfinden, vielleicht um ein paar Erfahrungen reicher.

 

Wenn ich hin und wieder mal ein wenig sentimental werde, buddelt Brassens mich oft wieder aus dem Schnee, wenn er noch nicht geschmolzen ist.

Ich finde das passt – nicht nur in unsere Zeit!

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