Formschönes Design und soziales Engagement
von Sylvia Zeller
Wir leben so sehr in einer Schriftkultur, dass wir uns häufig keine Gedanken darüber machen, wie ein Text entstanden ist, technisch gesehen. Klappen wir heute unseren Laptop auf oder lassen den PC hochfahren, um ein Textverarbeitungsprogramm zu starten, so kamen im 20. Jahrhundert lange Zeit und im Wesentlichen Schreibmaschinen zum Einsatz.
Und welche Schreibmaschine benutzt wurde, war alles andere als beliebig. Manche Schriftsteller waren nahezu mit »ihrer« Maschine verwachsen. Von Günter Grass ist bekannt, dass er zeitlebens auf einer mechanischen Olivetti Lettera 22 schrieb, vier Exemplare dieses Typs auf Reserve und für verschiedene Arbeitsplätze besaß und keine andere Maschine nutzen wollte. Im Günter-Grass-Haus in Lübeck ist sie ausgestellt, die elegante Reiseschreibmaschine, auf der auch Die Blechtrommel geschrieben wurde.
Sie wurde von dem italienischen Designer und Architekten Marcello Nizzoli im Jahre 1949 entworfen. Es gab sie in blau, grün und braun. 1954 erhielt sie den Design-Preis Compasso d´Oro. 1959 wurde die Lettera 22 vom Illinois Institute of Technology als eines der bestgestaltetsten Produkte unserer Zeit ausgezeichnet.
Das Unternehmen Olivetti, die erste Schreibmaschinenfabrik Italiens, wurde 1908 im norditalienischen Piemont gegründet. Der Firmengründer Camillo Olivetti, am 13. August 1868 in Ivrea geboren, war ein weitgereister Ingenieur aus gut situiertem jüdischem Hause. 1911 stellte Camillo Olivetti die erste Schreibmaschine vor, die M1, die den Beginn einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte markierte.
Camillo Olivetti setzte die Standards für ein Unternehmen, das nicht nur Industrie- und Designgeschichte schreiben sollte, sondern auch sozial und kulturell hervortrat. Als überzeugter Sozialist verband er sein Engagement mit einer Utopie von Gemeinschaft: Camillo Olivetti und später sein Sohn Adriano boten ihren Angestellten eine Betriebskrankenkasse, überdurchschnittlichen Verdienst, Kündigungsschutz, Mutterschutz, einen betriebseigenen Kindergarten, Begabtenförderung, Urlaubsheime, kulturelle Angebote und nahmen insbesondere Beschäftigte aus der Umgebung auf.
Es entstanden firmeneigene Standorte in verschiedenen Ländern, später beispielsweise die architektonisch ausgefallenen Olivetti-Türme in Frankfurt am Main, und in Ivrea selbst eine ganze Siedlung für Betriebsangehörige. Der Komplex der Wohn- und Fabrikanlagen der Olivetti-Werke ist heute ein bauliches Freiluftmuseum und wurde 2018 als
UNESCO-Welterbestätte anerkannt.
Eine Schreibmaschine müsse in ihrem Aussehen Ernst und Eleganz verbinden, ist von Camillo Olivetti überliefert. Die Maschinen sollten in einen Bürokontext passen, ohne überbordenden Schmuck und dennoch formschön sein. Die Zusammenarbeit des Unternehmens mit namhaften Künstlern, Architekten und Grafikern und eine starke Vision gesellschaftlichen Fortschritts trugen zu einer ästhetischen Einheit aller Lebensäußerungen des Unternehmens bei und prägten deren Stil. Als die Hochzeit der Schreibmaschine zu Ende ging, produzierte Olivetti Computer, Bürogeräte und anderes. Die NASA kaufte Computer der Firma Olivetti, um den ersten Mondflug zu berechnen.