Selma Lagerlöf

von Janin Pisarek

Selma Lagerlöf (1858–1940) ist wohl eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Schwedens. Ihre kontrasteichen, von der mündlichen Erzähltradition geprägten Werke zählen zur Weltliteratur. Sie war die erste Frau, die  den Nobelpreis für Literatur erhielt und engagierte sich im großen Maße sozial und politisch.

Die ersten Jahre

Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf wird am 20. November 1858 auf dem Landsitz ihrer Eltern, in Schwedens Provinz Värmland geboren. Sie ist das vierte Kind des ehemaligen Leutnants Erik Gustav Lagerlöf (1819–1885) und seiner Frau Elisabet Lovisa, geb. Wallroth (1827–1915), die einer wohlhabenden Großhändlerfamilie entstammt.

Auf Gut Mårbacka wächst Lagerlöf in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die langen dunklen Winter sind erfüllt von der generationsübergreifenden Erzählkunst der Familie. Märchen, Sagen, Mythen und Legenden beeindrucken sie genauso wie historische Erzählungen.

Lagerlöf verbringt viel Zeit eingehüllt in Geschichten und Bücher. Zum einen flüchtet sie aus dem Alltag, in dem sie immer mehr unter den selbstzerstörerischen Tendenzen ihres geliebten Vaters leidet. Zum anderen erkrankt sie im Kindesalter an einer rätselhaften Lähmung der Beine. Sie sieht darin Positives: „Diese Behinderung hat mich gezwungen, stillzusitzen und in mich hineinzuschauen, und das ist der Grund, warum ich Schriftstellerin wurde. Wäre ich gesund gewesen, hätte ich wohl irgendeinen Fabrikverwalter heiraten müssen.1

Aufbruch zu neuen Wegen

 

Ihren schwer alkoholkranken Vater zu verlassen, bereitet Lagerlöf große Schuldgefühle, doch ein Leben als Hausfrau kommt nicht in Frage. Früh entdeckt sie, dass sie Schriftstellerin werden will. Im Bildungsbereich erkennt sie die Möglichkeit für gesellschaftliche Veränderungen und Fortschritt aktiv zu werden.

Nach dem Abschluss ihres Studiums 1885 bekommt sie eine Anstellung als Lehrerin in einem Mädchenpensionat, wo sie die nächsten zehn Jahre verbringt. Im selben Jahr stirbt ihr Vater. Das Gut Mårbacka, der Bauernhof ihrer Kindheit, der seit drei Generationen in der weiblichen Linie weitergegeben worden war, muss 1890 aufgrund hoher Schulden verkauft werden. Die Angst vor dem Verlust von Haus und Hof verarbeitet die Autorin später in mehreren ihrer Werke.

Mit ihrem Talent, lebendig zu erzählen, begeistert Lagerlöf ihre Schülerinnen für Literatur. Mit Texten für die örtliche Zeitung erreicht sie auch Anhängerinnen des damals erstarkenden Feminismus, die Kontakt zu ihr herstellen. Besonders in Bezug auf die Rolle der Frau ist sie mit ihren Ansichten der Zeit voraus.

Auf diesem Weg lernt sie eine der bedeutendsten zeitgenössischen Feministinnen Schwedens kennen, nämlich Baronin Carin Sophie Adlersparre (1823–1895). Diese rät Lagerlöf, Bücher zu publizieren und verhilft ihr zu einer Veröffentlichung in Dagny, der literarischen Revue der Frauenrechtlerinnen.

1890 gewinnt sie mit einem Manuskript zu Gösta Berling den ersten Preis des Journals Idun. Sie wird ein Jahr vom Lehrerinnendienst freigestellt, damit sie sich dem Schreiben widmen kann.

Die ersten Veröffentlichungen

 

In Die Legende von Gösta Berling verwebt Lagerlöf die zwei Handlungsstränge mit regionalen Sagen, klassischen Mythen und Märchenmotiven wie Amor und Psyche sowie weltliterarischen Stoffen wie Faust oder Don Juan zu einer Saga. Für ihre poetischen Landschaftsbeschreibungen, melancholischen Schilderungen vergangener Zeiten, Märchenbilder sowie einem Hang zum Übersinnlichen wird sie abfällig als „en sagotant“, eine Märchentante, kritisiert. Einfalt sowie eine kindliche Heimatverbundenheit werden ihr vorgeworfen, denn zu jener Zeit etabliert sich zunehmend ein gegenwartsgesättigter und sozialkritischer Realismus. Somit verkauft sich das Buch eher schlecht, bis der bekannte Literaturkritiker Georg Brandes (1842–1927) mit seiner positiven Buchbesprechung den Stein ins Rollen bringt.

Erst nach ihrem zweiten Buch Unsichtbare Bande gelingt ihr 1894 der Durchbruch in Schweden und auch Gösta Berling wird aufgrund seiner lange verkannten modernen, episodischen Form zu einem Verkaufsschlager. Mit dem Erfolg kann sie 1897 ihren Beruf als Lehrerin aufgeben und als Schriftstellerin leben.

Lagerlöf bereist mit ihrer geliebten Freundin Sophie Elkan (1853–1921) fast alle europäischen Länder, Palästina und Ägypten. An der Seite der wohlhabenden und temperamentvollen Schriftstellerin erwirbt Lagerlöf ein sicheres gesellschaftliches Auftreten. Die vielen gemeinsamen Reisen beeinflussen Lagerlöfs Werke.

Ihre finanzielle Situation entspannt sich enorm. Seitens der Schwedischen Akademie bekommt Lagerlöf eine lebenslange Pension gewährt, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. Im Jahr 1897 erscheint Die Wunder des Antichrist.

Ihr Werk Eine Herrenhofsage wird 1898 als eine Sammlung von „Romanen und Erzählungen für das arbeitende Volk“ veröffentlicht. 1899 folgt Die Königinnen von Kungahälla, das eine Vielzahl sagenhafter Novellen enthält.

In dem Jahr lernt sie in ihrer neuen Heimat Falun auch die politisch engagierte Literaturprofessorin und Studienrätin Valborg Olander (1861–1943) kennen, woraus sich eine lebenslange Liebesbeziehung entwickelt. Aus Lagerlöfs später veröffentlichten Briefen geht hervor, dass sie sowohl Sophie Elkan als auch Valborg Olander ihre Liebe („kärlek“) versichert. Doch nur zu Olander hegt sie offensichtlich eine Sehnsucht nach körperlicher Zärtlichkeit.

Anne-Marie Lissel (*um 1920), die damals 16-jährige Sekretärin, erinnert sich später, wie sie beim Abtippen der Briefe an Olander immer genug Platz lassen musste, weil Lagerlöf auf persönliche handschriftliche Ergänzungen bestand. Olander ist es auch, die Lagerlöf berät sowie ihr beim Redigieren von Manuskripten und Erledigen von Korrespondenz hilft.

Ihren größten Erfolg erzielt Selma Lagerlöf dann mit dem 1901 und 1902 erscheinenden, episch-historischen, zweibändigen Werk Jerusalem. In diesem kontrastiert sie die waldreiche, hügelige Landschaft der Provinz Dalarna mit der Stadt Jerusalem und beschreibt die Pilgerschaft und Auswanderung einer tief religiösen Bauernfamilie aus der schwedischen Provinz Dalarna nach Palästina.

Von Erfolg und Misserfolg

 

Schon vor dem Erscheinen ihrer zwei Bände Jerusalem hatte sie vom schwedischen Volksschullehrerverband die Bitte erreicht, ein Schul- und Lesebuch über Schweden zu schreiben. 1906/1907 erscheint Die Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Mit dieser Publikation konzipiert Lagerlöf ein Lesebuch für den Heimatkundeunterricht, das zugleich Kunstwerk und Schulbuch ist.

In einer modernen, lebendigen Sprache verknüpft Lagerlöf alte Sagen, lehrreiche Geschichten, Traumerlebnisse, Märchen und geografische Beschreibungen mit dem Schicksal ihres Helden. (Alltags-)Geschichte und Gegenwart des damaligen Schwedens werden thematisiert – so beispielsweise Erzgruben und Sägewerke, Landwirtschaft und Schifffahrt. Kleine Abhandlungen über Flora und Fauna schmücken lehrreich die Erzählung. Aus einer Vogelperspektive heraus erhält der Leser einen umfassenden Überblick über Schweden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nils Holgersson stellt gleichzeitig einen Erziehungs- und Entwicklungsroman sowie ein liebevolles Porträt Schwedens dar.

Am 10. Dezember 1909 nimmt Selma Lagerlöf als erste Frau den Literatur-Nobelpreis aus den Händen König Gustavs V. (1858–1950) entgegen. Viele Jahre herrschten im Nobelpreiskomitee Zweifel, ob man einer Verfasserin von Märchen und Sagen, die realistische und fantastische Elemente miteinander vermische, den wichtigsten Literaturpreis zusprechen könne.

Sie kann bei einer Versteigerung ihr altes Gutshaus von Mårbacka sowie die dazugehörigen Ländereien zurückkaufen und wieder beziehen. Um die Menschen in ihrer Umgebung mit Arbeit zu versorgen und die wirtschaftliche Lage der Region zu verbessern, lässt sie dort eine Fabrik errichten. Für die rund 50 Mitarbeiter übernimmt sie Kranken-, Sozial-, und Rentenversicherungen. Das ganze Unternehmen, das hoffnungsvoll beginnt, entwickelt sich jedoch zu einem finanziellen Desaster.

1911 erscheint der Roman Liljecronas Heimat. Die Erzählung spielt in der gleichen Landschaft wie Gösta Berling, beherbergt bekannte Charaktere und bildet die Vorgeschichte zu einem Kapitel des 20 Jahre zuvor erschienenen Buches. Im gleichen Jahr hält Lagerlöf eine vielbeachtete Rede auf einem internationalen Frauenkongress in Stockholm. Dass eine weltbekannte Frau, Nobelpreisträgerin und Gutsbesitzerin, der das Wahlrecht zu jener Zeit verweigert wurde, sich politisch äußert, machte die Rede besonders brisant.

Ein weiterer großer Erfolg stellt die raffinierte Erzählung Der Fuhrmann des Todes von 1912 dar.

Das Werk öffnet eine weite Perspektive ohne einen Zeitraum von den nur wenigen Minuten einer Silvesternacht zu verlassen. Auf knapp 100 Seiten integriert Lagerlöf geschickt Hinweise zur Bekämpfung der Tuberkulose und verarbeitet literarisch konkrete, gegenwärtige soziale Missstände wie Alkoholismus und häusliche Gewalt. Eine alte Sage, die davon berichtet, dass der letzte in der Silvesternacht Verstorbene ein Jahr lang als Fuhrmann dem Tod dienen muss, dient als Rahmenerzählung.

Das Übernatürliche nimmt durch diese Spukgeschichte eine dominierende Rolle ein. Lagerlöf äußert während dieser Zeit, dass sie das Gefühl habe, dass sie nur ein dünner Vorhang von der jenseitigen Welt trenne. Dieses Gefühl bildet das Grundmotiv der Erzählung.

In Der Kaiser von Portugallien von 1914 knüpft Lagerlöf wie in Gösta Berling und Liljecronas Heim an die Landschaft und die Erinnerungen ihrer Kindheit an. Doch romantische Sagen und Liebesabenteuer weichen hier einer realistischen Schilderung des Lebens, insbesondere der kleinen Leute, vieler Sitten und Bräuche sowie der Verarbeitung realer Personen und Ereignisse.

Die Wirren des Krieges

 

1914 wird Lagerlöf als erste Frau zum Mitglied der Schwedischen Akademie berufen. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges gerät sie in eine Schreibkrise, die sie zu überwältigen versucht. Sie setzt sich für Flüchtlingskinder ein und ruft zu karitativen Tätigkeiten auf. Als 1921 ihre langjährige Freundin und Reisegefährtin Sophie Elkan stirbt, richtet sich Lagerlöf neu ein. Dunkle Farben und die exotischen Andenken Elkans dominieren seitdem ihr Bibliothekszimmer.

1922 erscheint das erste von drei autobiografischen Büchern. In Mårbacka. Jugenderinnerungen führt der Weg von der Landschaft Värmlands und seinen Mythen zur Großstadt Stockholm als Ort der Modernität. Dies hat das Werk auch mit den zwei später erscheinenden Autobiografien, 1930 Memoiren eines Kindes und 1932 Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf, gemein.

Im Jahr 1924 wird die Filmversion Gösta Berlings mit der damaligen Starschauspielerin Greta Garbo (1905–1990) in der Hauptrolle uraufgeführt und später ein Kinoerfolg. Zehn weitere Werke Lagerlöfs  werden verfilmt.

Zwischen 1925 und 1929 entsteht eine Trilogie, bestehend aus Der Ring des Generals, Charlotte Löwensköld und Anna, das Mädchen aus Dalarne. Dieses Werk erzählt die verflochtene Geschichte einer Familie. 1928 erhält Lagerlöf die Ehrendoktorwürde der Universität Greifswald.

Als Pazifistin verfasst Lagerlöf außerdem Flugblätter, unterzeichnet 1930 Das zweite Manifest gegen Wehrpflicht und militärische Ausbildung der Jugend und sammelt Spenden für Flüchtlinge und Kriegsgefangene. In ihren Aufrufen gegen den Krieg wendet sich Lagerlöf an Frauen. In ihren Reden stilisiert sie die Mutter zur Gegenfigur des kriegswilligen Mannes.

Aufgrund ihrer Antikriegshaltung wird sie im nationalsozialistischen Deutschland trotz ihrer geschätzten Kunst des volkstümlichen Schreibens aufmerksam beobachtet. Sie befürchtet, dass ihre Bücher verbrannt werden. Jedoch werden lediglich die Radiosendung Deutschland grüßt Selma Lagerlöf anlässlich ihres 75. Geburtstags gestrichen und einige Bühnenstücke vom Spielplan entfernt. Insbesondere der Verkauf ihrer autobiografischen Werke geht fast ungehindert weiter. Die Einstellung Lagerlöfs zu Deutschland während des Dritten Reichs ist ambivalent. Sie verabscheut Krieg und Faschismus, jedoch ist ihr der Erfolg ihrer Werke auch im nationalsozialistischen Deutschland wichtig, denn sie schätzt ihren großen Leserkreis, dem sie sich freundschaftlich verbunden fühlt.

Ab 1933 unterstützt sie Juden bei ihrer Flucht nach Schweden. 1939 sollen auch die jüdische deutsch-schwedische Schriftstellerin und spätere Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs (1891–1970) und ihre Mutter zu jenen gehören, denen Lagerlöf hilft, Deutschland zu verlassen. Die über 80-jährige Lagerlöf ist zu dem Zeitpunkt bereits krank, aber Nelly Sachs‘ Flucht mit der Mutter gelingt. Die Einreise der beiden erlebt Lagerlöf jedoch nicht mehr. Sie erleidet einen Schlaganfall und liegt die letzten Tage bewusstlos auf ihrem Gut. Am 16. März 1940 stirbt sie im Alter von 81 Jahren. Es wurde berichtet, „daß sie unter dem Eindruck der verhängnisvollen politischen Wendungen dieses Krieges stand, als sie am 16. März 1940 die Augen schloss“.2

Ein Resümee

 

Selma Lagerlöf war bis ins hohe Alter eine starke Frau und eine große Schriftstellerin, die sich politisch und humanitär engagierte und das Ziel einer besseren Welt nie aus den Augen verlor. Dies spiegelt sich in ihrem lebhaften Interesse für die menschliche Psyche ebenso wie in ihrem Wirken und ihren Werken wider, in denen sie häufig Konfrontationen zwischen weiblich–männlich, problematische Vater-Tochter-Beziehungen, aktuelle Geschehnisse und gesellschaftliche Entwicklungen thematisiert.

Lagerlöfs Erzählweise in ihrem umfangreichen Œuvre ist und bleibt einzigartig. Ähnlich wie im Märchen beginnen viele ihrer Werke mit einem Aufbruch und sind als Entwicklungsroman oder Sinnsuche konzipiert – angelegt in einer Szenerie, in der Lagerlöf Natur und Mythen aufgreift und zugleich mit der dort lebenden Gesellschaft verbindet.

So lässt sie Leser an den imposanten Landpartien und traditionellen Festen genauso teilhaben, wie an unheimlichen und dunklen Nächten mit Gespenstern oder Wölfen. Dabei gelingt Lagerlöf in ihren verwobenen Handlungen von Schicksal und Zufall vor allem auch das Kontrastieren von Themen wie Arm und Reich, Land und Stadt, Menschen- und Vogelperspektive, alte Sagen und Zukunftsvisionen, Christentum und Mythologie.

All dies fußt auf ihrem außergewöhnlichen erzählerischen Können, das wiederum auch auf ihre von Erzähltraditionen bereicherte Kindheit zurückzuführen ist.

Lagerlöf hinterlässt somit ein Potpourri aus mannigfaltigen Geschichten von Land und Leuten mit einem starken Hang zum Fantastischen, Übernatürlichen und Magischen. Es lebt von den mystischen unendlichen Weiten Skandinaviens, Elementen des schwedischen Volksglaubens und der einfachen und bildhaften Sprache, die die bezaubernde Vielfalt des Landes widerspiegeln.

In Sagen, Märchen und Legenden erzählt sie von den wechselseitigen und schicksalsvollen Beziehungen zwischen Menschen, Natur und ihren Geschöpfen.

1 Zitiert aus: Frieling, Simone: Reformerin und Magierin. Zum 75. Todestag Selma Lagerlöfs, der ersten Literaturnobelpreisträgerin; In: Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Komparatistik bei literaturkritik.de, Ausgabe Nr. 4, April 2015, unter: https://literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=201504#20426

2 Ebd.

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