Séraphine de Senlis – vom Himmel geküsst
von Anja Weinberger
Séraphine de Senlis – vom Himmel geküsst
von Anja Weinberger
Wird ein Mädchen auf den Namen Séraphine[1] getauft, so erscheint es mir beinahe logisch, ja notwendig, dass sie eine besondere Beziehung zum Übernatürlichen pflegt. Und so hatte Séraphine Louis Kontakt zu ihrem Schutzengel – oder aber zur Jungfrau Maria persönlich, je nachdem, welcher ihrer oft erzählten Geschichten man folgen mag. Die »Malerin des heiligen Herzens«[2] entstammte weiß Gott keiner typisch intellektuell geprägten Umgebung. Ganz im Gegenteil. 1912 entdeckt hat sie durch Zufall der deutsche Kunstliebhaber, -händler, Galerist und frühe Sammler Moderner Malerei Wilhelm Uhde. Dieser, einer der ersten Käufer der Werke Picassos, Braques und Laurencins, wollte sich nach Senlis, dem kleinen Städtchen mit der großen Kathedrale, zurückziehen, und dort arbeiten und entspannen. Senlis hatte sich gegen den Anschluss an das wachsende Eisenbahnnetz entschieden und blieb so eine Oase der Ruhe und Beschaulichkeit, kaum 50 Kilometer entfernt von Paris.
Séraphine Louis versuchte sich in eben diesem Städtchen ihren Lebensunterhalt als Putzfrau zu verdienen und lebte nur mit dem Nötigsten. Auf diesem Wege lernten sich die beiden so unterschiedlichen Menschen kennen. Uhde, der wissensdurstige, homosexuelle, streitbare jüdische Pazifist und Séraphine Louis, die kaum gebildete, bis an den Rand der Ekstase religiöse Einzelgängerin und Zugehfrau. Vielleicht verband die beiden die Tatsache, dass sie beide Außenseiter waren.
Séraphine wurde 1864 in ärmlichen Verhältnissen geboren und schon mit sechs Jahren Vollwaise. Auf dem Lande, wo sie zur Welt kam, waren ihr Pflanzen und Tiere Lehrmeister. Sie scheint schon früh gerne allein gewesen zu sein und interessiert an allem, was kreucht, fleucht und vor allem wuchs. Die Schulbildung, die sie erhielt, ist bestenfalls rudimentär zu nennen und schon bald wusste das Mädchen, was es heißt, von der Hand in den Mund zu leben.
Als Heranwachsende war sie fasziniert von den großen, bunten Fenstern in den zahlreichen romanischen und gotischen Kirchen der Umgebung und konnte stundenlang im Gebet mit der Jungfrau Maria oder einem Engel Zwiesprache halten. In der Kathedrale von Senlis, so erzählte sie, hat ihr ein Engel den Auftrag zum Malen gegeben. »Séraphine, tu dois te mettre à dessiner!«[3]. Wer kann da widersprechen. Und Séraphine legte los. In Ermangelung von Papier oder Leinwand bemalte sie zunächst vorhandene Tontöpfe und Krüge, aber auch leere Camembert-Schachteln, weggeworfenes Einpack-Papier und Holzreste.
Immer waren es Pflanzen, die sie als Motiv auswählte. Mit großer Geduld strichelte sie kleine und größere Blumen in fantasievollen, oft in der Luft schwebenden Sträußen. In ihren frühen Bildern orientierte sie sich eng an der botanischen Realität, später gab sie den Realismus auf und es entstanden erstaunliche, beinahe ekstatische, strahlkräftige Pflanzengebinde jenseits aller Natürlichkeit, angesiedelt im träumerisch-hypnotischen Traumland der Ausnahmekünstlerin.
Als Uhde in ihr Leben trat, konnte sie ihre prächtigen Blumenwolken erstmals auf große Leinwände bannen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren ihre Gemälde klein, nun überließ ihr ihr neuer Gönner große und gute Maluntergründe. Besonders gern benutzte sie eine Farbe namens Ripolin, die einen emailartigen Glanz entstehen ließ. Gesund waren die Dämpfe dieser leuchtenden, aber günstig zu erwerbenden Kolorierung nicht und winzig war das Zimmer, in dem Séraphine mit diesen giftigen Farben hantierte.
Sie konnte nun ihre Stellungen aufgeben und sich ganz der Malerei widmen. Trotzdem erzählt man, dass sie nur nachts malte, immer hinter verschlossenen Türen. Zuschauer wollte sie keine, auch keine Besucher, um die fertigen Bilder zu betrachten.
In ihrer produktivsten Zeit malte sie drei oder vier Bilder pro Monat, alles Meisterwerke und viele davon leider verschollen. Uhde schickte neue Malutensilien und holte fertige Bilder ab. In diesen wenigen Jahren entwickelte sich das Werk der Séraphine de Senlis von kindlicher Malerei hin zu großartiger Naiver Kunst.
Vermutlich hatte sie durch ihren Kontakt zum Kloster in Senlis auch die Möglichkeit, Abbildungen in Büchern über exotische Fauna und Flora zu betrachten. Und vor allem ihre späten Werke sind von dermaßen großem Farb- und Formenreichtum, dass man sich gut vorstellen kann, sie habe in Ekstase gemalt.
Bis zum Ende der 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts erwarben die renommiertesten Sammler und Mäzenen Séraphines Bilder. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise wurde es für Uhde jedoch immer schwieriger, Bilder zu verkaufen und Ausstellungen zu organisieren. Auch sein persönliches Umfeld gestaltete sich dramatisch, so dass er kaum mehr für Unterstützung sorgen konnte.
Schon einige Jahre vor dem Exodus des zweiten Weltkrieges sagte Séraphine ihren Nachbarn in Senlis den Weltuntergang voraus. Sie wurde immer seltsamer, sang ständig Choräle, gab das verdiente Geld mit vollen Händen aus und hatte häufig Visionen. 1932 wurde sie in die psychiatrische Anstalt von Clerment-de l’Oise eingeliefert, wo sie keinen Pinsel mehr in die Hand nahm. Die Lebensumstände müssen fürchterlich gewesen sein und Séraphine Louis, genannt Séraphine de Senlis starb nach 10 Jahren im Dezember 1942. Ihr Wunsch, in ihrer Heimatstadt Arsy beerdigt zu werden, mit großer Messe und einer Prozession über die Felder, wurde ihr nicht erfüllt. Von der Kunstwelt vergessen und vermutlich auch dem Krieg geschuldet, wurde sie in einem anonymen Gemeinschaftsgrab bestattet. Seit einigen Jahren jedoch kann man an ihrem Wohnhaus in Senlis eine Plakette finden und auf dem Friedhof von Clermont eine schlichte Tafel mit den von ihr gewünschten Worten: »Ici repose Séraphine Louis Maillard (sans rivale) en attendant la résurrection bienheureuse«[4] Uhde hat nach dem Krieg seine Unterstützung für ihr Werk wieder aufgenommen. Heute werden die Bilder der Künstlerin Séraphine de Senlis für horrende Beträge gehandelt. Sehen kann man ihre Werke in vielen großen Museen der Welt – und natürlich in Senlis.
Der Maler Jean-Pierre Vong über Séraphine de Senlis, in deren »Atelier« er heute arbeitet: »Ihr Inneres läuft über.[…] Ihr Pinsel ist direkt mit ihrer Seele verbunden. Er nimmt nicht den Umweg über den Verstand.[…] Man wird in eine andere Welt entführt.[…] Das ist ihre Rettung und am Ende auch ihr Untergang.«[5]
PS. Martin Provost hat einen sehenswerten Film mit Yolande Moreau und Ulrich Tukur gedreht: »Séraphine«.
[1] Der Vorname Séraphine ist abgeleitet von hebräisch »Seraph«. Seraphim sind in einigen Religionen bekannt als Engel mit sechs Flügeln.
[2] Wilhelm Uhde hat mit der Bezeichnung „Maler des heiligen Herzens“ eine außerakademische Kunstströmung charakterisiert, die unter dem Begriff »Naive Malerei« bekannter sein dürfte.
[3] »Séraphine, du musst anfangen zu zeichnen!«
[4] Hier ruht Séraphine Louis Maillard, ohne Rivalin, in Erwartung der glücklichen Auferstehung. (Maillard war der Nachname von Séraphines Mutter)
[5] Diese Zeilen habe ich mir in einem Büchlein notiert, das ich für solche Fälle immer bei mir trage. Leider bin ich mir nicht mehr sicher, wann und wo genau das gewesen ist. Ich vermute aber, es war bei unserem Besuch der auch heute noch beschaulichen Stadt Senlis vor einigen Jahren.
Dieser Text entstammt dem Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik von Anja Weinberger, das 2023 beim Leiermann erschienen ist.
In diesem Buch öffnet die Flötistin Anja Weinberger ein persönliches Fenster in die Welt der Musik. Sie erzählt von ihrem Weg als Musikerin, von Begegnungen mit Werken und Persönlichkeiten der Musikgeschichte und von den vielen kleinen und großen Momenten, die ein Künstlerleben prägen.
Mit einem besonderen Blick auf ihr Instrument skizziert sie die Biografien bedeutender Musiker, berichtet von spannenden Entwicklungen im Instrumentenbau und teilt ihre Gedanken zu Werken der Musikliteratur, die sie über Jahre begleitet haben. Historische Einblicke verbinden sich dabei mit persönlichen Erfahrungen aus dem Alltag einer Interpretin.
