Sofie Cruvelli

von Anja Weinberger

Ein früher Fall von #metoo?

Ihre kometenhafte Karriere wird die junge Frau unter dem Namen Sofie Cruvelli machen, geboren ist sie jedoch 1826 als Tochter einer Bielefelder Kaufmannsfamilie und wurde Sophie Johanne Charlotte Crüwell getauft. Dort, in Bielefeld, erinnert bis heute das Crüwell-Haus im Zentrum der Altstadt an diese Familie, die mit Tabak gutes Geld verdient hatte.

Sophies Vater verstarb früh und die Mutter sorgte bei all ihren Kindern, auch bei den Töchtern, für eine gute Ausbildung und Erziehung. Nebenbei, aber voller Begeisterung, musizierte man gerne und gab gar gut besuchte und durchaus qualitätvolle Hauskonzerte. Vor allem die beiden Schwestern Sophie und Marie waren begabte Musikerinnen. Ihr erster Lehrer wurde der damals berühmte Louis Spohr[1], seines Zeichens seit 1822 Hofkapellmeister in Kassel. Die Mutter erkannte jedoch, dass in den Töchtern durchaus mehr steckte, als nur dilettantische[2] Musikerinnen.

Sie packte die beiden, gut ausgestattet mit finanziellen Mitteln, in eine Postkutsche Richtung Paris, um dort noch qualifizierteren Unterricht zu erhalten. Ihr Lehrer, der damals bekannte Tenor Marco Bordogni, war begeistert von Sophies Möglichkeiten und schickte sie wiederum nach zwei Jahren gründlicher, technischer Arbeit nach Mailand, um dort den letzten Schliff bei Francesco Lamperti zu erlangen. Das Wagnis gelang und Sofie Cruvelli, wie sie sich ab jetzt nannte, debütierte mit Verdis Ernani in der Rolle der Elvira.

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Von heute auf morgen wurde sie zum gefragten Opernstar. Anscheinend konnte sie ihrem Publikum eine außergewöhnlich gelungene Symbiose aus guter, ausdrucksstarker Stimme, mitreißender Schauspielerei und strahlendem Aussehen bieten. In der Musical World von 1851 war zu lesen, dass ihre »Stimme, Kraft, Energie, Impulsivität, Hingabe, Intensität und Gefühl« vereine. Sophie sang und sang und sang. Trotz damals noch sehr spärlicher und unbequemer Verkehrsverbindungen ließ sie ihren kräftigen Sopran in Frankreich, Deutschland, Italien und England erschallen, Kritiken erschienen gar in den USA. Längst war sie Verdis Muse und Lieblingssängerin Napoleons III.. Meyerbeer[3] versuchte erfolgreich, sie für seine Oper Les Huguenots an die Pariser Oper zu holen. Ihre ausgehandelte Gage für acht Monate war die höchste, die bis dahin jemals gezahlt wurde.

Und dann kam der 9. Oktober 1854, der Tag des Skandales schlechthin. Die Cruvelli erschien nicht zu ihrem Auftritt …

 

 

Was war geschehen? Erst seit Hiltrud Böcker-Lönnendonkers Biografie[4] der Sängerin wissen wir Genaueres. Oder anders ausgedrückt: Wir wissen, was gewesen sein könnte, denn die Quellenlage der erschienenen Lebensbeschreibung ist eher dürftig zu nennen. Und doch kann man es sich, unterpolstert mit eigenen Erfahrungen und denen vieler Geschlechtsgenossinnen, jederzeit genau so vorstellen.

Repro: Albert H. Payne († 1902)A. Ehrlich (= Albert H. Payne): Berühmte Sängerinnen der Vergangenheit und Gegenwart. Eine Sammlung von 91 Biographien und 90 Porträts. Leipzig 1895

Man liest, die Sängerin wurde vom damaligen Staatsminister und Opernbevollmächtigten Achille Fould mit Zudringlichkeiten verfolgt, die immer körperlicher wurden, sie ohrfeigte ihn schließlich entnervt und verschwand zur Schwester nach Westfalen. Der beleidigte Macho zog alle Register, pfändete ihr Eigentum und drohte mit überdimensionalen Geldstrafen. Die Cruvelli schlug zurück. Öffentlich gemachte Briefe des Nachstellers, die Fürsprache von dessen wohl schon länger leidtragender Ehefrau und deren sittenstrenger Freundin, der Kaiserin Eugénie, führten dazu, dass Sofie nach sechs Wochen als moralische Siegerin und ohne jegliche Strafen zurückkehrte.

Die damalige Berichterstattung soll sogar den zeitgleich stattgefundenen und sehr emotional beobachteten Krimkrieg in den Schatten gestellt haben. Die Cruvelli feierte in den nächsten Wochen den größten Erfolg ihrer Karriere und sorgte nebenbei für klingende Kasse in der verschuldeten Oper. Die »Musical World« schrieb, keine andere hätte jemals das Recht gehabt »L‘opéra, c’est moi«[5] zu trillern, wohl aber die große Cruvelli.[6]

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1856 heiratete die berühmte Sopranistin, zog sich von der Bühne zurück und hinterließ trauernde Komponisten. Sie war nun Baronin, bald sogar Vicomtesse. Mehrmals jährlich veranstaltete sie Hauskonzerte und vielbeachtete Wohltätigkeitsveranstaltungen für die Armen des Landes, in denen sie stattliche Sümmchen einspielte. Mit 63 Jahren trat sie ein letztes Mal auf und war ab diesem Zeitpunkt als begeisterte Zuhörerin bei ihren häufigen Besuchen in den Opernhäusern anzutreffen. 1907 starb sie und ist auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris in der Gruft der Vigiers, der Familie ihres Ehemannes, beerdigt.

 

(Dieser Text stammt aus dem Buch „Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik“, das im Leiermann-Verlag erschienen ist)

 

Fußnoten

[1] Louis Spohr besetzt eine durchaus wichtige Stelle in der Musikgeschichte. Genau genommen steht seine – kaum vorhandene – Bekanntheit in einem umgekehrten Verhältnis zur Wichtigkeit seiner Person. Denn er trug Maßgebliches zur Orchesterkultur bei, indem er das Dirigat mit Taktstock einführte. Außerdem zählte er neben Paganini zu den größten Geigern seiner Zeit und gilt als Erfinder des Kinnnhalters an der Violine. Berühmt nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und darüber hinaus, war er in den Jahren nach Beethovens Tod der bedeutendste lebende deutsche Komponist. Schubert, Schumann und Mendelssohn überflügelten ihn jedoch und er wurde vergessen. Ein Schicksal, das er mit vielen Komponistinnen teilt.

[2] Das Wort „Dilettant“ bezog sich ursprünglich lediglich auf die Tatsache, dass jemand etwas nicht beruflich, sondern als Laie ausübt. Den negativen Beigeschmack erwarb das Wort erst im Laufe der Zeit.

[3] Der riesengroße Erfolg der Oper in Berlin 1842 zog die Berufung des in der Mark Brandenburg geborenen und in Paris zum Weltstar gewordenen Komponisten als Generalmusikdirektor der Berliner Oper nach sich. Ab diesem Zeitpunkt lebe er abwechselnd in Deutschland und Frankreich.

[4] Hiltrud Böcker-Lönnendonker: Sophie Crüwell (1826–1907). Königin der Pariser Oper. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2020 (21. Sonderveröffentlichungen des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg)

[5] Die Oper, das bin ich. Angelehnt an Ludwig XIV.: L’État, c’est moi! – Der Staat, das bin ich!

[6] Was sie natürlich nie tat.

 

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