Spätantike und Völkerwanderung im süddeutschen Raum

 

von Christian Schaller

Spätantike und Völker-wanderung im süd-deutschen Raum

 

von Christian Schaller

Spätantike und Völkerwanderung im süddeutschen Raum
Die Schicksale der Städte Augsburg (Augusta Vindelicum), Regensburg (Castra Regina) und Kempten (Cambodunum) am Ende des Weströmischen Reiches

Im Jahr 15 vor Christus fand der zehnjährige Alpenfeldzug des römischen Kaisers Augustus sein Ende. Seine Stiefsöhne Tiberius und Drusus hatten zahlreiche Völker in und um die Alpen unterworfen und die Gebiete in das wachsende Imperium eingegliedert. Das Voralpenland romanisierte sich in den folgenden Jahrzehnten, es wurden Straßen, Lager und Siedlungen erbaut. Händler und Handwerker zogen in die bis dahin eher spärlich besiedelte Region. Die erste Hauptstadt von Raetien, wie die Römer die neue Provinz benannten, die sich zwischen Alpen und Donau erstreckte, wurde Cambodunum, das antike Kempten im Allgäu. Die Stadt lag günstig an den alten Handelsstraßen und wurde bis zum Ende des ersten Jahrhunderts großzügig ausgebaut – mit Tempeln, Thermen und großen Häusern aus Stein. Gleichzeitig wurde die Provinz auch nach Norden erweitert, über die Ufer der Donau hinaus. Die Grenze zwischen dem Römischen Reich im Süden und dem freien Germanien im Norden war ab der Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus nicht mehr der große Fluss, sondern der Limes, ein komplexes System aus Wällen, Lagern und Wehranlagen, das sich in Europa von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte und immer wieder erweitert und renoviert wurde. Kempten geriet in der gewachsenen, größeren Provinz langsam ins Hintertreffen. Um das Jahr 100 nach Christus löste Augusta Vindelicum, das römische Augsburg, die alte Hauptstadt ab und avancierte zum neuen Zentrum des Voralpenlandes. Mit etwa 10.000 Einwohnern war die Handelsmetropole im zweiten Jahrhundert die bevölkerungsreichste Stadt des gesamten Voralpenlandes. Im Laufe des zweiten Jahrhunderts erfolgten in den Donauprovinzen immer öfter Auseinandersetzungen mit den germanisch-sarmatischen Stämmen, die schließlich in die sogenannten Markomannenkriege von 166 bis 180 mündeten. Der römische Kaiser Marc Aurel, gerne als „letzter guter Kaiser“ bezeichnet und in der heutigen Zeit vor allem durch seine philosophischen Schriften und stoischen Ansichten bekannt, beschloss darum um 175 die Gründung und bis 179 den monumentalen Ausbau eines Legionsstützpunktes an der Donau – die Ursprünge des heutigen Regensburgs. Das Lager erhielt den Namen Castra Regina und bedeckte mit Ausmaßen von 540 auf 450 Meter eine Gesamtfläche von 24,5 Hektar. Es ersetzte damit ein wenige Jahre zuvor zerstörtes Kastell samt Zivilsiedlung.

Der bislang nur von Hilfstruppen kontrollierte Donaubogen wurde somit im späten zweiten Jahrhundert zum Standort einer Legionskaserne.

Mit dem Beginn des dritten Jahrhunderts kündeten sich die ersten Anzeichen der römischen Reichskrise an. Die kriegerischen Auseinandersetzungen auf raetischem Boden dauerten bis in das letzte Viertel des Jahrhunderts an. Die Einfälle hatten oft Italien als Hauptzielort, sorgten aber auch in Raetien für ein allgemeines Absinken des Lebensstandards, partielle Verwüstungen sowie eine gewisse Entvölkerung.

Am Übergang von der Antike zum Mittelalter wurde oft der Stein für neue Gebäude knapp. Es fehlten Sklaven und Arbeitskräfte, aber auch das Geld. Oftmals wurden römisch-antike Quader in neuen Häusern, Gewölben und auch Kirchen verbaut – so auch dieser „recycelte“ römische und auf den Kopf gedrehte Grabstein in einem Pfeiler des mittelalterlichen Augsburger Doms.

© Christian Schaller

Nach großen Rückschlägen mussten im Jahr 260 alle Gebiete nördlich der Donau und östlich des Rheins abgetreten werden. In diesem Gebiet zwischen Rhein und Donau, von den Römern Dekumatland genannt, siedelten sich in der Folge die Alamannen an, ein germanischer Volksstamm, deren ambivalentes Verhältnis zum Römischen Reich lange zwischen diplomatischem Kontakt und kriegerischer Auseinandersetzung hin- und herschwankte. Dies zwang unter anderem auch Kempten zu einer Umstrukturierung in eine Grenzgarnison. Der an der Stadt vorbeifließende Fluss, die Iller, war nach Jahrhunderten nicht mehr im Herzen der Provinz Raetien, sondern nunmehr eine Außengrenze des Römischen Reiches. Eine Umsiedlung auf die besser geschützte Burghalde, einem leichter zu verteidigenden und von Sümpfen umgebenen Hügel am anderen Illerufer, war die Folge. Auch in Augusta Vindelicum und Castra Regina lassen sich durch archäologische Grabungen und Funde mehrere Zerstörungen ausmachen. Mit dem komplexen Vorgang der Reichskrise brachen somit veränderte Rahmenbedingungen für Raetien an. Die „Barbareneinfälle“ belasteten die Stabilität der Nordwestprovinzen und sorgten für eine permanente Gefahrenlage. Die neuere Geschichtsforschung geht jedoch nicht mehr von einem plötzlichen Niedergang des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens und nachfolgender Siedlungsleere aus. Der Limes hatte auch nach der Überwindung der Krise noch Bestand, es erfolgten Renovierungsmaßnahmen und der Bau von neuen, wenn auch verkleinerten Festungen, den sogenannten burgi. Trotz der Aufgabe eines Großteils der villae rusticae, der regionalen Gutshöfe, welche die landwirtschaftliche Versorgung seit jeher gewährleistet hatten, wurden einige auch nach 260 weiter bewirtschaftet. Daneben sank jedoch natürlich der Import von mediterranen Lebensmitteln wie Wein und Olivenöl.

Zusammenfassend machten diese zahlreichen Mikrokatastrophen während der Reichskrise auch Raetien zu einem Krisenherd. Um die Wende zum dritten Jahrhundert gewann die Provinz jedoch mit dem Ausbau des defensiv ausgerichteten „Nassen Limes“ an Rhein, Donau und Iller ihr Gewicht als rekonstituierter Militärstandort zurück und erlangte beispielsweise durch die diocletianischen und konstantinischen Reformen im letzten Drittel des dritten Jahrhunderts wieder ein Maß an Sicherheit, Stabilität und Wohlstand. Die römische Provinz Raetien wurde zur besseren Organisation geteilt. Die neue Provinz Raetia prima, das „erste Raetien“ mit der Hauptstadt Curia, dem heutigen Chur in der Schweiz, umfasste die ehemaligen südlichen Gebiete im Alpenraum. Die Provinz Raetia secunda, das „zweite Raetien“, erstreckte sich über das Flachland zwischen Alpen und Donau – von Kempten im Südwesten, Regensburg im Nordosten und nach wie vor Augsburg als relativ zentral liegender Hauptstadt. Die Ausgangsposition um das Jahr 300 postuliert folglich Augusta Vindelicum als nach wie vor ziviles Zentrum der Raetia secunda, Castra Regina als militärischen Schwerpunkt der Provinz und schließlich das gewandelte Cambodunum als Grenzgarnison und spätantike Höhensiedlung. Die durch die Reichskrise kontinuierlich bewohnten Standorte können nach wie vor als drei der bevölkerungsreichsten Besiedelungsräume in der Region angesehen werden.

Die allgemeinen Entwicklungslinien zwischen den folgenden drei Jahrhunderten, also den Jahren zwischen 300 und 600, zeichnen einen geradezu gewaltigen Wandel in politisch-militärischer, gesellschaftlich-sozialer sowie kulturell-religiöser Hinsicht ab und markieren die Spätantike damit nicht nur – wie früher angenommen – als Zeit des Verfalls und Untergangs, sondern viel eher als Übergangsepoche. Deutliche, datierbare Brüche können dabei kaum festgemacht werden.

Die großen Ereignisse wie die Schlacht von Adrianopel 378, die römische Reichsteilung 395, Attilas Hunnensturm bis 445, der Untergang Westroms 476, Justinians Außenpolitik bis 565 oder auch die Merowingische Expansion des sechsten Jahrhunderts können nur emblematisch für diese Entwicklungen stehen. Der in diesen drei Jahrhunderten stattgefundene Untergang des Weströmischen Reiches und das Ende des römisch-antiken Staatsapparates und der politischen Infrastruktur – zumindest im Westen und damit auch vor allem nördlich der Alpen – sind nur die Auswirkungen von mannigfaltigen Ursachen und vielschichtigen Prozessen. Die Ausgangslage um 300 umfasste dabei neben Reformen und einer Neugliederung des Reiches auch den Beginn der Völkerwanderung, die allmähliche Etablierung des Christentums und den komplexen Prozess der „Christianisierung“ sowie die zunehmende „Germanisierung“ des Reiches. Dieser Begriff bedeutete nicht nur die kriegerischen Auseinandersetzungen und Überfälle, sondern auch die Integration der Germanen in die romanische Kultur. Die Germanen waren nie ein vollständig abgegrenztes Feindbild – es gab diplomatischen Austausch, Bündnisse und Handel, zahlreiche Ehen zwischen Romanen und Germanen und nicht zuletzt stiegen einige Germanen auch in die höchsten politischen und militärischen Ämter des Römischen Reiches auf.

Betrachtet man die zahlreichen historischen und mehr noch archäologischen Funde aus Augsburg, Regensburg und Kempten, die in den vergangenen Jahrzehnten gemacht und ausgewertet wurden, so bietet sich durchaus ein breit gefächerter, jedoch bei weitem nicht vollständiger Einblick in die möglichen Entwicklungslinien provinzialrömischer Siedlungen in der Spätantike. Können diese drei hervorgehobenen Siedlungsräume auch nicht umfassend die Tendenzen in der gesamten Region und Provinz abbilden, so eignen sie sich dennoch als historische Fenster, um das Spektrum weiter zu fassen und die spätantike Zeit als solche in den Blick zu nehmen. Trotz der einzigartigen Entwicklungen in der vormals römischen Grenzprovinz lassen sich die Geschehnisse Raetiens auch induktiv in den großen gesamthistorischen Kontext und in die spätantike Politik-, Militär- und Gesellschaftsgeschichte einordnen. Die Betrachtung der Verteidigungsmaßnahmen, der Bestattungssitten und der Grundversorgung ist hierbei aussagekräftig und ermöglicht gleichzeitig auch einen Blick auf den kulturellen und gesellschaftlichen Wandel, der sich nicht nur durch neue Elemente wie das Christentum oder andersartige Herrschaftsformen auszeichnete, sondern auch durch Transformation und Integration geprägt war. Die unsichere Zeit der Spätantike und der Völkerwanderung nötigte vielerorts den Bau von neuen Mauern und Türmen sowie die Aufstockung der Miliz und des Militärs, die durch die Entdeckung von Fundamenten oder die Funde von Waffen und Rüstungsteilen belegt werden. Die Bestattungssitten spiegeln wiederum die Übernahme der vorhin erwähnten germanischen oder christlichen Kulturstandards. Am aussagekräftigsten sind dabei natürlich die Grabbeigaben oder ganz lapidar die Ausrichtung der Gräber und Toten nach Osten – meist ein Hinweis auf einen christlichen Hintergrund.

In der modernen Archäologie finden auch Untersuchungen der Knochen oder Zähne Anwendungen, die Rückschlüsse auf Ernährung, Lebensstil, Herkunft und Ethnie zulassen. Die Grundversorgung durch Lebensmittel und Wasser waren natürlich auch zentral für das Fortbestehen von Städten und Siedlungen. Wasserleitungen und Aquädukte, der Fund von Amphoren mit darin enthaltenen Überresten von Nahrung, Münzfunde oder auch die Inhalte von Kloaken sind dabei durchaus aussagekräftige Quellen. Das Vorhandensein von südländischen Lebensmitteln oder anderen Luxusgütern lässt auch Rückschlüsse auf einen nach wie vor funktionierenden Fernhandel zu. Dies führt wiederum zu der Annahme, dass die Infrastruktur, die militärische Verteidigung und der kulturelle Austausch partiell funktionsfähig waren und zugleich eine gewisse finanzielle Potenz nach wie vor vorhanden war.

Zusammenfassend stellt sich Augusta Vindelicum, das heutige Augsburg, bis in die Spätantike hinein als kontinuierlich besiedeltes, ziviles Zentrum dar. Bürgerliches Leben, Handel, Kommerz und Administration bestimmten das Stadtbild bis in die Spätantike hinein. Eine durchgehende Bewohnung des Augsburger Raumes durch die gesamte Zeit der Völkerwanderung hindurch gilt mittlerweile als belegt.

Bis heute hat sich die Porta Praetoria in Regensburg erhalten. SIe war ein monumentales Tor in das Lewgionslager Castra Regina, aus dem sich die Stadt entwickelte. Als die Macht Roms in der Spätantike verblasste, nutzte der germanische Stamm der Bajuwaren die beeindruckenden Steinmauern Regensburgs weiter und machte die Stadt an der Donau zum Sitz ihres frühmittelalterlichen Stammesherzogtums und damit zu einer ersten Hauptstadt Ur-Bayerns.

© Christian Schaller

Im frühen Mittelalter findet sich schließlich eine auf das Domviertel reduzierte Siedlung belegt, die sich erst über Jahrhunderte hinweg wieder zu einem bedeutenden Bischofssitz und zu einer wichtigen Handelsstadt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit entwickeln konnte. Castra Regina, das heutige Regensburg, zeichnete sich dagegen von seiner Gründung an primär als Militärstandort aus und blieb dies auch bis zum Verschwinden der römischen Präsenz. Ähnlich wie Augsburg schrumpfte auch Regensburg erst einmal innerhalb der römischen Mauern zusammen. Der Siedlungsschwerpunkt lag dabei im Nordwesten des alten Lagers. Dieser erfuhr zwei Umbauten, bevor in der Mitte des fünften Jahrhunderts eine großflächige Planierung erfolgte. Der spätrömische Legionärsstützpunkt wandelte sich dabei nach dem Erlöschen der römischen Zentralmacht wahrscheinlich zu einem zentralen Ort der bajuwarischen Bevölkerungsströme und zu einer Residenz der Agilolfinger, die im frühen Mittelalter das nunmehr als Baiern bezeichnete Gebiet beherrschten. Anders verhielt es sich mit Cambodunum, dem heutigen Kempten, welches als erste raetische Provinzhauptstadt einen zivilen Charakter besaß. Dieser sollte sich nach der Reichskrise des dritten Jahrhunderts und im Laufe der späten Antike grundsätzlich ändern. Cambodunum erfuhr durch die Grenzverschiebung eine komplette Umsiedlung sowie einen tiefgreifenden Strukturwandel von einer zivilen Handelsstadt in einen militärischen Stützpunkt, der wiederum einen Teil des spätantiken „Nassen Limes“ bildete. Eine Siedlungskontinuität bis zum frühen Mittelalter wird gemeinhin angenommen, bedarf jedoch noch einer weitergehenden Untermauerung durch archäologische Funde. Das Ende der Völkerwanderung im sechsten Jahrhundert kann mit dem Ende der Antike nördlich der Alpen gleichgesetzt werden. Mit dem Ausklingen der Spätantike wurden bereits die Weichen für wesentliche politische und kulturelle Entwicklungen im Verlauf des frühen Mittelalters gelegt. Neben einer kulturellen Durchmischung kann vor allem die Verlagerung des politischen Schwerpunktes vom Römischen Reich zu den Nachfolgereichen als zentrales Element dieser Übergangszeit gesehen werden. Die nach einer wechselvollen Regionalgeschichte erfolgende, zumindest formelle Inbesitznahme der raetischen Gebiete durch das Frankenreich im Westen und die Bajuwaren im Osten führte zu einer erneuten Stabilisierung der politischen Lage, wie es sie trotz der mittlerweile erfolgten, tiefgreifenden Veränderungen seit dem Ende der Reichskrise und der diocletianischen und konstantinischen Reformen nicht mehr gegeben hatte. Der durch Augsburg fließende und in die Donau mündende Lech bildete dabei eine nicht unerhebliche und bis in die Gegenwart existierende Kulturgrenze zwischen den heutigen Regionen Schwaben im Westen und Altbayern im Osten. Augsburg, Regensburg und Kempten spielten als römische Gründungen mit einer fast ununterbrochenen Siedlungskontinuität unwiderlegbar eine wichtige Rolle in der wechselvollen Zeit zwischen Antike und Mittelalter. Die antiken Ursprünge der drei Städte waren in der Folge die Keimzelle für ihre mittelalterliche und frühneuzeitliche Position als Freie und Reichsstädte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Mit dem Beginn der modernen Zeit und bis in die Gegenwart hinein untermauern fortwährend neue archäologische Funde und historische Erkenntnisse den Wissensstand um die Geschichte – und in diesem Kontext auch um die Spätantike – und führen die historische Aufarbeitung der drei bayerischen Römerstädte konsequent fort.

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Verwendete Literatur
    • Bringmann, Klaus: Römische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Spätantike. München 2019.
    • Demandt, Alexander: Zeitenwende. Aufsätze zur Spätantike. Berlin 2013.
    • Kaiser, Reinhold: Die Mittelmeerwelt und Europa in Spätantike und Frühmittelalter. Frankfurt am Main 2014.
    • König, Ingemar: Spätantike. Darmstadt 2007.
    • Czysz, Wolfgang / Dietz, Karlheinz / Fischer, Thomas (Hg.): Die Römer in Bayern. Hamburg 2005.
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