Spuren des Konzils im heutigen Konstanz

 

von Daniela Frey

Viele Häuser, Kirchen und andere Orte, die es schon zur Zeit des Konzils gegeben hat, gibt es auch heute noch. Andere Erinnerungsorte wurden erst Jahrhunderte nach dem Konzil geschaffen. Ich möchte euch 10 Orte zeigen, die während des Konzils bedeutend waren oder die heute an das Konzil erinnern. 

1. Das Konzilsgebäude

Das heute Konzilsgebäude oder auch nur Konzil genannte Bauwerk am Hafen wurde Ende des 14. Jahrhunderts als Kauf- und Lagerhaus direkt am Bodensee erbaut. Hier fand ab dem 8. November 1417 das Konklave zur Papstwahl statt. Für die Papstwahl hatte man das Gebäude mit 56 Holzzellen für die Papstwähler versehen, die Fenster wurden zugemauert oder verrammelt, damit keine Nachrichten in das Gebäude hineingelangten oder herausgetragen werden konnten.

Konzil, ©DanielaFrey

Sogar das Essen der Teilnehmer wurde nach geheimen Nachrichten durchsucht, bevor es verzehrt werden durfte. Die Versammlung endete bereits drei Tage später, am 11. November, mit der Wahl des Kardinals Oddo Colonna zum neuen Papst. Oddo Colonna nahm als Papst den Namen des Tagesheiligen an und nannte sich fortan Martin V. 

Im Konzil gibt es heute ein Restaurant und Räume, die für Feiern und Tagungen gemietet werden können. Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz gibt viele ihrer Konzerte im Konzilsgebäude. 

2. Münster Unserer Lieben Frau

Das Konstanzer Münster, ©DanielaFrey

Über 1200 Jahre war das Konstanzer Münster die Bischofskirche des Bistums Konstanz und die dreischiffige Säulenbasilika ist nicht nur die größte Kirche am westlichen Bodensee, sondern auch eine der größten romanischen Kirchen in Südwestdeutschland. Die Krypta, der älteste noch erhaltene Teil des Münsters, stammt aber bereits aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts.

Im 15. Jahrhundert erhielt die Kirche ihre Seitenkapellen und die Westturmanlage mit Portal. Und im 19. Jahrhundert wurde schließlich das Äußere des Münsters neugotisch umgeformt.

Das Münster war der wichtigste Ort während des Konzils. Hier fanden die 45 offiziellen Sitzungen des Konzils statt, hier wurde es im November 1414 eröffnet und im April 1418 auch beendet. Die Inthronisierung von Martin V. wurde hier vollzogen, wichtige Entscheidungen wurden in der Bischofskirche getroffen und Dekrete verabschiedet. Auch die Prozesse gegen die beiden böhmischen Reformatoren und Prediger Jan Hus und Hieronymus von Prag wurden hier geführt. 

Für die Sitzungen hatte man das Münster mit Sitzreihen bestückt, auf denen die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Fürsten und die Abgesandten der Universitäten Platz nehmen konnten. Im Münster befindet sich – vor den Stufen des Chors – auch das Grab des auf dem Konzil verstorbenen Bischofs von Salisbury, Robert Hallum (1360/70-1317).

Wo? Münsterplatz

Weihnachten 1414 in Konstanz

Papst Johannes XXIII. weilte bereits seit November 1414 in der Stadt. Noch nicht eingetroffen war allerdings der Schutzherr und Initiator der Veranstaltung: Sigismund von Luxemburg, seit 1411 römisch-deutscher König und ab 1433 auch römisch-deutscher Kaiser.
Am Heiligen Abend – die Menschen warteten bereits im Münster auf den Beginn der Weihnachtsmesse, die Papst Johannes lesen sollte – kam eine Nachricht vom König: „Königin Barbara und ich sind in Überlingen eingetroffen. Bitte umgehend abholen.“ Außerdem ließ er dem Papst noch ausrichten: „Fang ja nicht ohne mich mit der Weihnachtsmesse an!!“
Die Konstanzer schickten also hektisch sämtliche verfügbaren Schiffe über den Bodensee nach Überlingen. Die Menschen warteten im kalten Münster auf den Beginn der Messe. Und der König? Der machte nach der anstrengenden Reise erst mal …. ein Nickerchen.
Es war dann wohl gegen 3 Uhr morgens, als die Konstanzer Flotte mit König, Königin, Gefolge und Gepäck schließlich wieder im Hafen eintraf. Während Papst, Klerus und die übrigen Menschen noch immer im unbeheizten Münster ausharrten, begaben sich Sigismund und Barbara zunächst ins gemütlich warme Rathaus, wo sie von den Ratsherren begrüßt wurden. Erfrischungen wurden gereicht und Geschenke übergeben.
So gestärkt erreichten König und Königin dann vermutlich gegen 5 Uhr morgens das Münster und die Messe konnte endlich beginnen. Diese hat dann wohl auch einige Stunden gedauert, jedenfalls schien bereits die Sonne, als die Menschen endlich nach Hause gehen konnten.

3. Das Inselkloster

Auf dem Konzil von Konstanz hatte man die Teilnehmer nach nationes mit gleichem Stimmrecht eingeteilt, um ein Übergewicht der Italiener zu ver­hindern. Der Begriff natio darf dabei nicht mit unserem heutigen Verständnis des Begriffs gleichgesetzt werden. Es war eher eine grobe Einteilung. So gehörten beispielsweise zur deutschen natio auch Skandinavien und Osteuropa. Die nationes tagten an verschiedenen Orten in der Stadt: Sitz der französischen und der italienischen natio war das Inselkloster.

Das ehemalige Inselkloster, heute Inselhotel, ©DanielaFrey

Das Dominikanerkloster auf der Insel, das im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts gegründet worden war, diente einige Zeit auch als Gefängnis von Jan Hus.

Heute gehört das ehemalige Kloster der Badischen Staatsbrauerei Rothaus und beherbergt das Steigenberger Inselhotel, das einen sehr sehenswerten Kreuzgang mit historistischen Wandmalereien hat.

Wo? Auf der Insel1

4. Die Dreifaltigkeitskirche

Konzilsfresken, ©DanielaFrey

König Sigismund war bekannt dafür, dass er permanent knapp bei Kasse war. Er hatte einen aufwendigen und verschwenderischen Lebensstil, der jede Menge Geld verschlang. Seine Schulden konnte er oft nicht bezahlen. So verließ er auch Konstanz nach dem Konzil mit vielen unbeglichenen Rechnungen in den Gaststätten und Läden. Während seines letzten längeren Aufenthalts in Konstanz wohnte Sigismund im Augustinerkloster.

Als Dank für die Gastfreundschaft beauftragte er drei Maler damit die Klosterkirche mit Fresken auszuschmücken und erstaunlicherweise bezahlte er die Männer sogar für ihre Arbeit.

Die sogenannten Konzilsfresken sind zwar durch mehrfache Umgestaltung der Kirche nicht mehr vollständig erhalten aber trotzdem sehr sehenswert. Sie zeigen Medaillons mit Propheten und wichtigen Gestalten aus dem Alten Testament, Mönche und Darstellungen von Heiligen.

Das Augustinerkloster gibt es heute nicht mehr. Es wurde im 19. Jahrhundert abgerissen und nur die ehemalige Klosterkirche ist erhalten geblieben. Die Dreifaltigkeitskirche ist heute ökumenisches Citypastoral.

Wo? Sigismundstraße 17

5. Der Obermarkt

„Als Nächster ging der Burggraf Friedrich von Nürnberg die Treppe hoch, und mit ihm die zwei Bannerträger, auf jeder Seite einer. Als sie auf die oberste Stufe kamen, knieten alle drei nieder, dann standen sie sie wieder auf und gingen zum Römischen König, vor dem sie abermals niederknieten. Da befahl der König dem Kanzler, die Urkunde zu verlesen, in der geschrieben stand, welches die verbindlichen Pflichten und Ämter eines Kurfürsten dem Römischen Reich gegenüber waren, […].

Obermarkt, ©DanielaFrey

Nach der Verlesung fragte der Römische König den Burggrafen von Nürnberg, ob er bereit sei zu schwören. Der antwortete: „Ja.“ Also nahm unser Herr, der König, das Banner der Mark Brandenburg aus der Hand des Ritters und drückte es dem Burggrafen von Nürnberg in die Hand. Dann nahm er den Apfel mit dem Kreuz und das Zepter aus der Hand des Pfalzgrafen und übergab sie ihm ebenfalls. Als Letztes nahm er das andere Banner, auf dem Nürnberg stand, und drückte es dem Burggrafen ebenfalls in die Hand. Als dies geschehen war, nahm der Herzog von Sachsen das Schwert vom Haupt des Königs.“

Ulrich Richental  (zitiert nach der hochdeutschen Übersetzung von Küble, Gerlach: Augenzeuge des Konstanzer Konzils. Die Chronik des Ulrich Richental)

Mit diesen Worten beschreibt Ulrich Richental (um 1360/65-1437), der Chronist des Konzils, die Belehnung des Burggrafen von Nürnberg, Friedrich VI. aus dem Hause Hohenzollern, mit der Mark Brandenburg und der Kurfürstenwürde auf dem Obermarkt im April 1417. 

Auf dem Konzil wurde nicht nur Kirchenpolitik gemacht, sondern auch weltliche Politik betrieben. Zwei Reichstage fanden während des Konzils in Konstanz statt, und es gab mehrere Belehnungen, wobei die oben beschriebene vermutlich die wichtigste und auch folgenreichste war. 

Haus zum hohen Hafen, ©DanielaFrey

Auf dem Bild könnt ihr das Haus Zum hohen Hafen sehen, vor dem die Belehnung auf einer großen Tribüne zelebriert wurde. Die Fassade des Hauses schmücken historistische Malereien des Stuttgarter Malers Carl von Häberlin, welche die Belehnung sowie weitere Szenen aus der Konzilszeit zeigen.

6. Das Franziskanerkloster

Als Papst Johannes XXIII. im März 1415 aus Konstanz floh, führte ihn sein Weg zunächst nach Schaffhausen, ins Herrschaftsgebiet von Herzog Friedrich IV. von Tirol (1382-1439). Mit diesem hatte der Papst nämlich schon vor dem Konzil einen Schutzvertrag abgeschlossen. Als König Sigismund davon erfuhr, verhängte er die Reichsacht über den Herzog und ließ seine Ländereien besetzen.

Das ehemalige Franziskanerkloster, ©DanielaFrey

Letztendlich blieb diesem nichts anderes übrig, als sich im Mai 1415 dem König im Refektorium des Franziskanerklosters zu unterwerfen und sich dessen Gnade auszuliefern, was Friedrich in der Folgezeit etliche seiner Ländereien und viel Geld kostete. 

Im Franziskanerkloster tagten während des Konzils außerdem die deutsche und englische natio. Der Barfüsserturm des Klosters war das letzte Gefängnis von Jan Hus vor seiner Hinrichtung. 

Das Kloster wurde 1808 aufgelöst und seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist in den Klostergebäuden eine Schule untergebracht. Die ehemalige Klosterkirche dient seit 1845 als Bürgersaal.

Wo? St. Stephansplatz 

7. Unterkünfte für hohe Gäste

Der Bündrichshof, ©DanielaFrey

Viele Häuser in der Konstanzer Altstadt beherbergten während des Konzils hohe geistliche Würdenträger und weltliche Fürsten. Einige Beispiele: Im Haus Zum goldenen Schwert (Wessenbergstraße  4) wohnte der Erzbischof von London. Die römisch-deutsche Königin, Barbara von Cilli (um 1390-1451), residierte während ihres Aufenthalts in Konstanz im Bündrichshof (Torgasse 8).

Hohes Haus, ©DanielaFrey

Haus zur Tulle, ©DanielaFrey

Francesco Zabarella (1360-1417), Erzbischof von Florenz und Kardinal, hatte seine Unterkunft im Haus Zum hohen Hirschen (Münzgasse 30). Der Erzbischof von Magdeburg sowie die Bischöfe von Merseburg, Brandenburg und Meißen lebten im Haus Zur Tule (Konradigasse 2). Der oben schon erwähnte Burggraf von Nürnberg logierte im Hohen HausKönig Sigismund war während seiner Aufenthalte in Konstanz an unterschiedlichen Orten untergebracht: im Haus Zur Leiter, im Kloster Petershausen und im Augustiner Kloster. Papst Johannes XXIII. wohnte bis zu seiner Flucht in der Residenz des Bischofs von Konstanz.

8. Die Imperia

„[Imperia war die,] die es am besten verstand, die Kardinäle um den Finger zu wickeln, sowie die wilden Leuteschinder und Volksbedrücker vor ihren Wagen zu spannen. Die besten Kapitäne, Bogenschützen und Kavaliere standen ihr zu Diensten, und eines ihrer Worte genügte, damit sie ihre Rächer wurden. […] Bis auf die hohen Kirchenfürsten, […] ließ sie alle nach ihrer Peitsche tanzen, so reizend war ihr Geschwätz, so leicht verführte und umgarnte sie selbst die Tugendhaftesten mit ihrer Liebesgunst und ihrer Glut.“

Honoré de Balzac, Die schöne Imperia

Imperia, ©DanielaFrey

So beschreibt der französische Schriftsteller Honoré de Balzac (1799-1850) seine schöne Imperia in der gleichnamigen Geschichte, die in Les contes drôlatiques erschienen ist. Die Geschichte spielt auf dem Konzil von Konstanz und Imperia ist eine Kurtisane, die den weltlichen und geistlichen Männern den Kopf verdreht.

Die Geschichte diente dem Bildhauer Peter Lenk als Vorlage für seine Statue, die sich seit 1993 in der Konstanzer Hafeneinfahrt dreht. Die 10 Meter hohe und 18 Tonne schwere Figur hält auf ihren Händen zwei kleine nackte Männchen, die symbolisch Papst und König darstellen. Nachdem die Entrüstung über die Aufstellung der Statue zunächst groß war, avancierte die Imperia bald zum Konstanzer Wahrzeichen.

Wo? Hafeneinfahrt

9. Die Chronik des Ulrich Richental

Die Richentalchronik im Rogartenmuseum, ©DanielaFrey

Die Chronik, die der Konstanzer Ulrich Richental  in den Jahren nach dem Konzil verfasste, ist eine der bedeutendsten Quellen über das Konzil. Er hat in seinem Werk wichtige Ereignisse, die Teilnehmer des Konzils und vieles mehr festgehalten. Es gibt verschiedene Abschriften der Chronik, von denen sich eine in Konstanz befindet. Sie ist Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden und mit einem Bilderzyklus versehen. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts befindet sie sich im Rosgartenmuseum, wo ihr sie im Zunftsaal anschauen könnt.

Wo? Rosgartenmususeum, Rosgartenstraße 3-5

10. Der Hussenstein

Der Hussenstein steht seit 1863 im Konstanzer Stadtteil Paradies als Gedenkstein für die beiden böhmischen Reformatoren und Prediger Jan Hus und Hieronymus von Prag, die auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verurteilt und hingerichtet wurden.

Spuren der beiden Böhmen lassen sich in Konstanz noch weitere finden: Die Herbergen, in denen sie übernachtet haben, die Orte, an denen sie inhaftiert waren, Erinnerung- und Gedenkorte und ein Museum, das Jan Hus gewidmet ist.

Hussenstein, ©DanielaFrey

Verwendete Literatur

Thomas Martin Buck, Herbert Kraume: Das Konstanzer Konzil. Kirchenpolitik, Weltgeschehen, Alltagsleben, Ostfildern 2013.
Ansgar Frenken: Das Konstanzer Konzil, Stuttgart 2015.
Jan Keupp, Jörg Schwarz: Konstanz 1414-1418. Eine Stadt und ihr Konzil, Darmstadt 2014 (2. Auflage).
Monika Küble, Henry Gerlach: Augenzeuge des Konstanzer Konzils. Die Chronik des Ulrich Richental. Die Konstanzer Handschrift ins Neuhochdeutsche übersetzt, Darmstadt 2014.
Walter Rügert: Konstanz zur Zeit des Konzils. Ein historischer Stadtrundgang, Konstanz 2014.
Helmut Weidhase: Imperia: Konstanzer Hafenfigur, Konstanz 1997.

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