St. Anna und die Lutherstiege in Augsburg

 

von Christian Schaller

Die heute evangelisch-lutherische Kirche St. Anna und die in den Bau integrierte Lutherstiege repräsentieren die religionsgeschichtliche Bedeutung, aber auch die kunsthistorischen Erzeugnisse der Stadt Augsburg.

Der zeitliche Schwerpunkt liegt hierbei in der Frühen Neuzeit. Sie sind ein zentraler Erinnerungsort für die Zeit der Reformation und nachfolgend die Etablierung der Parität im 16. und 17. Jahrhundert.  Der Sakralbau ist nicht nur eine charakteristische Doppelkirche, die eine Ausrichtung von katholischen wie evangelischen Gottesdiensten im gleichen Kirchenraum ermöglicht, sondern auch von kunsthistorischer Bedeutung. Die Fuggerkapelle im Westchor gilt als eine der ersten Renaissancebauten nördlich der Alpen, in der Goldschmiedekapelle befinden sich qualitätsvolle spätmittelalterliche Malereien, daneben konnten sich zahlreiche Gemälde, Fresken und Grabplatten erhalten. Im späteren 17. und 18. Jahrhundert erfolgte eine umfassende Renovierung und barocke Überformung.  Zwar brachte die Reformation durchaus Kirchenbauten hervor, aber im absolutistischen Zeitalter entstanden nur selten monumentale Neubauten, viel eher erfuhren zahlreiche Sakralbauten eine barocke Umgestaltung.  Kirchen spielen im europäischen Stadtbild eine dominierende Rolle. Vor allem im Zuge des Wiederaufbaus wurde ihnen ein hohes Maß an Wiedererkennungswert, Identifikationsmerkmal und Rolle als Landmarke zugestanden.  Die dreischiffig, basilikal angelegte Kirche wird von der ehemaligen Klosteranlage umgeben und ist heute über den Kreuzgang zugänglich. Die lange Entstehungszeit des Sakralbaus offenbart sich in den baulichen Unregelmäßigkeiten und den stilistischen Unterschieden von Ausstattung und Raumauffassung.  St. Anna mit der Lutherstiege kann jährlich um die 300.000 BesucherInnen verbuchen.

1275 kaufte der Karmelitenorden Gebäude und Grundstück bei der heutigen St. Anna-Kirche. Die erste Bauphase begann 1321, aus der sich bis heute die Form der Anlage, die Grundmauern im Ostchor, die Sakristei mit Kreuzrippengewölbe sowie Reste von Konsolen, figürlichen Schlusssteinen und Fresken erhalten haben. Ein ebenfalls aus dieser Zeit stammendes Malereifragment an der Südwand zeigt die einzige erhaltene Darstellung der heiligen Anna in der Kirche. Um 1420 begann der Bau der Hirnschen Kapelle, die nach der Übergabe an die städtischen Goldschmiede erweitert wurde und die Bezeichnung Goldschmiedekapelle erhielt. Sölch beschreibt den Erbauungsgrund folgendermaßen: „Mit ihren Aufwendungen für den Bau einer architektonisch eigenständigen Grabkapelle dürfte das Ehepaar Hirn eine adäquate Form zur Erlangung des Seelenheils und der Memoria gefunden haben.“  

St. Anna in Augsburg, ©ChristianSchaller

1460 zerstörte ein Brand das Klostergebäude und die Kreuzgänge. Kirche, Sakristei, Goldschmiedekapelle und die Wohnung des Priors wurden verschont. Bis 1464 waren der Wiederaufbau abgeschlossen und der Kreuzgang mit neuen Wandmalereien verziert. Der Kreuzgang des Klosters wurde in der Folgezeit zu einer beliebten Grablege für Augsburger Patrizier. Mit der Mediatisierung und Säkularisierung 1806 wurden auch die Beerdigungen in der Kirche untersagt. 

Um 1500 wurde St. Anna stark erweitert und verändert. Bereits 1487 bis 1497 ließ der Prior das Kirchenschiff vergrößern und erhöhen, von 1506 bis 1507 wurde die Heiliggrabkapelle erbaut, 1509 bis 1512 erfolgte der Bau der Fuggerkapelle.  Deren Stiftung sollte den Anspruch der Familie auf Adelserhebung bekräftigen, der Augsburger Oberschicht Finanzkraft demonstrieren und – auch gekoppelt mit dem Bau der Fuggerei – der Memoria dienen.  Ein 1512 in Auftrag gegebenes Abschlussgitter wurde nie angebracht, das hölzerne Chorgestühl Adolf Dauchers wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zerstört, womit die Fuggerkapelle in ihrem heutigen Zustand nur teilweisen Aufschluss über das ursprüngliche intendierte Gesamtkunstwerk liefern kann.  Ab 1531 wurde in den Räumen des aufgelassenen Klosters das protestantische Gymnasium bei St. Anna eingerichtet. Das Karmelitenkloster selbst wurde 1534 aufgegeben.

Während der Reformation war die Kirche von 1534 bis 1545 geschlossen. In den Jahren 1562 und 1563 wurde am Annahof ein Gebäude für die Stadtbibliothek Augsburg erbaut – das erste deutsche freistehende Bibliotheksgebäude der Neuzeit. Im Jahr 1607 erneuerte der Augsburger Stadtbaumeister Elias Holl den Kirchturm, 1613 erbaute er ein eigenes Gebäude für das Gymnasium bei St. Anna. Im 17. Jahrhundert erhielt die Kirche durch weitere große Eingriffe ihre bis in die Gegenwart bestehende Gestalt. 1635 wurde die Kanzel neu errichtet, 1681 bis 1686 wurden der Lettner umgebaut sowie die Emporenbrüstung gestaltet.  Der Nachbau des Heiligen Grabes in Jerusalem, um 1508 von der Familie Reger gestiftet, setzte die Pilgerthematik der Goldschmiedekapelle in neuem Maßstab fort. Das Stiftergrabmal befindet sich unter einer Bodenplatte, die fensterlose Kleinarchitektur steht im Mittelpunkt, die sich formal den im 16. Jahrhundert bekannten Abbildungen des Jerusalemer Baus anlehnt, beispielsweise durch die zehn Blendarkaden und die gekehlten Säulen, jedoch auch Abweichungen beinhaltet. 

1747 und 1748 wurde die Kirche renoviert und die bis dahin bestehende, flache Holzdecke durch ein Tonnengewölbe mit dreigliedrigem Deckengemälde von J.G. Bergmüller ersetzt. Die aufwendige Stuckierung erfolgte durch Johann Michael Feichtmayr. Der in den Quellen als Reparationsbau bezeichnete Vorgang erfolgte ohne Konzept, verpflichtete sich aber dennoch dem epochentypischen Ideal der optischen Harmonisierung von vorher disparaten Sakralräumen. Die Rokoko-Umgestaltung sollte anlässlich des Jubiläumsjahres 1748 erfolgen und St. Anna damit ein Erinnerungsort der hundertjährigen, restituierten Augsburger Parität werden. Kräme und von Engelberg bewerten den Erhalt älterer Bauteile wie des gotischen Lettners als Spezifikum des Augsburger Geschichtsverständnisses, welches den Wechselbezug von Vergangenheit und Gegenwart stets mitdachte und geradezu in Jubiläen lebte. 

1888 wurde die Goldschmiedekapelle renoviert, 1921 wurde die Fuggerkapelle durch die Fuggerstiftung in ihren ursprünglichen Zustand von 1512 zurückversetzt, indem unter anderem die Eingriffe des 19. Jahrhunderts rückgängig gemacht und Gitter und Gestühl wiederhergestellt wurden.  In der Bombennacht 1944 wurde die Kirche – vor allem die Fuggerkapelle sowie die Orgel und ihr Prospekt – zerstört, die detailgetreue Rekonstruktion wurde 1952 abgeschlossen. In den 1960er und 1970er Jahren erfolgten weitere Renovierungsarbeiten, zum Beispiel wurden das alte Rektorat abgerissen, Heizungen, Bänke und Böden erneuert, im Kreuzgang der Boden angehoben sowie die Fenster zum Innenhof vergrößert.  Von 2007 bis 2014 erfolgte die letzte grundlegende Renovierung der Gesamtanlage mit einem Kostenvolumen von sieben Millionen Euro, 2013 wurde ein neuer Altar des Designbüros Lutzenberger + Lutzenberger aufgestellt. 

Kreuzgang von St. Anna, rechts der Aufgang zur Lutherstiege, ©ChristianSchaller

Die Lutherstiege wurde 1983 anlässlich des 500. Geburtstages von Martin Luther eingerichtet und erinnert an dessen Aufenthalte in Augsburg. Im Zuge der Kirchensanierung wurde das Museum 2012 neu konzipiert. Die Stiege präsentiert die großen Entwicklungslinien der Reformationsgeschichte in multimedialer Inszenierung.

Der namensgebende, frühneuzeitliche Treppenaufgang bildet den Eingang und wird an der Wand von einem einleitenden Zeitstrahl begleitet. Im Obergeschoss wird Luthers Leben thematisiert, beispielsweise seine Auseinandersetzung mit dem Ablasshandel, seine Verhöre sowie sein Umgang mit den Medien. Daneben spielt jedoch auch die Stadtgeschichte Augsburgs während der Reformation und bis in die Gegenwart eine Rolle. 

Die Regio vertreibt zwei Broschüren zum Thema Reformationsgeschichte. Während „Reformationsstadt. Historische Plätze in Augsburg“ zentrale Erinnerungsorte wie Dom, Fuggerhäuser, Protestantischer Friedhof und auch St. Anna kurz präsentiert und ihre Verbindung zu Martin Luther oder allgemein dem Zeitalter der Konfessionalisierung knapp erläutert, widmet sich „Luther in Augsburg. Wege in der Reformationsstadt“ in der Art eines Kulturführers in längeren Texten den einzelnen Orten, Ereignissen und Hintergründen und bietet neben Zeittafel und Stadtplan auch eine Reformations-Tour durch Augsburg. Eine weitere Erwähnung findet St. Anna auch in der Regio-Broschüre „Kirchen und Klöster. Sakralbauten und Pilgerwege“, in der knapp auf die Verbindung zu Luther und der Familie Fugger eingegangen wird.  Von St. Anna selbst wird des Weiteren eine Informationsbroschüre für die Lutherstiege verlegt, die zwar dezidiert das Museum präsentiert, jedoch nur eine kurze Zusammenfassung der Inhalte, einen Übersichtsplan sowie einige visuelle Einblicke in die Ausstellung ermöglicht.

Im Annahof 2
86150 Augsburg

geöffnet Montag – Sonntag von 10 – 17 Uhr,
Eintritt in St. Anna sowie Lutherstiege frei

Verwendete Literatur
  • Engelberg, Meinrad von/Krämer, Gode: >Freundliche Übernahme< – Der Reparationsbau von St. Anna 1747-1748. In: Kießling, Rolf (Hg.): St. Anna in Augsburg – eine Kirche und ihre Gemeinde. Augsburg 2013, S. 329-366.
  • Häffner, Hans Heinrich: Die Baugeschichte des Klosters. In: Kießling, Rolf (Hg.): St. Anna in Augsburg – eine Kirche und ihre Gemeinde. Augsburg 2013, S. 93-120.
  • Karg, Franz: Die Fugger und ihre Kapellenstiftung bei St. Anna. In: Kießling, Rolf (Hg.): St. Anna in Augsburg – eine Kirche und ihre Gemeinde. Augsburg 2013, S. 309-326.
  • Kasch, Susanne: Du stellst meine Füße auf weiten Raum … – Die St.-Anna-Kirche und ihre Gemeinde in der Gegenwart. In: Kießling, Rolf (Hg.): St. Anna in Augsburg – eine Kirche und ihre Gemeinde. Augsburg 2013, S. 749-775.
  • Metzger, Christof: St. Anna. In: Schülke, Yvonne (Hg.): artguide Augsburg. Kunst-, Kultur- und Stadtführer. Augsburg 2008, S. 48-53.
  • Museum Lutherstiege in der St. Anna Kirche (Hg.): Museum Lutherstiege. Augsburg 2012.
  • Sölch, Brigitte: Bronzehände, Pilgerspuren, Heiliggrabkopie(n) – Zu Kunst und Raumbeziehungen der Grabkapellen. In: Kießling, Rolf (Hg.): St. Anna in Augsburg – eine Kirche und ihre Gemeinde. Augsburg 2013, S. 121-156.
  • Streble, Martina/Wißner, Bernd: St. Anna Augsburg. Augsburg 2013.
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