Steinreich

 

von Elisabeth Schinagl

Dies ist eine der Geschichten, die fast zu schön sind, um wahr zu sein. Es ist die Geschichte eines ungeplanten Welterfolgs und eines armen Schluckers, der damit zu Vermögen und Ansehen kam. Aber nicht nur das. Es ist die Geschichte einer Erfindung, die unsere Wahrnehmung veränderte und die in vielerlei Hinsicht unser Bild von der Welt prägte. Es ist die Geschichte eines bestimmten Steins, der damit Geschichte schrieb. Und schließlich und endlich ist es auch die Geschichte einer Kunstform, die heute nur noch wenige beherrschen.

Vom armen Stückeschreiber zum Erfinder

Zu verdanken ist die Erfindung Alois Senefelder – einem Mann, den heute kaum mehr einer kennt.

1771 wurde er in Prag als eines von 13 Kindern des Schauspielers Peter Senefelder geboren. Die Mutter stammte von dort und sein Vater war eine Zeitlang am Prager deutschen Theater angestellt. Nach einem Engagement am Hoftheater in Mannheim erhielt Peter Senefelder schließlich eine feste Anstellung am Münchner Hoftheater und so siedelte die Familie nach Bayern über. In München besuchte der junge Alois das Jesuitengymnasium und studierte anschließend – offensichtlich nur widerwillig – in Ingolstadt, der ersten und damals noch einzigen bayerischen Universität, Jura. Nach dem Tod des Vaters bricht er dieses allerdings ab. In seiner Autobiographie, die er seinem Werk Geschichte der Steindruckerey voranstellt, erklärt er diesen Schritt mit zwei Gründen: Zum einen hätten ihm nach dem Tod des Vaters die finanziellen Möglichkeiten gefehlt, zum anderen aber damit, dass er das Studium ohnehin nur auf Druck seines Vaters aufgenommen habe.

Die eigentliche Begeisterung des jungen Mannes galt dem Theater und so schlug sich Alois nach dem Tod seines Vaters vor allem als Autor von Theaterstücken durch. Leider offenbar mehr schlecht als recht. Der Erlös reichte kaum zum Leben. Das lag vor allem an den hohen Druckkosten. Sie zehrten die Einnahmen zum allergrößten Teil auf. Eine schnelle und kostengünstige Lösung musste her!

Meine Hoffnung des Gewinstes war also verlohren… Ich fand, dass die Buchdruckerkunst für mich gar nicht schwer zu lernen seyn würde, und ich konnte dem Wunsch nicht widerstehen, selbst eine kleine druckerey zu besitzen. „Da wirst du, dachte ich, deine eigenen Geistes-Produckte selbst drucken und so mit Geistes- und körperlichen Arbeiten gehörig abwechseln können.“ Auch konnte ich mir einen anständigen Unterhalt verschaffen, und dadurch ein freier, unabhängiger Mensch werden.

Welcher Autor träumt nicht davon, von seinen Arbeiten anständig leben zu können? Allein der Mangel an Lettern, Presse und Papier verhinderte die Gründung der ersehnten Druckerei und so experimentierte Senefelder also mit allen möglichen Substanzen und Methoden, um seine Texte im Selbstverlag billiger und damit gewinnbringender zu drucken.

Alois Senefelder; CC0; © The Met Museum; https://www.metmuseum.org/art/collection/search/42069

Ein glücklicher Zufall

Was dann folgt, ist geradezu ein Paradebeispiel für Lernen durch Versuch und Irrtum. Wie so oft war auch hier schließlich der Zufall im Spiel. Gerade hatte Senefelder eine Kalksteinplatte abgeschliffen, auf der er seine Übungen im „Verkehrtschreiben“ fortsetzen wollte, als ein Waschzettel angefertigt werden musste. Die Wäscherin wartete bereits, doch es fand sich im ganzen Haushalt kein Stückchen Papier und zu allem Überfluss war auch noch die Schreibtinte eingetrocknet. Was tun?

So besann ich mich nicht lange, und schrieb den Waschzettel mit meiner vorräthigen aus Wachs, Seife und Kienruß bestehenden Steintinte auf die abgeschliffene Steinplatte hin, um ihn, wenn frisches Papier geholt seyn würde, wieder abzuschreiben. Als ich nachher diese Schrift vom Stein wieder abwischen wollte, kam mir auf einmal der Gedanke, was denn aus so einer mit Wachstinte auf Stein geschriebenen Schrift werden würde, wenn ich die Platte mit Scheidewasser ätzte…

Steindruck, ©Derks24

Der Steindruck war geboren! Allerdings fehlte es auch weiterhin am Kapital, um die notwendige Presse und andere Materialien anzuschaffen und damit die Neuerung tatsächlich in Gang zu setzen. Und wieder war es ein glücklicher Zufall, der dem jungen Erfinder zu Hilfe kam. Franz Gleißner, Hofmusiker an der kurfürstlichen Hofkapelle in München, bei dem Senefelder wohnt und dessen Töchtern er als Gegenleistung Klavierunterricht erteilt, erkennt das Potenzial der Erfindung und unterstützt Senefelder finanziell. Mit dem neuen Steindruckverfahren, so die Überzeugung der beiden Männer, sollte es auch möglich sein, Musiknoten wesentlich günstiger zu drucken als im bisherigen Kupferstich-Verfahren. So experimentiert Senefelder weiter und macht Versuche mit Gleißners Noten. 1796 ist es schließlich geschafft: Die erste Musiklithographie wird gedruckt. Es ist Gleißners Werk Feldmarsch der Churpfalzbayer’schen Truppen. In der Folge gründen die beiden die Firma Gleißner & Senefelder in München.

Die von ihnen hergestellten Steindruck-Noten kosten tatsächlich nur noch ein Fünftel der bisher üblichen Kupferstich-Noten! Kein Wunder, dass auch andere Verleger sich für die Neuerung interessieren. Eine kommerzielle Anwendung im großen Stil erfolgt bereits zwei Jahre danach durch den Offenbacher Musikverleger Johann Anton André. Er hatte das Patentrecht für die neue Erfindung erworben. So erscheinen ab 1800 Mozarts Klavierkonzerte als lithographische Notendrucke. Senefelder experimentierte derweil weiter und machte Versuche im Mehrfarbendruck. Der Siegeszug des neuen lithographischen Verfahrens war nicht mehr aufzuhalten. Die Methode wird auch international erfolgreich.

Ein Stein schreibt Geschichte

Am besten geeignet für das neue Druckverfahren ist der Plattenkalkstein aus der Gegend um den bayerischen Ort Solnhofen im Altmühltal. Mit der Lithographie schreibt auch der Stein fortan Geschichte. Mit ihm und auf ihm wird Geschichte geschrieben, wird unser Bild von der Welt geprägt, wird die Welt neu vermessen. Dank ihm verbreiten sich Neuigkeiten bald schneller und billiger. Nicht umsonst bezeichnete der bayerische König Ludwig die neue Erfindung als eine der wichtigsten des achtzehnten Jahrhunderts. Der Stein schenkt vielen Menschen neue Eindrücke, prägt ihr Bild von der Welt mit Ansichtskarten, Plakaten – und auch mit Landkarten. Im Keller des Münchner Landesamts für Vermessung lagert gar eine Steinbibliothek, ein steinernes Archiv Bayerns mit weit über 20.000 Steinen, auf denen das gesamte Land vermessen ist. Die Steine aus Solnhofen gehen bald in die ganze Welt.

Alois Senefelder stirbt hochgeehrt 1834 in München. Bis zuletzt arbeitete er an der Weiterentwicklung der neuen Drucktechnik und seine Erfindung bleibt in der Tat bis weit ins 20. Jahrhundert wirkmächtig. Ähnlich wie die Erfindung des Buchdrucks Jahrhunderte zuvor veränderte die Lithographie im wahrsten Sinn des Wortes unser Weltbild. Die preisgünstige Technik ermöglichte es beispielsweise, Werbeplakate im großen Stil zu fabrizieren. Künstler wie Henri Toulouse-Lautrec oder Alfons Mucha erheben diese zur Kunstform. Litfaßsäulen veränderten das Stadtbild, die Gebrauchsgrafik zieht in unseren Alltag ein. Ob Ansichtskarten, Briefmarken, Etiketten, Wertpapiere, Scheckformulare, Sammel- oder Fleißbildchen – erst der kostengünstige Steindruck ermöglichte die Bilderflut.

Auch aus der bildenden Kunst ist das Verfahren nicht wegzudenken. Bereits in den 1830er-Jahren nutzte Honoré Daumier die Kreidelithografie als künstlerisches Medium, um sich kritisch mit der Politik und den Alltagssorgen der Menschen auseinanderzusetzen. Am Ende des Jahrhunderts gestalteten Impressionisten wie Camille Pissarro, Paul Cézanne, Alfred Sisley und Edgar Degas Farblithographien und wieder Jahrzehnte später schufen die Mitglieder der Künstlergemeinschaft Die Brücke und deutsche Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka und Lovis Corinth zahlreiche lithografische Werke, die durch ihre Spontanität beeindruckten.

Henri de Toulouse-Lautrec, The Photographer Sescau, 1896; CC0; © Art Institute Chicago

Die großen Lithographiewerkstätten haben längst ihre Pforten geschlossen. In der Gebrauchsgraphik wurde das alte, nach heutigen Verhältnissen arbeitsaufwendige Verfahren längst durch schnellere und damit kostengünstigere Druckverfahren abgelöst. Der Stein aus Solnhofen hat seine frühere Bedeutung weitgehend eingebüßt. Noch aber gibt es Künstler, die das Medium Stein für ihre Werke nutzen und die alte Kunstform der Lithographie am Leben erhalten.

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Verwendete Literatur

A. Senefelder, Vollständiges Lehrbucg der Steindruckerey, München 1821 (digitalisiert)

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