Syrinx  oder  La Flûte de pan

von Anja Weinberger

Dieses kurze Stückchen für Flöte allein berührt immer wieder mein Herz. Ich weiß von ihm  schon seit meinem zweiten Jahr als Flötenschülerin.

Und ich kann mich noch genau erinnern, wie es in mein Leben trat. Damals gab es ja weder Internet noch Handy und die Vernetzung war eine ganz andere. Alles, was man wissen wollte, musste man sich anlesen – in der Stadtbibliothek, in der Schule oder beim Instrumentallehrer. Und welche Literatur oder Noten es so gab, das wusste man eigentlich nur, wenn man einen Lehrer hatte, der seinen Notenschrank bereitwillig öffnete. Meine erste Lehrerin war leider nicht so, aber manchmal erzählte sie doch ein bisschen, mehr nebenbei und aus Versehen. Da fiel einmal dieser eigenartige Name „Syrinx“.

 

Mit meinen Eltern fuhr ich in diesen Jahren zur Urlaubszeit sehr oft nach Ungarn zu Freunden. Und da besuchten wir dann jedes Mal für einen Tag  Budapest, denn dort gab es wunderbare Kaffeehäuser, das Gellért-Bad, die schöne blaue Donau und zwei Musikalienhändler. In diesen Wunderläden durfte ich das gewechselte Geld ausgeben und man muss ehrlich sagen, dass Noten im damaligen Ostblock spottbillig waren. Meist hatte ich eine Liste dabei, von Mitschülern, der Lehrerin oder Freundinnen. Denn alles, was man so brauchte, war auch bei Peters/Leipzig erschienen. Noten von Händel, Bach, Telemann und Beethoven waren auf diesem Wege also wesentlich erschwinglicher, als zuhause im Westen. So konnte ich mir schon in jungen Jahren eine beträchtliche Notenbibliothek zusammenkaufen.

Da stand ich also auch wieder in jenem Jahr  an einem herrlichen Jugendstil-Tresen, vor mir ein hoher Stapel Noten und ich durfte diesen durchblättern. Die meisten Hefte waren aus eher grobem Papier von Editio Musica Budapest, Sikorski oder einem anderen osteuropäischen Verlag. Dazwischen lagen die typischen grünen Peters-Ausgaben.  Ich suchte vor allem nach den Hallenser Sonaten von Händel und  der Verkäufer konnte es gar nicht glauben, dass ich sie gleich dreimal haben wollte. Und direkt darunter, also falsch eingeordnet, lag ein ganz dünnes grünes Peters-Heftchen, mit der Aufschrift DEBUSSY – SYRINX. Ohne lange nachzudenken habe ich es auf meinen schon gut 5 cm hohen Notenstapel gelegt und mein Vater hat alles bezahlt. Danach gab’s gleich nebenan Somlauer Nockerln mit Kakao für mich und für meine Eltern Café und wer-weiß-welchen leckeren Donaumonarchie-Kuchen.

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Im Ungarnurlaub hatte ich nie eine Flöte dabei, weil die Abfertigung an den Grenzübergängen immer recht aufregend war. Für ihre Freundin Ilonka hatte meine Mutter viele Fläschchen Haarfestiger dabei und jede Menge Nylonstrümpfe, da sollte der Grenzposten nicht auch noch durch ein Musikinstrument auf uns aufmerksam werden. Aber auch ohne Flöte habe ich natürlich in den neuen Noten geblättert, mit Blick auf den Balaton und dem Duft von Kesselgulasch oder Lecsó  in der Nase. So konnte ich also zum ersten Mal einen Blick auf Musik von Claude Debussy werfen.

Was für ein Unterschied zu allem mir damals Bekanntem. Keine regelmäßigen Sechzehntelläufe wie in Bachs Sonaten oder andere mir bekannte Notenbilder. Nein, und schon die Tonart: Des-Dur – zumindest habe ich mir das mit Hilfe meiner Finger so abgeleitet – fünf Bs, also Des-Dur. In der ersten Zeile schon die erste Fermate, auch eigenartig! Und dann der Rhythmus – da benötigte ich sehr viele Bleistiftstriche, um die die Viertel zu markieren.

 

Wieder zuhause, nahm ich das Notenheft mit in den Flötenunterricht und meine Lehrerin sagte, was auch ich heute zu einem Schüler im zweiten oder dritten Jahr sagen würde: „Eigentlich ist das zu schwer für Dich“. Da hatte sie natürlich Recht. Ich legte die Noten also zur Seite, blätterte aber immer wieder darin und probierte auch ein paar Töne – schwierig. Auch gehört hatte ich das Stück noch nie. Wie denn auch, in meiner Heimatstadt gab es zwar ein Symphonieorchester, aber Kammermusikkonzerte standen nicht auf dem Spielplan. 

Vielleicht ein Jahr später bekam ich zu Weihnachten eine Schallplatte mit dem nordirischen Flötisten James Galway, darauf alles, was man von Debussy mit der Flöte und einem Klavier  so spielen konnte, also eine ganze Menge Bearbeitungen. Und ganz am Ende, sozusagen als Zugabe, noch Syrinx. Beinahe hätte ich es übersehen. Nun wusste ich also, wie dieses Notendurcheinander klingen kann. Kein Vergleich zu meinen schwerfälligen Versuchen – schwebend und eindringlich zugleich klingt der Anfang. Später wird die Flöte fordernder, dann euphorisch. Und am Ende, nach einem kleinen Wirbel, kehrt sie wieder zur Ruhe zurück. Ich war verblüfft, bezaubert und voller Tatendrang.

 

Dann – wieder einige Zeit später – wechselte ich den Lehrer. Dieser zweite war ganz anders! Er strahlte Begeisterung aus, spielte eine rotgoldene Flöte und war Flötist bei den Hofer Symphonikern. Sein Ton war voll und klar und er unterrichtete sehr engagiert, auch streng, aber auf eine sehr zugewandte Art. Gleich zu Anfang sagte er mir, dass Literatur für Flöte solo sehr wichtig sei, denn nur da könnten wir uns nicht an einen Anderen  z. B. am Klavier anlehnen, sondern müssten ganz auf uns gestellt, völlig eigenständig und mit ganzer Kraft musizieren. Zuerst stellte er mir eine kleine Solosonate von Stamitz auf den Notenständer und schon in der dritten oder vierten Stunde traute ich mich, das grüne Petersheftchen mitzubringen.  Ich fragte, ob wir zusammen vielleicht auch daran arbeiten könnten. Er war erstaunt, aber nicht abgeneigt. Wieder hörte ich diesen Satz „das ist eigentlich zu schwer für Dich“, aber diesmal mit einer ganz anderen Betonung auf eigentlich. Und nun ging’s los. Jede Woche zwei Zeilen, mehr war nicht zu schaffen. Wir spielten und spielten. Oft gleichzeitig, damit ich die Phrasierung lernen konnte. Manchmal spielte er auch vor und ich dann nach. Wir spielten aus dem Fenster hinaus und versuchten uns von den Glocken der nahen Michaeliskirche nicht aus dem Takt bringen zu lassen. Oder aber er riet mir, einmal zu versuchen, die Glocken als sehr unrhythmisches Metronom zu benützen, denn Debussy spielt man freier als z. B. Bach. In den Noten stand an manchen Stellen blau oder grün klingen lassen  – das hätte ich mir vor einigen Wochen auch nicht träumen lassen, dass Musik etwas mit Farben zu tun haben könnte.

Parallel dazu übte ich natürlich immer auch noch andere Stücke, denn im kommenden Januar sollte der Wettbewerb  Jugend musiziert für mich auf dem Programm stehen. Ich hatte in den wenigen Monaten beim neuen Lehrer sehr viel gelernt. Auch seine Frau war Flötistin, und zum ersten Mal nahm ich wahr, dass Musik das ganze Leben einer Familie bestimmen kann. Ich war sehr beeindruckt und übte fleißig. Für den Wettbewerb kamen nur Stücke für Flöte und Klavier in Frage, die aber mussten aus drei unterschiedlichen Epochen stammen. Und auch da eröffnete sich mir mit der Sonate von Paul Hindemith eine neue Welt. Zum ersten Mal hatte ich eine Ausgabe von Schott in der Hand – außen silbrig-grau mit weißem Rand. Ich fand das sehr hübsch und außergewöhnlich. 

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Durch den Landes – und Bundeswettbewerb Jugend musiziert lernte ich viele neue Leute kennen und zum ersten Mal dachte ich daran, dass Musik vielleicht auch für mich zum Beruf werden könnte.

 

Aber dann kam es doch anders. Ich begann in München mit dem Medizinstudium und konnte parallel dazu als Externer an der Musikhochschule Unterricht nehmen. Das war eine tolle Zeit! Aus allen Räumen kam Notengeschwirre, jeder trug eine Instrumententasche mit sich herum und auch hier lernte ich viel dazu. Ich spielte im Studentenorchester und einer der Dirigenten war auch Organist an einer großen Kirche im Münchner Umland. Er fragte, ob ich nicht Lust hätte, die Osternacht zu gestalten, denn die Orgel soll ja bis zur Auferstehung schweigen. Aufregend, aber ich sagte zu. Was spielt man da bloß?

 

Nun also zum ersten Mal vor Publikum: Syrinx. Dazu habe ich noch die langsamen Sätze von Bach Vater und Sohn aus den a-moll-Sonaten ausgesucht und war eigentlich überrascht von meiner eigenen Courage. Aber jetzt war nichts mehr zu ändern, denn die Osternacht stand vor der Türe. Unterdessen konnte ich den Notentext von Syrinx natürlich zumindest fehlerfrei spielen. Aber geübt hatte ich ja immer nur in einem Raum der Hochschule oder in meinem kleinen Zimmer. Sehr gespannt wartete ich deshalb auf die erste Möglichkeit, in dem großen romanisch-gotischen Kirchenschiff spielen und alles ausprobieren zu können. Leider war das nur einmal möglich, am Ostersamstag abends. Ich fuhr also mit der S-Bahn nach Norden, musste dann noch ein paar Minuten laufen und sah schon von fern den riesigen Bau.

 

Wie ausgemacht war eine Seitentür offen und ich trat ein in die recht schummrige, kühle Kirche. Auf einer der Bänke packte ich meine Flöte aus und stellte den Notenständer ganz zentral hin. Erst versuchte ich recht zaghaft ein paar einzelne Töne, und schon das war herrlich. Aber sollte in der Osternacht die Musik nicht besser von oben kommen, sollte ich nicht lieber auf der Empore spielen? Ja, das wäre wirklich besser. Also alles wieder einpacken und die Treppe suchen. Ganz schön lange Wege legt man in solch einer großen Kirche zurück, kaum zu glauben. Oben angekommen war mir unterdessen ziemlich kalt, aber vor allem wollte ich nun endlich loslegen.

Und das machte ich auch – zuerst spielte ich die schöne Sarabande aus Johann Sebastian Bachs Partita a-moll. Schon da bemerkte ich, dass es einiges zu beachten gibt bei einem dermaßen großen Raum. Beinahe fühlt es sich an, als ob die Töne direkt von der Lippe weggepflückt werden. Ein eigenartiges Gefühl, ein bisschen kommt es einem vor, als wäre man geteilt in einen Spieler und einen Hörer. Bachs Sarabande besteht aus langen, ruhigen, gewundenen Achtelketten. Kaum Ruhepunkte außer am Ende des ersten Teiles und am Schluss, bietet sie viel Raum für gleichmäßiges und fließendes Spiel. Für den Zuhörer eine herrliche Musik, um zur Ruhe zu kommen – für den Spieler ein Gang durch beinahe alle Register der Flöte.

Dann der erste Satz aus Carl Philipp Emanuels Solosonate a-moll. Damals wusste ich noch nicht viel über Musikgeschichte, schon gar nichts über die spannende Zeit in der die Bach-Söhne lebten. Ich fand es nur sehr komisch, dass der langsame Satz einer Sonate am Anfang steht und nicht zwischen den beiden schnellen Sätzen. Irgendwie habe ich auch wahrgenommen, dass das eine ganz andere Art Musik ist, obwohl doch nicht viel Zeit vergangen war zwischen Vater und Sohn. Auch dieser Satz besteht größtenteils aus Achteln und Sechzehnteln, allerdings im 3/8-Takt und in einer Art Zweistimmigkeit. Am Ende ist sogar eine kleine Kadenz zu spielen, also ganz deutlich führt das schon in Richtung Klassik – so würde ich es heute meinen Schülern erklären. Damals fand ich es lediglich  seltsam. Aber wie auch immer, auch dieser Satz war herrlich zu spielen in der großen, dreischiffigen Kirche.

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Nun fehlte noch Debussy. Unterdessen hatte ich eiskalte Füße und auch die Hände waren nicht mehr besonders beweglich. Trotzdem war ich sehr gespannt. Und schon die ersten wenigen Töne zeigten mir, dass es einfach wunderbar ist, diese Art Musik in dieser Art Raum zu spielen. Mehr als bei Musik aus früheren Epochen kann man mit dem Raum spielen, die Klänge schweben lassen, Fermaten auskosten. Wie schade, dass Syrinx aus nur 35 Takten besteht. Ich spielte und spielte die wenigen Zeilen einige Male, bis meine Hände nicht mehr zu bewegen waren. Einfach zu kalt war es und, wie ich plötzlich feststellte, auch schon fast ganz dunkel. Gruselig, so alleine in einer so großen, unübersichtlichen Kirche. Schnell packte ich ein, nahm die Treppe nach unten und schlüpfte aus der zum Glück noch offenen Türe. Die S-Bahn brachte mich zurück in die Innenstadt, nur um mich wenige Stunden später wiederrum zurückzufahren zur Osternacht in St. Kastulus.

 

Das war ein herrlicher Gottesdienst, nur wenige Kerzen, der Notenständer bekam eine Pultleuchte, die Gemeinde war begeistert von der Idee ihres Kantors und von der Flötenmusik. Nach der Auferstehung rauschte dann wieder die Orgel und alle sangen voller Freude „Der schöne Ostertag“.

 

Dann, nach einigen Semestern, entschied ich mich gegen die Medizin und ganz für die Musik. Ich studierte acht Semester Orchestermusik und machte in den Semesterferien viele Kurse überall in Deutschland. Syrinx war immer dabei. Schnell merkte ich, dass meine früheren Versuche dem intensiven Stück noch nicht wirklich gerecht werden konnten. Ich hatte meine damaligen Mittel eingesetzt und die beliefen sich eben auf meine Erfahrungen als Schülerin vor allem in der Barockmusik.

In den kommenden Jahren erfuhr ich viel über die Entwicklung der Musik, über Nationalmusik, über besondere, geniale Komponisten und über die Macht der Herausgeber des Notenmaterials. Ich besorgte mir die erste Urtextausgabe von Syrinx im Verlag  Henle (auch diese Noten gefallen mir besonders gut in ihrem sehr eleganten Blaugrau mit der klaren Schrift). Wirklich weiterhelfen konnte diese Ausgabe allerdings auch nicht, jedoch fand ich es sehr schön, Noten vor mir liegen zu haben auf ganz glattem Papier in einer gestochen klaren Schrift. Erst als dann Schott wieder einige Zeit später mit einer neuen Ausgabe in der Reihe Wiener Urtext Edition auf den Markt kam, in der der Flötist Anders Ljungar-Chapelon die Geschichte des kurzen Werkes ausführlich beleuchtete, verstand ich, worum es eigentlich ging.

 

Syrinx hieß ursprünglich „La Flûte de pan“ und war eine kurze Schauspielmusik zum Drama „Psyché“ von Gabriel Mourey. In Psyché wird u.a. der  Mythos um den Gott Pan erzählt. Mourey hatte  Kontakt aufgenommen zu Debussy und  ihn um seine Mitarbeit gebeten.  Debussy entschied dann, dass die Besetzung für diese Musik nichts anderes sein kann als Flöte solo  –  eben wegen der Geschichte um Pan.

Uraufgeführt hat die kurze Schauspielmusik dann bei der Premiere am 1.12.1913 Louis Fleury, der zu dieser Zeit einer der berühmtesten Flötisten weltweit war. Er wird es während seiner gesamten Laufbahn immer wieder spielen, eben auch bei Kammermusikabenden, oftmals dann hinter einem Vorhang verborgen. Der Titel wurde erst später in „Syrinx“ geändert, um Verwechslungen mit anderen Werken zu vermeiden. Denn die Geschichte  Pans, der eine Nymphe verfolgt, die sich aus Angst in Schilf verwandelt, hat viele Komponisten inspiriert. Niemanden jedoch dermaßen folgenreich, wie Claude Achille Debussy.

 

So kommt es also, dass wir Flötisten dieses wirklich außergewöhnliche Werk in unserem Repertoire haben.

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Verwendete Literatur:

Adorjan, Andras (Hrsg.) u.a.: Lexikon der Flöte, Laaber 2009

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