Telemann  Fantasien 7 – 12

 

von Anja Weinberger

Telemann: 

Fantasien 7–12

 

von Anja Weinberger

Telemann – Fantasien für Flöte solo

2. Teil: Fantasien 7 – 12

( Dieser Text schließt an an einen vor Kurzem erschienenen Beitrag)

Die Fantasie 7 in D-Dur lässt keine Fragen offen. Denn schon die Satzüberschrift des ersten Satzes Alla Francese lässt uns ahnen, welchen Weg der Komponist hier einschlagen möchte. Lully hat diese Form der französischen Ouvertüre eingeführt und damit sehr eindrucksvoll unsere Vorstellung von »royaler« Musik geprägt. Es ist nicht so einfach, mit einer Komposition für Flöte ohne Bass diesen Charakter zu treffen, aber Telemann gelingt es.

Der langsame Anfang bietet die entsprechend scharfen Punktierungen, große Intervalle und auskomponierte Verzierungen. Dieses festliche und majestätische Klangbild wird unterbrochen durch einen fugierten Mittelteil voller Themeneinsätze. Manchmal ist dieser 3/8-Teil sogar dreistimmig, was aber nur auf dem Papier zu sehen und kaum zu hören ist – zu schnell ist der Spuk jeweils vorbei. Schwer zu spielen ist dieser Alla-Francese-Satz, aber seine Wirkung ist dementsprechend eindrucksvoll. Das folgende Presto ist ein Rondo und, wie häufig bei Telemann, stark von der Volksmusik geprägt. Wie schon in der 1. Fantasie beschränkt sich der Komponist  auch hier auf zwei Sätze.

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Im Falle der 8. Fantasie in e-moll kann man streiten. Ist es die schon bekannte »moderne« Solosonatenform oder doch noch eine »alte« Suite mit aufeinander folgenden Tanzsätzen? Wie man sich auch entscheidet, der erste Satz Largo hat auffallende Ähnlichkeiten mit einer Allemande. Die Wahl des »richtigen« Tempos ist dementsprechend gar nicht einfach, denn man muss sich entscheiden, auf welchen Notenwert sich »largo « beziehen soll. Viel einfacher ist das im zweiten Satz Spirituoso. Im Grunde eine Gigue, kann man diesen Satz gar nicht anders als schnell spielen. Als nähme man Anlauf, wirken die langen punktierten Achtelnoten an den jeweiligen Neueinstiegen ins Geschehen. Und genau das Gegenteil finden wir bei den Abschlüssen der Phrasen – sie laufen einfach in Achtelgruppen aus. Im dritten Satz Allegro tanzen wir einen Passepied , ganz klar sind die typisch strukturierten Satzgruppen auszumachen.

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In der Fantasie 9 in E-Dur können wir schon wieder Telemanns wichtige Mittlerfunktion zwischen den Generationen erleben. Ist diese Fantasie eine typische Kirchensonate mit der Satzfolge langsam-schnell-langsam-schnell oder ist es eine »verkleidete« französische Ouvertüre mit angehängter Bourrée – und damit »modern« im Sinne der damaligen Zeit? Für letzteres spräche, dass der dritte Satz Grave eine ähnliche Wiederaufnahme des ersten Satzes Affetuoso darstellt – eher ungewöhnlich bei einer Kirchensonate, aber eben typisch für die französische Ouvertüre. Diese beiden langsamen Sätze sind Sarabanden mit einer deutlichen Neigung zum Pompösen.

Der zweite Satz Allegro dazwischen ist wiederum eine Gigue mit auf den ersten Blick nur schwer zu erkennendem Fugato. Dieses Fugato sorgt dafür, dass wir uns hier bis nach H-Dur bewegen. Wir befinden uns an der Stelle der zwölf Fantasien Telemanns, die sich am weitesten von den üblichen und gut spielbaren Tonarten der damaligen Flötenbaukunst entfernt hat. Der vierte und letzte Satz Vivace ist eine von drei Bourréen , die in der Sammlung auftauchen. Einfach zu überblicken ist dieser Satz und möchte sehr forsch und flott gespielt werden.

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In der Fantasie 10 in fis-moll schließlich stoßen wir auf die Tempobezeichnung mit dem größten Verwirrungspotential. Denn der erste Satz ist mit A tempo giusto[1]  überschrieben, und wir fragen uns natürlich, woher wir wissen sollen, welches Tempo das angemessene ist. Man muss um einige Ecken denken, um die richtige Spur zu finden. Eigentlich erwarten wir einen langsamen Satz, denn ihm folgen zwei eindeutig schnelle. Jedoch verleiten uns die langen Achtelketten, die abwechselnd gebrochene Dreiklänge oder eine Quasi-Zweistimmigkeit erzeugen, eher zu einem schnelleren Tempo. Und plötzlich wird es uns klar: Hier hat Telemann eine Courante geschrieben, die ja nicht unbedingt sehr schnell sein muss, sondern auch lediglich fließend daherkommen kann. »Langsam«, also weit voneinander entfernt, sind in diesem Satz dann die »schweren« Taktzeiten.

Viel einfacher zu  verstehen sind die nächsten beiden Sätze. Wie schon in einigen Fantasien in der Stretta-Form zu beobachten war, folgt auf einen komplexeren Fugato-Satz (Presto) ein schlichter Tanzsatz. Das ist hier ein besonders graziöses Menuett mit der eher unklaren und – schon wieder – möglicherweise verwirrenden Satzbezeichnung Moderato[2]. Da wir aber schon im ersten Satz an der Satzbezeichnung gewachsen sind, tun wir das hier wieder. Vermutlich wollte Telemann schlicht und ergreifend ein zu schnelles Tempo verhindern.

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Die 11. Fantasie in G-Dur ist insofern außergewöhnlich, als sie die einzige ihrer Art innerhalb des Zyklus ist, denn sie lehnt sich an die Form des italienischen Konzertes an. Wie auch schon bei Johann Sebastian Bachs Werk gleichen Namens[3] hat der Komponist die langjährige Beschäftigung mit der italienischen Nachfolgerin des Concerto grosso, dem italienischen Solokonzert, genutzt und seine Schlüsse daraus gezogen.

Und wie hier schon mehrmals bemerkt, hat Telemann die Instrumentalformen der Zeit genau gekannt und diese mit größter Kunstfertigkeit in seine Musik übersetzt. So entstehen Werke, die bei jeder Betrachtung neue Einsichten offenbaren.

Der erste Satz Allegro ist hochvirtuos, eher von Motivik geprägt als von einem wirklichen Thema. Alles, was die Flöte der Zeit hergab, finden wir hier in dieser Toccata – denn so ließe sich der Satz am ehesten einordnen. Ihm folgt ein wirklich sehr kurzes Adagio, möchte man bei zwei Takten überhaupt von einem Satz sprechen. Jedoch sind diese Takte so angelegt, dass man sie gerne als Fundament für eine Kadenz nutzen möchte. Auch das weist  augenblinzelnd auf die italienische Konzertform hin, denn diese ist die Geburtsstunde der Solo-Kadenz innerhalb eines Konzertes. Der dann dritte Satz Vivace übertrifft den ersten beinahe noch an Virtuosität und ist ein – altbekanntes – Fugato. Diesem folgt schließlich als vierter und letzter Satz wie in jeder der Fantasien ein Tanz. An dieser Stelle handelt es sich um einen Ländler (Allegro), der einzige Satz innerhalb des Reigens im 6/4-Takt.

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Um eine weitere freie Fantasie handelt es sich bei der Nummer 12 in g-moll. Der sehr lange erste Satz ist eine Aneinanderreihung von sechs Teilen Grave-Allegro-Grave-Allegro-Dolce-Allegro. Die langsamen Teile sind sehr elegisch, nur der etwas längere Dolce-Teil wagt kleine Modulationen. Die Allegro-Abschnitte fallen in diese weiche Grundstimmung ein und sind durchaus abwechslungsreich gestaltet. Längst ist uns klar, dass nun zum Abschluss der Fantasie und des ganzen Zyklus ein Tanzsatz folgen muss. Und tatsächlich, diesmal tanzen wir eine Bourrée (Presto), die wesentlich länger ist, als die vorangegangenen Schlusssätze. Der Mittelteil dieser Bourrée steht in der Paralleltonart B-Dur und erinnert uns an Vogelgezwitscher aus so mancher Nachtigallen-Arie der Zeit.

 

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Das waren sie, die zwölf Fantasien aus Telemanns großem Zyklus. In der Fantasie Nr. 6 bei d-moll angekommen, ging es nun weiter mit D-Dur, e-moll, E-Dur, fis-moll, G-Dur und schließlich g-moll. Die Oktave ist durchschritten. Welch großartige Bereicherung des barocken Flöten-Repertoires sind diese zwölf Fantasien!

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Fußnoten und verwendete Literatur

1 … Ital. für »im richtigen tempo«

2 … Ital. für »maßvoll«, »mäßig« oder »gemäßigt«

3 …  J.S. Bach: Concerto nach italienischen Gusto BWV 971, bekannt als »Italienisches Konzert«. Es handelt sich um ein Werk in drei Sätzen für zweimanualiges Cembalo alleine. Nach einem Orchester sucht man umsonst, auch wenn das Wort »Concerto« das erwarten lässt.

Eppinger, Sigrid: Georg Philipp Telemann: 12 Fantasien für Flöte solo, in Tibia 2 und 3/1984, Celle 1984

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