Theodor Fontane und der Kaffee
Theodor Fontane ist einer jener Autoren, die man wahrscheinlich erst im Alter zu schätzen lernt, denn für eine jüngere Generation fließt seine Prosa scheinbar zu ruhig und gleichmäßig dahin. Außerdem wäre es wichtig, wenigstens einen groben Überblick über sein Gesamtwerk zu bekommen, wozu etwa seine Balladen wie Die Brück´ am Tay oder Herr von Ribbeck gehören, aber auch die wunderbaren Beschreibungen seiner Heimat in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Aber wer nimmt sich heute schon noch die Zeit, einen Autor so gründlich kennenzulernen? Um trotzdem nicht auf den Lesegenuss verzichten zu müssen, den uns die Bücher Fontanes bescheren, sollte man wenigstens einen seiner Romane zur Hand nehmen und sich damit beschäftigen.
Fontane selbst hat sich bekanntlich erst sehr spät in seinem Leben mit Prosa befasst. Nach langen Jahren des Suchens und Tastens, aber mit welcher Wucht und mit welch sprachlichem Furor sind diese Romane schließlich aus ihm herausgebrochen! Ein Beispiel dafür ist etwa der Roman Vor dem Sturm, in dem er uns ein grandioses Bild der preußischen Gesellschaft in den letzten Jahren der napoleonischen Herrschaft gibt, und der in Aufbau und künstlerischem Anspruch stark an Tolstois Krieg und Frieden erinnert:
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Familie derer von Vitzewitz und ein Ausschnitt aus ihrem Leben in einer Zeit des Umbruchs, des Beginns des 19. Jahrhunderts. Man sollte einmal Briefe aus jener Zeit lesen, um zu verstehen, wie sehr der Aufstieg Napoleons nicht nur das Machtgefüge der alten Monarchien erschütterte, sondern auch das Denken einer ganzen Generation prägte. Die Veränderung im Zeitgeist wird im Buch sehr schön dargestellt durch das Aufeinanderprallen zweier Welten: der Welt der Jugend und der Generation der Eltern oder, anders gesagt, der eines Napoleons und der eines Friedrichs II. Letztere Welt wird in der Figur des alten Junkers Berndt von Vitzewitz verkörpert, einem knorrig preußischen Patrioten, der entgegen dem Willen seines Königs und dessen Ministern eine Landwehr aufstellt, um die verhassten französischen Besatzer aus dem Land zu werfen. An diesem Vorhaben wird er nicht nur grandios scheitern, sondern auch (durch ein über seinen Sohn Lewin drohend verhängtes Todesurteil) auf das zurückgeworfen werden, was ihm wirklich wichtig ist: die Liebe zu seinem Kind.
Auf der anderen Seite (nicht als Widerpart, sondern als typischer Vertreter einer neuen Generation) steht sein Sohn Lewin, der scheinbar ziellos durch sein Leben läuft, Gedichte schreibt, romantischen Träumereien nachhängt und an der Liebe zu seiner polnischen Cousine Kathinka von Ladalinski leidet. Die Dynamik der Handlung wird vorangetrieben durch den nächtlichen Angriff auf die verhassten Besatzer, die Verwundung Lewins und die Flucht Kathinkas in die Arme eines polnischen Adligen, um zuletzt in der Liebe Lewins zu Marie, einem Ziehkind des Hauses, ihrem prosaisch romantischen Ende zuzustreben.
Doch die Bedeutung des Werkes liegt weit weniger in dieser breit ausgerollten, bunten Familiengeschichte als vielmehr in dem detailgetreuen Porträt einer Zeit, die uns heute so fern erscheint. Dabei gilt Fontanes Augenmerk zwar in erster Linie dem alten märkischen Adel und seiner Welt (was sicher seinem Lesepublikum geschuldet war), aber daneben wimmelt das Buch nur so von einprägsamen Figuren und schrulligen Charakteren aus allen Schichten der damaligen Gesellschaft, die Fontane mit scharfem Auge zeichnet und bis ins letzte Detail hinein liebevoll schildert. So können wir beim Lesen einen Blick werfen auf eine Welt, die zwar für immer verloren ist, in Fontanes Werken jedoch für alle Zeiten lebendig bleiben wird.
Auch in seinem späten Werk Der Stechlin finden wir uns in die Welt des alten, märkischen Adels versetzt. Doch im Gegensatz zu seinem Buch Vor dem Sturm wird hier die äußere Handlung auf ein Minimum reduziert. Einem Kammerspiel gleich dreht sich hier alles um die wenigen Figuren und ihr Innenleben oder wie Fontane selbst einmal sagte: »Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts.« [1]
Doch gerade weil der äußere Rahmen so eng gesteckt wird, ist plötzlich Raum für die Schilderung einer reichen inneren Welt, in der das Menschliche jener Zeit, gezeichnet in der Figur des alten Stechlins, in den Vordergrund rückt. Und diesem Mann nun dürfen wir lauschen – nicht in Form eines inneren Dialoges, denn dazu steht Fontane noch zu sehr in der Tradition des deutschen Romans jener Zeit. Aber je länger man dieser Geschichte folgt, umso deutlicher glaubt man, die Stimme des alten Stechlins und wohl auch Fontanes selbst zu hören. Stimmen, die sich in unzähligen Dialogen verzweigen, in Gesprächen zu zweit, zu dritt, in Gesprächen über Politik, über das Eheleben, über die Beziehung der Alten zu den Jungen oder die Gesellschaft in Berlin – Gespräche, die doch immer wieder zurückkommen auf das eigentliche Thema dieses Buches: den alten Stechlin und seine ganz persönliche Sicht auf die Welt.
Theodor Fontane nannte diese Art des Erzählens, seine Protagonisten einfach über »dies und das« reden zu lassen, und das klingt dann in den Worten des vom alten Stechlin hochverehrten Pastors Lorenzen etwa so: »Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.« [2]
Und jetzt werden Sie sich natürlich fragen, was diese Ausführungen über Fontane eigentlich mit dem Thema meines Buches, dem Kaffee, zu tun haben! In Fontanes Buch findet sich auch eine Stelle mit einem der wohl bekanntesten Zitate über den Kaffee:
»Ich habe neuerdings den Tee eingeführt, das heißt nicht obligatorisch; im Gegenteil, ich persönlich bleibe lieber bei Kaffee, ›schwarz wie der Teufel, süß wie die Sünde, heiß wie die Hölle‹, wie bereits Talleyrand gesagt haben soll.« [3]
Mehr Geschichten zur Kulturgeschichte des Kaffees findet ihr in meinem Buch. Geschichten von Maria Theresia, Honoré de Balzac, Stefan Zweig – und natürlich viele Rezepte und weitere Anekdoten rund um den Kaffee!
Fußnoten
1 Aus einem Brief Theodor Fontanes an Adolf Hoffmann im Jahr 1897, vgl. https://www.xlibris.de/ [25.5.2024]
2 Theodor Fontane, Der Stechlin, Verlag Arthur Moewig 1979, S. 292
3 Ebd., S. 55

