Till Eulenspiegel
von Thomas Stiegler
Ein Narr, der mehr war als ein Spaßmacher
Wenn wir heute den Namen Till Eulenspiegel hören, dann denken viele an harmlose Kinderbücher, an Schabernack und übermütige Streiche. Doch der ursprüngliche Till war weit entfernt von diesem harmlosen Bild. Er war ein Spötter mit scharfem Blick, ein Freigeist, der seiner Zeit den Spiegel vorhielt – und dabei oft derber, boshafter und auch ungemütlicher, als uns heute lieb ist.
Geboren wurde er wohl um 1300 im Dorf Kneitlingen im Braunschweiger Land. Von dort zog er hinaus in die Welt: nach Braunschweig, Ulm, Nürnberg, bis hin nach Prag und Rom – ungewöhnlich weite Reisen für einen Mann seiner Zeit. Um 1350 starb er vermutlich in Mölln, wo seit dem 16. Jahrhundert ein Gedenkstein an ihn erinnert.
Vom Volksbuch zum europäischen Bestseller
Die Geschichten über Eulenspiegel kursierten zunächst mündlich, bevor sie um 1510 erstmals gesammelt und niedergeschrieben wurden. Unter dem Titel »Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel, geboren vß dem land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat« erschienen 96 seiner Geschichten im Druck. Vermutlich war es Hermann Bote, ein Braunschweiger Stadtschreiber, der die Sammlung verfasste. Sicher belegt ist lediglich der Name des Druckers: Johannes Grüninger.
Das Buch wurde ein Erfolg. Schon bald war es in ganz Europa verbreitet, ins Lateinische, Französische, Niederländische, Englische und Polnische übersetzt. Mit jeder Ausgabe wandelte sich auch der Held: Aus dem derben, ungezähmten Spötter wurde nach und nach ein sympathischer Possenreißer, den man Kindern unbedenklich anvertrauen konnte. Der ursprüngliche Biss seiner Geschichten wurde überdeckt von der Lust am harmlosen Lachen.
Damit gehörte das Eulenspiegel-Buch zu den ersten ›Bestsellern‹ der noch jungen Buchdruckzeit und erreichte ein völlig neues Publikum jenseits der gebildeten Elite.
Eule und Spiegel – die vergessene Symbolik
Meist denkt man heute, Eulenspiegel sei einfach eine Verbindung der beiden Begriffe »Eule« und »Spiegel«. Und tatsächlich wurde er bereits in der ersten gedruckten Ausgabe mit diesen Attributen in den Händen dargestellt. Doch in Wahrheit verbirgt sich dahinter eine vielschichtige Symbolik.
Der Spiegel hat in der europäischen Kulturgeschichte eine lange Tradition – man denke nur an den Schwabenspiegel oder den Laienspiegel. Immer war er ein Instrument der Selbsterkenntnis, ein Mittel, Missstände sichtbar zu machen. Eulenspiegel griff genau diesen Gedanken auf: Seine Streiche, bei denen er Redensarten wörtlich nahm, führten den Menschen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit drastisch vor Augen.
Die Eule hingegen war ein ambivalentes Symbol. In der Antike galt sie als Vogel der Weisheit, doch im Mittelalter sah man in ihr ein Tier des Teufels. Vielleicht vereint Eulenspiegels Name genau diese Doppeldeutigkeit: einmal die verborgene Weisheit seiner Einfälle, zum anderen das zerstörerische, aufrührerische Potenzial seiner Späße.
Sprachwitz und Derbheit
Neben der symbolischen Deutung existieren auch wortspielerische Erklärungen. Berühmt ist der Ausspruch »ick bin ulen spegel«, meist verstanden als: »Ich bin euer Spiegel.« Eine Lesart, die sich nahtlos in das Bild des gesellschaftlichen Kritikers fügt.
Doch im Mittelniederdeutschen hatte »ulen« auch die Bedeutung »wischen«, während »spegel« für das Gesäß stehen konnte. »Ul’n spegel« hieß also so viel wie: »Wisch mir den Hintern« – oder, frei übertragen: »Leck mich am Arsch.« Ein derber, aber ehrlicher Ausdruck der Auflehnung gegen eine enge, normierte Welt.
Der wahre Till
Vielleicht liegt gerade hier das Geheimnis seiner ungebrochenen Wirkung: Till Eulenspiegel war kein bloßer Spaßmacher, sondern ein Narr, der Grenzen überschritt, Autoritäten verhöhnte und das Leben mit entwaffnender Respektlosigkeit betrachtete.
Es wäre daher ehrlicher, sich nicht nur an den listigen Schabernack des Kinderbuchhelden zu erinnern, sondern auch an den Rebellen, der seiner Zeit ein trotziges »Leckt mich doch am Arsch« entgegenrief – und uns bis heute mahnt, den Spiegel nicht zu vergessen, den er uns vorhält.
Fazit
Till Eulenspiegel ist ein Stück europäischer Kulturgeschichte. Er steht für die Kraft des Spotts, für das befreiende Lachen und für die derbe Wahrheit, dass kein Mensch, keine Ordnung, kein Herrscher unfehlbar ist. Wer ihn liest, begegnet nicht nur einem Possenreißer, sondern einem unbequemen Freigeist, dessen Erbe bis heute wirkt.
