Togo & Balto
von Thomas Stiegler
Dies ist die Geschichte von 20 Mushern[1] und 150 Hunden, die nicht nur eine ganze Siedlung vor dem sicheren Tod bewahrten, sondern auch als ein Beispiel dafür dienen können, was alles durch Mut und Hingabe in scheinbar aussichtslosen Situationen möglich ist. Doch hinter dieser Geschichte verbirgt sich eine weitere Ebene, die es zu erzählen lohnt: eine Parabel über die Ungerechtigkeit der Welt und darüber, dass es nicht immer die wahren Helden sind, die in die Geschichte eingehen. Darüber hat schon Bertolt Brecht in seinen »Fragen eines lesenden Arbeiters«[2] geschrieben – dass wir in unserer Suche nach dem »einen Helden« allzu oft jene vergessen, deren Beitrag mindestens so groß war wie der der großen Namen, die aber aus verschiedensten Gründen in Vergessenheit gerieten und deshalb keine Rolle in den Geschichtsbüchern spielen. So auch in der folgenden Geschichte – denn diese Rettungsaktion, die bald unter dem Namen »Serum Run to Nome« oder auch »Great Race of Mercy« bekannt wurde, machte zwar den Schlittenhund Balto und seinen Musher Gunnar Kaasen berühmt, doch die Namen der übrigen Beteiligten verschwanden wie Spuren im Schnee. Einzig dem Schlittenhund Togo und seinem Musher Leonhard Seppala wurde (wenn auch sehr viel später) Gerechtigkeit zuteil.
Wie aber konnte es dazu kommen, dass ein einzelner Hund so viel Ruhm erntete, während die Geschichte der übrigen Beteiligten so schnell verblasste? Um das zu verstehen, reisen wir zurück ins eisige Alaska des Jahres 1925 …
Hier herrschte der härteste Winter seit 20 Jahren mit Temperaturen von bis zu -45°C. In der Ortschaft Nome, die um 1898/1900 [3] von Goldsuchern und Pelzhändlern gegründet wurde und in der zu dieser Zeit nur noch etwa 1.400 Menschen lebten (im Gegensatz zu den etwa 20.000 Einwohnern während des Höhepunktes des Nome-Goldrausches) brach eine Epidemie aus, der in kürzester Zeit mehrere Menschen zum Opfer fielen und die das Leben aller Einwohner bedrohte.
Denn die Menschen besaßen keine Antikörper gegen Diphterie und waren deshalb auf ein Antitoxin (also ein Diphtherie-Serum) angewiesen. Doch die eigenen Vorräte waren aufgebraucht und der nächste verfügbare Bestand befand sich mehr als 1000 km entfernt in Anchorage. Durch das Wetter war es allerdings unmöglich, ihn auf den üblichen Wegen zu transportieren –Straßen waren nicht vorhanden, der Hafen war vereist und Flugzeuge konnten durch die Kälte, die früh einbrechende Dunkelheit und den starken Wind nicht fliegen. So war die Gemeinde vollständig von der Außenwelt abgeschnitten und das Leben der Bevölkerung in höchster Gefahr. Die einzige Hoffnung, die den Menschen verblieb, war der Transport mit Hundeschlitten. Doch jeder wusste, dass das ein riskanter Plan war, denn die Medikamente mussten über mehr als tausend Kilometer über Berge, durch verschneite Ebenen und sogar über gefrorenes Eis transportiert werden und die aufziehenden Stürme erschwerten das Unternehmen zusätzlich. Aber trotzdem nahmen die Verantwortlichen das Risiko auf sich und so transportierte man das Serum per Zug von Anchorage nach Nenana, wo der erste Musher Bill Shannon schon bereitstand.
Der Plan sah vor, dass sich die Schlittenführer mit ihren Gespannen unterwegs abwechseln sollten, denn die Strecke war bei diesem Wetter für einen Einzelnen nicht zu bewältigen. Zum Glück funktionierten die Telegraphen trotz des Wetters problemlos und so sollten an vereinbarten Punkten immer ausgeruhte Musher bereitstehen. Im ersten Schritt sollte eine Gruppe von Mushern das Serum von Nenana nach Nulato bringen. Zur selben Zeit sollte von Nome aus ein Gespann starten, das die erste Gruppe in Nulato traf und dann den Rückweg nach Nome antrat. Für diesen schwierigsten Teil der Aufgabe – eine 420 Kilometer lange Strecke – wählte man den Norweger Leonhard Seppala und sein Gespann, das der erfahrene Leithund Togo anführte.
Allerdings war das selbst für einen erfahrenen Hundeführer wie Seppala (zu jener Zeit bereits eine Legende in Alaska) eine Aufgabe, die fast unmöglich war. Als norwegischer Immigrant, der auf der Suche nach Gold nach Alaska kam und enttäuscht über den geringen Ertrag war, begann er bald damit, zwischen den Lagern Fracht und Arbeiter zu transportieren. Dabei hatte er sich einen solch legendären Ruf erarbeitet, dass er bald nur noch als »König des Trails« bekannt war. Und ebenso berühmt war sein Leithund Togo. Deshalb schienen sie als Einzige geeignet, diese Aufgabe zu übernehmen, auch wenn sie das an ihre Grenzen bringen sollte. Denn die Unwirtlichkeit der Strecke entlang des Norton Sound, die als »Eisfabrik« bekannt war, zwang sie zu einer Abkürzung über die gefrorene Meerenge, die den Weg um einen Tag verkürzte, aufgrund der unberechenbaren Eisschollen mit ihren messerscharfen Kanten aber extrem gefährlich war. Dabei musste sich Seppala mehr auf seinen Leithund Togo als auf seine eigene Erfahrung verlassen. Doch für den Husky war das keine einfache Aufgabe, denn zu diesem Zeitpunkt war er bereits zwölf Jahre alt und damit weit über dem Zenit seiner Kraft. Allerdings war Togo kein typischer alaskischer Schlittenhund. Aufgrund seiner geringen Größe und weil er zu schmächtig für einen Schlittenhund schien, wurde er als Welpe weggegeben, flüchtete aber aus seinem neuen Zuhause und lief mehr als 75 Meilen zurück zu Seppala, der ihn von da an als seinen Lieblingshund betrachtete.
Obwohl Seppala sich aller Schwierigkeiten bewusst war, brach er zusammen mit seinem Gespann am 27. Januar von Nome aus auf. Zu seinem Unglück störten Stürme die Telegraphenleitungen und so erreichten ihn die Nachrichten über die neuesten Pläne nicht. Daher hatte er keine Ahnung, dass ihn andere Musher unterstützen sollten und er musste davon ausgehen, dass er die ganze Strecke von Nome nach Nulato und zurück selbst bewältigen musste.
Am selben Tag traf das Serum in Nenana ein und der Musher Bill Shannon übernahm das neun Kilogramm schwere Paket. Da die vorgesehene Strecke unpassierbar war, musste er auf einen zugefrorenen Fluss ausweichen und aufgrund des Wetters erlitt er auf dieser relativ kurzen Strecke von sechs Stunden schwere Erfrierungen im Gesicht. Doch nach einer kurzen Rast an der ersten Station, wo er das Serum wärmte, damit es nicht einfror, machte er sich wieder auf den Weg.
Denn Edgar Kalland, der Musher, den er ursprünglich auf der Station treffen sollte, war unbegreiflicherweise in der Nacht zuvor zurückgeschickt worden und die beiden konnten sich erst in der nächsten Station treffen. So war Kalland schon über 50 Kilometer auf den Beinen, bevor er das Paket von Shannon übernehmen konnte und es nach Manley Hot Springs transportierte.
Nach neun weiteren Übergaben wurde es am 30. Januar um drei Uhr morgens an Charlie Evans übergeben. Mittlerweile waren die Temperaturen bis auf −52 °C gefallen und Evans verlor auf seiner Strecke nach Nulato zwei Hunde an die Kälte. Zur selben Zeit befand sich Seppala noch immer auf seinem Weg und wusste nicht, dass in Nulato bereits ein anderer Musher wartete! Von Nulato aus machte sich nun Tom ›Patsy‹ Gabriel auf den Weg, der es an den Musher »Jackscrew« (Spitzname von Jack Nicolai) übergab und Victor Anagick brachte das Paket endlich nach Unalakleet am Norton Sound. Aufgrund eines aufziehenden Sturmes entschied sich der neue Musher Myles Gonangan gegen den Weg über das Packeis und fuhr stattdessen nach Shaktoolik, wo bereits Henry Ivanoff auf ihn wartete. Doch kurz nach der Stadt kollidierte sein Schlitten mit einem Rentier, kippte um und Ivanoff konnte nicht weiterfahren.
Hier kommt ein Augenblick, der einen an Wunder glauben lässt. Denn Seppala, der noch immer im Glauben war, die Strecke bis Nulato vor sich zu haben, verließ aufgrund eines aufziehenden Sturmes knapp vor Shaktoolik das Meereis. Dabei traf er auf Ivanoff, der ihm das Serum übergab. Nun entschied sich Seppala trotz des Sturms gegen den sicheren Rückweg entlang des Ufers und wagte sich erneut mit seinem Gespann aufs Packeis. Und er hatte Glück: gegen Abend desselben Tages erreichte er das Roadhouse in Isaacs Point auf der anderen Seite der Bucht. Nach einer kurzen Rast brach er wieder auf, doch das Wetter verschlechterte sich rapide. Windböen mit bis zu 105 Kilometern pro Stunde rasten über das Land, während er und sein Gespann den Little McKinley besteigen mussten. Schließlich aber gelang es ihnen und am Nachmittag des nächsten Tages, dem 31. Januar, konnten sie das Paket an den Musher Charlie Olson weitergeben.
Olson schien eine relativ kurze Strecke von 40 Kilometern vor sich zu haben, aber trotzdem erlitt er in den vier Stunden seiner Reise schwere Erfrierungen. An der nächsten Station wartete Gunnar Kaasen auf ihn, der zunächst auf ein Nachlassen des Sturms hoffte. Da der Sturm aber immer stärker wurde, brach er trotz aller Bedenken auf. Wegen des immer stärker werdenden Sturmes verpasste er die nächste Station, doch als er sein Versehen bemerkte, fuhr er einfach weiter. Aber der Wind war so stark, dass sein Schlitten umkippte und das Serum im Schnee verschwand. Da es schon dunkel war, musste er sich auf seinen Tastsinn verlassen und wühlte ohne Handschuhe im Schnee, wodurch seine Hände erfroren. Trotzdem fand er das Paket und schaffte es glücklich zur nächsten Station. Hier sollte der Musher Ed Rohn auf ihn warten, doch dieser war noch nicht bereit, da man ihm mitgeteilt hatte, dass die Staffel in Solomon festsaß. So spannte Kaasen seine Hunde nicht aus, sondern machte sich selbst auf den Weg, die letzten 40 Kilometer nach Nome zu bezwingen.
Am 2. Februar um halb sechs Uhr morgens erreichte Kaasen die Stadt und übergab das Paket mit den Medikamenten. Das Serum rettete Hunderten das Leben und schon einige Tage später traf eine zweite Lieferung durch weitere Musher ein.
Erst wenn man einen Blick auf die Karte wirft, wird die Leistung dieser Musher und ihrer Hunde fassbar: trotz widrigster Umstände haben sie eine Strecke von 1.085 Kilometern in nur 127,5 Stunden zurückgelegt! Doch ihre Heldentat verblasste bald, und ebenso gerieten die meisten ihrer Namen in Vergessenheit. Daher möchte ich die in der Geschichte nicht genannten erwähnen: George Nollner, Jack Nicolai, Dan Green, Johnny Allen, Titus Nikolai, Sam Joseph, Harry Pitka, Billy McCarty, Edgar Nollner, Ed Rohn. [4]
Kaasen und sein Hund Balto erhielten als Einzige die ihnen zustehende Anerkennung. Denn als letztes Gespann des »Great Race of Mercy« stürzten sich die Reporter auf sie (das ganze Rennen war eine Sensation und wurde durchgehend von Artikeln und Sendungen begleitet) und machten sie zu Berühmtheiten. Auf einer einjährigen Reise durch die Städte an der Westküste der USA wurde Balto immer wieder präsentiert und als Held gefeiert. Schließlich wurde am 15. Dezember 1925 im New Yorker Central Park ein Denkmal für ihn enthüllt.
Die anderen Musher dagegen wurden von den Medien weitgehend ignoriert. Einzig Seppala und sein Leithund Togo, die die weitaus größte und gefährlichste Strecke von 420 Kilometer zurückgelegt hatten, erfuhren eine späte Anerkennung. 1926 wurden sie auf Veranstaltungen in ganz Nordamerika eingeladen und bekamen sogar vom Polarforscher Roald Amundsen eine Medaille überreicht. Trotzdem blieben sie lange im Schatten des berühmteren Duos Balto & Kaasen. Erst heute scheint die Geschichte ins rechte Licht gerückt zu werden, denn im Jahr 2011 ernannte das Time Magazin den Hund Togo zum »heldenhaftesten Tier aller Zeiten«.
Mehr Hundegeschichten gibt es in meinem neuen Buch.
Seit Jahrtausenden begleiten Hunde den Menschen – als Jäger und Wächter, als Retter, Gefährten und stille Zeugen seines Lebens.
Dieses Buch erzählt von ihrer gemeinsamen Geschichte: von berühmten Tieren und vergessenen Helden, von Königen und Philosophen, Dichterinnen und einfachen Menschen, die ihre Hunde liebten – und von jener geheimnisvollen Bindung, die Mensch und Tier bis heute vereint.
Fußnoten
1 … Musher ist der Fachbegriff für die Person, die ein Hundeschlittengespann führt
2 … Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Bertolt Brecht, aus »Fragen eines lesenden Arbeiters«
3 … Der erste Goldfund war 1898, offiziell wurde die Stadt im Jahr 1900 gegründet
4 … Alaska State Archives, Serum Run Dokumentation