Trockene Blumen

von Anja Weinberger

Trockene Blumen – Franz Schubert und sein „doppeltes“Werk

Franz Schuberts (1797 – 1828) berühmter und berührender Liederzyklus „Die schöne Müllerin“  nach Texten von Wilhelm Müller enthält  kurz vor Schluss  das Lied „Trockene Blumen“. An dieser Stelle der Geschichte hat der Müllergeselle den Konkurrenzkampf gegen den Jäger um die Gunst der schönen Müllerstochter schon verloren. Der Strauß, den die Begehrte ihm vor kurzem geschenkt hat, ist vertrocknet –  er selbst sieht ab jetzt seine einzige Möglichkeit im Suizid.

Ihr Blümlein alle,
Die sie mir gab,
Euch soll man legen
Mit mir in’s Grab.

Wie seht ihr alle
Mich an so weh,
Als ob ihr wüßtet,
Wie mir gescheh‘?

Ihr Blümlein alle,
Wie welk, wie blaß?
Ihr Blümlein alle,
Wovon so naß?

Ach, Thränen machen
Nicht maiengrün,
Machen todte Liebe
Nicht wieder blühn.

Und Lenz wird kommen,
Und Winter wird gehn,
Und Blümlein werden
Im Grase stehn,

Und Blümlein liegen
In meinem Grab,
Die Blümlein alle,
Die sie mir gab.

Und wenn sie wandelt
Am Hügel vorbei,
Und denkt im Herzen:
Der meint‘ es treu!

Dann Blümlein alle,
Heraus, heraus!
Der Mai ist kommen,
Der Winter ist aus.

Schubert hat den Zyklus „Die schöne Müllerin“ 1823 vollendet. Sein  Verleger hat sich dazu entschieden, das Werk in 5 Einzelheften im Abstand einiger Monate herauszugeben. Erst im August 1824 enthielt dann das letzte dieser Hefte als Nr.18 die „Trockenen Blumen“.

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Jedoch schon im vorangegangenen Januar desselben Jahres komponierte Franz Schubert   „Introduktion und Variationen über ‚Trockene Blumen‘ D 802“ für Klavier und Flöte. Zu dieser Zeit kannte also vermutlich noch kaum jemand das Lied, denn es wurde ja  erst einige Monate später veröffentlicht. Also hat Schubert sich für die Verwendung seiner eigenen Melodie entschieden, ohne vom begeisterten Publikum dazu animiert worden zu sein. Bei vielen anderen der uns bekannten Variationswerke ist das jedoch genau so der Fall. So konnte dann nämlich die vom Zuhörer geliebte und gefeierte Melodie noch einmal in anderer Form verwendet werden, möglicherweise auch zum Broterwerb dienen oder einfach noch mehr Menschen erreichen (Man bedenke dabei auch, dass der Komponist auf Schallplatte und Radio ja noch verzichten musste, um seine Musik zu verbreiten. Variationswerke und auch Bearbeitungen eigener Großbesetzungen für kleine Besetzungen waren daher üblich, um Werke „unters Volk“ zu bringen.). Anders anscheinend aber bei diesem Kammermusikwerk.

Schuberts erster Biograph Heinrich Kreißle von Hellborn berichtet, dass die Flötenvariationen für Ferdinand Bogner entstanden sind. Damals konnte man im Nebenberuf Flötenprofessor am Wiener Konservatorium sein – und das war Bogner, der sein Geld im Hauptberuf als Kanzlist an der k. und k. Hofkammer verdiente. Schubert kannte Bogner aus dem Wiener Musikverein und durch dessen familiäre Bindungen zu Anna Fröhlich, einer stadtbekannten und schubertbegeisterten  Pianistin. In deren Haus stellte Schubert seinen Liederzyklus vor  und vermutlich gefiel Bogner das Thema des 18. Liedes besonders, so dass der Komponist  genau dieses Lied auswählte, um die gewünschten virtuosen Flötenvariationen zu schreiben. Ungewöhnlich an dem neuen Werk ist, dass beide Instrumente – auch das Klavier –  äußerst virtuos geführt sind. Immer im Wechselspiel übernimmt einmal die Flöte den führenden Part und das Klavier begleitet, einmal umgekehrt. Vermutlich hat Schubert die Gelegenheit genützt, da er in Anna Fröhlich eine ausgezeichnete Pianistin an Bogners Seite wusste. Der Flötenpart  ist schon auf der modernen Böhmflöte sehr übeintensiv. Wie muss das erst mit der weniger beweglichen Flöte des 19. Jahrhunderts gewesen sein.

Das so entstandene Duo-Werk ist für seine Zeit technisch ungewöhnlich anspruchsvoll. Flötisten jener Generation konnten nur auf ein sehr spärliches Repertoire hochklassiger zeitgenössischer Kompositionen zurückgreifen. Außerdem scheint die pure Virtuosität in damaliger Zeit einen schweren Stand gehabt zu haben. Brilliante und vordergründig-wirkungsvolle Werke wurden eher negativ bewertet. Besser sollten Variationswerke  das ursprüngliche Thema weiterentwickeln und in eine eigene Form bringen – jenseits der Struktur „Thema und Variationen 1 bis x“. Ein gutes Beispiel für solch ein Werk mit weiterentwickeltem Thema  ist übrigens Schuberts eigenes Streichquartett in d-moll „Der Tod und das Mädchen“.

Hier nun einige Betrachtungen zum Kunstlied und zum Variationswerk.

Wie schon bemerkt befinden wir uns innerhalb des romantischen Geschehens der „Schönen Müllerin“  an einem Wendepunkt. Der junge Müllergeselle musste sich eingestehen, dass die erwünschte Liebesbeziehung zur schönen Müllerin unerreichbar ist. Auch schon zu Beginn des Zykluses spricht der Protagonist mit der Natur, die ihn umgibt. „Die geliebte Müllerin ist mein!“ singt er dem rauschenden Bach, der sein Weggefährte ist, entgegen.

Die Dame seines Herzens jedoch weiß noch gar nichts von seiner Liebe, Hingabe und späteren Verzweiflung. Ehe er ihr seine Gefühle offenbaren kann, erwählt sie den Jäger. Schon vor unserem 18. Lied wendet sich das musikalische Geschehen mit dem Auftauchen des Rivalen – des Jägers – von Dur nach moll.

Und an diesem Punkt der Geschichte angekommen, sind nun sind also die getrockneten Blumen seine Ansprechpartner. Mit „Ihr Blümlein alle, die sie mir gab…“ beginnt eine sechs Verse dauernde Reflexion in wehmütigem e-moll  über seine Todessehnsucht und die Stellvertreterschaft der trockenen Blumen für die verlorene Liebe beginnt.  Nur in den letzten beiden Strophen stellt er sich – plötzlich euphorisch – vor, wie seine Geliebte am Grabe vorbeigeht  und durch die aus dem Grab herauswachsenden Blumen an ihn erinnert wird („Dann Blümlein alle- Heraus, heraus! – Der Mai ist kommen – Der Winter ist aus.“) Hier erklingt – ganz am Ende des Liedes, und nur 8 Verszeilen lang – strahlendes E-Dur.

Anders ist der dramaturgische Ablauf des Variationswerkes. Die „Trockenen Blumen“ für Flöte und Klavier werden von einer umfangreichen e-moll- Introduktion eingeleitet, die sich auch schon an der Motivik des Liedes bedient. Dieser feierliche Beginn rückt das vermeintlich oberflächliche Variationswerk in eine seriösere Nachbarschaft. Gut zu erkennen ist der „Todesrhythmus“, den der Komponist auch schon in „Der Tod und das Mädchen“ und „Der Wanderer“ benützt hat. Darüber stimmt die Flöte eine elegische Klage in recht tiefer Lage an. Diese Klage steigert ihre Intensität bis schließlich die herzergreifende Wendung der ersten Takte wieder aufgegriffen wird. Nun hören wir Anklänge an die Melodie des Liedes und die Introduktion endet in einem traurig-tragischen pianissimo. Großartige Kammermusik, die zum Besten gehört, was Schubert komponiert hat!

Das Thema selbst zitiert dann das eigentliche Lied nicht ganz wortwörtlich.  Danach schließen die 7 Variationen an und auch das 20minütige Werk endet wie das Lied selbst  im strahlenden E-Dur. Jedoch wird im Kammermusikwerk  die ekstatische Schlusswendung des Liedes „der Mai ist gekommen, der Winter ist aus“ in beinahe allen Variationen  zitiert. Auch spielt Schubert häufig mit der fragenden Fermate am Ende des moll-Teils und der darauffolgenden Wendung hin zum strahlenden Dur. Also wird hier nicht inhaltlich das Geschehen im Lied aufgearbeitet, sondern vielmehr das musikalische Wechselspiel zwischen Dur und moll, das Auf und Ab der Gefühle, in den Vordergrund gestellt. So ist ein sehr abwechslungsreiches Werk entstanden, voller Spannung bis zum Schluss und mit einer sehr großen Anziehungskraft auf uns Musiker.

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Aus heutiger Sicht ist es  gar nicht mehr nachzuvollziehen, wieso z.B.  der Musikwissenschaftler Alfred Einstein(1880-1952) noch lange Jahre nach der Entstehung des Werkes Folgendes darlegte: „Es betrübt den Verehrer Schuberts,  ein Lied so einziger Innigkeit (….) einer virtuosen Behandlung ausgesetzt zu sehen.“

Und der schon oben erwähnte Heinrich Kreißle von Hellborn schrieb: „Die Composition (…)gibt dem Flöten – und Clavierspieler  (nur) Gelegenheit zur Erprobung ihrer Kunstfertigkeit auf den bezüglichen  Instrumenten. Beide sind vollauf mit Rouladen beschäftigt und das Musikstück wird (…) nur unter der Voraussetzung noch genießbar, daß es mit eben so großer Geläufigkeit als Reinheit und präcisem Zusammenwirken vorgetragen wird.“

Wir Flötisten des 21. Jahrhunderts empfinden Schuberts „Trockene Blumen“ als Schwergewicht im positiven Sinne. Nicht nur, weil sie virtuos und fordernd sind, sondern auch, weil sie uns den Zugang ermöglichen zu einer den Flötisten zumindest kammermusikalisch sonst verschlossenen Welt. In dieser Zeit ist nämlich nur sehr wenig große Flötenkammermusik entstanden.

Auch erscheint mir das Werk so gar nicht oberflächlich und vordergründig virtuos. Jede Variation bringt neue, erstaunliche und häufig sehr anmutige Figurationen hervor, neue rhythmische Verwandlungen. Eine der mittleren Variationen (Nr.3) ist ein wunderschönes, äußerst lyrisches Intermezzo, das das Thema aufgreift, umwirbt, erhebt und uns in eine andere Welt entführt. In der folgenden Variation brilliert das Klavier und der Flötist vervollständigt die durchklingende Melodie durch abwechslungsreiche Ornamente.

Schließlich das Finale – nach der Einführung des aus dem Lied abgeleiteten Marschthemas und des Auftauchens eines triolischen Motives erleben wir hier nun die längste Variation mit über 80 Takten (zum Vgl. Variation 1: etwa 20Takten). Interessant ist dieses Zusammentreffen von strengem Marsch und widerstrebenden Triolen, die vielleicht den Bach darstellen sollen…  Und noch einmal wandern wir zwischen Himmel und Hölle, Dur und moll, Leben und Todessehnsucht  hin und her. Schließlich jedoch führen berauschende Klangkaskaden in beiden Instrumenten zu einem jubelnden Schluss.

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