Um die Welt mit Nellie Bly

 

von Sylvia Zeller

Um die Welt mit Nellie Bly

 

von Sylvia Zeller

1887 schrieb Nellie Bly im Auftrag ihrer Redaktion, der »New York World« von Joseph Pulitzer, einen aufsehenerregenden Artikel. Zuvor hatte sie sich undercover in ein Asyl für nervenkranke Frauen einweisen lassen, um dort 10 Tage lang die Behandlung und die Lebenswirklichkeit der Patientinnen am eigenen Leib zu erfahren. Das Ergebnis ihrer Recherche, das unter dem Titel Ten Days in a Mad-House zunächst in mehreren Folgen der Sonntagsausgabe, dann auch als Buchveröffentlichung erschien, hatte einen öffentlichen Aufschrei zur Folge und führte dazu, dass die Stadtverwaltung New Yorks 50.000 Dollar für die Reform der Einrichtung bereitstellte und die Zustände in den psychiatrischen Anstalten insgesamt infrage gestellt wurden, wodurch sich die Bedingungen dort verbesserten.

 Nellie Bly wurde mit diesem Artikel zu einer Pionierin des investigativen Journalismus, der Ende des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen von Frauen, den sogenannten »Girl Stunt Reporters«, in den USA entwickelt worden ist. Grundlage ihres Schreibens bildeten verdeckte Recherchen, die sich für die Journalistinnen nicht immer ganz ungefährlich gestalteten. Sie nutzten die Möglichkeiten einer explodierenden und kommerzialisierten Massenpresse ohne wirkliche Zensur, um sich für die Aufdeckung sozialer Missstände einzusetzen. Bly recherchierte und verfasste Artikel über die Situation von Frauen im Strafvollzug, über Kinderhandel, die Schicksale von Dienstmädchen in New York und viele andere Themen und inspirierte auf diese Weise eine ganze Generation schreibender Frauen.[1]

 

Schon in Pittsburgh, Pennsylvania, wo sie für den »Pittsburgh Dispatch« schrieb, hatte Elisabeth Jane Cochran, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, kein Interesse daran gefunden, sich ausschließlich mit »Frauenthemen« wie Klatsch und Tratsch, Gartenarbeit und Mode zu befassen. Sie verfasste hingegen einen Text mit dem Titel The Girl Puzzle, der darauf hinwies, dass nicht alle Frauen heirateten, und forderte bessere Arbeitsmöglichkeiten für Frauen. Ihr zweiter Artikel, Mad Marriages, thematisierte die prekäre Situation von Frauen nach einer Scheidung und postulierte eine Reform des Scheidungsrechts. Auf diese Beiträge hin erhielt sie mit etwa 20 Jahren eine Stelle als Redakteurin und gab sich das Pseudonym Nellie Bly – eigentlich Nelly Bly –, nach einem Lied des bekannten Folksong-Dichters Stephen Foster.

Ihre sozialkritischen Arbeiten gefielen leider nicht allen Lesern, sodass sie unter Druck geriet, wieder zu den angestammten »weiblichen« Themen zurückzukehren. Dies gefiel Nellie Bly gar nicht und so ging sie für ein halbes Jahr nach Mexiko, um als Auslandskorrespondentin über Land und Leute zu berichten. In dieser Zeit entstand ihr Buch Six Months in Mexico. Am Ende musste sie aus Mexiko fliehen, weil sie der dortigen diktatorischen Regierung unter Porfirio Diaz wegen ihrer kritischen Berichterstattung unbequem geworden war. Da es in Pittsburgh immer schwieriger wurde, ihre investigative Arbeit fortzusetzen, ging Bly 1887 nach New York City, wo sich die Redaktionen auch nicht gerade um sie rissen, bis sie nach 4 Monaten schließlich den bereits erwähnten Auftrag der »New York World« erhielt, verdeckt in der Frauenpsychiatrie auf Blackwell’s Island zu recherchieren. Die Zustände in der dortigen Anstalt erwiesen sich als verheerend – Folter, Misshandlung und Entwürdigung der Patientinnen waren an der Tagesordnung. Manche Frauen waren lediglich dort gelandet, weil sie kein Englisch konnten, andere waren ihren Angehörigen unliebsam geworden und ins »Asylum« abgeschoben worden. Ten Days in a Mad-House war ein Meilenstein in der Geschichte der Psychiatrie-Kritik und begründete Nellie Blys Vorreiterrolle für die »Girl Stunt Reporters«.

Noch größere nationale Bekanntheit erlangte sie jedoch 1889, also zwei Jahre später, als sie von der »New York World« auf eine Reise um die Welt geschickt wurde. 1873 war der Roman von Jules Verne Reise um die Erde in 80 Tagen erschienen, und Nellie Bly hatte schon länger im Sinn, den Helden der Geschichte, Phileas Fogg, zu überrunden und den literarischen Rekord zu brechen. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit von ihrer Seite, doch schließlich bekam sie den Auftrag und machte sich zwei Tage später auf den Weg. Da die Redaktion des »Cosmopolitain« eine eigene Reporterin als Konkurrentin ins Rennen schickte, entwickelte sich ein spannendes, öffentlich verfolgtes Spektakel, das Nellie Bly für sich entscheiden konnte: Nach 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und fünfzehn Sekunden erreichte sie den Ausgangspunkt ihrer Reise und schlug damit nicht nur Jules Vernes Helden, sondern auch ihre Kollegin Elisabeth Bisland, welche die Weltumrundung in umgekehrter Richtung absolvierte.

Ihre Reise, die am 14. November 1889 in New York startete, erstreckte sich über mehr als 34 000 Kilometer. Das ganze Unternehmen – die Tour um die Welt und ihr anschließender Bericht darüber – wurde zum Höhepunkt ihrer Karriere als Journalistin und Autorin. Wie auch Fotos zeigen, war Nellie Bly mit leichtem Gepäck unterwegs. Sie trug Kleid und Reisemantel und hatte außerdem nur eine kleine Tasche und 200 Dollar bei sich, wobei die Fahrkarten usw. von der Zeitung vorgebucht worden waren. Ihre Route führte sie nach England, mit einem Abstecher nach Frankreich (wo sie in Amiens Jules Verne nebst Gattin höchstpersönlich besuchte), Italien, von Ägypten über den Suez-Kanal nach Ceylon, Singapur, Hongkong, Japan und San Francisco. Die Journalistin war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt und eine der ersten Frauen, die unbegleitet eine derartige Reise unternommen hat. Sie wurde zum umjubelten Star und zur Ikone. Jede Menge Nellie-Bly-Merchandise-Produkte vom Brettspiel über ein Reisekleid bis zum Globus kamen in Umlauf, und eine Million Menschen beteiligte sich an einem Preisausschreiben zur Frage ihrer voraussichtlichen Ankunftszeit. Als Hauptpreis winkte eine Tour durch Europa.

Wir müssen uns die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als diejenige Epoche vorstellen, in der so etwas wie Tourismus im modernen Sinne überhaupt erst entsteht. Auch das Wort »Tourismus« gelangte zu genau dieser Zeit vom Englischen in die deutsche Sprache. Die Möglichkeiten des Reisens hatten sich rasant entwickelt, daher konnte auch Nellie Bly, als sie sich auf ihre Fahrt um die Welt machte, im Grunde bereits auf durchaus geebneten Pfaden wandeln. Schon seit 10 Jahren bot ein Reisebüro in Berlin Weltreisen zum Pauschalpreis an. Es war doch mittlerweile etwas ganz anderes, bequem mit einem Dampfschiff den Ozean zu kreuzen, als bis zur Erfindung desselben mit Segelschiffen über den großen Teich zu kommen. Kolonialismus, Handelsbeziehungen und nicht zuletzt die großen Auswandererströme hatten die Reiserouten bereits etabliert, als Nellie Bly am 14. November 1889 auf der »Augusta Victoria« von New York aus gen Europa in See stach. 40 Millionen Menschen wanderten in der Zeit von den Befreiungskriegen bis zum Ersten Weltkrieg von Europa nach Amerika aus, darunter allein sieben Millionen Deutsche. Entsprechend nahm der Schiffsverkehr zu: Während 1856 noch ein Dampfer pro Monat von Hamburg nach New York verkehrte, waren es 1881 mittlerweile zwei Schiffe pro Woche.[3] Die Atlantiküberquerung, die mit Segelschiffen einmal sechs Wochen oder noch länger gedauert hatte und mit großer Beschwerlichkeit, Gefahren und schlechter Verpflegung verbunden war, konnte jetzt in ein bis zwei Wochen bewältigt werden. Nellie Bly war zuvor noch nie mit einem Schiff gefahren und hatte zunächst einmal mit Seekrankheit zu tun, was sich mit der Zeit jedoch legte. In Bezug auf das zweite Verkehrsmittel, welches das Reisen in der Moderne wie kein anderes grundlegend veränderte, nämlich die Eisenbahn, zeigte sie sich von Beginn an völlig auf der Höhe ihrer Zeit, reflektierte sachkundig über die verschiedenen Bauweisen europäischer und amerikanischer Zugabteile und darüber, was diese Unterschiede für die Umgangsformen der Reisenden bedeutete. Überhaupt liest sich Nellie Blys Reisebericht, der 1890 erschien und seit 2013 in deutscher Übersetzung vorliegt, auch heute noch frisch und kurzweilig, wie man es von einer Journalistin erwartet. Die erste Auflage des Buches mit 10 000 Exemplaren war schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Nellie Bly hielt 40 Vorträge über ihre Reise in allen großen amerikanischen Städten. Sie erhielt einen dreijährigen Vertrag eines Verlages zum Schreiben von Unterhaltungsliteratur, der ihr ein jährliches Gehalt von 15.000 Dollar versprach – ein beindruckender Erfolg für eine junge Frau, die aus einfachen und schwierigen Verhältnissen stammte und ihr Lehrerinnenseminar hatte abbrechen müssen, weil ihre Familie das erforderliche Schulgeld nicht aufbringen konnte. Dennoch erhielt sie letztlich weder von ihrer Redaktion noch aus dem vereinbarten Vertrag die ideelle und auch finanzielle Anerkennung, die ihr zugestanden hätte. Bis zu ihrem Lebensende im Jahre 1922 hatte Nellie Bly auch weiterhin ein aufregendes und abenteuerliches Leben. Obwohl sie später heiratete und sogar ein großes Unternehmen leitete, hörte sie nicht auf, journalistisch zu schreiben, und führte 1893 das erste Interview mit der jungen amerikanischen Anarchistin und Feministin Emma Goldman, die zu dieser Zeit wegen öffentlicher Unruhestiftung in einem Gefängnis in Manhattan einsaß. Im Ersten Weltkrieg wurde Nellie Bly Kriegsberichterstatterin. Sie schrieb weiter Kolumnen und engagierte sich sozial, insbesondere für Waisenkinder und die Rechte von Seeleuten.

Seit einer monumentalen Biographie, die 1995 erschien, ist die »schnellste Frau des 19. Jahrhunderts« wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt, was sich in etlichen Publikationen und Neuausgaben ihrer Werke ausdrückte.[3] Nellie Bly taucht sogar in einer auf mittlerweile vier Bände angewachsenen Krimiserie der Autorin Carol McCleary als Ermittlerin auf, und zahlreiche neuere Kinderbücher widmen sich ihrer Person und ihrem spannenden Leben.

(Dieser Text stammt aus dem Buch Wenn jemand eine Reise tut …, das 2024 im Leiermann-Verlag erschienen ist.)

Fußnoten

1 Vgl. Todd, Kim: Sensational: The Hidden History of America’s »Girl Stunt Reporters«. New York 2021.

2 Vgl. zu den Hintergründen von Blys Abenteuer das instruktive Vorwort des Herausgebers (der deutschen Ausgabe ihres Reiseberichts) Martin Wagner. In: Bly, Nellie: Around the World in 72 Days. Die schnellste Frau des 19. Jahrhunderts. Berlin 22019, S. 5-33.

3 Kroeger, Brooke: Nellie Bly. Daredevil, Reporter, Feminist. New York 1995.