Victor Hugo

von Andrea Strobl

Büchergeschichten: Victor Hugo – ein Denkmalschützer im 19. Jahrhundert

Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Oft wandelt sich die Kunst, während sie noch im Entstehen sind; die Arbeit wird im Sinn der neuen Zeit friedlich weitergeführt. Die verwandelte Kunst übernimmt das Werk, wie sie es findet, überkleidet es, paßt sich ihm an, führt es nach ihren Empfindungen weiter und bemüht sich, es zu vollenden.[…] Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus.1

Die meisten von Ihnen werden die Geschichte von Quasimodo, dem buckligen Glöckner der Kathedrale Notre-Dame von Paris, und der schönen Zigeunerin Esmeralda kennen; aber selbst wenn Sie das Buch von Victor Hugo (1802-1885) nie gelesen haben, werden Sie vielleicht u.a. eine der zahlreichen Verfilmungen gesehen haben und mit der Handlung des Buches vertraut sein.

Aber es geht mir in diesem kurzen Beitrag weniger um eine der berühmtesten Fiktionen der Weltliteratur, sondern eher um den Autor Victor Hugo, der sich in diesem Buch als engagierter Denkmalschützer des frühen 19. Jahrhunderts zu erkennen gibt.

Kathedrale Notre-Dame, ©PhillipMinnis

Beim aufmerksamen Lesen dieses Buches fallen dem Leser Hugos kaustische Kommentare auf zu den baulichen Veränderungen an der Kathedrale, welche er zu seinen Lebzeiten feststellen konnte und architekturhistorisch akribisch recherchiert hatte, spielt doch die Romanhandlung im 15. Jahrhundert. Hugo musste also vor Abfassung seines Romans herausfinden, wie die Kathedrale Notre-Dame und die Stadt Paris zu jener Zeit ausgesehen hatten.

Bei seinen umfangreichen Nachforschungen in Bibliotheken und Archiven stieß er auf die vielfältigen baulichen Veränderungen, denen Kathedrale und Stadt im Laufe der vergangenen Jahrhunderte ausgesetzt gewesen waren.

Nun war die Auseinandersetzung mit dem Thema Mittelalter für die Schriftsteller jener Zeit im frühen 19. Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Das Mittelalter steht in der romantischen Literatur in direktem Zusammenhang mit der Ersetzung der antiken paganen Mythologie durch christlich-mittelalterliches Gedankengut. Nachdem diese Epoche während der Aufklärung noch als ‚dunkles Zeitalter‘ missachtet wurde, erfährt sie in der frühen Romantik u.a. auch in der Literatur eine entscheidende Aufwertung; der literaturhistorisch vorangegangene theoretische Hintergrund dafür durch Hugos ältere Zeitgenossen wie z. B. Chateaubriand und Madame de Staël sei hier nur am Rande erwähnt.

Aber dann kam der damals gerade erst neunundzwanzigjährige Literat Victor Hugo und schuf mit Notre-Dame von Paris ein Meisterwerk dieser literarischen Epoche und der gesamten Weltliteratur, das schnell populär wurde.

Ich fragte mich beim wiederholten Lesen des Romans irgendwann, warum der Autor diese Veränderungen in der jahrhundertealten Geschichte des Bauwerks so unerbittlich geißelte, dass er sogar zwei explizite Kapitel über die baugeschichtlichen Belange der Kathedrale und der Stadt Paris eingefügt hatte. Offensichtlich hatte ich das Vorwort  nur allzu ungenau gelesen, denn die Antwort auf meine Frage stand implizit bereits dort:

„Seitdem hat man die Mauer abgekratzt oder angestrichen […]. So treibt man es seit bald zwei Jahrhunderten mit den wunderbaren Kirchen des Mittelalters. Von allen Seiten drohen ihnen Verstümmelungen, von außen und von innen her. Der Priester streicht sie an, der Architekt kratzt sie ab, und endlich kommt das Volk und reißt sie nieder.“2

Das Buch Notre-Dame von Paris erschien im Jahre 1831. Im dritten Buch des Romans befinden sich jene zwei, oben erwähnten, berühmten Kapitel, die sich explizit der Kathedrale und dem Stadtbild von Paris widmen. Hugo beschreibt zunächst anhand vieler Beispiele die Veränderungen, welche das Bauwerk über die Jahrhunderte hinweg ‚ertragen‘ musste, und dann, wie der Betrachter die Stadt von den hohen Plattformen der Kathedrale zur Zeit der Romanhandlung wahrnehmen konnte.

Turm Notre Dame de Paris, © Alexandra Lande

Dies allein schon lässt die Intention des Autors erkennen, dass der Leser sowohl die Kathedrale als auch die Stadt mitnichten nur als reine ‚Staffage‘ für die erzählte Geschichte begreifen sollte. Durch den gesamten Roman hindurch gesellen sich beide – Kathedrale und Stadt – zur erzählten Geschichte. So erkennt der Leser immer eindrücklicher, dass die Romanhandlung ohne diese beiden Schauplätze, vor allem aber ohne Notre-Dame, gar nicht denkbar wäre:

„Am liebsten hielt er sich von den Menschen fern; sein Dom genügte ihm. Die steinernen Könige, Bischöfe und Heiligen, die Notre-Dame bevölkerten, lachten ihm nicht spöttisch ins Gesicht und hatten nur ruhige, wohlwollende Blicke für ihn. Die anderen Bildsäulen, die Ungeheuer und Dämonen, haßten den armen Quasimodo nicht. Er war ihnen nur allzu ähnlich. Sie spotteten eher der anderen Menschen. Die Heiligen waren seine Freunde und segneten ihn; die Ungeheuer waren seine Freunde und beschützten ihn. […] Der Dom ersetzte ihm nicht nur die menschliche Gesellschaft, er ersetzte ihm die Natur, die ganze Welt. Er ersehnte sich keine anderen Blütenbäume als die bunten Fenster, die immer blühten, keinen anderen Schatten als den des steinernen Blattwerks, das sich mit Vögeln beladen um die sächsischen Kapitelle rankte. Es verlangte ihn nach keinen anderen Bergen als nach den mächtigen Türmen der Kirche, nach keinem anderen Ozean als nach dem brausenden Paris zu ihren Füßen.“ 3

Die Kathedrale ist nicht einfach nur Schauplatz einer Romanhandlung. Nein, sie drängt sich dem Leser geradezu auf, sie wirbt um ihn mit all ihrer Pracht, ihrer Schönheit – und auch ihrer Düsternis. Sie schiebt sich immer wieder in den Vordergrund. Sie verschmilzt quasi mit der Handlung. Ohne dieses einzigartige Bauwerk hätte Hugo diese Geschichte nie so grandios erzählen können. Notre-Dame ist der Dreh- und Angelpunkt, ist der Schicksalsort, an dem sich der Großteil der Handlung abspielt und alles endet. Deshalb überrascht es nicht, dass der Titel im französischen Original bis heute schlicht und einfach Notre-Dame de Paris lautet. Erst einige Jahrzehnte später, in manchen deutschen, aber auch anderssprachigen Übersetzungen, wurde der etwas unglücklich gewählte Titel Der Glöckner von Notre Dame nicht nur für das Buch, sondern auch für diverse andere künstlerische Adaptionen gebräuchlich. Dadurch geriet jedoch die eigentliche Protagonistin des Romans – die Kathedrale mit ihrer Rolle im Gesamttext und ihren baugeschichtlichen bzw. denkmalpflegerischen Belangen – reichlich aus dem Fokus.  Sie musste einer leider titelgebenden, inhaltlichen Reduzierung des Romans Platz machen, die ganz sicher nicht im ursprünglichen Sinne des Autors gewesen wäre.

Die Kathedrale entstand im Zeitraum von 1163 bis 1345, im Übergang von der Romanik zur Gotik: „Diese Bauten der Übergangszeit […] vertreten einen Entwicklungspunkt der Kunst, der ohne sie keinen bleibenden Ausdruck gefunden hätte. […] Notre-Dame ist ein ganz besonders merkwürdiges Denkmal dieses Übergangsstils. Jede Fläche, jeder Stein dieses ehrwürdigen Bauwerkes redet nicht nur von der Geschichte Landes, sondern auch von der Geschichte der Kunst und der Wissenschaft.“4

Kathedrale Notre Dame de Paris, ©Estetika_foto

Wer dieses atemberaubende Bauwerk schon einmal besucht hat, konnte sich wohl kaum seinem atemberaubenden Eindruck entziehen. Man könnte nun hier die gesamten sechs Seiten dieses in den Roman eingefügten literarischen Aufschreis Hugos über die jahrhundertelang begangenen Restaurierungs- und Zerstörungssünden am Bauwerk wiedergeben, aber die Einleitung zum ersten Kapitel des dritten Buches möge hier genügen:

„Notre-Dame ist gewiß auch heute noch ein majestätisches, erhabenes Bauwerk. Aber hat es sich auch im Altern schön erhalten, so ist es doch schwer, die Entrüstung über die unzähligen Verstümmelungen und Beschädigungen zu unterdrücken, die Zeit und Menschen einmütig an diesem ehrwürdigen Gebäude verübt haben. […] Wenn wir die Muße hätten, mit dem Leser die verschiedenen Spuren der Zerstörung an der Kirche einzeln zu prüfen, so würde es sich zeigen, daß die Zeit den geringsten Anteil daran hat, den schlimmsten Anteil aber die Menschen und besonders die Jünger der Kunst.“5

Und auch was das Stadtbild von Paris seiner Zeit anbelangt, hielt Hugo mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg:

„Die Stadt hat heute keinen allgemeinen Charakter. Sie ist eine Mustersammlung mehrerer Jahrhunderte; die schönsten Muster aber sind verschwunden. […] Die geschichtliche Bedeutung seiner Bauwerke verwischt sich immer mehr und mehr. Die Denkmäler alter Zeiten werden immer seltener, und es scheint, daß die neuen Häuser sie verschlingen.“6

Victor Hugo selbst hatte sich schon einige Jahre vor Erscheinen von Notre-Dame von Paris mit dem Problem einer angemessenen Denkmalpflege des baulichen Erbes jener längst vergangenen Epoche auseinandergesetzt. Wie Martin Rohde bemerkt, hatte sich der Autor bereits 1825 öffentlich „über das ungewisse Schicksal empört, dem die französischen Kunstdenkmäler überlassen werden, und ein Gesetz zum Denkmalschutz gefordert, welches den Zerstörungen Einhalt gebieten würde“. 7

Im Jahre 1832 erschien dann dieser Aufruf in erweiterter Form unter dem Titel Guerre aux Démolisseurs (Kampf den Zerstörern) in der Zeitschrift „Revue des deux Mondes“ und fand großen Anklang. Hugo forderte private Eigentümer, Institutionen und den Staat auf, sich dem Erhalt des mittelalterlichen baulichen Erbes des Landes mit der notwendigen denkmalpflegerischen Behutsamkeit und Intelligenz anzunehmen.8 Dabei betonte er – manchmal auch mit beißender Ironie –, dass die notwendigen Restaurierungsmaßnahmen sorgfältig und auf wissenschaftlicher Grundlage ausgeführt werden sollten:

„Setzt diese schönen und gravitätischen Bauwerke instand. Setzt sie instand mit Sorgfalt und Intelligenz und Sachlichkeit. Ihr habt um euch herum Männer der Wissenschaft und mit gutem Geschmack, die euch in diese Arbeit einweisen können. Vor allem sollten die Architekten-Restauratoren äußerst sparsam mit ihrer Fantasie umgehen.“9

Und tatsächlich begannen bereits zehn Jahre nach Erscheinen des Buches umgreifende Restaurierungsarbeiten am Gebäude – ein Unterfangen, das, wie man heute allgemein anerkennt, ohne die Berühmtheit und das unermüdliche Engagement Victor Hugos niemals so schnell in Angriff genommen worden wäre. Man findet kaum einen Bericht über die Baugeschichte der Kathedrale, in dem Victor Hugo und sein Buch als treibende Kraft zum Erhalt dieses Gebäudes nicht erwähnt wären.

Victor Hugo, ©Nicku

Er blieb Zeit seines Lebens aktives Mitglied diverser Kommissionen, die sich mit Denkmalschutz und Denkmalpflege in Frankreich beschäftigten.10

So ist und bleibt der gesamte Roman Notre-Dame von Paris – neben vielen anderen nicht minder wichtigen inhaltlichen Themen – auch ein eindrückliches literarisches Dokument gegen die bauliche Zerstörung unserer kulturellen und geschichtlichen Vergangenheit; und es wäre ganz falsch, dieses literarische Werk nur auf die romantisch verbrämte Fiktion  – so hinreißend erzählt diese auch sein mag – zu reduzieren.

Wie wir alle wohl mit Entsetzen am 15. April 2019 in den Berichten über den Brand der Kathedrale mit verfolgen konnten, sind viel Bausubstanz und Kunst ein Opfer der Flammen geworden. Man kann nur hoffen, dass der Wiederaufbau im 21. Jahrhundert sich an den alten Bauplänen orientieren wird … 11

Post Scriptum

Dieser kurze Beitrag zum Roman und dessen Autor bedürfte zweifelsohne vieler eingehender  Ausführungen, vor allem durch Kunsthistoriker. Gedacht sind meine Anmerkungen nur als Erinnerung an eines der bekanntesten Bücher der Weltliteratur, aber vor allem auch an diesen außergewöhnlichen, Zeit seines Lebens über den literarischen Elfenbeinturm hinaus gesellschaftlich und politisch engagierten Autor. Vielleicht wird der eine oder andere Leser dieses Beitrags aber auch angeregt, das Buch wieder einmal zur Hand zu nehmen, um es unter den obigen Aspekten „neu“ zu entdecken – oder es gar zum ersten Mal zu lesen!

Literaturliste

1 Victor Hugo, Notre-Dame von Paris, Insel Verlag 1977, S. 136

2 Ebd.: 7 ff.

3 Ebd.: 169

4 Ebd.: 135

5 Ebd.: 131

6 Ebd.: 152

7 Martin Rohde, Theorien und Doktrinen der französischen Denkmalpflege im 19. Jahrhundert und die Rolle der Société française d’Archéologie und des, Bulletin Monumental‘ bei ihrer Entstehung, Freiburg 2016, S. 71. https://doc.rero.ch/record/261349/files/RohdeM.pdf

8 Ebd.: 71

9 Ebd.: 71

10 Ebd.: 72

11 Lesenswert zur aktuellen Restaurationsgeschichte der Kathedrale: https://www.zeit.de/kultur/2019-04/notre-dame-paris-kunstgeschichte-zentrum-frankreich/komplettansicht

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