Vom Himmel hoch

von Anja Weinberger

Vom Himmel hoch – oder wie alles ganz anders kommt, als erwartet

Ich bin Flötistin. Das heißt für mich Folgendes:

An drei Tagen der Woche unterrichte ich – nicht an einer Musikschule, sondern bei mir zuhause. Ich habe sehr unterschiedliche Schüler. Der Eine oder Andere will mit 5, 6 oder 7 Jahren beginnen, ein Instrument zu erlernen. Das ist die Mehrzahl meiner Schüler, und da ich auch Klavierunterricht gebe, sind wirklich immer ein paar recht kleine Vorschulkinder in meiner Klasse. Außerdem bereite ich auch ältere Schüler oder Abiturienten auf die Aufnahmeprüfung für ein Musikstudium vor. Und es gibt ein paar Erwachsene, die quasi in zweiter Liebe das wieder auffrischen wollen, was sie als Kind schon einmal gelernt haben. Mit dieser Tätigkeit  verbringe ich einen recht großen Teil meines Berufslebens und es macht mir viel Freude, meine Schüler auf einem Teil ihres Lebensweges zu begleiten.

Außerdem arbeite ich mit Musiker-Kollegen zusammen, mache viel Kammermusik in unterschiedlichsten Besetzungen. Dafür brauche ich die restlichen Vormittage und Nachmittage der Woche. Probenarbeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Meist ist eine längere Anfahrt nötig, dann die Probe selbst (mit einer Pause können das bis zu 4 oder 5 Stunden sein) und schließlich die Rückfahrt. Im Vorfeld muss die Literatur herausgesucht werden, Probentermine müssen vereinbart werden und der passende Raum gesucht. Meist ist das mit der Literatur und dem Raum kein so großes Problem. Jedoch sieht es im Hinblick auf mögliche Termine ganz anders aus. Denn steht z. B. ein Quartett auf dem Programm, so müssen ja vier verschiedene Musikertagesabläufe unter einen Hut gebracht werden. Das klingt wesentlich einfacher, als es ist und der Doodle-Online-Terminplaner ist dann unser bester Freund.

Und schließlich die Konzerte. Üblicherweise sind die freitags, samstags oder sonntags. Auch da gibt es natürlich immer eine mal kürzere, mal längere Anfahrt. Eher selten finden Konzerte unter der Woche statt. Das ist dann meist mit größerem Planungsaufwand verbunden, denn Schüler müssen verschoben werden und die Familie soll am Wochentagabend ja auch nicht zu kurz kommen. Letzteres ist seit einigen Jahren einfacher, denn unsere Tochter steht längst auf eigenen, sehr eigenwilligen Beinen.

 

Wenn man das so liest, sollte eigentlich klar sein, dass für Beschäftigung gesorgt ist. Ich habe noch nie meine Arbeitswochenstunden gezählt, aber bin mir fast sicher, dass 38,5 davon schon irgendwann in der Wochenmitte erreicht sind. Oder anders ausgedrückt – langweilig ist mir nie. Wer Musik studiert, der macht im Allgemeinen seine Arbeit gerne. Und ich gehöre zu den Glücklichen, die auch noch selbstständig arbeiten können.

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Nun ist Folgendes passiert:

Ein Freund schickt mir vor einigen Jahren irgendwann im Herbst einen Packen handgeschriebener Noten mit der Bitte um Uraufführung. Ich schaue hinein und stelle fest: schwierig. Es handelt sich um Variationen über das alte Lied „Vom Himmel hoch da komm ich her“. So weit, so gut. Jedoch erscheint Folgendes problematisch:  Das recht lange Werk ist für Flöte solo, also Flöte ohne Begleitung,  und da sind sehr viele Noten zu sehen, übeaufwendig also, und drittens ist es ja ein Weihnachtslied, also rein zeitlich nur begrenzt einsetzbar.

Einerseits eigentlich wie gemacht für ein Adventskonzert, aber andererseits mag es das Publikum eben einfach lieber, wenn ein Pianist oder Harfenist oder Gitarrist mit auf der Bühne steht – so zumindest meine Erfahrung und die viele meiner Flötenkollegen. Echte Begeisterung meinerseits war nicht vorhanden.

Ich habe in der darauffolgenden Adventssaison in keinem Konzertprogramm eine gute Stelle für das ambitionierte Werk gefunden. Und ehrlich gesagt habe ich mir auch nicht besonders viel Mühe gegeben, ja das Stück nicht einmal richtig angeschaut (entschuldige bitte, lieber W.!).

Im folgenden Jahr meldet sich der Komponist wieder und erinnert mich an seine Bitte. Ich hole den Stapel also wieder aus der Schublade, spiele alles einmal durch und muss feststellen, dass es … einfach toll ist. Unbedingt müssen das Leute hören, unbedingt muss ich eine Möglichkeit finden, es zu spielen. Eine kleine Flöte und so viel Weihnachtsstimmung. Ich war überrascht und hingerissen.

Aber wie es so sein kann  – auch in diesem Jahr war nichts zu machen.

Wieder ein Jahr später schließlich war mir das Ganze schon peinlich. Ich überlegte und kam zu dem Ergebnis, dass es ja nicht zwingend ein Konzert sein muss. Auch im Gottesdienst könnte ich „Vom Himmel hoch…“ spielen. Und so war es dann. In unserer Gemeinde gibt es sehr viel Kirchenmusik und da wurde dann auch ein Plätzchen gefunden für „Vom Himmel hoch…“. Am 25.12 im Weihnachtsgottesdienst fand also die so lange hinausgeschobene Uraufführung statt. Eigentlich war ich nach wie vor davon überzeugt, dass das Publikum bzw. die Gemeinde trotz allem relativ unberührt sein würde, möglicherweise gar darauf hinweist, dass das Ganze  „mit Orgel“ auch ganz schön gewesen wäre. Umso größer meine Überraschung und Freude, als sich nach dem Gottesdienst die Gratulanten drängten. Ich konnte dem Komponisten berichten, dass sein Variationswerk für Flöte allein wirklich gut angekommen ist. Ein Zuhörer hat mir aus dem Herzen gesprochen, als er sagte „Wie wunderbar, dass dieses schöne alte Lied nicht nur gesungen wird, sondern auf diese Art noch einmal länger in meinem Kopf nachklingen kann“. Genau so habe ich es nämlich auch empfunden. Weihnachtslieder sind für uns alle sehr gefühlsbeladen, jeder hat ein anderes Lieblingslied und viele Erinnerungen sind mit ihnen verknüpft. Eigentlich ist es doch schade, dass sie nur im Gottesdienst oder der guten Stube gesungen werden, ganz selten aber auf die eine oder andere Art Eingang finden in Konzertprogramme.

Und das ließ mich einfach nicht los. Schließlich fasst ich Mut und fragte bei drei befreundeten Komponisten nach, ob sie möglicherweise Lust und Zeit hätten, etwas Ähnliches für mich zu schreiben. Ich war fest davon überzeugt, dass sie mehr oder weniger direkt absagen würden. Aber da war sie schon, die zweite große Überraschung im Zusammenhang mit „Vom Himmel hoch…“. Alle drei (drei wirklich sehr unterschiedliche und äußerst erfolgreiche Zeitgenossen) waren begeistert und fragten sofort nach, ob sie dieses oder jenes Lied verwenden könnten. Ich nickte recht sprachlos und hatte nach wenigen Wochen drei neue Stücke auf meinem Notenständer liegen. Das gibt es doch gar nicht! Meine Augen flogen über die Notenzeilen, die diesmal zum Glück computergeschrieben waren. Dreimal wunderbar, dreimal ungewöhnlich, drei völlig verschiedene Ideen. Diesmal war es ganz einfach, denn ein rühriger Kantor fragte, ob ich vielleicht meine drei Uraufführungen in einem der örtlichen Adventskonzerte spielen möchte. Ich mochte natürlich und drei Komponisten saßen einige Wochen später beim Konzert in der ersten Reihe, alle mehr oder weniger weit angereist und alle mit recht gerührtem Gesichtsausdruck, schließlich hatte jeder sein Herzenslied gewählt. Wie gesagt sind alle drei alte Hasen ihrer Zunft, also mit allen Uraufführungs- und Konzert-Wassern gewaschen, aber nicht nur deshalb war auch ich gerührt. Was Weihnachtslieder und eine Flöte alleine alles anrichten können.

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Etwas habe ich vergessen…

Ach ja, meine Erfahrungen mit Auftragsarbeiten waren bis zu diesem Zeitpunkt gleich null. Mir war nicht klar, dass der Komponist auch mal nachfragt, ob das eine oder andere gut liegt, wie man die Artikulation am günstigsten machen könnte und ob der Triller im Takt 53  vielleicht doch besser diatonisch statt chromatisch zu trillern wäre. Nicht in meinen kühnsten Träumen wäre ich auf die Idee gekommen, dass ein Komponist etwas anderes macht, als einfach darauf los zu schreiben und schließlich ohne mit der Wimper zu zucken ein geniales, aber vielleicht schweres und für das Instrument ungünstiges Stück zu präsentieren. Da lag ich falsch und bei genauerem Nachdenken ist das auch völlig klar. Kein Komponist beherrscht alle Instrumente, die meisten Komponisten sind von ihren Ursprüngen her Pianisten. Und da ist es schon richtig und wichtig, den Spezialisten, also jeweiligen Instrumentalisten um Rat zu fragen, gerade wenn man vielleicht noch nie für dieses Instrument geschrieben hat. „Geht denn auf dem c4 ein pianissimo? Kann man ein crescendo machen bis zum kleinen h? Und ist das kleine h überhaupt drauf auf Deiner Flöte? Ich habe mal irgendwo gehört, das Flageoletts am besten auf langen Griffen gehen, stimmt das? Wieso mögen Flötisten H-Dur lieber als As-Dur?“ Solches und Ähnliches stand da also im Raum. Ich holte tief Luft und gab mir große Mühe, alle Fragen so genau wie möglich zu beantworten.

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Das hat wirklich viel Spaß gemacht und ich konnte kaum glauben, dass da nun drei Stücke vor mir auf dem Notenständer stehen, die jemand für mich geschrieben hatte und für die ich nun auf gewisse Art und Weise die Verantwortung trage. Außerdem besteht natürlich nicht die Möglichkeit, zu lauschen, wie ein anderer das Werk interpretieren würde, nein, ich bin ja die Erste, die das neue Stück aus der Taufe heben wird – eine Riesenverantwortung also sogar, so finde ich und es fühlt sich wirklich ein bisschen an, wie eine Patenschaft.

Das wirklich Unerwartete geschah aber erst danach. Denn kaum war der Frühling in Sicht, meldete sich eine Komponistin bei mir mit der Frage nach „Vom Himmel hoch…“. Ob ich noch Interesse an einem Stück hätte? Na, auf jeden Fall!

 

Und das sollte nicht der letzte Telefonanruf bleiben. Im Laufe der nächsten Jahre gab es für jede Saison immer zwei oder drei neue Stücke. Unterdessen hatte sich sogar eine sehr schöne, vorweihnachtliche Konzertform extra für das „Vom Himmel hoch…“-Projekt entwickelt. Da nun schon viele unterschiedliche Advents – und Weihnachtslieder als Vorlagen dienten, war die Auswahl durchaus abwechslungsreich. Viele der verwendeten Lieder stehen auch im Kirchengesangbuch und so wurde in den Wochen vor Weihnachten in so mancher Gemeinde heftig gesungen. Denn abwechselnd mit der neuen Literatur darf die versammelte Zuhörerschaft das gerade gehörte Ursprungslied anstimmen, vom jeweiligen Gemeindeorganisten begleitet, gerne auch einmal mehr Strophen, als das in einem Gottesdienst der Fall wäre.

„Vom Himmel hoch …“ selbst ist natürlich immer dabei, aber auch „Ihr Kinderlein kommet“ oder in Deutschland Unbekannteres wie „Masters in This Hall“, „Noël, Noël“  oder „Hört die Engelschöre singen“ steht  auf dem Programm. Denn, kaum zu glauben, das Projekt hatte längst Komponisten im Ausland erreicht. Und einige der Stücke waren auch schon verlegt.

Die Zusammenarbeit mit den so unterschiedlichen Persönlichkeiten hat sich für mich  zu einer echten psychologischen und philosophischen Schule entwickelt. Rückblickend fällt mir dazu der Sinnspruch meiner Großmutter ein, die gerne und oft gesagt hat „Der Herrgott besitzt einen großen Tiergarten“. Wie Recht sie damit hatte!

Zu einigen der Komponistinnen und Komponisten haben sich über die Jahre tiefe Freundschaften entwickelt, für die ich sehr dankbar bin. Zu vielen anderen besteht nach wie vor Kontakt und es ergibt sich die eine oder andere Zusammenarbeit. Und ein paar amüsieren mich rückblickend noch immer, wenn ich an tiefschürfende Erklärungen, erstaunliche Selbstwahrnehmung, heftige Gestikulation  und im Kaffee oder Restaurant laut vorgesungene Melodien denke. Was für ein Geschenk!

 

Und schließlich ergab sich zu meiner großen Überraschung (schon wieder) die Möglichkeit, ins Tonstudio zu gehen und eine Vom-Himmel-hoch-Cd aufzunehmen, denn die Kulturstiftung bot an, einen Großteil der Kosten zu übernehmen. Unterdessen war mehr Neues da, als auf einer Cd Platz gefunden hätte und ich musste schweren Herzens eine Auswahl treffen.

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Und auch die vierte Überraschung wird noch nicht die letzte sein: Ein Verlag im Norden Deutschlands zeigte nämlich Interesse am Projekt und es entstand ein ganzes Heft „Vom Himmel hoch…“.

Da wurde erst wirklich klar, wie das mit der Auftragsarbeit so ist. Die unterschiedlichen Stücke mussten von den verschiedenen, weitverstreuten Komponisten zusammengesucht werden, die vielfältigen Computermusikprogramm wollten nicht immer zusammenarbeiten, das Heft sollte x-mal korrekturgelesen werden. Lustig dabei: die ganze Verlagsarbeit fand im Frühjahr und Sommer statt – und ich hatte ständig ein Weihnachtslied auf den Lippen. Meine Schüler waren die ersten Probanden und fanden das bei herrlichem, gar nicht adventlichem Sonnenschein auch seltsam.

 

Jede Menge Literatur für Flöte solo war da unterdessen also versammelt. Leichteres und Schwereres,  Moderneres und Traditionelleres, manches sofort zu erkennen, manches eher versteckt, kurze Stücke und längere – wirklich eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlichster Musik, verbunden nur durch die Tatsache, dass ein Weihnachtslied die ursprüngliche Inspiration darstellte.

 

Und für mich die allergrößte und für hier und jetzt letzte Überraschung: wir planen gerade den dritten Band.

An Arbeit wird es also auch in Zukunft nicht mangeln.

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