WachsApp

 

von Judith Magdalena Kolmeigner

Wachs-App

 

von Judith Magdalena Kolmeigner

Wer nutzt sie heute noch nicht – die Kurznachrichtendienste, um wichtige oder manchmal auch nicht ganz so wichtige Nachrichten rund um die Welt zu schicken? Freunde, Bekannte und Familienmitglieder können so stets auf dem Laufenden gehalten werden. Ist das Versenden von Kurznachrichten ein Zeichen unserer schnelllebigen Zeit oder ein Phänomen, dass es schon deutlich länger gibt?

© Judith Magdalena Kolmeigner

Über Kurznachrichtendienste werden – wie der Name sagt – kurze Nachrichten ausgetauscht. Die Themengebiete, die angesprochen werden, sind facettenreich, die gesendeten Nachrichten sintflutartig und alles in allem nicht unbedingt darauf angelegt auf Dauer im Herzen oder der Erinnerung der „Gesprächspartnerin“ oder des „Gesprächspartners“ zu bleiben – denken wir an Einladungen zu einem Abendessen, einem Spieleabend oder einer Geburtstagsfeier.

Stellen wir uns vor, in über 2000 Jahren befassen sich ArchäologInnen mit unserer heutigen Zeit und werten aus, was wir hinterlassen haben. Was würden sie finden? Falls sie an die Kurznachrichten herankommen sollten, die wir mit unseren Handys und Laptops verschickt haben, stehen sie vermutlich vor der gleichen Herausforderung wie die ArchäologInnen heutzutage – kleinteilige Puzzlearbeit, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Vielleicht hätten die ArchäologInnen Glück und würden auf einige wenige herausragende Funde stoßen, die Einblicke in unseren heutigen Alltag geben? Leider eher nicht, da wir ja heute kaum noch die Disketten von vor 20 Jahren lesen können.

Wir haben das Glück, dass ArchäologInnen unserer Zeit auf herausragende Funde von vor über 2000 Jahren gestoßen sind. Zunächst reisen wir nach England – genauer gesagt, besuchen wir das Legionslager Vindolanda. Hier lebte eine gewisse Claudia Severa, die ihren Geburtstag in Gesellschaft feiern möchte und deshalb eine Einladung per Wachstafel an ihre Freundin Sulpicia Lepidina schickt. Wie die Geburtstagsfeier en Detail abgelaufen ist, wissen wir leider nicht, aber der Fund dieser Notiz lässt der Fantasie freien Lauf. Vielleicht trifft man sich zu Speis und Trank, mit heutigen Worten, zu Kaffee und Kuchen mit Klatsch und Tratsch an diesem Freudentag? Was uns die Nachricht auf der Wachstafel wissen lässt: die Gastgeberin wird sich sehr über den Besuch ihrer Freundin freuen.

Von England aus reisen wir nach Vindonissa in die Schweiz. Dank der Arbeit der ArchäologInnen stoßen wir hier auf eine weitere Einladung, die per Wachstafel verschickt worden ist. Der Verfasser oder die Verfasserin macht auf ein bevorstehendes Ereignis aufmerksam – dieses wird eher kryptisch auf der Vorderseite des Wachstäfelchens angekündigt. Man erfährt, dass etwas in der Nummer 12 stattfindet und dass der Adressat an seine Gastgeberin denken sollte. Man vermutet, dass sich Verfasser oder Verfasserin und Empfänger kennen, da sich durch die Formulierung eine gewisse Intimität zu zeigen scheint. Im Inneren des Täfelchens finden sich weitere Informationen zum angekündigten Ereignis. Es wird ein Gastmahl stattfinden, welches von einem Trinkgelage und Würfelspiel begleitet wird.1 Ob sich hinter dieser Einladung eine pikantere Abendgestaltung mit Damen, die den anwesenden Herren schöne Stunden bereiteten, verbirgt, bleibt etwas im Ungewissen, aber der Fantasie sind natürlich auch hier keine Grenzen gesetzt.

Die Wachstäfelchen sind eine sehr gängige Kommunikationsform in der römischen Antike. Sie haben den Stellenwert eines Notizblocks, eines Briefes oder eines Handys, wenn wir es in unsere heutige Zeit übertragen. Statt WhatsApp nutzen die alten Römer den Kurznachrichtendienst WachsApp.

Der Römer nannte die Wachstäfelchen tabulae ceratae. Die tabula cerata ist ein Täfelchen aus Holz. Und da Holz ein vergänglicher Rohstoff ist, hatte man im Fall dieser Einladungen großes Glück auf mehrere Wachstäfelchen zu stoßen, die luftdicht abgeschlossen waren und somit den Zeitraum von mehr als 2000 Jahren einigermaßen unbeschadet überstanden haben, zu dem war es möglich viele Texte auf den Täfelchen entziffern zu können.

Die tabulae ceratae haben einen erhöhten Rand, um die Innenfläche, die sich so bildet, mit Wachs ausfüllen zu können. Diese Wachsfläche wird als Schreibfläche verwendet.

© Judith Magdalena Kolmeigner

Mit einem stilus, der zum Beispiel aus Eisen, Knochen, Elfenbein und auch Holz sein konnte, ritzte man die Nachricht, die man verschicken wollte, in das Wachs ein. Archäologische Funde zeigen, dass der stilus mit einer spitzen und einer abgeflachten Seite ausgestattet ist. Die spitze Seite verwendet man zum Schreiben, die abgeflachte Seite wird als „Radiergummi“ oder „Tintenkiller“ benutzt. So kann man zum Beispiel Schreibfehler korrigieren.2 Mit unserem heutigen Blick auf die Ressourcen dieser Welt kann man durchaus sagen, dass die Benutzung von Wachstäfelchen einigermaßen ressourcenschonend und umweltfreundlich war.

Was ressourcenschonend und umweltfreundlich ist, erschwert die Arbeit der EpigraphikerInnen, die die Texte auf den Wachstäfelchen zu entschlüsseln versuchen. Mit jedem Wort, das in das Wachs eingeritzt wird, verringert sich nämlich auch die Dicke der Wachsschicht, die zum Schreiben notwendig ist. So kommt es dazu, dass sich der geschriebene Text auf die hölzerne Unterlage durchdrückt, je dünner die Wachsschicht wird. Dies ist eigentlich für die ArchäologInnen und EpigraphikerInnen, die sich mit dem Entziffern des Textes befassen, eine gute Voraussetzung. Da die tabulae ceratae aber häufiger mit neuem Wachs aufgefüllt worden sind, drückt sich natürlich nicht nur ein Text in das Holz ab. Dies macht das Entziffern des Textes ungleich komplizierter und schwieriger. Wir können davon ausgehen, dass vielerlei Texte, die auf Wachstäfelchen geschrieben worden sind, nicht für die Nachwelt bestimmt waren, sprich wirklich darauf ausgelegt waren, dass sie nur kurze Zeit Gültigkeit hatten. Texte, die in den Augen der damaligen Zeit wichtig sind und auch zukünftigen LeserInnen zugänglich gemacht werden sollten, sind auf anderen Materialien „zu Papier“ gebracht worden. Doch davon ein anderes Mal.

Dank mühevoller Arbeit der ArchäologInnen, EpigraphikerInnen und HistorikerInnen können vielerlei Texte entziffert und interpretiert werden, die uns – wie beschrieben – Einblicke in das Alltagsleben von Römerinnen und Römern geben. Wie schön, dass wir uns durch solche Funde in das Leben von vor über 2000 Jahren entführen lassen können, um Interessantes, Kurioses und möglicherweise auch Bekanntes zu entdecken.

Verwendete Literatur

1 Speidel, Michael Alexander: Die römischen Schreibtafeln von Vindonissa, Brugg 1996, S. 190.

2 Schaltenbrand Obrecht, Verena: Stilus – Kulturhistorische, typologisch-chronologische und technologische Untersuchungen an römischen Schreibgriffeln von Augusta Raurica und weiteren Fundorten, Augst 2012, S. 21ff.

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