Comfort and Joy – Weihnachtsbräuche in England

von Christiane Wilms

 

Comfort and Joy – Weihnachts-bräuche in England

 

 

von Christiane Wilms

»Comfort and Joy« – »Trost und Freude«: Diese Zeile aus dem klassischen englischen Weihnachtslied »God Rest Ye Merry, Gentlemen« umschreibt das englische Weihnachtsfest sehr passend.

 

Die Engländer, von der Weihnachtsbotschaft offenkundig und wahrhaftig getröstet, genießen die Festtage ausgiebig. Sie lassen es richtig krachen und treiben es bunt. Viele der heute praktizierten Weihnachtsbräuche stammen aus dem Viktorianischen Zeitalter oder entwickelten sich in jener Epoche von ihren mittelalterlichen Ursprüngen zu dem, was sie heute sind. Besonders Queen Victoria (1819-1901), ihr aus Deutschland stammender Gemahl Prinz Albert (1819-1861), aber auch der Schriftsteller Charles Dickens haben sich um das familiäre Weihnachtsfest verdient gemacht, ja, es teilweise neu kreiert.

Fangen wir im Hier und Jetzt an und suchen die Spuren, die ins 19. Jahrhundert oder noch weiter zurückführen… Zwar gibt es in England keine Adventszeit im eigentlichen Sinne – dazu später mehr –, aber spätestens ab November werden Häuser, Wohnungen und Straßen festlich beleuchtet und mit Efeu, Misteln und Stechpalmen geschmückt; überall ertönt Weihnachtsmusik. Moderne Popsongs wie »Last Christmas« oder »Do they know it‘s Christmas« sind zu hören, aber auch die traditionellen »Carol Songs«, teils aus dem Mittelalter, teils aus der viktorianischen Epoche, in der sie sehr angesagt waren:

»We Wish You A Merry Christmas«, »O Come All Ye Faithful«, »Good King Wenceslas« oder das eingangs erwähnte »God Rest (oder Bless) Ye Merry, Gentlemen«, das auch in Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte A Christmas Carol in Prose[1] zumindest kurz angestimmt wird. Huh, wie schüttelt es den alten Geizhals Ebenezer Scrooge, als ein kleiner verfrorener Junge durch das Schloss seiner Kontortür singt: »God bless you merry, gentleman, may nothing you dismay.« Scrooge droht bei den ersten Tönen wütend mit dem Lineal, der kleine Sänger macht sich hurtig aus dem Staube… Welch ein Miesepeter!

Das »Carol Singing«[2] hat gleich mehrere historische Wurzeln. Seit dem 14. oder spätestens 15. Jahrhundert war es weihnachtliche Sitte, dass Laiensänger oder arme Leute von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt zogen und Weihnachtslieder vortrugen, um eine Gabe für sich zu erheischen. Vielleicht wurde der Brauch des »Carol Singing« ebenfalls von den »Town Wait(t)s«[3][4] oder »City Waits« begründet, die seit dem Mittelalter von den Städten angestellt wurden. Diese – nennen wir sie »Musik(er)beamte« – waren in bunte Livreen gekleidet und virtuose Könner auf ihren Schalmeien oder anderen laut tönenden Blasinstrumenten.

Des Nachts bliesen sie zur vollen Stunde, am frühen Morgen weckten sie die Bürger, bei offiziellen Anlässen und Empfängen traten sie zur festlichen musikalischen Umrahmung in Aktion – sie versahen also ähnliche Dienste wie einst die Stadtpfeifer bei uns. 1835 wurden die »Waits« per Gesetz abgeschafft; von da an gründeten sie eigene Gruppen und zogen zur Weihnachtszeit musizierend und auf gerechten Lohn hoffend durch Dörfer und Städte. Heute sieht man in der Vorweihnachtszeit in den Straßen der britischen Dörfer und Städte Grüppchen singender Menschen, die allerdings nicht für sich, sondern für wohltätige Zwecke sammeln, es gilt: »Feed the World – Let them know it‘s Christmas Time«[5] (»Speise die Welt – lasse alle wissen, dass Weihnachtszeit ist«).

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Bleiben wir beim Speisen. Recht früh machen sich traditionell gestimmte Engländer ans Werk und bereiten ihren weihnachtlichen Nachtisch zu: Am »Stir-Up-Sunday«, das ist der Sonntag vor dem ersten Adventssonntag und ursprünglich ein Tag des Gebetes und der inneren Sammlung vor der Fastenzeit, wird der traditionelle »Plum-Pudding« oder »Christmas-Pudding« angerührt und vorgekocht. Früher geschah das im Kreis der Familie, in unserer hektischen Zeit kaufen die meisten ihren »Pud« in Geschäften. Auch über den »Plum-Pudding« gibt es die unterschiedlichsten Histörchen. Manche Quellen behaupten, der aus Hannover stammende König George I. habe den »Plum-Pudding« 1714 eingeführt, andere sagen, es sei Prinz Albert, der Gemahl von Queen Victoria gewesen.

Ich bevorzuge ja die Variante von Louise Cooling, der Gemälde-Kuratorin des Royal Collection Trust: Sie schreibt in ihrem Buch A Royal Christmas[6], dass der »Plum-Pudding« aus dem »Plum Broth« entstanden sei, der schon zu der Regierungszeit Karls I. im 17. Jahrhundert genossen wurde. Cooling hat in den Royal Archives ein Rezept aus den 1820er Jahren gefunden, wonach es sich bei »Plum Broth« um eine eingedickte Suppe aus Rind- und Kalbfleisch, getrockneten Früchten, Gewürzen und vielen Sorten Alkohol handelte, rot gefärbt durch Zugabe gemahlener Cochenilleläuse (wie auch vor einigen Jahren noch der Campari oder Lippenstifte). Während Königin Victorias Regierungszeit wurde dann aus dem »Plum Broth« der »Plum-Pudding«, der ab den 1870er Jahren die königliche Weihnachtstafel zierte und zudem an die Verwandten sowie den Hofstaat der Königin verschenkt wurde.

Für die Zubereitung des »Plum-Pudding« gibt es unzählige Rezepte. Mein Mann und ich haben einen »Christmas Plum-Pudding« nach einem viktorianischen Rezept aus der umfangreichen Sammlung Household Management[7] (erschienen 1861) der legendären Isabella Beeton zubereitet. Mrs. Beetons Mengenangaben für die Zutaten reichen für 8 bis 10 Personen, wir haben sie halbiert und umgerechnet, denn das englische Pfund wiegt etwas weniger als das deutsche – keine Sorge, es kommt immer noch ein stattlicher Serviettenkloß oder »Pud« von 1,2 Kilo Gewicht dabei heraus! Und nun ans Werk – man nehme:

 

375 g Rosinen und/oder Sultaninen (mit dem Begriff »plum« waren ursprünglich keineswegs Pflaumen gemeint, sondern Rosinen oder andere Trockenfrüchte)
125 g schwarze getrocknete Johannisbeeren
125 g Orangeat und Zitronat
185 g Semmelbrösel
185 g Rindernierenfett (wenn Sie das nicht mögen, können Sie auch Butterschmalz oder Pflanzenfett nehmen)

4 Eier
125 ml Brandy
sowie ein Küchentuch aus Leinen oder Baumwolle oder eine Pud-Form (die wir hier so nicht kennen, wahlweise können Sie eine Gugelhupf-Form verwenden).

 

Mrs. Beeton schnitt die Rosinen klein, das müssen Sie aber nicht, es klappt auch so. Alle Zutaten bitte sehr gut miteinander verrühren, einen großen Kloß formen, in die Mitte des Tuches legen, den Stoff rundherum und die Zipfel hochziehen, fest zudrehen und mit Paketschnur gut zubinden. Der Serviettenkloß wird in einen großen Kochtopf mit siedendem Wasser gehängt (er sollte zu drei Vierteln im Wasser sein), die Schnur wird an den Henkeln des Kochtopfs rechts und links befestigt. Den »Plum-Pudding« vier Stunden kochen lassen und ab und zu ein wenig Wasser nachgießen. Wenn Sie nach der Zeit des Kochens und Wartens den Kloß herausnehmen und über dem Spülstein ein wenig abtropfen lassen, erleben Sie ein Stück viktorianischer Literatur hautnah. Es ist wie in Charles Dickens‘ A Christmas Carol in Prose, als Mrs. Bob Cratchit ihrer Familie den »Plum-Pudding« serviert:

 »Hallo! Eine riesige Dampfwolke! Der Pudding war aus dem Kessel heraus! Ein Geruch wie an einem Waschtag! Das kam von dem Tuch. Ein Geruch wie in einem Gasthaus mit einer Pastetenbäckerei zur einen und einer Wäscherei zur anderen Seite! Das war der Pudding!«[8]

Sie können den Pudding nun vorsichtig aus dem Tuch nehmen, über Nacht in einem Abtropfsieb abkühlen lassen und am nächsten Tag aufschneiden und genießen (er schmeckt fantastisch!). Falls Sie ihn einige Tage oder Wochen vor dem Weihnachtsfest zubereiten (vielleicht am »Stir-Up-Sunday«?), sollten Sie ihn vor dem Servieren noch einmal zwei Stunden in heißem Wasser garen lassen. Danach flambieren Sie den »Plum-Pudding« mit Brandy und tragen Ihre »Kanonenkugel« – so sieht er aus! – stolz auf. Die Briten dekorieren den »Plum-Pudding« mit einem Stechpalmzweig, aber Vorsicht: Stechpalmen sind giftig und ein Zweig aus Plastik verträgt sich schlecht mit brennendem Brandy. Sie melden Zweifel am Rezept an? Kein Mehl, keine Milch, kein Zucker, kein Backtriebmittel – wie soll das klappen? Keine Sorge, der »Plum-Pudding« ist locker, hält dabei gut zusammen und schmeckt sehr süß.

alle Fotos privat

Sollten Sie statt einer »Kanonenkugel« auf dem Tisch lieber einen »ordentlichen Kuchen« bevorzugen, dann verwenden Sie eine Backform. Diese müssen Sie gut einfetten, die Masse hineingeben, mit einem bemehlten Tuch von oben vorsichtig andrücken und ebenfalls vier Stunden kochen lassen, die Form sollte zu dreiviertel im Wasser stehen. Die Engländer backen gern ein kleines silbernes Amulett, ein sogenanntes »Charm«, mit in den »Plum-Pudding« ein, es soll demjenigen, der es in seinem Stück findet, Glück bringen. Günstiger kommt Sie natürlich eine getrocknete Bohne oder Erbse zu stehen. Egal, was Sie verwenden, Sie sollten Ihre Gäste auf jeden Fall vorwarnen, sonst droht der Verlust einer Zahnplombe oder ein böses Verschlucken!

Aber vorerst ist genug gebacken. Was ist bis Weihnachten noch zu tun, welche kleinen Freuden und großen Pflichten stehen noch an? Dazu muss ich ein wenig ausholen und erklären, dass früher die Adventszeit in England Fastenzeit war und nicht gefeiert wurde. Auch der Nikolaus brachte und bringt (das ist so geblieben) am 6. Dezember keine Geschenke. Das Hauptmerk aller Weihnachtsfeierlichkeiten richtet sich auf die »Twelve Days« vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Doch mittlerweile wird auch die Adventszeit in England fröhlich und festlich gestaltet.

Für Kinder gibt es Adventskalender – allerdings mit 25 Türchen, denn sie müssen sich mit der Bescherung bis zum 25. Dezember gedulden. Die Erwachsenen feiern feucht-fröhlich mit Kollegen und Kolleginnen am Arbeitsplatz, veranstalten und besuchen wie wir Weihnachtsmärkte. Sie backen Plätzchen (»Christmas Cookies«, »Mince Pies«, «Ginger Biscuits» etc.), besorgen Geschenke und schreiben schon recht früh Weihnachtskarten, die ihnen wesentlich mehr bedeuten als uns. Eine Verwandte, die oft in England ist und dort gelebt und gearbeitet hat, schrieb mir: »Man kauft die Christmas Cards gleich in Zehnerpacks. Sie werden nicht nur per Post verschickt, sondern man gibt jeder Person in seinem Umfeld, der man nicht gerade ein Geschenk überreicht, persönlich eine Karte.

Die Karten, die man selbst erhält, baut man festungsartig auf seinem Schreibtisch auf. So sieht jeder, wie beliebt man ist.« Ja, und zuhause schmücken die Karten den Kaminsims – so man einen hat – oder Schränke und Kommoden, manche hängen sie an einer gespannten Leine auf. Das erinnert mich alles ein wenig an den Kult um die Valentinskarten in den USA.

Die Weihnachtskarten verdanken die Engländer und alle anderen Nationen einem gewissen Sir Henry Cole (1808-1882)[9]. Cole war ein fortschrittlich denkender Staatsbeamter, der nicht nur im Postwesen für Innovationen sorgte. 1843 gab er dem befreundeten Illustrator John Callcott Horsley den Auftrag, ein Motiv für eine Weihnachtskarte zu entwerfen. Horsley lieferte ein dreiteiliges Bild, das an ein Triptychon erinnert und durchaus unter dem Motto »Comfort and Joy« stehen könnte. In der Mitte feiert eine große Familie, ein jüngeres und ein älteres Paar prosten freundlich dem Betrachter zu. In dem Ausschnitt links kümmert sich ein Mann, rechts eine Frau um Bedürftige. Unten mittig prangt der Schriftzug »A Merry Christmas and A Happy New Year To You«. Cole ließ tausend handkolorierte Karten drucken. Da die Karte einen Shilling kostete (das waren damals 12 Pence, wofür eine Familie ein halbes Brot bekommen hätte), lief das Geschäft zunächst schleppend an.

Und hier kommt wieder die königliche Familie ins Spiel, denn Queen Victoria und Albert waren begeistert von der Idee der Weihnachtskarte, vereinfachte sie doch die verpflichtende Prozedur der weihnachtlichen Grußbotschaften. Dank ihnen und der Postreform drei Jahre zuvor, die es ermöglichte, einen Brief für nur einen Penny zu verschicken, verbreitete sich die Mode des Weihnachtskartenschreibens dann doch in England und von dort aus weiter. Ab 1870 war das Schreiben und Aufstellen von Weihnachtskarten zu dem Hobby geworden, das es heute ist. Beliebte Kartenmotive waren und sind wieder Rotkehlchen (englisch »robins«, der Spitzname für die viktorianischen Postboten, die eine rote Livree trugen). Auch Stechpalmzweige verzieren allein oder gemeinsam mit Efeu und Misteln zahlreiche Weihnachtskarten. Natürlich darf »Father Christmas« nicht fehlen.

Er trägt wie heute auf Vintage-Karten oft ein grünes Gewand. Engel, Weihnachtsbäume, niedliche Kinder im Schnee und dergleichen Sujets wären noch zu nennen. Die Viktorianer liebten Schnee an Weihnachten, zu gern liefen sie wie die königliche Familie Schlittschuh und ließen sich im Schlitten kutschieren. Ihr großer Schriftsteller Charles Dickens trug dieser menschlichen Sehnsucht Rechnung: In seinen Weihnachtsmärchen und -erzählungen lässt er es häufig weiß vom Himmel rieseln – natürlich auch in A Christmas Carol in Prose.

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So, die Weihnachtskarten sind geschrieben, die Geschenke besorgt – sofern sie nicht »Father Christmas« bringt. Das Heim ist mit Stechpalmen, Misteln und Efeu geschmückt, und der Weihnachtsbaum – ein deutscher Import – prangt schon in vollem Schmuck. 1761 heiratete die junge Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz (1744-1818) König Georg III. von England. Sie war es, die den Weihnachtsbaum aus ihrer norddeutschen Heimat mitbrachte und am Hofe einführte. Ihr Baum, geschmückt mit Wachskerzen, Naschereien und Spielzeug, begeisterte Jung und Alt. Die Tradition etablierte sich im englischen Königshaus, und unter Prinz Albert wurde ein Kult daraus: Jedes Familienmitglied erhielt einen eigenen geschmückten Weihnachtsbaum auf einem persönlichen Gabentisch. Nachdem die Illustrated London News im Dezember 1848 eine Abbildung der königlichen Familie rund um einen Weihnachtsbaum nebst einem Artikel über das Weihnachtsfest in Windsor[10],[11] veröffentlicht hatte, wollten alle solch einen Baum.

An »Christmas Eve«, dem Abend des 24. Dezember, hängen Kinder und gern auch Erwachsene einen roten Strumpf auf, über Nacht soll »Father Christmas« ihn mit Kleinigkeiten wie Kosmetikartikeln, Mini-Spielzeugen oder Süßigkeiten füllen. Die großen Geschenke legt er natürlich unter den Weihnachtsbaum. Um den Weihnachtsmann in Geberlaune zu versetzen, empfiehlt es sich, ihm einen Teller mit »Mince Pies« – einem süßen Mürbe- oder Blätterteiggebäck, gefüllt mit getrockneten und kandierten Früchten, Nüssen und Mandeln – hinzustellen. Vielleicht noch ein Gläschen Sherry oder Brandy dazu, und die Karotte für die Rentiere darf auch nicht fehlen.

Und dann ist es endlich soweit, der Morgen des 25. Dezember dämmert herauf und es geht an die Bescherung, die im Grunde wie bei uns verläuft. Freudestrahlende Gesichter, gezwungene Dankbarkeit oder Tränen der Enttäuschung – die übliche Palette an Emotionen… Ältere Briten sehen sich am Nachmittag um 15 Uhr die königliche Weihnachtsansprache im Fernsehen an, jüngere Menschen lockt das nicht mehr hinter dem Ofen hervor. 1932 wurde über BBC erstmals die Weihnachtsansprache eines britischen Monarchen weltweit übertragen: die des Victoria-Enkels König George V. Zum medialen Weihnachtsereignis wird außer Tee und einem Stück »Christmas Cake« gern ein Gläschen Glühwein (»Mulled Wine«) oder Punsch genossen, wie es weiland der geläuterte Ebenezer Scrooge in Dickens’ A Christmas Carol in Prose tat. Der Höhepunkt des Weihnachtstages ist nebst der Bescherung das »Christmas Dinner« am Abend: Das Hauptgericht ist ein gefüllter Truthahn, den es an Englands königlichen Weihnachtstafeln schon seit Heinrich VIII. (1491-1547) gab. Mrs. Beeton, die eifrige Rezeptesammlerin der viktorianischen Ära, widmet in ihrem Book of Household Management dem Truthahn viele Rezepte. Und sie erklärt, dass der Truthahn im 16. Jahrhundert seinen Weg von Nordamerika nach England fand (das belegen auch archäologische Funde der heutigen Zeit) und als teurer Leckerbissen nicht nur am Königshof genossen wurde, sondern auch ein traditionelles Weihnachtsgericht der ländlichen Bevölkerung war. Mrs. Beeton zitiert ein Gedicht des gelehrten Bauern-Poeten Thomas Tusser (1524-1580) aus dessen Werk Five Hundred Points of Good Husbandry aus dem Jahre 1573:

               »Beefe, mutton, and pork, shred pies of the best,
               Pig, veal, goose and capon, and turkey well drest;
               Cheese, apples, and nuts, jolly carols to hear,
               As then in the country is counted good cheer.«[12]

Sinngemäß übersetzt bedeutet das: »Gibt es Rind, Schaf und Schwein, zerkleinerte Pasteten, Kalb, Gans und Kapaun und Truthahn, Käse, Äpfel und Nüsse, erklingen frohe Weihnachtslieder, dann sind alle im ganzen Land guten Mutes.«

War der Truthahn bei Königin Victoria noch ein gebratener oder gekochter Zwischengang, erkor ihn Ende des 19. Jahrhunderts ihr Sohn Edward VII., der das Fleisch dieses Vogels über alles schätzte, zum Mittelpunkt der weihnachtlichen Schlemmerei. Und das ist »Gregor«, wie die Engländer ihren Truthahn (warum auch immer) liebevoll nennen, bis heute geblieben.

Bevor es an den Verzehr des Truthahns und seiner Beilagen geht, die man gern mit Eierpunsch hinunterspült und mit unserem »Plum-Pudding« beschließt, müssen die bunten »Christmas Cracker«, die neben jedem Teller liegen, gemeinsam mit einem Tischnachbarn auseinandergerissen werden. Es pufft oder kracht und die glitzernd verpackten Knallbonbons offenbaren ihren Inhalt: Ein kleines Plastikspielzeug, einen Zettel mit einem dummen Witz oder Spruch und eine Papierkrone, die den ganzen Abend über getragen wird. Es gibt »Christmas Cracker« in jeder Preisklasse und somit auch Luxusvarianten mit edlen Inhalten. Erfunden hat sie der Konditor Thomas Smith[13] (1823-1869).

Von einer Reise nach Paris brachte er in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts das französische Bonbon mit – eine Zuckermandel, die in Seidenpapier gehüllt war. Smith legte jedem Bonbon kleine Zettel mit Rätseln oder Sprüchen bei. Trotzdem blieb der Verkaufserfolg weit hinter seinen Erwartungen zurück. Als Smith seine Kreationen vergrößerte, um ihnen eine auf Silberfulminat basierende explosive Mischung und einen Metallstreifen (bitte fragen Sie mich jetzt nicht nach den chemischen Details) beifügen zu können, wurden die »Christmas Cracker«, zunächst »Bangs of Expectation« genannt, auch in geschäftlicher Hinsicht wahre Knaller. Einer der Söhne Smiths kam später auf die Idee, Papierhüte und kleine Geschenke in die Knallbonbons zu packen, und das hat sich bis in unsere Tage gehalten.

 Am 26. Dezember, dem »Boxing Day«, haben in England die Geschäfte wieder geöffnet, obwohl – wenn auch nicht aus Sicht der anglikanischen Kirche – offizieller Feiertag ist. Wer nicht arbeiten muss, besucht Freunde oder Verwandte und feiert mit ihnen noch einmal. Viele tauschen ihre Geschenke um, jagen Schnäppchen oder lösen Geschenkgutscheine ein. Der Ausdruck »Boxing Day« hat mehrere historische Ursprünge: Er kann daher rühren, dass Adelige und Ladenbesitzer ihre Angestellten am 26. Dezember beurlaubten, damit diese mit ihren Familien feiern konnten, und ihnen eine Schachtel mit Essensresten, Geschenken oder kleinen Geldbeträgen mitgaben. Oder es kommt von dem Brauch, in den Kirchen an diesem Tag die Almosenkisten für die Armen zu öffnen.

Der 26. Dezember ist gleichzeitig auch »St. Stephen‘s Day«, der Tag des Heiligen Stephan, an dem Englands Adel noch bis 2005 gern Fuchsjagden veranstaltete. Dem blutigen Sport wurde nach einigem gesetzlichen Hin und Her ein Riegel vorgeschoben, heutzutage werden Jagdrennen abgehalten, bei denen das Wild verschont bleibt. Und noch ein Sportereignis begeistert die Engländer – die Premier League, die an diesem Tag spielt. Auch diese Tradition hat ihre Wurzeln in der viktorianischen Ära[14]: Am 26. Dezember 1860 trugen die beiden ältesten Fußballvereine der Welt, der FC Sheffield und der FC Hallham, das erste Derby aus. Und 1888 bestritt der FC Everton am »Boxing Day« sogar drei Spiele! Und so beschenkt die Premier League bis heute diejenigen Fans, die an diesem Tag frei haben. Auch im Sport gilt: »Comfort and Joy« und »Let them know it‘s Christmas Time«.

Nach zwölf Tagen, am 6. Januar, ist alle Weihnachtsseligkeit vorbei, die festliche Dekoration landet auf dem Dachboden; sie länger im Haus zu belassen, brächte Unglück im neuen Jahr. Und das wollen wir gewiss nicht – nach diesen schönen Tagen, erfüllt von »Comfort and Joy«!

Dieser Text entstammt dem Buch Weihnachtliche Kulturgeschichten, das 2022 beim Leiermann erschienen ist.

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