Wer kennt Renée Sintenis?

 

von Anja Weinberger

Wer kennt Renée Sintenis?

von Anja Weinberger

Berlin – München

Haben Sie sich vielleicht auch schon einmal gefragt, warum der Bär an der Autobahn Richtung München in Nachbarschaft des mal blau, mal rot leuchtenden Fußballstadions und der Silberne Bär der Berlinale zum Verwechseln ähnlich aussehen? Falls ja, so würde ich diese Frage gern beantworten …

Vielleicht sollte zuvor noch erwähnt werden, dass ich in Bayern lebe und die Strecke Nürnberg-München aus beruflichen Gründen sehr häufig fahre. Dieser Bär auf dem Grünstreifen bringt mich immer wieder zum Schmunzeln, und ich freue mich jedes Mal, ihm zu begegnen.

Aber was macht er da, mitten im südlichen Bayern? Will er mich darauf hinweisen, dass diese Autobahn, würde man ihr immer weiter nach Norden folgen, in Berlin endet, in der Stadt, die den Bären im Namen und Wappen trägt?

Und da kommen wir der Sache schon sehr nahe. Denn tatsächlich ist es der Berliner Bär, der sich da an unserer bayerischen Autobahn ganz in der Nähe von Fröttmaning auf die Hinterbeine stellt.

Foto privat

 

Geschaffen hat diese besonders schöne Version des Berliner Wappentiers die Bildhauerin Renée Sintenis. Die Künstlerin, die als Renate Alice Sintenis 1888 im heutigen Niederschlesien geboren wurde, nannte sich selbst seit ihren Studienjahren in Berlin Renée. Schon als Mädchen hatte sie Freude an der Gestaltung, wurde jedoch vom Elternhaus in eine andere Richtung gedrängt.

So brach sie mit ihrer Familie und litt viele Jahre unter dieser Trennung. Durch die Bekanntschaft mit dem damals schon erfolgreichen Bildhauer Georg Kolbe begann schließlich ihre Karriere. Ihm stand sie zunächst Modell, aber ebenfalls durch ihn begann sie wieder zu entwerfen.

Bald entstanden ausdrucksstarke Kreationen. Sie formte Porträtbüsten und weibliche Akte, ehe sie das fand, was zu ihrem Aushängeschild werden sollte: kleinformatige Tierskulpturen.

Ebenfalls bald entdeckten sie einflussreiche Galeristen – zunächst Wolfgang Gurlitt, später dann Alfred Flechtheim, und noch während der Weimarer Republik wurde Renée Sintenis zu einer über Deutschland hinaus international bekannten Künstlerin. Ihre kleinformatigen Bildnisse waren erschwinglich und konnten beinahe überall aufgestellt werden. Ein Sammler von Sintenis-Skulpturen war bekanntermaßen Ernest Hemingway.

Als zweites Standbein entdeckte die Künstlerin das Formen von Sportlerstatuetten. Sport wurde zur damaligen Zeit gerade modern, und Renée, selbst groß, schlank und eher maskulin gebaut, war eine erklärte Pferde- und Sportbegeisterte. Sie schuf Bronzen von Sportlern unterschiedlichster Sportarten, die die jeweiligen Bewegungen und Haltungen einfingen. 1931 wurde sie als erste Frau neben Käthe Kollwitz Mitglied der Berliner Akademie der Künste, konnte diese Stellung aber nur sehr kurz halten, denn schon 1934 schloss man sie wegen ihrer jüdischen Herkunft wieder aus. In den Kriegsjahren wird ihr zeichnerisches Talent bekannt, und zahlreiche Anfragen für Buchillustrationen brachten dringend benötigtes Geld in die Kasse, denn Bronzegüsse waren während der Kriegsjahre unmöglich geworden.

Nach dem Krieg häuften sich die Ehrungen und Erfolge. 1957 wurde ihre Statue Kleiner junger stehender Bär, den sie bereits 1932 geschaffen hatte, als lebensgroße Bronze auf dem Grünstreifen der Autobahn nahe Zehlendorf aufgestellt, fünf Jahre später folgte der Münchner Geschwisterbär. Und – wir ahnen es schon – alljährlich werden bei der ›Berlinale‹, den Internationalen Filmfestspielen in Berlin, Renée Sintenis Bären in kleiner, silberner oder goldener Form übergeben. Auch auf diesem Wege verteilen sich die Tierbildnisse der Künstlerin also in alle Welt.

Nachdem Renée von 1917 bis zu dessen Tod 1942 mit dem Schriftsteller und Maler Emil Rudolf Weiß verheiratet gewesen war, lebte sie ab 1945 mit ihrer Partnerin Magdalena Goldmann zusammen. 1965 starb die Künstlerin der kleinen Formen in Berlin.

(Text von 2022)

Dieser Text entstammt dem Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik von Anja Weinberger, das 2023 beim Leiermann erschienen ist.

Im Leiermann-Verlag erschienen:

Drei Bücher zu Musik, Literatur, Tradition und Kunst, voller Geschichte und Geschichten. Lesen Sie mehr über vergessene Frauenschicksale, über Interessantes an jedem Kalendertag und über die Sommerzeit als besondere Zeit des Jahres.

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