Zwei Schwestern

von Thomas Stiegler

Im Leben eines Künstlers haben Umbruchszeiten immer eine besondere Bedeutung. Meist kündigen sie sich schon lange vorher an und gehen einher mit Krankheit, Depression und Vernichtungsängsten und oft entladen sie sich mit einem Knall in einer überstürzten Flucht aus dem gewohnten Umfeld. Bekanntestes Beispiel ist sicher Johann Wolfgang von Goethe, der Hals über Kopf aus seiner scheinbar unhaltbaren Situation am Hofe zu Weimar ausbrach und sagte: „ich wäre rein zu Grunde gegangen und zu allem unfähig gewesen.“ [1] Schließlich sollte seine „Flucht“ mehr als zwei Jahre andauern und ihn kreuz und quer durch die Apenninenhalbinsel führen, bevor er schließlich, gereift und den Kopf voll neuer Ideen, zurück in seine Heimat kam.

Einer, der ebenfalls in den Süden flüchten musste, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben, war der französische Maler Pierre-Auguste Renoir [2]. Er ging (zumindest geographisch) sogar noch einen Schritt über Goethe hinaus. Auf den Spuren seines Vorbildes Eugène Delacroix gelangte er erst nach intensiven Monaten in Algerien in das Land, das seitdem zum Anziehungspunkt zahlreicher europäischer Künstler geworden ist.

Junge Frau beim Nähen, Pierre-Auguste Renoir; CC0 Art Institute Chicago; Link zum Bild

Die Werke, die in solchen Zeiten des Umbruchs entstehen, gehören meist mit zu dem Spannendsten, was ein Künstler im Laufe seines Lebens erschafft. Denn dadurch, dass sie noch nicht „perfekt“ (perfekt im Sinne einer vollen Beherrschung des neuen Materials) sind, sondern der Künstler gerade dabei ist, sich neu zu erfinden, macht sich ein kleines Fenster auf, durch das der Mensch hinter dem Werk stärker hervortritt als in seinen reifen Werken. Bei Goethe etwa bricht nach seiner italienischen Reise eine neue poetische Schaffensphase an und wir sehen, wie das gleißende Licht Italiens seine Verse in einem neuen Licht erstrahlen lässt, ohne dass sie in der kristallklaren Luft seiner späten Jahre verdämmern. Auch bei Pierre-August Renoir gibt es einige Werke, die in diesen Jahren des Tastens und Suchens entstanden sind.

Das bekannteste ist sicher das Bild „Zwei Mädchen auf der Terrasse“, ein Werk, das, obwohl es noch fest in der Welt des Impressionismus steckt, schon den reifen Renoir seiner späten Jahre ankündigt.

Um zu verstehen, wieso ich gerade dieses Bild als ein Werk der Umbruchszeit bezeichne, müssen wir ein wenig in seiner Lebensgeschichte wühlen.

Renoir, der sich schon als dreizehnjähriger mit aller Kraft auf die Malerei warf, wurde 1862 an der École des Beaux-Arts aufgenommen und erhielt dort eine solide Ausbildung. Zu jener Zeit war es noch üblich, dass die jungen Künstler die Werke der großen Meister studierten und ihre Zeit größtenteils im Atelier verbrachten. Doch Renoir war Zeit seines Lebens auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen und so fand er bald Zugang zu einem Kreis junger Intellektueller und Künstler. Bei einem seiner Spaziergänge in den Pariser Wäldern lernt er die Maler Gustave Courbet und Díaz de la Peña kennen, die ihn ermutigen, mit seiner Staffel ins Freie zu gehen. Bald entdeckt er weitere Maler, die nach denselben Dingen strebten wie er, die auch auf der Suche waren (wie etwa Alfred Sisley oder Claude Monet) und als junge „Wilde“ antraten, die allzu akademische Welt der Malerei umzukrempeln.

Doch auch, wenn wir heute die Impressionisten als die wichtigste Erscheinung jener Tage ansehen und die damals  berühmten Maler größtenteils vergessen sind, so war es damals doch genau umgekehrt. Denn noch lange war ihr für die damalige Zeit revolutionärer Stil verpönt und sie sollten um ihr tägliches Brot genauso kämpfen müssen wie um ihre Kunst. Erst zu Beginn der 1870er Jahre sollte sich diese Situation langsam verbessern: Die Impressionisten fanden ihren Weg in die Ausstellungen und Galerien, und auch Renoir wurde zu einem gefragten Porträtmaler.

Doch in den 1880er Jahren geriet er in eine schöpferische Krise, denn er hatte das Gefühl, mit den Mitteln des Impressionismus alles gesagt zu haben, was ihm möglich war. So floh er (wie schon beschrieben) nach Italien, um dort Venedig, Florenz, Rom und Neapel zu besuchen. Dort studierte er nicht nur die Fresken Raffaels und die römisch-pompejanische Kunst, sondern er entdeckte auch ein um 1400 verfasstes Handbuch für Malerei und begann sich für eine neue Art der Kunstauffassung zu begeistern. Heute wird die darauf folgende Zeit, in der er sich verstärkt der klassischen Malerei zuwandte, als seine trockene oder Ingres-Periode [3] bezeichnet. Renoir sollte sich zwar in der Wahl seiner Objekte treu bleiben, aber seine Malweise änderte sich grundlegend: Seine Bilder erscheinen nun ernster und spartanischer und statt der ehemals „weichen“ Figuren seiner Gemälde erhalten seine Modelle nun scharf umrissene Konturen und Abgrenzungen.

Frau am Klavier, Pierre-Auguste Renoir; CC0 Art Institute Chicago; Link zum Bild

Noch mitten in dieser Umbruchszeit, in dieser Zeit seines ersten Tastens und Suchens, schuf er eines seiner beliebtesten Werke, die „Zwei Schwestern auf der Terrasse“.

Das Bild zeigt eine junge Frau und ihre kleine Schwester, die im Freien sitzen und sich mit einem kleinen Korb voller Wollknäuel beschäftigen. Es ist dies Jeanne Darlot [4], eine später bekannt gewordene Schauspielerin, und ihre junge Begleiterin (von der man leider nichts mehr weiß). Darlot trägt das traditionelle Blau der Pariser Schiffer, das durch den Konterpart eines flammend roten Hutes belebt wird. Ihr abwesender Blick schweift in die Ferne, vorbei am Maler und auch unbekümmert um das Kind an ihrer Seite, das wie zufällig ins Bild gestolpert erscheint. Ihr nachdenklicher Gesichtsausdruck und ihre fast makellose Schönheit machen sie zur Hauptfigur des Bildes. Daneben blickt uns das kleine Kind fast fragend an, während es dicht bei seiner Schwester bleibt, fast so, als bräuchte es ihre Nähe.

Zwei Schwestern (Auf der Terrasse), Pierre-Auguste Renoir; CC0 Art Institute Chicago; Link zum Bild

Obwohl das Bild streng komponiert wurde, erscheint es wie eine Momentaufnahme. Fast wie auf einer zufällig entstandenen Photographie sieht man ein kleines Mädchen und ihre Freundin in einem Moment stiller Zufriedenheit und Ruhe. Und doch ist das ganze Werk umweht von jener kühlen Strenge, die schon von Renoirs neuer Meisterschaft und seiner Beschäftigung mit der Tradition erzählt.

Bemerkenswert finde ich, wie hier Renoir eine erste Synthese der beiden Hauptströmungen seines Lebens erreicht, indem er die scharf umrissenen Figuren der beiden Mädchen vor einen Hintergrund setzt, der ganz in impressionistischer Manier mehr angedeutet als ausgeführt ist. Ein wunderbarer Einfall ist natürlich das Geländer, das die beiden Teile trennt und zugleich in der Ausführung und Farbgebung beide Teile spiegelt und verbindet. Renoir war sich der Gefahr bewusst, dass der Hintergrund zu dominant wird und die jungen Frauen verschluckt, ganz so, als würden sie sich in der Weite der Landschaft verlieren. Doch durch einen geschickten Einfall gibt er dem Bild Kontur und eine innere Festigkeit. Denn die junge Frau sitzt vor einem Geländer und dadurch finden wir uns, wenn auch ohne es wirklich zu merken, nicht mehr im freien Raum, sondern die Natur wird domestiziert und ist nur noch Rahmen der Handlung, nicht mehr ihr Mittelpunkt.

Interessant ist auch, dass der so unscheinbare Nähkorb im Vordergrund schon alle Grundfarben des Bildes  enthält, fast so, als wäre er die Palette, aus der Renoir dann den Rest des Gemäldes gestaltete. Vielleicht auch mit der Malweise, die er selbst einst schilderte: „Ich arrangiere mein Motiv so, wie ich es möchte, und male es dann wie ein Kind. Ich möchte, dass ein Rot sonor ist, dass es wie eine Glocke klingt. Wenn es nicht so ausfällt, füge ich mehr Rottöne und andere Farben hinzu, bis ich es hinbekomme. Ich bin nicht klüger als das. Ich habe keine Regeln und keine Methoden […]“ [5]

Mehr dazu gibt es in meinem Buch „Kulturgeschichten Europas“ :

Am Beginn unserer europäischen Geschichte steht der Aufschrei eines blinden Sängers: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus.“

Dieser Zorn des Achilles, dieser Zorn des alten Dichters Homer, sollte unser aller Zorn sein. Zorn darüber, in eine Welt geworfen zu sein, die von Tag zu Tag geistloser wird, menschenfeindlicher, und in so weiten Teilen ohne Wissen um ihre Geschichte und Kultur.

 

Quellenangaben

1 … Aus: Sarah Dorst, Goethes Italienreise 1786-1788

2 … 1841-1919

3 … Nach Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867), einem der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts.

4 … 1863-1914

5 … Online Quelle: svreeland.com, Renoir Quotes; Übersetzung durch den Autor

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