Ein Gang nach Canossa

von Thomas Stiegler

Mit dem Zitat »ein Gang nach Canossa« wird noch heute ein als demütigend empfundener Bittgang bezeichnet, zu dem man durch äußere Umstände gezwungen wird. In diesem Sinne wurde es bereits vom deutschen Reichskanzler Bismarck verwendet, der 1872 seine Reichstagsrede, bezugnehmend auf die Ablehnung eines deutschen Gesandten beim Heiligen Stuhl, mit den Worten schloss: »Seien Sie außer Sorge, nach Canossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig.« [0] Mit dieser Wendung, die seitdem zum geflügelten Wort geworden ist, bezog er sich auf den Höhepunkt des mittelalterlichen Investiturstreits zwischen dem deutschen König Heinrich IV. und Papst Gregor VII.

Der Investiturstreit. Wie der Name schon sagt, ging es bei diesem Konflikt vordergründig um das Recht der Investitur [1], doch dahinter stand etwas weit Wichtigeres: Und zwar der alte Streit um die Frage, ob der Kaiser oder der Papst das Oberhaupt der Christenheit sei. Der Papst gründete seinen Anspruch auf die sogenannte Zweigewaltenlehre aus dem 5. Jahrhundert, die die Welt in einen weltlichen und geistlichen Teil schied und dem weltlichen Herrscher als Laien keinerlei geistliche Gewalt zuschrieb. Die deutschen Kaiser hingegen sahen sich als direkte Nachkommen des später heiliggesprochenen Karls des Großen und fühlten sich daher von Gott selbst auserwählt, über das christliche Abendland zu herrschen. So wurde es spätestens im Hochmittelalter üblich, dass auch die römisch-deutschen Kaiser [2] das Recht der Investitur beanspruchten und hohe geistliche Ämter an ihre Vertrauten vergaben.

Das brachte einige gewichtige Vorteile mit sich. Einerseits waren die Bischöfe als weltliche Herren mächtige Reichsfürsten, die als direkt eingesetzte Vasallen dem König loyal dienten, was in einer Zeit der Lehenstreue einen wichtigen Pfeiler der königlichen Macht darstellte – andererseits hinterließen sie aufgrund ihres Keusch- heitsgelübdes keine Erben, was dem König nach ihrem Dahinscheiden erneut die Möglichkeit bot, ihre Ämter mit loyalen Gefolgsleuten zu besetzen.

Burg Canossa, © nikokvfrmoto

Doch als im Jahr 1073 Hildebrand von Soana [3] zum Papst gewählt wurde (ganz entgegen der damaligen Ge- pflogenheit nicht durch eine Wahl, sondern durch Akklamation des römischen Volkes) [4], sollte sich das ändern. Denn als Gregor VII. war er ein erklärter Verfechter der Zweigewaltenlehre und in dem von ihm diktierten Schriftstück „Dictatus Papae“ [5] beharrte er darauf, dass der Papst oberster Herr der Christenheit sei und dass er, getreu seinem Motto „Alle Reiche sind Lehen des Petrus“, die Macht besitze, selbst Könige abzusetzen.

Dies bedeutete natürlich einen massiven Angriff auf den Herrschaftsanspruch der deutschen Könige.

Heinrich IV., der sich zu dieser Zeit gerade auf einem ersten Höhepunkt seiner Macht befand (kurz zuvor hatte er in einem blutigen Feldzug das Volk der Sachsen vollständig unterworfen), glaubte, diese Aufforderung ignorieren zu können. Überzeugt davon, dass er König von Gottes Gnaden war und damit auch das Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche, widersetzte er sich allen Warnungen zum Trotz dem römischen Papst und als der Mailänder Bischofsstuhl frei wurde, vergab er diesen an einen seiner Vertrauten. Doch damit verkannte er die neuen Verhältnisse in Rom vollständig. Denn Gregor VII., der unter der Hand auch als „Zuchtrute Gottes“ [6] bezeichnet wurde, war nicht gewillt, diese für alle sichtbare Beschneidung seiner Macht hinzunehmen. Im Winter 1075 schickt er dem deutschen König ein Schreiben wegen der „Mailänder Angelegenheit“, in dem er ihn aufforderte, „dem apostolischen Stuhl zu gehorchen, wie es sich für einen christlichen König geziemt.“ [7]

Heinrich IV. jedoch, überzeugt von der Rechtmäßigkeit seiner Ansprüche, antwortete darauf in vollkommener Verkennung der Realität mit der Aufforderung: „So steige du denn, der du durch diesen Fluch und das Urteil aller unserer Bischöfe und unser eigenes verdammt bist, herab, verlasse den apostolischen Stuhl, den du dir angemaßt hast. […] Ich, Heinrich, durch die Gnade Gottes König, sage dir zusammen mit allen meinen Bischöfen: Steige herab, steige herab!“ [8]

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Daraufhin griff Gregor VII. zu einem Mittel, das die ganze christliche Welt in Aufruhr versetzten sollte: Er exkommunizierte den deutschen König mit den Worten: „Ich […] spreche König Heinrich […] der Regierung des ganzen Königreichs der Deutschen und Italiens ab, löse alle Christen von den Fesseln des Eides, den sie ihm geleistet haben […] und verbiete jedermann, ihm als König zu dienen.“ [9]

Dieser Bann hatte für Heinrich weitreichende Folgen. Zwar weigerten sich die deutschen Bischöfe, den päpstlichen Spruch anzuerkennen, sodass Heinrich weiterhin die Sakramente empfangen konnte, aber durch die Lösung aller Treueide galt der König faktisch als abgesetzt. Die Folge waren innerdeutsche Kämpfe zwischen den zerstrittenen Lagern, und auf der Fürstenversammlung in Trebur wurde rasch sichtbar, dass der König weitere Schritte unternehmen musste, wollte er nicht binnen Jahr und Tag Reich und Krone verlieren.

Die Adeligen handelten dabei natürlich weniger aus christlichen Motiven als vielmehr aus reinem Machtkalkül. Denn jede Schwächung Heinrichs IV. bedeutete auch eine Schwächung der ungeliebten Zentralgewalt und diente ihren Bestrebungen, die Lehnsherrschaft des Königs abzuschütteln und ihre Fürstentümer in dauerhaften Familienbesitz zu bringen. Dem musste sich Heinrich natürlich mit aller Kraft widersetzen, hätte dies doch einen massiven Verlust seiner Macht bedeutet.

Um das zu verhindern, zog Heinrich gen Italien, um dort mit dem Papst zusammenzutreffen. Jedoch war das schwerer als gedacht, denn die feindlich gesinnten Herzöge versperrten ihm den direkten Weg in den Süden und so mussten der König und sein Gefolge den weiten Weg über Burgund  auf sich nehmen. Ihre Überquerung der Alpen am Mont Cenis ist uns von Lampert von Hersfeld überliefert: „Sie krochen bald auf Händen und Füßen vorwärts, bald stützten sie sich auf die Schultern ihrer Führer; manchmal auch, wenn ihr Fuß auf dem glatten Boden ausglitt, fielen sie hin und rutschten ein ganzes Stück hinunter; schließlich gelangten sie doch unter großer Lebensgefahr in der Ebene an. Die Königin und die anderen Frauen ihres Gefolges setzten sie auf Rinderhäute, und […] zogen sie darauf hinab.“ [10]

Turm der Matilde von Canossa, ©milla74

Die Wege Heinrichs und des Papstes kreuzten sich schließlich in der Poebene. Gregor, der auf dem Weg zum Reichstag in Augsburg war, flüchtete sich in die Burg Canossa, denn er wusste nicht, ob ihm Heinrich und seine mitgeführten Truppen feindlich gesonnen waren. Denn dem deutschen König wäre es ein Leichtes gewesen, den Papst gefangen zu nehmen und auf der Annullierung seines Bannes zu bestehen.

Heinrich jedoch entschied sich dafür, im kalten Winter der Alpen eine öffentliche Buße abzulegen: „Hier stand er nach Ablegung der königlichen Gewänder ohne alle Abzeichen der königlichen Würde, ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuß und nüchtern, vom Morgen bis zum Abend […]. So verhielt er sich am zweiten, so am dritten Tage. Endlich am vierten Tag wurde er zu ihm [Gregor] vorgelassen, und nach vielen Reden und Gegenreden wurde er schließlich […] vom Bann losgesprochen.“ [11]

Diese Schilderung dürfen wir jedoch nicht für bare Münze nehmen, denn auch sie stammt (wie schon das vorherige Zitat) von Lampert von Hersfeld, der ein treuer Gefolgsmann des Papstes und ein Parteigänger der Adelsopposition war. Vielmehr war dieses mehrtägige Ritual (25. –28. Januar 1077) eine gebräuchliche Buß- handlung jener Zeit, die streng formalisiert war und bei der niemand zu Schaden kam. So auch nicht Heinrich, und nachdem er drei Tage im Schnee ausgeharrt hatte, wurde er vom Papst wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen.

Das Verhältnis zwischen dem deutschen König und dem Heiligen Stuhl sollte zwar weiterhin angespannt bleiben und schließlich zum offenen Bruch führen, doch durch seinen „Gang nach Canossa“ hatte Heinrich IV. seine Handlungsfreiheit zurückerlangt und sollte schließlich noch fast 40 Jahre als König und ab 1084 n.Chr. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches regieren, wohingegen Gregor VII. schon nach wenigen Jahren [12] in das Reich Gottes eingehen sollte.

Quellenangaben

0 ….. Zitiert nach Wikipedia: Der Gang nach Canossa

1 ….. Investitur ist das Recht der freien Vergabe selbst höchster Kirchenämter.

2 ….. Romanorum Imperator – »Kaiser der Römer«; Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

3 ….. Er war Kardinaldiakon von  Santa Maria in Domnica alla Navicella (einer Kirche in Rom) und gleichzeitig Archidiakon bzw. Erzdiakon, also Stellvertreter eines Bischofs.

4 ….. Noch während der Beisetzung des letzten Papstes Alexander II. brach das römische Volk in den Ruf aus: „Hildebrand soll Papst sein!“ – noch am selben Tag wurde er von der römischen Bevölkerung und vom Klerus zum Papst gewählt, wodurch allerdings auch gegen das Papstwahldekret des Jahres 1059 verstoßen wurde, wonach der Papst nur von den Kardinälen gewählt werden durfte.

5 ….. Dictatus Papae, lateinisches Schriftstück im Briefregister Papst Gregors VII., Vatikanisches Archiv

6 ….. Kirchenlehrer Petrus Damiani, zitiert nach Zeit online: Der König kniet …

7 ….. Brief Gregors ans Heinrich IV., zitiert nach MDR Zeitreise: Heinrichs Buße in Canossa

8 ….. Übersetzt von Hans-Georg Fath, zitiert nach Wikipedia: Hoftag zu Worms

9 ….. Lampert von Hersfeld, Annalen des Jahres 1077, zitiert nach Wikipedia: Der Gang nach Canossa

10 ….. Bannspruch Papst Gregors VII., zitiert nach MDR Zeitreise: Heinrichs Buße in Canossa

11 ….. Lampert von Hersfeld, Annalen des Jahres 1077, zitiert nach Wikipedia: Der Gang nach Canossa

12 ….. 25. Mai 1085

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