Ein Gang nach Canossa

von Thomas Stiegler

Mit dem Zitat „ein Gang nach Canossa“ wird noch heute ein als demütigend empfundener Bittgang bezeichnet, zu dem man durch äußere Umstände gezwungen wird.

In diesem Sinne wurde es bereits vom deutschen Reichskanzler Bismarck verwendet, der 18.. seine Reichstagsrede, bezugnehmend auf die Ablehnung eines deutschen Gesandten beim Heiligen Stuhl, mit den Worten schloss: „Seien Sie außer Sorge, nach Kanossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig.“

Mit dieser Wendung, die seitdem zum geflügelten Wort geworden ist, bezog er sich auf den Höhepunkt des mittelalterlichen Investiturstreits zwischen dem deutschen König Heinrich IV. und Papst Gregor VII.

Der Investiturstreit. Vordergründig ging es bei diesem Konflikt um das Recht der Investitur, also um das Recht der Einsetzung von Bischöfen und Äbten in ihre Kirchenämter, doch dahinter stand die weit ältere Frage, ob der Kaiser oder der Papst das Oberhaupt der Christenheit sei.

Der Papst gründete seinen Anspruch auf die sogenannte Zweigewaltenlehre aus dem 5. Jahrhundert, die die Welt in einen weltlichen und geistlichen Teil schied und dem weltlichen Herrscher als Laien keinerlei geistliche Gewalt zuschrieb.

Die deutschen Kaiser hingegen sahen sich als direkte Nachkommen des heiliggesprochenen Karls des Großen und fühlten sich daher von Gott selbst berufen, über das christliche Abendland zu herrschen.

 

So wurde es im Hochmittelalter üblich, dass auch die weltlichen Herrscher das Recht der Investitur beanspruchten und hohe geistliche Ämter nach ihren Gutdünken vergaben.

Das brachte natürlich einige wichtige Vorteile mit sich. Denn einerseits waren die Bischöfe als weltliche Herren mächtige Reichsfürsten, die als direkt eingesetzte Vasallen des Königs diesem zur Loyalität verpflichtet waren, was in einer Zeit der Lehenstreue einen wichtigen Pfeiler der königlichen Macht darstellte.

Andererseits hinterließen sie aufgrund ihres Zölibats keine Nachkommen, sodass der König diese Ämter nach ihrem Ableben erneut mit loyalen Gefolgsleuten besetzen konnte.

Doch als im Jahr 1073 der Mönch Hildebrand zum Papst gewählt wurde (ganz entgegen der damaligen Gepflogenheit nicht durch eine Wahl, sondern durch Akklamation des römischen Volkes), sollte sich das ändern.

Als Gregor VII. war er ein erklärter Verfechter der Zweigewaltenlehre und in seinem Erlass „Dictatus Papae“ beharrte er darauf, dass der Papst oberster Herr der Christenheit sei und dass er, getreu seinem Motto „Alle Reiche sind Lehen des Petrus“, die Macht besitze, selbst Könige abzusetzen.

Das bedeutete natürlich einen massiven Angriff auf die Herrschaftsrechte der deutschen Könige.

Heinrich IV., der sich zu dieser Zeit gerade auf einem ersten Höhepunkt seiner Macht befand (kurz zuvor hatte er in einem blutigen Feldzug das Volk der Sachsen vollständig besiegt), glaubte, diese Aufforderung ignorieren zu können.

Überzeugt davon, dass er König von Gottes Gnaden war und damit auch das Oberhaupt der Kirche, vergab er den Mailänder Bischofsstuhl an einen seiner Vertrauten.

 

Doch damit verkannte er die neuen Verhältnisse in Rom, denn Gregor VII., der unter der Hand auch als „Zuchtrute Gottes“ bezeichnet wurde, war nicht gewillt, diese Beschneidung seiner Macht hinzunehmen.

Im Winter 1075 schickt er dem deutschen König ein Schreiben wegen der „Mailänder Angelegenheit“, in dem er ihn aufforderte, „dem apostolischen Stuhl zu gehorchen, wie es sich für einen christlichen König geziemt“.

Heinrich IV. jedoch, überzeugt von der Rechtmäßigkeit seiner Ansprüche, antwortete darauf in vollkommener Verkennung der Realität mit der Aufforderung: „So steige du denn, der du verdammt bist, herab, verlasse den apostolischen Stuhl, den du dir angemaßt hast … Ich, Heinrich, durch Gottes Gnade König, sage dir zusammen mit allen meinen Bischöfen: Steige herab, steige herab!“

 

Daraufhin griff Gregor VII. zu einem Mittel, das die ganze christliche Welt in Aufruhr versetzten sollte: Er exkommunizierte den deutschen König mit den Worten:

„Ich … spreche König Heinrich … der Regierung des ganzen Königreichs der Deutschen und Italiens ab, löse alle Christen von den Fesseln des Eides, den sie ihm geleistet haben … und verbiete jedermann, ihm als König zu dienen.“

Dieser Bann hatte für Heinrich weitreichende Folgen.

Zwar weigerten sich die deutschen Bischöfe, den päpstlichen Spruch anzuerkennen, sodass Heinrich weiterhin die Sakramente empfangen konnte.

Aber durch die Lösung aller Treueide, die Heinrichs Untertanen an ihn als König banden, galt er faktisch als abgesetzt.

Die Folge waren innerdeutsche Kämpfe zwischen den zerstrittenen Lagern und auf der Fürstenversammlung in Trebur wurde klar, dass der König handeln musste, wollte er nicht Reich und Krone verlieren.

Die Adeligen handelten dabei natürlich weniger aus christlichen Motiven als vielmehr aus reinem Machtkalkül.

Denn jede Schwächung Heinrichs IV. bedeutete auch eine Schwächung der Zentralgewalt und diente ihren Bestrebungen, sich in den vom König zu Lehen gegebenen Fürstentümern auf Dauer festzusetzen, also die Lehnsherrschaft des Königs abzuschütteln.

Das aber hätte für den König den Verlust der Gewalt über die freie Vergabe der höchsten Staatsämter sowie den Verlust der Finanzmittel und der sicheren militärischen Gefolgschaft aus diesen Gebieten bedeutet.

 

Um das zu verhindern zog der damals 26-jährige Heinrich gen Italien, um dort mit dem Papst zusammenzutreffen.

Jedoch war das schwerer als gedacht, denn die südlichen Herzöge versperrten ihm die Alpenübergänge und Heinrich musste den weiten und gefährlichen Umweg über Burgund und den Mont Cenis nehmen.

Der anstrengende Alpenübergang wurde von dem Geschichtsschreiber Lampert von Hersfeld wie folgt beschrieben: „Sie krochen bald auf Händen und Füßen vorwärts, bald stützten sie sich auf die Schultern ihrer Führer; manchmal auch, wenn ihr Fuß auf dem glatten Boden ausglitt, fielen sie hin und rutschten ein ganzes Stück hinunter; schließlich gelangten sie doch unter großer Lebensgefahr in der Ebene an. Die Königin und die anderen Frauen ihres Gefolges setzten sie auf Rinderhäute, und […] zogen sie darauf hinab.“

Die Wege Heinrichs und des Papstes kreuzten sich schließlich in der Poebene. Gregor, der auf dem Weg zum Reichstag in Augsburg war, flüchtete sich in die Burg Canossa, denn er wusste nicht, ob Heinrich und seine mitgeführten Truppen ihm feindlich gesonnen waren.

Denn dem deutschen König wäre es ein Leichtes gewesen, den Papst gefangen zu nehmen und auf die Annullierung seines Bannes zu bestehen.

Heinrich jedoch entschied sich dafür, im kalten Winter der Alpen eine öffentliche Buße abzulegen: „Hier stand er nach Ablegung der königlichen Gewänder ohne alle Abzeichen der königlichen Würde, ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuß und nüchtern, vom Morgen bis zum Abend […]. So verhielt er sich am zweiten, so am dritten Tage. Endlich am vierten Tag wurde er zu ihm [Gregor] vorgelassen, und nach vielen Reden und Gegenreden wurde er schließlich […] vom Bann losgesprochen.“

Diese Schilderung dürfen wir jedoch nicht für bare Münze nehmen, denn auch sie stammt von Lampert von Hersfeld, der ein treuer Gefolgsmann des Papstes und ein Parteigänger der Adelsopposition war.

Vielmehr war das mehrtägige Ausharren im Büßerhemd (25.–28. Januar 1077) eine gebräuchliche Bußhandlung der Zeit, die streng formalisiert war und bei der niemand zu Schaden kam.

Auf jeden Fall erreichte Heinrich durch seinen „Gang nach Canossa“, dass er vom Bann befreit wurde und seine Handlungsfreiheit zurückerlangte.

Er sollte nach seiner Rückkehr nach Deutschland und zahlreichen Schlachten noch mehr als 40 Jahre als König und später als Kaiser herrschen, während Gregor VII. schon fünf Jahre nach seinem Sieg bei Canossa ins Reich Gottes einging.

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