Jauchzet, frohlocket – Bachs Weihnachtsoratorium

 

von Anja Weinberger

Jauchzet, frohlocket – Bachs Weihnachts-oratorium

 

von Anja Weinberger

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber in meinem Leben nimmt das Werk der Familie Bach und speziell das von Johann Sebastian Bach, dem wohl berühmtesten Vertreter dieser Familie, einen großen Raum ein.

 

Kaum ein wichtiger Aspekt meines Lebens kam ohne seine herrliche Musik aus. Erstaunlicherweise ist das Allererste, an das ich mich in diesem Zusammenhang erinnern kann, der Augenblick, in dem ich mich mit vielleicht vier oder fünf Jahren zu Jaques Loussiers Play Bach in der Mitte unseres Wohnzimmers gedreht habe, bis mir schwindlig wurde. Diese fremdartige Musik mit ihren neuartigen Klängen hat mich nicht losgelassen. Aber schon einige Jahre später war es dann der »echte« Bach, der mich in seinen Bann ziehen konnte. Aus seiner C-Dur-Sonate BWV 1033 stammte das erste längere Stück Flötenmusik, das ich auswendig konnte.

Ich spielte Bachs Sonaten bei »Jugend musiziert«, zum Abitur, bei der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule, bei meinen Diplom- und Meisterklassenabschlüssen; bei unserer Hochzeit erklang Bach, bei der Taufe unserer Tochter, und auch heute spiele ich kaum einen Komponisten so regelmäßig, gerne und häufig wie Johann Sebastian Bach. Und da der Kantor unserer Kirche ebenfalls bekennender Bach-Liebhaber ist, dürfen wir ein jedes unserer Jahre mit der Toccata und Fuge d-moll BWV 565 beschließen, Bachs wohl bekanntestem Werk überhaupt, das alljährlich im Silvestergottesdienst erklingt. Wobei man sich da streiten könnte. Ist es nicht vielleicht doch eher der Eingangssatz aus dem Weihnachtsoratorium, dem die Ehre des bekanntesten Werkes zusteht?

Für mich wäre Weihnachten nicht Weihnachten, ohne Bachs Oratorium singen oder zumindest einmal »live« hören zu können. Auch an den Feiertagen schallt es bei uns oft durchs Haus – dann natürlich als Konserve.

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Wie entstand das Weihnachtsoratorium eigentlich und wieso besteht es aus sechs Teilen? Dieser und manch anderer Frage wollen wir nun etwas nachgehen.

 

Das Gesamtwerk »Weihnachtsoratorium« wurde ursprünglich von Bach gar nicht als konzertante Form gedacht. Vielmehr handelt es sich um mehrere Kantaten für Gottesdienste zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, dem Dreikönigstag. Jede dieser Kantaten erzählt dabei eine kleine Geschichte. Um die Geburt Jesu geht es in der ersten, um die Nachricht an die Hirten in der zweiten, die Anbetung des Neugeborenen in der dritten, die Beschneidung in der vierten und schließlich in der fünften und sechsten Kantate um den Besuch der Weisen aus dem Morgenland – alles musikalisch ausgeschmückt und großartig für unsere Ohren aufbereitet.

Sehr viele Kantaten entstanden in der Zeit des Barock, in der Bach lebte und wirkte; sie waren damals etwas Neues und Ungewöhnliches. Die kirchliche Kantate ist dabei hauptsächlich im lutherischen Teil Deutschlands entstanden, wo sie die Predigt während der Gottesdienste umrahmte. Johann Sebastian Bach hat besonders viele Kantaten komponiert; erhalten sind weit über 200, die von ihm für unterschiedliche, immer fest benannte Sonntage im Kirchenjahr geschrieben wurden. Unfassbar, in welch kurzer Zeit Bach immer wieder diese großartige Musik zu Papier gebracht hat!

Am 25.12. des Jahres 1734 wurde also die erste der sechs Kantaten von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium innerhalb des Morgengottesdienstes in St. Nicolai zu Leipzig uraufgeführt. Bis in unsere Tage hinein erfreut sich dieses Werk allergrößter Beliebtheit und ist häufig mit einigen oder allen seiner fünf Geschwisterkantaten im Rahmen eines Konzertabends zu hören. So haben die sechs Kantaten zwar die Verbindung zum Gottesdienst verloren, für den sie ursprünglich komponiert wurden, sind auf diesem Wege jedoch auch vielen Menschen bekannt, die eher selten eine Kirche besuchen.

Anders als bei lateinischen Messe-Vertonungen kann der Konzertgänger dem Geschehen gut folgen, denn innerhalb der festlichen Chöre, der Arien und der vielen Rezitative wird die neutestamentarische Weihnachtsgeschichte in deutscher Sprache erzählt. Dabei hat Johann Sebastian Bach nicht alle Teile seiner Weihnachtsmusik neu komponiert. Vielmehr konnte der vielbeschäftigte Thomaskantor einige seiner eigenen Werke, nun mit neuem Text, im Parodieverfahren wiederverwenden – eine in der damaligen Zeit übliche Praxis. So wurde wertvolle Arbeitszeit gespart, aber auch besonders Gelungenes häufiger zu Gehör gebracht.

Textlich bedient sich Bach bei den Evangelisten Lukas und Matthäus. Den schönen Chorälen liegen u. a. Texte von Paul Gerhardt und Martin Luther zugrunde.

Vermutlich ist die erste Kantate für den 25.12. die bekannteste der sechs. Der groß angelegte, jubelnde Eingangschor ist für viele Hörer und Sänger die Weihnachtsmusik schlechthin. Der Text »Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage« und der Einsatz von Pauken und Trompeten spricht den Zuhörer direkt an und zieht ihn hinein ins weihnachtliche Geschehen. Die beiden Evangelisten-Rezitative erzählen mithilfe der auch aus vielen Heilig-Abend-Gottesdiensten bekannten Texte von der bevorstehenden Volkszählung, der Ankunft in Bethlehem, der Unterkunft im Stall und von Jesu Geburt.

In der berühmten Alt-Arie »Bereite dich, Zion« blickt Bach noch einmal auf die Adventszeit zurück und lässt von der Sehnsucht, dem Warten und der Vorbereitung auf das Kommende singen. Im ersten Choral »Wie soll ich Dich empfangen« hat Bach die so zu Herzen gehende Melodie des Chorals aus der Matthäuspassion »O Haupt voll Blut und Wunden« verwendet. Diese Melodie stammt übrigens gar nicht von Bach selbst, sondern aus dem damaligen Gesangbuch und wurde ursprünglich von Hans Leo Haßler schon 130 Jahre zuvor komponiert.

In der nun folgenden Da-capo-Arie »Großer Herr, o starker König« wird in jubelndem D-Dur über Gottes Herrlichkeit, seine Majestät und seine Stärke sinniert. Sehr eindrucksvoll sind die Takte direkt vor dem Da-capo, während derer die obligate Trompete schweigt und der Text » … muss in harten Krippen schlafen« vom synkopischen Rhythmus und der abwärts gerichteten Melodik hervorgehoben wird. Der Schlusschoral »Ach mein herzliebes Jesulein« auf einen Text Luthers beschließt die erste Kantate des Weihnachtsoratoriums.

Befänden wir uns im Gottesdienst, so würden wir nun noch gemeinsam das Schlussgebet sprechen und den Pfarrer beim Segnen der Gemeinde beobachten. Dann stünden wir auf und tauchten beim Gang durchs Kirchenportal wieder ein in die Welt außerhalb des Bach’schen Universums.

Befinden wir uns aber in einem vorweihnachtlichen Konzert, dann haben wir Glück, und es folgt die zweite Kantate, die für den zweiten Weihnachtstag komponiert wurde. Auch ihr rein instrumentaler Eingangssatz ist sehr bekannt und das klassische Beispiel einer Hirtenmusik. Im Orchester ist in diesem zweiten Teil kein Blech besetzt, dafür aber im Ganzen vier Oboen. Keine üblichen Oboen sind das, sondern zwei Oboen d’amore und zwei Oboen da caccia. So entsteht in der Hirtengeschichte, die uns erzählt wird, ein sehr warmer, anheimelnder Klang.

 

 

In der dritten Kantate – für den damals noch üblichen dritten Weihnachtstag am 27.12. – jubilieren wieder die Trompeten. Die Hirten verlassen ihre vertraute Weide und machen sich auf den Weg nach Bethlehem. »Lasset uns nun gehen …«, rufen sie sich zu, und jeder, der das Weihnachtsoratorium schon einmal gesungen oder gehört hat, hat sofort die passenden Töne im Ohr. Sehr meditativ und nachdenklich ist der Rest dieser dritten Kantate, die dann aber doch mit einem rauschenden Schlusschor schließt, wie sie begonnen hat.

Oftmals ist nach diesen drei Kantaten das Konzert beendet, manchmal erklingt aber auch noch die vierte, fünfte oder gar sechste Kantate.

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Im vierten Teil, komponiert für den 1. Januar, also Neujahr, sind neben den Oboen Hörner besetzt. Obwohl Hörner ebenso wie Trompeten zu den Blechblasinstrumenten gehören, ist ihr Klang doch ein ganz anderer, wesentlich weicher und runder. Und noch etwas macht diese Kantate zu etwas Besonderem: Sie beinhaltet eine Echo-Sopranarie, genau in der Mitte der Kantate, die um dieses musikalische Juwel herum komponiert ist. In der Arie wird die Sopranistin von einem Echo bestärkt, ihre zweifelnden Fragen werden beantwortet.

Mit der fünften Kantate, der schlichtesten der sechs, befinden wir uns dann schon mitten im neuen Jahr, denn sie ist für den ersten Sonntag in diesem gedacht. Und möglicherweise hat Bach diese Kantate auch deshalb eher schlicht gesetzt – sie erklang nicht an einem besonderen Feiertag, sondern an einem »normalen« Sonntag.

Nun fehlt noch die sechste Kantate. Sie hat der Komponist für Epiphanias komponiert, also den 6. Januar. Möchte man heute das Weihnachtsoratorium in den entsprechenden Gottesdiensten erklingen lassen, dann kann es sein, dass man in planerische Schwierigkeiten gerät, kann doch durchaus der 1. oder der 6. Januar ein Sonntag sein.

Der Konzertabend entlässt die Zuhörer schließlich mit brillantem Trompetenklang, Pauken, eifrigen Streichern und energischen Chorklängen am Ende der sechsten Kantate. Danach fällt es gar nicht so leicht, aufzustehen und auf die Straße zu treten. In vielen Konzerten bleibt das Publikum noch einige Zeit stumm, ehe dann der begeisterte Applaus für den Komponisten, die Musikerinnen und Musiker anschwillt. Nun kann die Weihnachtszeit kommen.

Dieser Text entstammt dem Buch Kulturgeschichten rund ums Weihnachtsfest, das 2023 beim Leiermann erschienen ist.

(Bei Interesse würden wir beim Leiermann gerne näher auf die sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums eingehen. Über Post freuen wir uns wie immer. Kontakt)

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